Die Teedose mit dem Reißverschlussgeld

Ich arbeite seit vierzehn Jahren als Nachtschwester auf der Palliativstation im Marienhospital in Osnabrück, und man glaubt gar nicht, wie viel man über Familien erfährt, wenn man nur die Infusionen wechselt und den Mund hält. Die Leute reden, wenn sie glauben, dass man nicht wirklich zuhört. Sie reden über Geld, über alte Wut, über Dinge, die sie vor fünfzehn Jahren gesagt oder nicht gesagt haben. Ich hole nur Wasser, bringe die Bettschüssel, schreibe den Blutdruck auf. Mein Job ist es nicht, mich einzumischen.

Frau Edeltraud Brinkmann lag in Zimmer 14, am Fenster, von dem aus man auf den Parkplatz und die Kastanie sah, die im Oktober schon fast kahl war. Siebenundsiebzig Jahre alt, Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs, Endstadium. Sie hatte früher eine kleine Änderungsschneiderei in der Lotter Straße geführt, erzählte sie mir, während ich ihr die Haare bürstete, weil ihre Hände zu zittrig geworden waren, um das selbst zu tun.

Ihr Sohn Jens-Peter kam jeden zweiten Tag, immer kurz vor Feierabend, immer mit dem gleichen Gesichtsausdruck, als würde er auf eine Besprechung warten, die zu lange dauert. Er trug Anzüge, auch samstags, und roch nach dem gleichen Aftershave wie mein Schwiegervater, irgendetwas mit Zimt. Er arbeitete, wie ich später erfuhr, bei einer Autohausgruppe als Verkaufsleiter, VW und Škoda, draußen an der B68 Richtung Bramsche.

Was mir zuerst aufgefallen ist: er hat seine Mutter nie etwas gefragt. Nicht, wie es ihr geht, nicht, ob sie Schmerzen hat. Er fragte nach dem Konto. Immer nach dem Konto.

„Mama, hast du mit dem Notar telefoniert wegen der Schneiderei-Räume?" Die Räumlichkeiten in der Lotter Straße gehörten ihr noch, vermietet an einen Friseursalon, dreihundertachtzig Euro im Monat, seit Jahrzehnten unverändert. Jens-Peter wollte, dass sie ihm die Immobilie noch zu Lebzeiten überschrieb, „damit es keine Erbschaftssteuer gibt, Mama, das ist doch nur vernünftig."

Ich stand mit dem Fieberthermometer in der Hand und tat, als würde ich die Werte in die Akte eintragen.

Frau Brinkmann hatte eine Nichte, Carolin, die Tochter ihrer verstorbenen Schwester, Mitte dreißig, Erzieherin in einer Kita in Gretesch. Carolin kam seltener, weil sie weiter weg wohnte und zwei kleine Kinder hatte, aber wenn sie kam, blieb sie zwei, drei Stunden, saß einfach da, hielt die Hand der alten Frau und redete über belanglose Dinge — über den Kindergeburtstag, über den Hund der Nachbarn, über das Phelosan-Gel gegen die rissigen Fersen, das Frau Brinkmann sich immer gewünscht hatte.

Eines Abends, es muss gegen halb neun gewesen sein, ich war fast fertig mit meiner Schicht und wollte eigentlich nur noch die letzte Medikamentenrunde machen, hörte ich Jens-Peter im Flur mit seiner Mutter streiten. Er sagte: „Die Carolin braucht das nicht, die hat doch ihren Mann, der verdient genug bei der Stadtwerke." Frau Brinkmann antwortete etwas, das ich nicht verstand, aber ihre Stimme war fest, fester, als ich sie je gehört hatte.

Am nächsten Morgen bat sie mich, ihr die alte Blechdose aus dem Nachttischschrank zu holen — eine Teedose, Union-Keks-Marke, verbeult, mit einem Reißverschlusssäckchen drin. Darin lagen Papiere. Sie bat mich, Zeugin zu sein, als sie die Hausverwalterin anrief und erklärte, dass sie das Testament ändern wolle, mit einem Notar, nicht per Hand, richtig, verbindlich.

Ich habe nichts dazu gesagt. Das ist nicht mein Platz.

Drei Wochen später, es war ein Dienstag, ich weiß es noch, weil an dem Tag die neue Stationsleitung ihren ersten Arbeitstag hatte, kam Jens-Peter mit einem Umschlag unter dem Arm. Er wollte seine Mutter dazu bringen, eine Vollmacht zu unterschreiben, eine Generalvollmacht, „nur für den Fall, Mama, damit ich alles für dich regeln kann, du musst dir keine Sorgen machen." Frau Brinkmann war an diesem Tag sehr schwach, kaum ansprechbar, Morphiumpumpe auf höherer Dosis als sonst.

Ich habe das gesehen, wie er den Stift in ihre Hand drückte. Ich bin reingegangen, mit dem Vorwand, ihren Blutdruck zu messen, weil ich wusste: eine Patientin in diesem Zustand kann rechtlich keine wirksame Erklärung mehr abgeben, und wenn später ein Notar oder ein Betreuungsgericht fragt, bin ich die Zeugin, die im Raum war. Jens-Peter hat den Stift wieder eingepackt. Er hat mich angeschaut, als hätte ich ihm etwas gestohlen.

Frau Brinkmann starb neunzehn Tage später, an einem Samstagmorgen, kurz nach der Übergabe. Carolin war da gewesen, die ganze Nacht, auf dem harten Besucherstuhl, mit einer Decke aus dem Schrank, die ich ihr gebracht hatte. Jens-Peter kam erst gegen Mittag, als alles schon vorbei war.

Die Beerdigung war auf dem Friedhof an der Johannisstraße, klein, vielleicht zwanzig Leute. Ich bin nicht hingegangen, das gehört sich nicht für eine Schwester, aber Carolin hat mir zwei Wochen später eine Karte ins Krankenhaus geschickt, mit einer Nachricht.

Der Notartermin zur Testamentsöffnung fand Anfang des Monats statt, in einer Kanzlei am Neumarkt. Frau Brinkmann hatte, wie sie es am Telefon angekündigt hatte, ihr Testament geändert — zwei Wochen vor ihrem Tod, bei vollem Verstand, mit zwei unabhängigen Zeugen und ärztlichem Attest zur Geschäftsfähigkeit, genau wie der Notar es ihr empfohlen hatte, damit später niemand etwas anfechten konnte. Die Immobilie in der Lotter Straße, die dreihundertachtzig Euro Miete im Monat, ging vollständig an Carolin. Jens-Peter erhielt seinen gesetzlichen Pflichtteil, einen Betrag von etwas über elftausend Euro aus dem Sparguthaben — nicht mehr, aber auch nicht weniger, als ihm nach dem Gesetz zustand.

Carolin hat mir in der Karte geschrieben, dass sie die Friseurräume nicht verkaufen wird. Sie will die Miete auf ein Konto legen, das sie für ihre Kinder und für ein Kinderkrebshilfeprojekt in der Region aufteilt — die Hälfte für die Familie, die Hälfte gespendet, jedes Jahr, im Namen von Edeltraud Brinkmann.

Jens-Peter ist, soweit ich von der Stationsschwester gehört habe, die noch Kontakt zur Familie hat, einmal bei der Mietverwalterin in der Lotter Straße aufgetaucht und wollte Einsicht in die Verträge verlangen, so als wäre noch etwas zu verhandeln. Die Verwalterin hat ihm gesagt, es gäbe nichts zu verhandeln, die neue Eigentümerin sei Frau Carolin Hagedorn, und er solle sich an seinen Anwalt wenden, wenn er Fragen habe. Er ist wieder gegangen, ohne ein Wort.

Ich habe die Teedose übrigens nie wiedergesehen. Carolin hat sie mitgenommen, zusammen mit der Bürste und dem Phelosan-Gel, das am Ende niemand mehr gebraucht hat. Ich habe das Bett frisch bezogen, die Jalousie hochgezogen, und in Zimmer 14 lag am Montag schon jemand anderes.

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