Das Schiff vor Warnemünde

Katja Brennecke arbeitet seit neunzehn Jahren beim Wasser- und Schifffahrtsamt in Rostock, aber an diesem Morgen Ende August 2029 sah sie zum allerersten Mal so etwas: ein Schiff, lang wie drei Fußballfelder, mit zwei parallelen Rümpfen wie die Zinken einer Zange, zwei Seemeilen vor der Küste verankert, und ein Unterseekabel, das senkrecht in die Dunkelheit hinabführte.

„Das Zeug da unten", sagte ihr Kollege Torsten und zeigte auf den Radarschirm, „nutzt den Temperaturunterschied zwischen warmem Oberflächenwasser und kalter Tiefsee. Keine Turbine, kein Diesel, kein Kabel an Land – die Anlage erzeugt ihren Strom direkt an Ort und Stelle und presst nebenbei Süßwasser aus dem Meer."

Katja glaubte ihm nicht ganz, bis sie sah, dass die Nebenkostenabrechnung der Gemeinde Graal-Müritz innerhalb von drei Monaten um vierzig Prozent gesunken war, weil die Gemeinde einen Teil ihres Trinkwassers nun von dort bezog statt es aus dem überlasteten Grundwasserwerk zu pumpen. Sie nahm zwei Tage unbezahlten Urlaub, was sie seit der Beerdigung ihres Vaters nicht mehr getan hatte, und klopfte an die Tür eines Büros mit Hafenblick, das einem Dreiunddreißigjährigen gehörte, den alle nur „der Ingenieur Baumgart" nannten. Sie wollte wissen, wer hinter diesem Schiff steckte und warum keine Zeitung je die ganze Geschichte gebracht hatte.

Es war Jonas, der ihr alles erzählte, angefangen bei seinem Vater.

Klaus Baumgart, zum damaligen Zeitpunkt dreiundsechzig, ehemaliger Schiffbauingenieur bei einer Werft in Wismar, war 2019 im Zuge eines Stellenabbaus nach einunddreißig Dienstjahren entlassen worden. Von der Abfindung — hundertvierzigtausend Euro, die letzte Summe, die ihm von einem ganzen Berufsleben übrig blieb — hatte er sich kein Haus an der Ostsee gekauft, wie seine Frau Petra es wollte, sondern ein Patent. Ein seltsames, fast lächerliches Patent, für ein System, das den Temperaturunterschied zwischen dem warmen Oberflächenwasser und der eisigen Tiefsee in saubere elektrische Energie umwandelte, ohne einen Tropfen Diesel, ohne ein Kabel an Land.

Petra war seit einem Jahr krank, ein Lymphom, das ihr die Kräfte in Raten raubte, und die Chemotherapie-Termine in der Rostocker Universitätsklinik kosteten sie Urlaubstage, die sie längst nicht mehr hatte. An dem Abend, an dem sie entdeckte, wie viel Klaus statt in ein Haus am Meer in das Patent gesteckt hatte, warf sie ihm die noch offene Zahnarztrechnung ihrer Mutter auf den Küchentisch in ihrer Wohnung in Bad Doberan. „Mit dem Geld hätte ich mich in einer richtigen Privatklinik behandeln lassen können. Jetzt stehe ich auf der Warteliste wie alle anderen." Klaus hob das Blatt vom Boden auf, strich es mit der Hand an der Tischkante glatt und legte es zurück, wo es gelegen hatte. Er sagte nichts dazu. Er blieb am Küchentisch sitzen, schob die kalt gewordenen Nudeln mit der Gabel auf dem Teller hin und her und dachte an Kiel, an die Werft, wo er gelernt hatte, das Meer zu lesen wie andere ein Buch.

Monatelang nach diesem Abend sprach Petra nur noch das Nötigste mit ihm: die Einkaufsliste, die Sprechstundenzeiten, wer Jonas vom Bahnhof abholen musste. Nichts weiter. Klaus lernte, aus ihrem Schweigen zu lesen, so wie er früher die Meeresströmungen gelesen hatte.

Der Sohn, Jonas, arbeitete damals im Nachtschichtdienst in einem Rechenzentrum bei Grimmen — eines dieser riesigen Gebäude, die im Sommer so viel Kühlwasser verbrauchen wie ein ganzer Stadtteil, und das die Gemeinde schon zweimal wegen Protesten der Anwohner um das Grundwasser hatte stoppen müssen. In einer Nacht, als er mit einem Techniker die Wasserverbrauchsprotokolle durchging, fiel ihm auf, dass eine einzige Halle mehr Wasser verschlang als drei Mehrfamilienhäuser zusammen. Er war es, der die Verbindung herstellte: Wenn sein Vater es schaffte, Energie und Süßwasser aus dem offenen Meer zu gewinnen, ohne das Grundwasser anzutasten, gab es vielleicht einen Kunden, der dafür gut bezahlen würde. Er rief einen ehemaligen Studienkollegen an, der inzwischen für einen Investmentfonds in Frankfurt arbeitete und an einer Infrastruktur interessiert war, die Rechenleistung für künstliche Intelligenz lieferte, ohne einen Kubikmeter Süßwasser vom Festland zu verbrauchen.

„Papa, entweder du machst das jetzt, oder jemand kopiert es dir", sagte Jonas an einem Sonntag im Januar 2020 am Telefon, während draußen Regen über die gesamte Küste fiel.

Klaus gründete Optimal Transit zusammen mit einem alten Studienfreund, Rainer Pollmann, der inzwischen eine kleine Energietechnik-Firma in Kiel leitete. Das Geld aus dem Patent reichte nicht einmal für den ersten Rumpf. Es brauchte Investoren, und die Investoren wollten Sicherheiten, die Klaus nicht hatte.

An dieser Stelle trat der Mann auf, der das Ganze fast zum Scheitern gebracht hätte: Achim Dorfner, Vorsitzender eines Infrastrukturfonds mit Sitz in Zug, bereit, achtzig Millionen Euro einzubringen — unter der Bedingung, dass er sechzig Prozent der Firma und die alleinige Kontrolle über die Patente bekam. Klaus studierte den Vertrag drei Nächte lang, während Petra wegen einer Therapie im Krankenhaus lag und sich die Klinikrechnungen auf dem Nachttisch stapelten. Er unterschrieb, ohne die Klauseln von einem anderen Anwalt prüfen zu lassen: Allein die Erstberatung hätte sechshundert Euro gekostet, und die sechshundert Euro hatte er schon für Taxifahrten ins Krankenhaus ausgegeben.

Zwei Jahre lang ließ Dorfner das Projekt in der Schublade liegen und wartete nur darauf, die Rechte an einen amerikanischen Cloud-Computing-Konzern für das Zehnfache zu verkaufen. Ihn interessierte weder das Wasser für Rostock noch der Strom für Graal-Müritz: Ihn interessierte der Preis. In diesen zwei Jahren zahlte Klaus weiterhin aus eigener Tasche die Miete für die Halle in Kiel, in der der erste Prototyp im Maßstab stand, achthundert Euro im Monat, abgezweigt von seiner Betriebsrente, damit die Gläubiger des Fonds ihn nicht abbauen konnten.

Rainer bemerkte es als Erster, nicht zufällig: Er behielt seit Monaten die Firmenbewegungen von Dorfner im Auge, misstrauisch geworden, weil trotz der versprochenen achtzig Millionen keine einzige Werft je den Betrieb aufgenommen hatte. Er durchsuchte die Protokolle der Sitzungen, zu denen er nicht mehr eingeladen wurde, und fand, was er suchte: eine Vorvereinbarung mit einer Zürcher Gesellschaft, den Minderheitsgesellschaftern nie mitgeteilt, die das gesamte Patentpaket zum Zehnfachen des mit Klaus vereinbarten Preises übertrug. Kein Wort zu Optimal Transit, keine Zeile zum ursprünglichen Plan, den Küstengemeinden Mecklenburg-Vorpommerns Süßwasser und saubere Energie zurückzugeben. Er rief Klaus an einem Dienstagabend an und las ihm das Dokument Zeile für Zeile vor.

Es gab keine lautstarke Szene, keine zugeschlagene Tür. Klaus nahm die Fähre nach Hamburg, wo Dorfner sein operatives Büro in einem Kontorhaus in der Innenstadt hatte, und bat schlicht darum, den ursprünglichen Übertragungsvertrag der Patente einzusehen. Eine Klausel, die er selbst drei Jahre zuvor verfasst hatte, als er noch jedem vertraute, sah vor, dass die Rechte bei fehlendem industriellem Produktionsstart innerhalb von sechsunddreißig Monaten automatisch an den Erfinder zurückfallen sollten.

Sechsunddreißig Monate und zwölf Tage waren vergangen. Es war das Frühjahr 2023.

Klaus brachte eine Anwältin aus Berlin mit, Beate Kersten, und eine grüne Mappe mit dem Originalvertrag, dem notariellen Gutachten zum Ablauf der Fristen und dem bereits ausgearbeiteten Widerrufsschreiben. Dorfner gab nicht sofort auf: Er bot einen neuen Scheck über hunderttausend Euro an, damit Klaus einer sechsmonatigen Verlängerung zustimme, drohte dann mit einer Zivilklage, die, so sein Anwalt, „Jahre dauern und euch das wenige, das ihr habt, aufzehren würde". Klaus dachte an die achthundert Euro Monatsmiete, die er gezahlt hatte, an zwei Jahre ohne richtiges Gehalt, an Petra, die inzwischen eine zweite Therapierunde mit noch unsicherem Ausgang begonnen hatte. Eine Woche lang fand er keine Ruhe, aus Angst, ein jahrelanger Prozess würde bedeuten, auch die Wohnung in Bad Doberan verkaufen zu müssen. Dann rief er Beate zurück und sagte ihr, sie solle trotzdem weitermachen.

„Die Frist ist abgelaufen, Herr Dorfner", sagte Beate und legte das vom Notar bereits beglaubigte Schreiben auf den Schreibtisch. „Die Patente gehen ab heute an Herrn Baumgart zurück. Wenn Sie klagen wollen, erwarten wir Sie: Die Klausel ist eindeutig, und das Datum steht fest." Dorfner, so erzählte es Rainer später am Telefon, habe eine Weile geschwiegen, dann seinen Assistenten gerufen und angeordnet, trotzdem die Unterlagen für eine Berufung vorzubereiten. Die Berufung kam nie — das erfuhr Klaus erst Monate danach von Beate selbst: Dorfners eigene Kanzlei hatte ihm davon abgeraten, da sie die Klausel für wasserdicht hielt.

Klaus wurde nicht laut. Er nahm die Mappe, bedankte sich und fuhr zurück zum Hamburger Hafen, wo Rainer mit dem ersten Entwurf des neuen Rumpfes auf ihn wartete — jenem, der sechs Jahre später zu dem Schiff werden sollte, das heute vor Warnemünde liegt, mit dem Namen in Blau auf den Rumpf gemalt: Kraaken.

Katja, die alldem im Büro von Jonas zugehört hatte, merkte, dass er an einigen Stellen ins Stocken geriet und Dinge nachreichte, die er offenbar erst später erfahren hatte — „das hat mir Rainer erst erzählt, als Papa schon nicht mehr darüber reden wollte" — und fragte schließlich, was aus Petra geworden sei. Jonas führte sie zum Fenster und zeigte ihr die Pier unter ihnen: Eine kleine Frau mit kurzem Haar gab zwei Basilikumtöpfen auf dem Balkon eines kleinen Hafenbüros Wasser — jenes Büros, das Klaus eigens gemietet hatte, damit sie einen Platz nahe am Meer hätte, so wie sie es sich von Anfang an gewünscht hatte. „Die zweite Therapierunde hat angeschlagen, mehr als alle dachten", sagte Jonas. „Seit acht Monaten ist sie in Remission. Den ersten Monat, in dem dieses Schiff Strom verkauft hat, hat Papa aus eigener Tasche die Rechnung der Privatklinik bezahlt, in der sie zuletzt behandelt wurde. Er hat ihr nie gesagt, woher das Geld kam. Sie hat es selbst herausgefunden, als sie den Kontoauszug las."

Katja kehrte zwei Wochen später zum Hafen zurück, diesmal im Dienst, zur Kontrollanlegung des Schiffes. Sie sah einen Anwohner aus Graal-Müritz, einen Rentner namens Harald, den sie wiedererkannte, weil er oft in ihrem Amt wegen der Nebenkosten vorbeikam, der einen Kanister am öffentlichen Brunnen am Marktplatz füllte, der seit drei Monaten wieder geöffnet war, nachdem die Gemeinde ihn zwei Sommer lang wegen Wasserknappheit gesperrt hatte. „Früher hab ich die Kanister bei meinem Sohn in Berlin gefüllt", sagte Harald, ohne dass ihn jemand danach gefragt hätte. „Jetzt hole ich sie hier unten vor der Haustür. Das Schiff presst das Salz raus, hat mir einer von der Gemeinde erklärt, und das Süßwasser kommt dann durch die alte Leitung zu uns. Verstehe ich nicht ganz, aber ich zahl die Hälfte von früher."

Klaus Baumgart ist heute siebenundsechzig Jahre alt. Er ist nicht mehr Vorsitzender der Firma — er hat die operative Leitung an Jonas abgegeben, der das gesamte Projekt aus demselben Büro mit Hafenblick führt, an dessen Tür Katja damals geklopft hatte. Aber ab und zu, wenn das Meer ruhig ist, nimmt er immer noch die Fähre, um sein Schiff aus der Ferne zu betrachten, mit Petra neben ihm an Deck, eine Thermoskanne Kaffee in der Hand, ihre Finger um den Plastikbecher geschlossen, mehr um sich zu wärmen als aus Durst, ohne dass während der ganzen Überfahrt ein Wort fällt.

Katja stand noch lange am Kai, nachdem das Boot der beiden abgelegt hatte. Sie dachte kurz an ihren Vater, der die Ostsee nie gesehen hatte, weil er sein ganzes Leben mit Schichten in einer Fabrik in Schwerin verbracht hatte. Dann zog sie ihren Blazer enger um die Schultern, trug den Zeitpunkt der Anlegung in ihr Formular ein und ging zurück zum Dienstwagen.

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