Als Henrike Vossberg aus dem Fenster ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in Gelsenkirchen auf den Parkplatz schaute, zählte sie die Autos, die zu ihrem fünfzigsten Geburtstag gekommen waren. Sieben. Sieben Autos, sieben Familien, zwei Kästen Warsteiner, ein Kuchen von der Konditorei Fahl am Markt. Die Kerzen hatte sie selbst gekauft, vierzehn Stück, weil die Bäckerei keine fünfzig im Angebot hatte.
Das war im Mai gewesen. Jetzt war November, der Himmel über dem Ruhrgebiet hing grau und tief, und auf ihrem Küchentisch lag ein Zettel mit genau diesen sieben Namen. Sie hatte ihn selbst geschrieben, am Tag nachdem der Betriebsrat ihr mitgeteilt hatte, dass ihre Stelle im Lager der Spedition Dönhoff zum Jahresende wegfällt. Dreiundzwanzig Jahre hatte sie dort Paletten gezählt, Lieferscheine abgeglichen, in der Kantine mit denselben Leuten Mittag gegessen. Rationalisierung, hatte der Chef gesagt. Ein Wort wie eine Rechnung, die nicht aufgeht.
Sie hatte die sieben angerufen. Einen nach dem anderen, mit der Kaffeetasse in der Hand, die langsam kalt wurde, während sie wartete, dass jemand abhob.
Birgit, ihre Nachbarin von unten, mit der sie seit Jahren jeden Donnerstag Skat spielte, sagte, sie müsse ihre Enkelin von der Kita abholen und rufe zurück. Sie rief nicht zurück.
Manfred, ihr Cousin aus Bochum, der bei jedem Grillfest den teuersten Wein mitbrachte und die lautesten Witze erzählte, schrieb eine Sprachnachricht zurück: dreißig Sekunden über den Stau auf der A42, dann ein "melde mich, Süße, bin grad im Stress." Er meldete sich nicht.
Die anderen fünf reagierten ähnlich. Ein "oh nein, wie schrecklich", ein Emoji mit traurigem Gesicht in der WhatsApp-Gruppe, in der sie sonst Geburtstagsgrüße und Kochrezepte teilten. Dann Stille. Die Gruppe, die sie "Die Clique" genannt hatten, blieb nach diesem Tag für Wochen unberührt, bis jemand ein Foto von seinem Hund postete, als sei nichts gewesen.
Henrike saß an jenem Novemberabend am Küchentisch, vor sich den Kontoauszug mit der roten Zahl unten rechts: minus vierhundertzwölf Euro. Die Kündigungsfrist lief noch zwei Monate, aber die Nebenkosten waren schon zum 15. fällig, und der Vermieter in der Ückendorfer Straße war kein Mann, der auf Erklärungen wartete.
Sie dachte an die Grillfeste, an das Bier, das sie bezahlt hatte, ohne zu rechnen, an den Kredit, den sie Manfred vor drei Jahren gegeben hatte, als seine Werkstatt knapp bei Kasse war. Zweitausend Euro, die er in Raten zurückzahlte, bis er plötzlich aufhörte, und sie, weil sie ihn mochte, nicht nachfragte.
Dann klingelte das Telefon. Nicht einer der sieben. Es war Frau Albescu, die alte Rumänin aus dem dritten Stock, mit der Henrike kaum mehr als "Guten Morgen" im Treppenhaus gewechselt hatte, vielleicht ein paar Mal Pfandflaschen füreinander weggeräumt.
"Ich hab gehört, Sie haben Ihre Stelle verloren", sagte Frau Albescu ohne Umschweife, mit dem rollenden R, das nach zwanzig Jahren im Pott immer noch nicht ganz verschwunden war. "Die Birgit hat's der Frau Kowalski erzählt, und die hat's mir erzählt. Kommen Sie runter, ich hab Ciorbă gemacht, die reicht für zwei."
Henrike wollte ablehnen, aus Scham mehr als aus Hunger. Aber die Stimme am anderen Ende ließ keinen Widerspruch zu. Sie ging hinunter, in Jogginghose und mit roten Augen, und saß zwei Stunden in einer fremden Küche, die nach Lorbeer und Essig roch, während im Fernseher eine Volksmusiksendung ohne Ton lief und Frau Albescu ihr erzählte, wie sie selbst einmal, vor Jahrzehnten in Temeswar, alles verloren hatte, was sie besaß.
Am nächsten Tag stand Frau Albescu wieder vor der Tür, mit einem Zettel in der Hand: die Telefonnummer ihres Enkels, der bei einer Zeitarbeitsfirma in Herne arbeitete und "immer Leute suchte, die zuverlässig sind." Sie hatte sich erkundigt. Ohne gefragt zu werden.
Es dauerte drei Wochen, bis Henrike zum Vorstellungsgespräch ging, mit geliehenem Blazer von Frau Albescu, der eine Nummer zu groß war, aber sauber gebügelt. Sie bekam die Stelle, Kommissionierung in einem Logistikzentrum bei Herne, weniger Gehalt als vorher, aber ein Gehalt.
An dem Abend, als sie den Vertrag unterschrieben hatte, saß sie wieder am Küchentisch, holte den alten Zettel mit den sieben Namen heraus und strich fünf davon durch – Manfred und Birgit ließ sie stehen, aus einer Art Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, nicht aus Groll. Darunter schrieb sie einen neuen Namen: Ileana Albescu.
Dann tat sie etwas, das sie sich lange überlegt hatte. Sie rief bei ihrer Bank an und kündigte die Kleinkreditvereinbarung, über die sie Manfred noch immer monatlich Geld überwies, obwohl die ursprüngliche Rückzahlung schon vor zwei Jahren hätte abgeschlossen sein müssen – sie hatte die Raten stillschweigend verlängert, jedes Mal wenn er um Aufschub bat. Einhundertfünfzig Euro im Monat, die sie sich jetzt nicht mehr leisten konnte und, wie sie inzwischen verstanden hatte, auch nicht mehr leisten wollte.
Zwei Tage später rief Manfred an, zum ersten Mal seit Wochen. Die Bank hatte ihn über die Kündigung der Einzugsermächtigung informiert. "Du kannst doch nicht einfach so was machen, ohne mit mir zu reden", sagte er, die Stimme schon gereizt. Henrike stand in der Küche, die Hand auf dem Türgriff zum Kühlschrank, in dem noch ein Topf von Frau Albescus Ciorbă stand.
"Ich hab geredet, Manfred. Im November. Du hast nicht zurückgerufen."
Stille in der Leitung, dann ein genervtes Schnauben, dann legte er auf. Er rief nicht wieder an, weder wegen des Geldes noch sonst. Das WhatsApp-Gruppenbild zeigte sie seit Dezember nicht mehr an, sie hatte sich aus "Die Clique" entfernt, ohne Erklärung, ohne Streit.
An den Donnerstagabenden, zu denen früher Skat mit Birgit gehörte, saß Henrike jetzt unten bei Frau Albescu. Sie brachte Kaffee mit, die alte Frau brachte Geschichten aus Temeswar, und manchmal, wenn der Fernseher lief und keiner von beiden wirklich zuhörte, dachte Henrike an die sieben Autos auf dem Parkplatz im Mai und daran, wie leicht man vierzehn Kerzen für fünfzig Jahre kaufen kann, und wie schwer es ist, am Ende zu wissen, wer tatsächlich geblieben wäre, wenn die Kerzen ausgegangen wären.
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