# Die fünfzig Cent der Renate
Renate lernte ich kennen, weil sie jeden Morgen mit einem Eierkarton auf einem Klapphocker vor dem Edeka in der Nordstadt saß. Auch im Juli, auch bei Regen. Sie schrie nicht, feilschte mit niemandem. Saß einfach da, die Hände auf den Knien, und vor ihren Augen zog das ganze Hannover vorbei — von der Sorte, die es eilig hat, die jeden Euro abwägt, und die sie überhaupt nicht wahrnimmt.
Ich arbeitete im Baumarkt gegenüber. Alltag mit Haustüren, Scharnieren, Eimern weißer Farbe. Um acht Uhr abends zog ich das Rollgitter herunter, und sie war noch da — legte Eier in die Kiste zurück, sortierte die Münzen in der kleinen Kassenschublade. Manchmal kreuzten sich unsere Wege. "Na, heute was verkauft?", fragte ich mal. "Drei Kartons", antwortete sie. "Besser als gestern."
An jenem Tag, einem Montag Mitte August, war es fast zwölf Uhr. Ich stand im Türrahmen, trank eine Zitronen-Minz-Schorle, die zu süß geraten war, und sah, wie jemand am Klapptisch stehen blieb.
Eine Frau, Anfang fünfzig, weiße Leinenhose, eine Handtasche, die ungefähr so viel wert war wie meine Jahresmiete. Sie nahm einen Karton, drehte ihn in den Händen, prüfte die Eier, als würde sie Diamanten auf der Börse begutachten.
"Was kostet der?", fragte sie.
"Vier Euro fünfzig der Karton", sagte Renate.
Die Frau legte den Karton zurück, einfach so, fast geringschätzig. "Drei Euro. Keinen Cent mehr."
Renate schaute auf den Karton, als suchte sie darin eine Antwort. Ihre Hand wanderte zum Zipfel des Kopftuchs, faltete ihn einmal, noch einmal. In der Schublade waren, ich wusste es, zwei Euro achtzig und ein paar Zehn-Cent-Stücke. Die Augustmiete hatte sie noch nicht bezahlt — die Vermieterin hatte schon eine unfreundliche Nachricht auf die Mailbox gesprochen.
"Hören Sie", versuchte Renate es. "Jedes Ei hat mich schon dreißig Cent gekostet. Ich verkaufe mit Verlust."
Die Frau winkte ab. "Dann gehe ich eben. Meine Freundin wartet in der List."
Das ist der Moment. Jeder erlebt ihn. Man verkauft hier den ganzen Tag Dinge, sieht den anderen mit hängenden Schultern dastehen. Die meisten von uns halten nicht an.
"Nehmen Sie für drei", sagte Renate.
Die Frau lächelte ein kleines Lächeln, so eines des Triumphs, zog einen Schein hervor und ging. Renate gab ihr Wechselgeld zurück — zehn Cent, vielleicht einen Euro, weiß ich nicht mehr — und die Frau steckte es ein, ohne hinzusehen.
Ich dachte nicht, es sei meine Aufgabe, etwas zu sagen. Immerhin, Zuschauer, nicht Richter. Ich ging wieder rein, verkaufte einem Kunden aus Garbsen sechzig Schrauben und einen Akkuschrauber, von dem er beharrlich behauptete, es sei "nicht das, was man ihm letztes Mal andrehen wollte".
Am Abend zog ich wieder das Rollgitter runter. Ich beschloss, einen Karton zu kaufen. Ich öffnete den Mund, um etwas zu fragen, aber da hörte man ein Auto direkt neben uns bremsen. Ein BMW, silbergrau, die Fahrerin kurbelte das Fenster runter.
"Sagen Sie, sind Sie morgen auch hier?", fragte sie.
Renate hielt den Karton mir entgegen, erstarrte. "Ja…"
"Dann bringen Sie mir acht Kartons. Ich brauche sie für ein Fest bei meiner Freundin. Aber halten Sie den Preis, ja?" Sie lachte ein kurzes, metallisches Lachen und warf ihren Blick auf die Straße. "Ist mir unangenehm zu feilschen, aber meine Freundin meinte, Sie verkaufen spottbillig."
Dann fuhr sie los.
Renate hielt den Karton weiter fest, die Hände so. Als bestünde ihr ganzer Tag aus solchen Momenten, und niemand sähe es.
Ich zahlte vier Euro fünfzig. Sagte nichts. Legte den Schein nur auf die kleine Kiste mit den Münzen, direkt neben das gefaltete Kopftuch.
Am nächsten Morgen kaufte ich Brötchen, ein Omelett aus zwei Eiern. Ich ging mit dem Kaffee vor die erste Stufe des Baumarkts und schaute auf die andere Straßenseite. Renate war nicht da. Nicht an dem Morgen, nicht am nächsten. Die Vermieterin hatte wohl entschieden, dass es reicht.
Erst zwei Wochen später eröffnete jemand genau an dieser Ecke einen Gemüsestand. Ein Mann Anfang dreißig, Bio-Gemüse, ein hübsches Schild.
Ich weiß nicht, was aus Renate wurde. Vielleicht ist sie zum Flohmarkt am Klagesmarkt gezogen. Vielleicht verkauft sie jetzt am Hauptbahnhof. Was ich weiß, ist Folgendes: An jenem Montag, als die Frau mit der Leinenhose wieder anhielt, um zu fragen "Können Sie nicht noch einen Euro nachlassen, was macht das schon", war ich mir nicht sicher, ob ich ein Gespräch über Eier sah oder eine stille Lektion darüber, wie kleines Geld hineinkommt und großes hinausgeht, ohne dass es jemand bemerkt.
Aber das habe ich von jenem Morgen an gesehen: Renate hörte nicht auf zu verkaufen. Auch wenn sie vor jemandem stand, für den ein Euro der Verzicht auf ein Los war, und für eine andere nur der Rest eines Scheins vom Restaurantbesuch. Sie legte einfach weiter Karton neben Karton, Ei neben Ei, und die Münzen stapelten sich langsam, fast lautlos.
Und ich, während ich seither jeden Abend das Rollgitter herunterlasse, habe eines bemerkt: Den letzten Karton legte ich immer beiseite. Für den Fall, dass sie zurückkommt.
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