Der Oktopus, der nachts das Becken in Rostock verließ

Frau Brandt hat dreiundzwanzig Jahre im Ozeaneum in Rostock gearbeitet, bevor sie in Rente ging, und sie erzählt diese Geschichte jedem, der sie danach fragt. Nicht weil sie stolz darauf ist – sie war in jener Nacht nicht einmal im Dienst –, sondern weil sie bis heute nicht sicher ist, ob sie dem Tier dankbar sein soll oder ob sie sich schämen muss.

Es war ein Dienstag im Februar, kalt, mit diesem harten Ostseewind, der über den Hafen pfeift und jede Ritze im Gebäude findet. Im Technikbecken hinter den Kulissen lebte ein Oktopus, den die Pfleger auf den Namen Pascha getauft hatten, nach einem alten Kater, den einer von ihnen als Kind hatte. Pascha war kein Ausstellungstier mehr. Er war zu alt, zu grau geworden, hatte Hautprobleme, und man hielt ihn in einem separaten Tank zur Beobachtung, mit einer Abdeckung aus Plexiglas, die eigentlich festgeschraubt war. Eigentlich.

Herr Koslowski, der Nachtwächter, kam gegen halb zwei zur üblichen Kontrollrunde durch den Technikbereich. Er hatte einen Becher Kaffee aus dem Automaten in der Hand, den dritten in dieser Schicht, und er erinnert sich noch, dass der Automat an diesem Abend nur noch die Hälfte der Flüssigkeit ausgab, weil der Becherhalter klemmte. Eine Kleinigkeit, die mit der ganzen Sache nichts zu tun hat – aber er erzählt sie jedes Mal mit, wenn er von dieser Nacht spricht.

Die Abdeckung von Paschas Becken lag leicht verschoben. Nicht abgerissen, nicht zerbrochen – nur ein paar Zentimeter zur Seite geschoben, genau an einer Stelle, wo die Schraube schon seit Wochen locker war und niemand es gemeldet hatte. Das Becken selbst: leer. Kein Wasser verschüttet, keine Spuren von Kampf. Nur eine feuchte Spur auf dem grauen Betonboden, die sich in Richtung eines Ablaufschachts zog, etwa vierzig Zentimeter breit, und dann verschwand sie im Gitter.

Koslowski rief den Schichtleiter an. Der rief die Biologin an, eine Frau namens Dr. Ilse Reuter, die seit elf Jahren für die Kopffüßer verantwortlich war. Sie kam um drei Uhr morgens im Mantel über dem Schlafanzug, mit zerzaustem Haar, und kniete sich neben die Spur, als könnte sie daraus etwas lesen.

Ein Oktopus hat kein Skelett. Das ist der Punkt, den Dr. Reuter später jedem Journalisten erklären musste, der anrief – und es riefen viele an, bis nach Hamburg und Berlin hinein. Ein Tier ohne harte Knochen kann sich durch jede Öffnung zwängen, die größer ist als sein Auge, dieser einzige starre Punkt im ganzen Körper. Der Ablaufschacht im Technikraum war keine zwanzig Zentimeter im Durchmesser. Für einen Menschen unmöglich. Für Pascha offenbar ein Weg.

Die Rohrleitung führte, nach altem Plan aus den neunziger Jahren, etwa sechzig Meter weit bis zu einem Auslass direkt an der Warnow, nur ein paar hundert Meter vom offenen Hafenbecken entfernt. Niemand hatte diese Leitung seit Jahren benutzt, bis auf Regenwasser und das Abwasser aus den Reinigungsanlagen. Die Techniker vom Bauamt bestätigten es zwei Tage später mit einer Kamera auf einem Kabel: die Leitung war durchgängig, rostig, aber offen bis zum Ende.

Pascha war also in dieser Nacht durch ein Loch gekrochen, das kaum breiter war als eine Bratpfanne, hatte sich sechzig Meter durch Dunkelheit und kaltes Wasser gezwängt und war am Ende irgendwo in der Warnow herausgekommen, von dort vermutlich weiter Richtung Ostsee.

Am Morgen stand die halbe Belegschaft um das leere Becken. Herr Dittmann, der Direktor des Hauses, kam mit ungebügeltem Hemd, weil ihn jemand noch vor dem ersten Kaffee angerufen hatte. Er wollte wissen, ob jemand die Tür offen gelassen hatte, ob es ein Einbruch war, ob man die Polizei rufen müsse wegen eines gestohlenen Tieres. Dr. Reuter musste ihm dreimal erklären, dass niemand etwas gestohlen hatte. Dass das Tier selbst gegangen war.

Es gab in der Belegschaft zwei Lager. Die einen, wie Koslowski, fanden es zum Lachen, fast rührend – ein alter, kranker Oktopus, der sich mitten in der Nacht entscheidet, dass er genug hat von seinem Plexiglasdeckel, und einfach losgeht. Die anderen, mit Herrn Dittmann an der Spitze, sahen darin vor allem ein Problem für die Versicherung und eine blamable Geschichte für die Lokalzeitung. Beide Seiten hatten recht, auf ihre Art.

Dr. Reuter ließ in den folgenden Wochen jede lose Schraube im Haus kontrollieren, jede Abdeckung nachziehen, jeden Ablaufschacht mit einem feinen Gitter versehen, das kein Tier mehr passieren konnte. Sie schrieb einen Bericht, vier Seiten lang, den sie noch heute in einer Mappe in ihrem Keller aufbewahrt, obwohl sie längst eine andere Stelle an der Ostsee hat. Pascha wurde nie wiedergefunden. Kein Fischer meldete ihn, kein Taucher sah ihn je wieder zwischen den Algen am Hafenmolen.

Frau Brandt sagt, das Einzige, was von dieser Nacht übrig blieb, war die feuchte Spur auf dem Foto, das Koslowski mit seinem alten Handy gemacht hatte, bevor jemand den Boden wischte. Und die Schraube selbst, die lockere, die Dr. Reuter herausgedreht und in eine kleine Tüte gesteckt hat – sie liegt noch immer oben auf der vierten Seite ihres Berichts, festgeklebt mit durchsichtigem Klebeband, als Beweisstück für etwas, das sich mit Worten kaum beweisen lässt: dass ein Tier ohne Knochen, ohne Plan, ohne jede Hilfe von außen, mitten in der Nacht den einzigen Weg zurück ins Meer gefunden hat, durch ein Loch, das kein Mensch für einen Fluchtweg gehalten hätte.

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Der Oktopus, der nachts das Becken in Rostock verließ