Ich arbeite seit sechzehn Jahren als Pflegehelferin im Seniorenheim St. Elisabeth in Lemgo, und man denkt, man hat alles gesehen. Hat man nicht. An dem Mittwoch im September, an dem die Blätter vor dem Fenster von Zimmer 14 schon gelb wurden, kam Renate Brockmann zu Besuch bei ihrer Mutter, Frau Ingeborg Dassow, 84 Jahre alt, seit drei Jahren bei uns.
Ich hatte gerade den Wagen mit dem Mittagessen durch den Flur geschoben, Erbsensuppe und Klopse, der Geruch hängt bis heute in meiner Nase. Frau Dassows Tür stand einen Spalt offen, und ich hörte, wie Renate ihrer Mutter einen Ordner auf die Bettdecke legte. Kein Hallo, kein Wie geht es dir. Nur: "Du musst hier unterschreiben, Mama. Für die Vollmacht. Damit ich dein Konto verwalten kann, wegen der Pflegekosten."
Ich blieb mit dem Wagen vor der Nachbartür stehen, eigentlich wollte ich zu Herrn Keppler in Zimmer 15, der wartet immer sehnsüchtig auf sein Essen. Aber ich zögerte einen Moment, weil mir die Stimme von Renate nicht gefiel. Zu glatt, zu schnell.
Frau Dassow hat Parkinson, ihre Hände zittern, aber ihr Kopf ist klar wie ein Gebirgsbach, das muss man wissen. Sie sagte: "Was für eine Vollmacht, Renate? Ich habe doch schon eine, bei Notar Brehmer in der Mittelstraße."
"Die ist veraltet. Diese hier ist besser für dich." Renate hatte schon einen Kugelschreiber in der Hand, einen von diesen Werbekugelschreibern der Sparkasse, wie man sie am Schalter in Schälchen findet.
Ich schob den Wagen weiter zu Herrn Keppler, stellte ihm die Suppe hin, er bedankte sich wie immer mit einem Nicken und einem "Na endlich", aber meine Ohren waren noch bei der Nachbartür. Als ich zurückkam, um das Tablett für Zimmer 14 zu bringen, saß Renate immer noch da, der Ordner lag jetzt aufgeklappt, und Frau Dassow hatte die Brille auf der Nasenspitze, las jede Zeile, so langsam es ihre zittrigen Finger zuließen.
"Mama, das dauert ja ewig."
"Ich lese, was ich unterschreibe. Das war schon immer so bei mir, seit deinem Vater."
Ich stellte das Tablett auf den Nachttisch, die Erbsensuppe war schon fast kalt, und sagte etwas Belangloses über das Wetter, nur um einen Grund zu haben, noch zu bleiben. Renate warf mir einen Blick zu, der mir sagte, ich solle verschwinden. Ich ging, aber ich merkte mir die Sache.
Zwei Tage später erzählte mir die Nachtschwester, Jutta, dass Renate schon am Telefon mit einem Makler gesprochen hatte, über das Reihenhaus der Mutter in Herford, Ecke Bergertorstraße, in dem Frau Dassow vierzig Jahre gewohnt hatte, bevor sie zu uns kam. Das Haus stand leer, die Mieter waren vor einem Jahr ausgezogen, und Renate sprach von einem Verkaufspreis um die 240.000 Euro. Jutta hatte es zufällig mitgehört, als sie nachts den Medikamentenschrank im Flur neu einräumte und Renate draußen vor der Eingangstür stand, weil sie dort besseren Empfang hatte.
Ich dachte mir, das geht mich nichts an, ich bin hier, um die Senioren zu waschen, zu füttern, ihnen beim Aufstehen zu helfen. Aber die Vollmacht ließ mich nicht los. Am Freitag, als ich Frau Dassow beim Ankleiden half, fragte ich sie vorsichtig, so nebenbei, während ich ihr die Strümpfe anzog, ob sie die Papiere unterschrieben habe.
"Ich habe nichts unterschrieben", sagte sie, "ich habe sie gebeten, mir die Unterlagen zu kopieren und mitzugeben, damit ich sie in Ruhe lesen kann. Sie war nicht erfreut."
Dann zeigte sie mit dem Kinn auf den Kleiderschrank. Oben drauf stand eine alte Nähmaschine, eine Singer, schwarz lackiert, mit goldenen Verzierungen, die Frau Dassow von ihrer eigenen Mutter geerbt hatte. "Das ist das Einzige, was ich wirklich besitzen will, solange ich lebe", sagte sie, "alles andere kann warten, bis ich tot bin. Aber diese Maschine rührt mir keiner an."
Ich wusste nicht, was das mit der Vollmacht zu tun hatte, aber ich nickte und ließ es dabei.
Am Montag darauf kam Renate wieder, diesmal mit einer Freundin im Schlepptau, die sich als "Notarin aus Herford" vorstellte, obwohl ich später erfuhr, dass die Frau nie Notarin war, sondern als Rechtsanwaltsgehilfin in einer Kanzlei arbeitete. Sie brachten eine zweite Version der Vollmacht mit, diesmal mit einer Klausel, dass Renate auch über den Verkauf des Hauses entscheiden dürfe, "im Namen und zum Wohle der Mutter". Ich servierte in dem Moment den Kaffee am Nachmittag, Streuselkuchen dazu, der Dienstagkuchen bei uns, und hörte, wie Frau Dassow die Lesebrille absetzte und sagte: "Ich rufe jetzt Herrn Brehmer an."
Renate wurde laut. Nicht schreiend, aber scharf, so wie man mit jemandem spricht, den man für hilflos hält. "Mama, du verstehst das nicht richtig. Ohne diese Vollmacht komme ich nicht an dein Geld, wenn mit dir was passiert, und dann stehen wir alle blöd da."
"Dann stehe ich eben blöd da", sagte Frau Dassow, "aber ich rufe trotzdem an."
Ich ging mit dem leeren Kaffeetablett hinaus, aber am Flurtelefon, das wir für die Bewohner bereithalten, stand Frau Dassow zehn Minuten später tatsächlich und wählte die Nummer des Notars, die sie auswendig kannte, obwohl ihre Finger auf den Tasten zitterten wie Espenlaub. Ich half ihr nur, den Hörer richtig zu halten, weil ihre Hand nicht mehr genug Kraft hatte.
Herr Brehmer kam am Donnerstag persönlich ins Heim, ein älterer Herr mit Hornbrille und einer Aktentasche aus echtem Leder, die schon an den Ecken abgewetzt war. Er saß eine ganze Stunde mit Frau Dassow in der Teeküche, ich brachte ihnen zweimal Kamillentee, und beim zweiten Mal hörte ich, wie er sagte: "Die bestehende Vollmacht von 2019 ist gültig und ausreichend, Frau Dassow. Niemand kann Sie zwingen, eine neue zu unterschreiben. Und das Haus in der Bergertorstraße gehört ausschließlich Ihnen, bis Sie selbst entscheiden, was damit geschieht."
Frau Dassow nickte nur einmal und sagte: "Gut. Dann lassen wir es genau so."
Was dann kam, erfuhr ich teils von Jutta, teils weil ich selbst im Zimmer war, als Renate zum letzten Mal zu Besuch kam, am Samstag vor dem Oktoberfest-Wochenende, draußen auf dem Parkplatz standen schon die ersten Besucherautos mit bayerischen Wimpeln an der Antenne, weil ein paar Bewohner Familie aus München hatten. Renate kam ohne Ordner. Sie setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett, und ich tat, als würde ich die Blumen auf der Fensterbank gießen, obwohl sie schon gegossen waren.
"Ich habe mit Herrn Brehmer telefoniert", sagte Frau Dassow, ohne Umschweife. "Ich habe ihm aufgetragen, das Haus in der Bergertorstraße zu verkaufen. Über einen Makler meines Vertrauens, nicht über deinen. Der Erlös geht auf ein Sperrkonto, das ausschließlich für meine Pflegekosten hier im Heim verwendet wird, solange ich lebe. Was danach übrig ist, wird unter dir und deinem Bruder Dieter geteilt, zu gleichen Teilen, wie es im Testament steht. Daran ändere ich nichts."
"Und die Nähmaschine?", fragte Renate, fast trotzig, als wäre das jetzt das einzige, was noch zählte.
"Die Nähmaschine bekommt Jutta", sagte Frau Dassow, "weil sie mir in drei Jahren nie eine Unterschrift unter die Nase gehalten hat, ohne dass ich erst lesen durfte, was draufsteht."
Ich stellte die Gießkanne zurück ins Regal und ging aus dem Zimmer, weil das jetzt wirklich nichts mehr mit mir zu tun hatte. Im Flur hörte ich noch, wie die Tür hinter Renate zufiel, nicht knallend, aber bestimmt, und wie ihre Schritte Richtung Ausgang schneller wurden als sonst.
Herr Brehmer hat den Verkauf im November abgewickelt, das Reihenhaus ging für 238.000 Euro an ein junges Paar aus Bielefeld. Das Geld liegt seitdem auf dem Sperrkonto, Frau Dassow bekommt jeden Monat einen Kontoauszug per Post, den sie mit der Lupe ihrer verstorbenen Schwester durchliest, Zeile für Zeile. Die Nähmaschine steht jetzt bei Jutta im Wohnzimmer, auf einem Deckchen, das Frau Dassow selbst gehäkelt hat, als ihre Hände noch ruhig waren. Renate kommt seitdem einmal im Monat, pünktlich, kurz, und bringt Weihnachtsgebäck mit, selbst im Juli, als hätte sie keine andere Geste mehr im Repertoire. Ich bringe den Kaffee, sage nichts, und gehe wieder zu Herrn Keppler, der immer noch sehnsüchtig auf sein Essen wartet.
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