1998. Nora Vetter stand kurz davor, der nächste große Name im deutschen Kino zu werden. Nach zwei Hauptrollen in Produktionen, die sogar in München Schlangen vor den Kinokassen verursacht hatten, rief ihr Agent an und sagte nur einen Satz: Köln, Hotel Excelsior, Donnerstag, achtzehn Uhr, Produzent Richard Bremer will dich persönlich kennenlernen.
Nora zog ihr graues Kostüm an, das sie sich extra für solche Termine gekauft hatte, nahm die Deutsche Bahn von Düsseldorf nach Köln und saß zwanzig Minuten zu früh in der Hotellobby. Sie bestellte einen Kaffee und drehte die Tasse auf der Untertasse immer wieder um ein paar Grad, ohne zu trinken. Beruflich, hatte man ihr gesagt. Ein Gespräch über die Hauptrolle in einer internationalen Koproduktion.
Die Zimmertür stand einen Spaltbreit offen, aus dem Flur kam der Geruch von Teppichreiniger und kaltem Zigarettenrauch. Bremer saß im Bademantel auf dem Sofa, die Beine übereinandergeschlagen, ein Glas Rotwein auf der Armlehne balanciert. Auf dem Couchtisch lag ein Drehbuch, aufgeschlagen, als hätte er gerade noch gelesen.
„Setz dich", sagte er und klopfte neben sich aufs Polster. „Oder soll ich dich erst massieren, damit du runterkommst? So läuft das in dieser Branche, weißt du." Er nahm einen Schluck Wein, musterte sie über den Glasrand. „Weißt du eigentlich, wie viele hier schon auf diesem Sofa gesessen haben, bevor sie berühmt wurden?"
Nora blieb an der Tür stehen, eine Hand noch am Griff. „Ich dachte, wir reden über das Drehbuch."
„Reden wir doch." Er klopfte wieder aufs Polster.
Sie schaute zum Fenster, zur Klimaanlage, die auf Hochtouren lief und trotzdem nichts gegen die Wärme im Zimmer ausrichtete, dann zurück zu ihm. „Nein", sagte sie. Nahm ihre Handtasche vom Boden, wo sie sie abgestellt hatte, und ging.
Im Treppenhaus, zwei Stockwerke tiefer, hörte sie seine Stimme durch die offene Tür hallen, er solle sich das gut überlegen. Sie blieb einen Moment auf der Treppe stehen, die Hand auf dem kühlen Metallgeländer, zählte die Stufen bis zum Erdgeschoss, ging weiter.
Sie überlegte es sich nicht anders.
Was sie damals nicht wusste: Dieses Nein würde sie Jahre kosten, die sie niemals zurückbekommen würde.
2004 bereitete Regisseur Johannes Maler die Verfilmung einer dreiteiligen Fantasy-Saga vor, ein Projekt, das später europaweit für Furore sorgen und mehrere Deutsche Filmpreise einheimsen sollte. Jemand aus Bremers Produktionsfirma rief ihn an, erzählte, Nora Vetter sei schwierig, launisch, am Set unzuverlässig, man solle sie lieber gar nicht erst zum Casting einladen. Maler strich ihren Namen von der Liste. Nie hatte er sie getroffen.
Rollenangebote wurden seltener, dann kleiner. Ein Nebenpart in einer Vorabendserie, eine Synchronstimme, eine Lesung in einer Buchhandlung in Schwabing, zu der niemand kam. 2009 packte Nora einen Koffer und fuhr an den Bodensee, in eine Klinik, offiziell wegen Erschöpfung. 52 Tage. Sie lernte dort, ihre Wäsche selbst zu bügeln, weil es ihr half, die Hände zu beschäftigen, während im Kopf alles noch einmal durchlief, was sich über zehn Jahre angestaut hatte. Danach schrieb sie sich an der Universität Mannheim für Politikwissenschaft ein, später an der Hertie School in Berlin für einen Master in Public Policy. Sie kaufte sich einen gebrauchten Golf, zog in eine Zweizimmerwohnung in Prenzlauer Berg und lernte, mit einem Studentenbudget zu rechnen.
Eines Abends im Herbst 2017 klingelte ihr Festnetztelefon, während sie Kartoffeln schälte. Eine Journalistin der Süddeutschen Zeitung, am anderen Ende klapperte Geschirr, jemand rief im Hintergrund etwas über eine Deadline.
„Frau Vetter, entschuldigen Sie die späte Störung. Wir recherchieren seit Monaten zu Richard Bremer." Eine Pause. „Es gibt schon mehrere Frauen, die uns Dinge erzählt haben. Aber kaum jemand will unter eigenem Namen sprechen."
Nora legte das Schälmesser auf den Rand der Spüle. Draußen prasselte Regen auf die Kopfsteinpflaster der Kastanienallee, der Kühlschrank hinter ihr sprang mit einem Ruck an.
„Warum ich?"
„Weil jemand uns von 1998 erzählt hat. Vom Excelsior."
Sie schwieg so lange, dass die Journalistin zweimal „Hallo?" sagte.
„Mit vollem Namen?", fragte Nora schließlich.
„Wenn Sie das wollen, ja."
Sie drehte den Wasserhahn zu, der die ganze Zeit gelaufen war. „Ja", sagte sie. „Mit vollem Namen."
Nach ihr meldeten sich sechs weitere Frauen aus der Branche. Dann vierzehn. Dann Dutzende aus Film, Theater, Werbung. Die Geschichte wurde zum deutschen Pendant einer Welle, die bald als #MeToo durch halb Europa ging. Nora reichte später selbst Klage gegen Bremer ein, nicht wegen des Vorfalls im Hotelzimmer allein, sondern wegen des wirtschaftlichen Schadens, den die Rufschädigungskampagne seiner Firma ihr über Jahre eingebracht hatte.
Das Gericht brauchte zwei Jahre. Am Ende stand ein Urteil: 180.000 Euro, als Ausgleich für entgangene Gagen zwischen 2004 und 2009, rekonstruiert aus Verträgen, die nie unterschrieben wurden, aus Rollen, die an andere gingen, nachdem Bremers Büro angerufen hatte.
Das Geld behielt sie nicht. Im März 2020 saß sie in der Kanzlei ihres Anwalts in der Friedrichstraße, die Mappe mit dem Urteil vor sich auf dem Tisch, und setzte ihre Unterschrift unter einen Stiftungsvertrag. Mit der Summe gründete sie einen Fonds, der jungen Schauspielerinnen anonyme Rechtsberatung finanziert, wenn sie sich gegen Produzenten oder Agenturen zur Wehr setzen wollen. Die Vetter-Initiative, schlicht benannt, bearbeitete als ersten Fall eine 23-jährige Schauspielschülerin aus Leipzig, der in einem Hotelzimmer in Düsseldorf fast dasselbe widerfahren war wie Nora zweiundzwanzig Jahre zuvor im Excelsior.
Richard Bremer, inzwischen 71, lebt zurückgezogen in einer Villa am Starnberger See. Als das Urteil durch die Zeitungen ging, stand vor seinem Grundstückstor zwei Tage lang ein Kamerateam des ZDF. Niemand öffnete. Seine Produktionsfirma wurde 2019 aufgelöst.
Heute unterrichtet Nora Vetter zweimal im Semester an der Hertie School einen Kurs über Macht und Verantwortung in kreativen Berufen. In einer der ersten Sitzungen fragte eine Studentin unvermittelt, die Hand noch halb gehoben, als könne sie es sich noch anders überlegen: „Stimmt das mit dem Hotelzimmer in Köln? Das, was man im Internet findet?"
Nora klappte ihre Notizen zu. „Stimmt", sagte sie. „Und jetzt zurück zu Seite drei, zum Begriff der strukturellen Abhängigkeit."
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