Jendrik und der Corsa mit dem neuen Kennzeichenhalter

Die Werkstatt in der Mühlenstraße

Jendrik war neunzehn, als sein Vater ihm die Autowerkstatt in der Mühlenstraße in Bielefeld überschrieb — auf dem Papier an ihn, in Wirklichkeit weiter unter dem Daumen des alten Herrn Brockmann. Vier Jahre lang hat Jendrik dort Ölwechsel gemacht, Kunden beraten, die Buchhaltung gelernt, während sein Vater am Stammtisch beim Grillfest der Nachbarschaft erzählte, "mein Sohn führt das jetzt". Erzählt hat er das oft. Geführt hat Jendrik nie wirklich was.

Die Mutter, Renate, war vor sechs Jahren gestorben. Seitdem lebte der alte Brockmann allein in dem Reihenhaus zwei Straßen weiter, und Jendrik brachte ihm jeden Sonntag Brötchen vom Bäcker an der Ecke, die mit dem Mohn, die der Vater mochte. Er fragte nie, ob er reinkommen sollte. Stand auf der Treppe, reichte die Tüte durch den Türspalt, ging wieder.

Marlene kam erst zwei Jahre später ins Bild. Eine Nachbarin aus der Mühlenstraße, Mitte vierzig, geschieden, die ihren Opel Corsa zur Inspektion brachte und dann öfter kam, als der Corsa das rechtfertigte. Sechs Monate später zog sie beim alten Brockmann ein. Ein Jahr später stand sie morgens um acht in der Werkstatt, mit einer Tasse Kaffee aus der Thermoskanne, die eigentlich für die Kunden gedacht war, und sagte zu Jendrik: "Dein Vater findet, du solltest die Preise mal überdenken. Die Konkurrenz am Jahnplatz ist günstiger."

Jendrik hat nichts gesagt. Er hat die Preise nicht geändert.

Drei Wochen vor Weihnachten saß er im Büro hinter der Werkstatt, Heizlüfter surrte, draußen roch es nach Frost und nach dem Diesel, der sich nie ganz aus dem Boden wusch, als sein Vater reinkam. Ohne Mantel auszuziehen. Mit einem braunen Umschlag in der Hand.

"Ich hab das mit dem Notar geregelt", sagte er. "Die Werkstatt geht an Marlene. Sie kümmert sich besser um mich als du dich je gekümmert hast."

Jendrik hat die Papiere nicht einmal angefasst. Er hat gefragt, wie lange das schon lief. Sein Vater hat auf die Uhr an der Wand geschaut, nicht auf ihn, und gesagt: "Seit dem Sommer."

Draußen hat es angefangen zu nieseln, dieser feine Bielefelder Nieselregen, der den ganzen November über nicht aufhört, und durch das Fenster der Werkstatt konnte Jendrik sehen, wie Marlenes Corsa auf den Hof einbog, schon mit neuem Kennzeichenhalter, den sie extra für die Werkstatt hatte drucken lassen: BROCKMANN & PARTNER.

Vierzehn Jahre hatte Jendrik für diese Werkstatt gearbeitet. Vierzehn Jahre, in denen er samstags die Buchhaltung machte, während andere in seinem Alter zur Ostwestfalenhalle zum Konzert fuhren. Vierzehn Jahre, in denen er zuhörte, wenn sein Vater nach dem dritten Bier anfing, über die Mutter zu reden, über wie einsam er sei, über wie schwer alles sei — und Jendrik hat ihm jedes Mal die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt, es wird schon, Papa.

Was Jendrik nicht wusste: Marlene hatte den Umschlag schon im September beim Notar in der Herforder Straße vorbereitet. Sie hatte sich die Kontoauszüge der Werkstatt zeigen lassen, bevor überhaupt jemand sie fragte, ob sie das durfte. Und der alte Brockmann, der seit dem Tod seiner Frau niemandem mehr vertraute außer der einzigen Person, die ihm abends das Essen warm machte, hat unterschrieben, ohne mit Jendrik zu sprechen. Das hat Jendrik erst zwei Tage später von Herrn Wessel erfahren, dem Steuerberater, der die Unterlagen gesehen hatte, bevor sie beim Notar landeten, und der am Telefon nur sagte: "Jendrik, ich hätte dich angerufen, aber dein Vater hat mir verboten, mit dir zu reden, bis alles unterschrieben ist."

Jendrik ist an diesem Abend nicht zur Werkstatt zurückgegangen. Er ist zu seiner Schwester Carlotta gefahren, die in Gütersloh wohnte, hat auf ihrem Sofa gesessen, während im Fernsehen die Lokalnachrichten liefen, und gesagt: "Vierzehn Jahre, Carlotta. Und er hat mir nicht mal die Frage gestellt."

Carlotta hat ihm keinen Rat gegeben. Sie hat ihm eine Visitenkarte gegeben — von einer Anwältin, Frau Dr. Yildirim, die auf Arbeitsrecht und Gesellschaftsrecht spezialisiert war, die Carlotta mal gebraucht hatte, als ihr eigener Chef versucht hatte, sie um die Abfindung zu betrügen.

Am Montag saß Jendrik in der Kanzlei in der Oberntorwall, und Frau Dr. Yildirim hat die Papiere durchgesehen, die er in der Werkstatt mitgenommen hatte, bevor er ging — nicht die Übergabeurkunde, die hatte er nie bekommen, sondern die vierzehn Jahre an Rechnungen, Quittungen, Steuererklärungen, auf denen sein Name stand als derjenige, der die Umsätze erwirtschaftet hatte. Sie hat ihm erklärt, was eine verdeckte Mitunternehmerschaft bedeutet. Sie hat ihm erklärt, dass eine formelle Übertragung von damals, vor vier Jahren, die nie wirtschaftlich vollzogen wurde, anfechtbar sein kann, wenn der eigentliche Betrieb nachweislich von ihm geführt wurde. Sie hat ihm erklärt, dass es nicht um Rache ging. Es ging um das, was ihm nach vierzehn Jahren Arbeit zustand.

Es hat sieben Monate gedauert. Keine Gerichtsszene mit Tränen, sondern Ordner mit Belegen, ein Gutachten eines Wirtschaftsprüfers, drei Verhandlungstermine beim Landgericht Bielefeld. Marlene erschien beim zweiten Termin mit einem eigenen Anwalt und einer Mappe, in der sie beweisen wollte, dass der alte Brockmann bei klarem Verstand gehandelt hatte. Der alte Brockmann selbst kam zu keinem der Termine. Er schickte eine schriftliche Erklärung.

Die Einigung, die am Ende zustande kam, teilte die Werkstatt: Jendrik bekam seinen Anteil ausgezahlt, einhundertzwölftausend Euro, basierend auf dem Wert, den er in vierzehn Jahren mit aufgebaut hatte, und das Recht, unter eigenem Namen eine neue Werkstatt zu eröffnen, ohne dass Marlene den alten Kundenstamm für sich beanspruchen durfte, den Jendrik persönlich betreut hatte.

Im März eröffnete Jendrik eine kleine Werkstatt in der Herforder Straße, zwei Kilometer von der alten entfernt. Kein großes Schild, nur ein handgeschriebener Zettel im Fenster: Jendrik Brockmann — Kfz-Meisterbetrieb. Die ersten Kunden waren Leute, die ihn vierzehn Jahre lang gekannt hatten und die wussten, wessen Hände tatsächlich an ihren Motoren gearbeitet hatten.

Sein Vater stand im Mai vor der neuen Werkstatt, in der Hand eine Tüte mit den Mohnbrötchen, die eigentlich Jendrik immer für ihn geholt hatte. Er stand draußen, weil die Tür zu war, Mittagspause, und wartete eine halbe Stunde, bis Jendrik aus der Werkstatt nebenan kam, wo er einen Reifen gewechselt hatte. Sein Vater hat die Tüte hochgehalten und gesagt, er solle doch vorbeikommen, zum Essen, wie früher.

Jendrik hat den Schlüsselbund in der Hand gedreht, den neuen, mit dem eigenen Firmenlogo am Anhänger, und gesagt: "Ich hab Termine bis sechs, Papa." Dann ist er zurück in seine Werkstatt gegangen und hat die Tür hinter sich zugezogen.

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Jendrik und der Corsa mit dem neuen Kennzeichenhalter