Diese Frage stellte die zehnjährige Mia an einem verregneten Sonntagnachmittag, während ihre Großmutter den Apfelkuchen aus dem Ofen holte.
— Oma, wenn du für immer in einer einzigen Jahreszeit bleiben dürftest, welche würdest du wählen?
Helga hielt mitten in der Bewegung inne.
In der kleinen Küche des alten Hauses am Rand von Freiburg wurde es plötzlich still. Nur die Wanduhr tickte, und draußen trommelte der Oktoberregen gegen die Scheiben.
— Ich würde den Sommer nehmen! — rief Mia. — Dann könnte ich jeden Tag Eis essen und müsste nie wieder eine Winterjacke tragen.
Ihre Mutter Katharina lächelte kurz, ohne vom Handy aufzusehen.
— Und du, Mama? — fragte sie beiläufig. — Wahrscheinlich den Frühling, oder?
Helga stellte den Kuchen auf den Tisch.
Früher hätte sie sofort geantwortet.
Den Frühling.
Im Frühling hatte sie ihren Mann Klaus kennengelernt. Es war 1974 auf einem Dorffest im Schwarzwald gewesen. Er trug eine braune Lederjacke, hatte viel zu lange Haare und fuhr einen alten VW Käfer, dessen Beifahrertür nur von außen geöffnet werden konnte.
— Soll ich Sie nach Hause bringen? — hatte er gefragt.
Helga hatte gelacht.
— Mit diesem Auto? Da komme ich wahrscheinlich nie an.
Klaus war trotzdem sieben Kilometer langsam neben ihr hergefahren, während sie zu Fuß nach Hause ging. Alle paar Meter hatte er das Fenster heruntergekurbelt und gefragt:
— Haben Sie es sich inzwischen anders überlegt?
Am Ende war sie eingestiegen.
Drei Jahre später heirateten sie in einer kleinen Kirche bei Titisee. Gemeinsam kauften sie ein altes Haus mit einem verwilderten Garten. Klaus reparierte das Dach, Helga pflanzte Rosen, und im Wohnzimmer stellte er einen Kachelofen auf, der fast fünfzig Jahre lang jeden Winter das ganze Haus wärmte.
Dort wurde ihre Tochter Katharina geboren.
Dort machte Mia ihre ersten Schritte.
Und dort war Klaus vor sechs Jahren gestorben.
Es war ein kalter Februarmorgen gewesen. Helga hatte Kaffee gekocht und zweimal nach ihm gerufen. Als er nicht antwortete, fand sie ihn im Sessel am Fenster. Auf seinem Schoß lag die Zeitung, neben ihm stand die unberührte Tasse.
Seit diesem Tag hasste Helga den Winter.
— Oma? — Mia zog vorsichtig an ihrem Ärmel. — Welche Jahreszeit würdest du wählen?
Helga setzte sich.
— Ich weiß es nicht mehr.
Katharina hob endlich den Blick.
— Wie meinst du das?
— Jede Jahreszeit hat mir etwas geschenkt. Und jede hat mir irgendwann etwas genommen.
— Ach, Mama — sagte Katharina und lächelte gequält. — Du klingst heute aber sehr melancholisch.
Dann vibrierte ihr Handy. Sie las eine Nachricht und begann sofort zu tippen.
Helga sah ihre Tochter an und schwieg.
Katharina war siebenundvierzig und arbeitete in einer Steuerkanzlei in Stuttgart. Sie hatte ständig Termine, Besprechungen und Fristen. Wenn Helga anrief, hörte sie fast immer dieselben Worte:
— Mama, ich bin gerade beschäftigt. Ich melde mich später.
Manchmal meldete Katharina sich am Abend.
Manchmal erst nach einer Woche.
Helga machte ihr keine Vorwürfe. Frauen ihrer Generation waren daran gewöhnt, ihre Sorgen kleinzureden. Sie wollten niemandem zur Last fallen, schon gar nicht den eigenen Kindern.
Also sagte Helga jedes Mal:
— Mach dir keine Gedanken. Bei mir ist alles in Ordnung.
Auch wenn es längst nicht mehr stimmte.
Mia sprang vom Stuhl und lief in den Flur.
— Oma, warum stehen dort so viele Kartons?
Katharina drehte sich um.
Erst jetzt bemerkte sie die beschrifteten Kisten neben der Treppe.
„Geschirr.“
„Bücher.“
„Fotos.“
„Klaus.“
Katharina legte das Handy langsam auf den Tisch.
— Mama, was ist das?
Helga faltete das Geschirrtuch sorgfältig zusammen.
— Ich ziehe aus.
— Wohin?
— In eine Seniorenwohnanlage in Freiburg. Dort gibt es einen Aufzug, einen Hausnotruf und eine kleine Gemeinschaftsküche. Die Straßenbahn hält direkt vor der Tür.
Katharina starrte sie an.
— Du willst dieses Haus verlassen?
— Ich habe es bereits verkauft.
Für einige Sekunden sagte niemand etwas.
Dann sprang Katharina auf.
— Du hast unser Elternhaus verkauft, ohne mich zu fragen?
Helga sah sie ruhig an.
— Ich habe versucht, mit dir darüber zu sprechen.
— Wann denn?
— Im März habe ich dir gesagt, dass ich die Treppe kaum noch hinaufkomme. Du hast mir geraten, einen Handlauf montieren zu lassen. Im Mai habe ich dir erzählt, dass ich im Garten gestürzt bin. Du hast geschrieben: „Pass bitte besser auf dich auf.“ Im August habe ich gefragt, ob ich eine Woche bei euch bleiben könnte.
Katharina senkte den Blick.
Sie erinnerte sich.
Damals hatte sie geantwortet, dass ihre Wohnung zu klein sei und Mia ihr Zimmer brauche.
— Aber ich wusste nicht, dass es so ernst ist.
— Du hast nicht gefragt.
Helga sagte es leise.
Gerade deshalb traf es Katharina wie ein Schlag.
Mia kam zurück in die Küche und setzte sich neben ihre Großmutter.
— Willst du nicht mehr hier wohnen, Oma?
Helga strich ihr über die Haare.
— Dieses Haus ist zu groß geworden.
— Aber du hast doch uns.
Helga sah ihre Enkelin liebevoll an.
— Ihr seid mein größtes Glück. Aber ihr seid nicht hier, wenn es nachts still wird.
Katharina verschränkte die Arme.
— Du hättest deutlicher sagen müssen, dass du Hilfe brauchst.
Zum ersten Mal an diesem Nachmittag wurde Helgas Stimme fest.
— Wie deutlich muss eine Mutter werden, damit ihre Tochter ihr zuhört?
Katharina öffnete den Mund, doch sie brachte kein Wort heraus.
Helga ging zum Küchenschrank und nahm einen weißen Umschlag heraus.
— Morgen unterschreibe ich die letzten Unterlagen.
Katharina griff nach dem Umschlag.
Dabei fiel ein Arztbrief zu Boden.
Sie hob ihn auf und las die ersten Zeilen.
„Kardiologische Abteilung.“
„Stationäre Aufnahme.“
„Herzklappenoperation.“
Katharinas Gesicht wurde blass.
— Mama … was ist das?
Helga setzte sich wieder.
— Ich werde nächsten Monat operiert.
— Seit wann weißt du das?
— Seit sechs Wochen.
— Sechs Wochen?
Katharinas Stimme überschlug sich.
— Warum hast du mir nichts gesagt?
Helga sah auf ihre Hände.
— Ich habe dich angerufen.
Katharina nahm ihr Handy und suchte in der Anrufliste. Nach einigen Sekunden fand sie das Datum.
Vier verpasste Anrufe.
Sie erinnerte sich genau an diesen Tag. Eine wichtige Besprechung, ein Streit mit ihrem Chef, anschließend Elternabend in Mias Schule.
Sie hatte den Namen ihrer Mutter auf dem Display gesehen und gedacht:
„Ich rufe später zurück.“
Doch später hatte sie es vergessen.
— Du hättest noch einmal anrufen müssen — flüsterte Katharina.
Helga hob den Kopf.
In ihren Augen lag keine Wut. Nur Müdigkeit.
— Wie oft muss eine Mutter anrufen, bevor sie wichtig genug ist?
Mia begann zu weinen.
Sie schlang ihre Arme um Helga.
— Du darfst nicht sterben, Oma.
— Das habe ich noch lange nicht vor — sagte Helga und küsste sie auf die Stirn.
Katharina setzte sich langsam auf den Stuhl ihres verstorbenen Vaters. Plötzlich sah sie all die kleinen Dinge, die sie jahrelang übersehen hatte.
Die Tabletten neben der Zuckerdose.
Den Gehstock hinter der Tür.
Die ungeöffnete Post auf der Fensterbank.
Die eine Tasse im Abtropfgestell.
Nur eine.
— Ich dachte, du kommst gut allein zurecht — sagte Katharina.
— Das dachte ich auch lange.
— Und warum hast du immer gesagt, dass alles in Ordnung ist?
Helga lächelte traurig.
— Weil Mütter ihren Kindern ein Leben lang beibringen, ohne sie zurechtzukommen. Aber niemand bringt uns bei, was wir tun sollen, wenn unsere Kinder irgendwann tatsächlich ohne uns leben.
An diesem Abend fuhr Katharina nicht zurück nach Stuttgart.
Sie schlief in ihrem alten Kinderzimmer, unter der geblümten Decke, die Helga vor dreißig Jahren selbst genäht hatte. In der Nacht hörte sie den Wind um das Haus ziehen und die Dielen im Flur knarren.
Gegen drei Uhr stand sie auf.
Helga saß allein in der Küche und betrachtete ein Foto von Klaus.
— Kannst du nicht schlafen? — fragte Katharina.
— Alte Menschen schlafen nicht weniger — antwortete Helga. — Sie wachen nur öfter mit ihren Erinnerungen auf.
Katharina setzte sich neben sie.
— Ich habe dich im Stich gelassen.
— Du hattest dein eigenes Leben.
— Du hattest auch ein eigenes Leben. Und trotzdem warst du immer da, wenn ich dich brauchte.
Helga schwieg.
Katharina nahm ihre Hand.
— Ich werde dich nicht bitten, das Haus zu behalten. Vielleicht ist der Umzug richtig. Aber ich möchte nicht mehr, dass du glaubst, du müsstest alles allein schaffen.
— Versprich nichts, was du in zwei Wochen wieder vergisst.
Diese Worte taten weh. Doch Katharina wusste, dass ihre Mutter recht hatte.
— Dann werde ich es nicht versprechen — sagte sie. — Ich werde es dir zeigen.
In den folgenden Wochen begleitete sie Helga zu jeder Untersuchung. Sie arbeitete häufiger von Freiburg aus und richtete ihrer Mutter das neue Apartment ein.
Mia durfte eine Wand mit Familienfotos gestalten. Auf die Fensterbank stellte sie eine kleine Schale mit Kastanien, weil ihre Großmutter den Herbst früher geliebt hatte.
Die Operation fand Anfang Dezember statt.
Als Helga in den Operationssaal geschoben wurde, hielt Katharina ihre Hand bis zur letzten Tür.
— Mama?
— Ja?
— Bitte komm zurück.
Helga lächelte schwach.
— Diesmal wartest du also auf mich?
Katharina begann zu weinen.
— Diesmal und jedes weitere Mal.
Die Operation verlief gut.
Im März durfte Helga zum ersten Mal wieder einen längeren Spaziergang machen. Katharina und Mia holten sie ab und fuhren mit ihr an den Titisee.
Am Ufer lag noch etwas Schnee, doch zwischen den kahlen Bäumen zeigten sich die ersten grünen Knospen.
Mia zog einen kleinen Topf mit gelben Narzissen aus ihrer Tasche.
— Oma, weißt du noch, was ich dich im Herbst gefragt habe?
Helga nickte.
— Welche Jahreszeit ich für immer behalten würde.
— Hast du dich entschieden?
Helga sah zu ihrer Tochter, die neben ihr stand und ihren Arm festhielt. Dann blickte sie auf die Blumen.
— Ja. Ich würde den Frühling wählen.
— Warum?
Helgas Augen füllten sich mit Tränen.
— Weil der Frühling nicht so tut, als hätte es den Winter nie gegeben. Er zeigt uns nur, dass nach der Kälte trotzdem wieder etwas wachsen kann.
Katharina drückte die Hand ihrer Mutter.
Für einen Moment standen drei Generationen schweigend am See.
Das Leben hatte ihnen keine verlorenen Jahre zurückgegeben.
Aber es hatte ihnen etwas anderes geschenkt: noch ein wenig gemeinsame Zeit.
Der Kalender lässt sich nicht anhalten. Eltern werden älter, Häuser werden leer, und manche Anrufe können nicht ewig auf später verschoben werden.
Doch solange noch jemand ans Telefon geht, ist es vielleicht nicht zu spät, zurückzurufen.
Wenn Sie für immer in einer einzigen Jahreszeit bleiben dürften, welche würden Sie wählen — und warum?
