Die Katze im Sack und die Neun-Uhr-Glocke

Ich weiß noch genau, wie der Kleine in unsere Bäckerei gestürmt kam. Draußen schlug es gerade neun von der Lambertikirche, und bei uns war tote Hose — nur Frau Reinartz stand am Brotregal und überlegte eine halbe Ewigkeit, ob sie das Mischbrot oder das Körnerbrot nimmt. Dann flog die Tür auf, die Glocke über dem Rahmen schepperte, und der Junge stand da, völlig außer Atem, die Schultasche schief auf dem Rücken, die Knie voller Schlamm.

„Frau Danner! Frau Danner, der alte Kowalski hat die Katze in einen Sack gesteckt!“

Ich hatte gerade Roggenbrötchen in die Tüte gepackt, acht Stück, für die alte Dame mit dem Rollator, die jeden Morgen um halb zehn kommt. Die Tüte blieb halb offen in meiner Hand. Frau Reinartz drehte sich um, und ich sah, wie sie die Augenbrauen hochzog.

„Der Kowalski?“, fragte ich. „Der mit dem Haus an der Ecke, hinter der Kastanie?“

Der Junge nickte wild. Er hieß Tim, das wusste ich, weil seine Mutter sonntags manchmal Streuselkuchen bei mir bestellt, zwölf Stück, immer mit einem halben Liter Sahne obendrauf, und Tim holt den Kuchen dann ab und trägt ihn wie eine Bombe.

Jetzt stand er da und keuchte.

„Er hat sie in so einen Leinensack gesteckt. Ich hab’s gesehen. Der Sack hat sich bewegt. Die graue Katze, die mit dem weißen Fleck. Sie hat immer auf seinem Fensterbrett gesessen. Ich wollte sie streicheln, einmal, aber sie ist weggelaufen. Er hat den Sack hinten ins Auto gelegt und ist weggefahren.“

Frau Reinartz stellte das Körnerbrot zurück in den Korb, nahm das Mischbrot und kam zur Theke. Sie schob mir einen Fünf-Euro-Schein hin.

„Der Kowalski“, sagte sie leise, als wollte sie nicht, dass der Junge es hört, „der redet doch mit niemandem. Seit seine Frau gestorben ist, bestellt der nicht mal mehr Brötchen. Der holt sich einmal die Woche ein halbes Schwarzbrot und verschwindet wieder. Was willst du da machen?“

Tim hörte es trotzdem.

„Aber die Katze!“, rief er. „Er fährt die irgendwohin und tut ihr was an! Das weiß ich!“

„Woher willst du das wissen?“, fragte Frau Reinartz, und ihre Stimme klang streng, aber nicht böse.

„Weil man zum Tierarzt keine Katze in einen Sack steckt“, sagte Tim. „Man nimmt eine Transportbox. Jeder weiß das.“

Ich gab Frau Reinartz das Wechselgeld — zwei Euro und zehn Cent —, und sie steckte es in ihr Portemonnaie mit dem abgegriffenen goldfarbenen Verschluss. Dann sah sie mich an, und in diesem Blick lag etwas, das ich nicht einordnen konnte.

„Die graue Katze“, sagte ich. „Die habe ich auch gesehen. Sie saß immer auf dem Sims, direkt unter der Dachrinne. Hat den Kopf schief gelegt, wenn man vorbeiging.“

„Eben!“, sagte Tim. Er hatte jetzt Tränen in den Augen, aber er presste die Lippen zusammen, wie ein kleiner Soldat, der nicht weinen darf.

Ich hängte meine Schürze an den Haken und griff nach dem Schlüssel zur Hintertür.

„Pass auf die Theke auf“, sagte ich zu Frau Herrmann, die hinten in der Backstube gerade Bleche einschob. „Ich bin in zehn Minuten wieder da.“

Frau Herrmann wischte sich die Hände an der Schürze ab und sah mich fragend an. Ich nahm Tim bei der Hand und ging mit ihm hinaus auf die Straße.

Der Wind kam von Westen, feucht und kalt, und über dem Kopfsteinpflaster lag der Geruch von nassem Laub. In Münster ist der Herbst immer so: erst Regen, dann dieser scharfe Geruch, und dazwischen Sonnenlicht, das durch die Wolken bricht und alles für einen Moment golden macht. Wir gingen die Ludgeristraße runter, vorbei an der Buchhandlung, in der die Auslage schon halb weihnachtlich dekoriert war, obwohl es erst Ende Oktober war.

Tim zog mich vorwärts.

„Hier lang, Frau Danner. Sein Haus ist hinter der Kastanie, gleich da links.“

Ich kannte das Haus. Alt, Backstein, mit einem hölzernen Tor, das seit dem Frühjahr schief in den Angeln hing. Die Klinke war abgebrochen, und wenn der Wind auffrischte, schlug das Tor gegen den Pfosten, als wollte jemand hereinkommen, der sich nicht traute. Der Vorgarten war verwildert, und zwischen den Ritzen des Gehwegs wucherte Löwenzahn.

Wir blieben stehen. Der Hof war leer. Auf dem Fensterbrett lag keine Katze.

„Wir warten“, sagte ich.

Tim setzte sich auf den Bordstein und zog die Knie an. Seine Schultasche klemmte er zwischen die Füße. Eine halbe Stunde verging. Dann hörten wir das Motorengeräusch.

Der graue Opel Astra bog um die Ecke, rumpelte über die Bordsteinkante und hielt im Hof. Der Alte stieg aus. Er trug eine ausgebeulte Cordhose und eine speckige Jacke, und sein Gesicht war eingefallen, als hätte er in den letzten Jahren vergessen, dass man essen muss. Er ging um das Auto herum, öffnete die hintere Tür und zog den Leinensack heraus.

Der Sack hing schlaff in seiner Hand.

Meine Kehle zog sich zusammen. Daneben lag etwas auf dem Rücksitz, eine kleine Decke, grau mit weißen Fasern, zusammengefaltet.

Der Alte hielt den Sack in der Hand und stand einen Moment nur da. Dann hob er den Kopf und sah uns. Tim sprang auf.

„Wo ist die Katze?“, rief er.

Der Alte wich einen halben Schritt zurück, als hätte ihn das Wort getroffen.

„Was?“

„Die Katze! Die graue! Wo haben Sie sie hingebracht?“

Der Alte sah mich an, dann den Jungen. Sein Mund bewegte sich, aber es kam kein Ton.

Dann öffnete er den Sack.

Aus dem Inneren zog er ein altes Handtuch, speckig und grau, mit Haaren daran. Er legte es über die Motorhaube, strich es glatt, und erst da sah Tim, dass darin etwas Kleines eingewickelt war. Ich sah es auch. Ich wollte es nicht sehen, aber die Augen schauen von allein.

Der Alte faltete das Tuch auseinander. Die Katze darin war still. Ein Ohr war eingerissen, das Fell schmutzig vom Staub der Landstraße.

„Gefunden“, sagte der Alte. Seine Stimme war rau, als hätte er sie lange nicht gebraucht. „Heute Morgen. An der Umgehungsstraße. Sie war schon kalt.“

Tim stand starr. Dann begann er zu weinen, laut und ohne Scham, wie ein Neunjähriger weint, wenn etwas zum ersten Mal in seinem Leben wirklich zu Ende ist.

Der Alte wickelte die Katze wieder ein. Er ging zur Kastanie im Hof, hob eine Schaufel auf, die an die Mauer gelehnt war, und begann zu graben. Die Erde war nass, der Spaten schnitt tief. Tim schluchzte.

Ich hätte den Jungen an der Hand nehmen und gehen können. Ich bin es gequält.

Der Alte legte die Katze in das Loch. Dann nahm er das Schild, das an der Tür genagelt war — ein kleines Blechschild mit der Aufschrift „Vorsicht, Hund“, obwohl es im ganzen Haus keinen Hund gab —, und stellte es neben den Hügel.

„Sie hat unter dem Fenster geschlafen“, sagte er. „Auf dem alten Teppich, den meine Frau noch hingelegt hat. Sie müssen das verstehen: Ich habe sie nicht getötet. Sie ist von allein gegangen. Ich wollte sie nur ordentlich begraben. Nicht im Garten, da wühlt der Fuchs. Draußen, wo sie gern gelegen hat, auf der Wiese an der Umgehung. Ich hab den Sack genommen, weil ich keine Trage habe für so was.“

Tim hörte auf zu weinen. Er atmete stoßweise. Dann kniete er sich in den Matsch, ohne auf seine Hose zu achten, und legte ein kleines Steinchen auf den Erdhügel. Ich reichte ihm mein Taschentuch — kariert, gewaschen, aus der Schürzentasche.

Der Alte sah auf das Grab hinunter. Dann sah er mich an.

„Sie backen das Mischbrot“, sagte er. „Meine Frau hat immer eins geholt. Wissen Sie noch? Immer am Freitag.“

Ich nickte.

„Ich bin am Dienstag noch da gewesen“, sagte er. „Weil ich dachte, heute ist Freitag. Der Junge an der Theke hat mich ausgelacht. Da bin ich nicht mehr gekommen. Die Katze hat geholfen. Jetzt hat mich die Katze wieder hergeholt.“

Tim stand auf. Er zog seine Jacke gerader. Dann gingen wir zurück zur Bäckerei. Der Regen hatte noch nicht eingesetzt, aber in der Luft lag er schon.

Am nächsten Morgen, um kurz nach sieben, stand der Alte vor der Ladentür. Er trug die speckige Jacke und einen alten Hut, den ich früher an ihm gesehen hatte, als seine Frau noch lebte.

„Ein halbes Mischbrot“, sagte er. „Und eine Brezel für den Jungen, wenn er kommt.“

Ich legte ihm das Brot in die Tüte. Dann schob ich die Brezel in eine Papiertüte und schrieb mit Bleistift auf die Tüte: Tim.

„Er kommt nicht vorbei“, sagte ich. „Sein Schulweg geht hintenrum durch die Wiesen. Aber ich gebe sie ihm, wenn er mit seiner Mutter Kuchen holt. Sonntag ist es wieder so weit. Zwölf Stück, mit Sahne.“

Der Alte nickte. Er legte vier Euro achtzig auf die Theke und ging.

Ich habe lange überlegt, ob ich die Sache beim Ordnungsamt melden soll. Aber es gab nichts zu melden. Niemand hatte ein Gesetz gebrochen. Der Leinensack lag am Ende im Müll, und das Blechschild „Vorsicht, Hund“ habe ich nie wieder gesehen. Vielleicht hat der Wind es weggenommen, als er nachts gegen das Tor schlug.

Aber eines weiß ich noch genau: Tim hat am Sonntag die Brezel bekommen. Er hat sie neben die Tüte mit dem Kuchen gelegt und mich angesehen, als wüsste er, dass die Brezel nicht von mir war. Dann hat er gefragt, ob der Alte am andern Morgen wiederkommt.

Ich habe gesagt: „Das Mischbrot hole ich ihm selbst vorbei, wenn er nicht kommt. Aber ich denke, er kommt.“

Und er ist gekommen. Jeden Dienstag, seitdem die Katze ihn wieder in unser Viertel gebracht hat, steht er da, Punkt sieben Uhr, und legt vier Euro achtzig auf die Theke.

Immer mit dem Hut seiner Frau. Immer mit dem halben Mischbrot. Und immer mit einer Brezel in der anderen Tüte, auf die ich mit Bleistift „Tim“ schreibe.

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