Ich bin Hausmeister in einer Wohnanlage am Rand von Lübeck, zwölf Doppelhäuser mit gemeinschaftlichem Rasen dazwischen, und ich kümmere mich seit sieben Jahren um die Grünflächen. Normalerweise passiert hier nichts, worüber man erzählen müsste. Rasen mähen, Hecken schneiden, im Herbst Laub zusammenrechen, im Winter streuen. Aber letzten Mai bekam ich einen Anruf von Frau Dombrowski aus Haus Nummer vier, die sich beschwerte, dass ihr Nachbar, ein pensionierter Vermessungsingenieur namens Herbert Brack, seinen Rasen "verunkrauten" lasse und damit den ganzen Komplex abwerte.
Ich kannte Herrn Brack schon länger, einen Mann um die siebzig mit einer Leidenschaft für Bienen und zwei Kästen hinter seinem Haus, die eigentlich nicht erlaubt waren, über die aber niemand ein Wort verlor, weil sie keinem schadeten. Er hatte vor zwei Jahren aufgehört, seinen Rasen mit dem üblichen Dünger zu behandeln, den die Hausverwaltung allen empfahl, ein Sack für vierzig Euro von einer Marke, die jeder in der Siedlung benutzte. Stattdessen ließ er Weißklee wachsen, bewusst, nicht aus Faulheit. Das wusste ich, weil er mir einmal bei einer Tasse Kaffee in seiner Küche erklärt hatte, dass der Klee Stickstoff aus der Luft binde und den Boden ernähre, ohne dass er einen Cent für Chemikalien ausgeben müsse.
Frau Dombrowski sah das anders. Für sie war jeder dreiblättrige Halm ein Unkraut, das die Nachbarschaft nach unten zog, und sie hatte bereits einen Brief an die Hausverwaltung geschrieben, in dem sie forderte, dass die Gemeinschaftsordnung durchgesetzt werde. Ich wurde gebeten, hinzugehen und mit ihm zu reden, höflich, aber bestimmt.
Ich erinnere mich an den Tag genau, weil ich eigentlich um vier Uhr Feierabend machen wollte und es dann fast sechs wurde. Es war noch kühl für Mai, der Flieder vor Haus sieben blühte schon, und irgendwo lief aus einem offenen Fenster das Nachmittagsprogramm im Radio, diese Verkehrsdurchsagen, die niemand wirklich hört. Ich fand Herrn Brack auf den Knien im Gras, mit einer alten Kaffeedose neben sich, in der er Regenwürmer sammelte, die er später seinen Hochbeeten geben wollte.
"Die Dombrowski wieder?", fragte er, ohne aufzuschauen.
Ich sagte nichts, aber das reichte ihm als Antwort.
"Wissen Sie, was in diesem Boden passiert, während die bei ihrem synthetischen Granulat bleibt?", fragte er und zeigte auf eine Stelle, an der der Klee besonders dicht wuchs. "Da unten, an den Wurzeln, sitzen Bakterien, die Stickstoff aus der Luft holen, den kein anderes Gewächs sich einfach so nehmen kann. Die geben ihn nicht sofort ab. Erst wenn die Pflanze stirbt oder ich sie mähe und liegen lasse, kommt der Stickstoff in die Erde zurück. Langsamer als ihr Dünger, aber er bleibt. Ihr Rasen braucht in zehn Jahren wieder Chemie. Meiner nicht."
Ich hatte keine Ahnung, ob das stimmte, aber er klang, als hätte er es nachgelesen, nicht nur gehört. Er zeigte mir sogar ein ausgedrucktes Blatt aus einer amerikanischen Gartenzeitschrift, das er sich über die Bibliothek hatte besorgen lassen, mit Unterstreichungen in Bleistift.
Die Sache eskalierte zwei Wochen später bei der Eigentümerversammlung im Gemeindesaal, einem Raum, der nach Filterkaffee und kaltem Linoleum riecht und in dem die Stühle immer einen Zentimeter zu eng aneinander stehen. Frau Dombrowski brachte Fotos mit, ausgedruckt auf Normalpapier, auf denen Herrn Bracks Rasen neben ihrem makellos gestreiften Grün wie eine Wildnis wirkte. Sie sprach von Wertminderung, von Bienen, die ihre Enkelkinder stechen könnten, von einem Präzedenzfall, falls man das durchgehen lasse.
Herr Brack stand auf, die Hände in den Hosentaschen, und sagte nur: "Ich zahle seit zwei Jahren keinen Dünger mehr und mein Rasen ist grüner als der Ihre im August, wenn Ihrer schon braun wird, weil Sie zu viel sparen bei der Bewässerung." Ein paar Leute lachten, nicht gemein, aber hörbar. Die Hausverwalterin, eine Frau namens Yvonne Seitz, blätterte in der Gemeinschaftsordnung und fand tatsächlich keine Klausel, die Kleebewuchs verbietet, nur eine über "ungepflegte Grünflächen", die sich kaum auf einen gesunden, dicht wachsenden Rasen anwenden ließ.
Frau Dombrowski verlangte eine Abstimmung. Sie bekam sie, und sie verlor, neun zu drei, bei zwei Enthaltungen.
Ich blieb an dem Abend noch ein bisschen draußen auf dem Parkplatz, weil meine Schicht offiziell schon vorbei war und ich keine Lust hatte, sofort heimzufahren. Herr Brack kam raus, zündete sich eine Pfeife an, was er sonst nie vor anderen tat, und sagte zu mir, mehr zu sich selbst: "Sie hat ja nicht unrecht, dass es anders aussieht. Aber anders ist nicht dasselbe wie falsch."
Im August rief Frau Dombrowski mich erneut an, dieses Mal wegen einer Rechnung. Ihr eigener Rasen, der im Hitzesommer braun geworden war trotz zweimaliger Wässerung pro Woche, musste für hundertachtzig Euro neu angesät werden. Herrn Bracks Fläche stand noch grün, mit Kleeblüten, auf denen seine Bienen saßen. Sie fragte mich am Telefon, leiser als sonst, ob ich ihr sagen könne, "was der da unten eigentlich macht."
Ich gab ihr keine Antwort am Telefon. Ich sagte ihr, sie solle selbst hingehen und fragen.
Zwei Tage später sah ich sie über den Gartenzaun gelehnt, mit einer Thermoskanne Kaffee in der Hand, die sie Herrn Brack mitgebracht hatte, als Entschuldigung, die keiner von beiden so nannte. Er zeigte ihr die Stelle mit den Wurzelknöllchen, grub ein kleines Büschel aus, damit sie es mit eigenen Augen sehen konnte, diese winzigen weißen Perlen an den Wurzelfäden. Sie fragte, ob sie ein paar Samen haben könne, für einen Streifen hinter ihrem Haus, nicht den ganzen Garten, nur einen Streifen.
Seitdem mähe ich zwei verschiedene Rasenflächen in dieser Siedlung anders als früher, Klee stehen lassen, Schnittgut liegen lassen statt wegzufahren, und niemand hat mich darum gebeten, es für den Rest der Anlage zu ändern. Aber es sind inzwischen drei Häuser, nicht mehr nur eines.
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