Der Kellner, der die Rede unterbrach

Ich arbeite seit elf Jahren im "Zum Alten Rathaus" in Regensburg, serviere Schweinsbraten und Radler an Touristen und Stammgäste, und normalerweise bekomme ich von den Gesprächen am Nebentisch nur Fetzen mit. Aber an diesem Donnerstagabend im September war das anders.

Es war der Tisch am Fenster, sechs Männer, offensichtlich ein Vereinsabend – auf der Serviette stand noch der Name des Kegelclubs, den einer als Reservierungsnotiz hingekritzelt hatte. Der Fernseher über der Theke lief mit Untertiteln, kein Ton, so wie immer, wenn Herr Brandtner, der Chef, keine Lust auf Sportschau hat. Aber an diesem Abend hatte er den Ton hochgedreht, weil im Nachrichtensender ein altes Interview mit einem französischen Ex-Fußballer lief, übersetzt und mit deutschen Untertiteln.

Der Mann im Fernsehen sagte einen Satz, der mir beim Bierzapfen die Hand stillstehen ließ: Wer einen Krieg beginnt, soll selbst als Erster an die Front gehen. Nicht die Achtzehnjährigen. Er, der Präsident, der General, wer auch immer den Befehl unterschreibt.

Am Tisch am Fenster wurde es laut. Einer der sechs, ein Mann mit grauem Schnurrbart und einer Weste vom Bayerischen Roten Kreuz, schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Biergläser klirrten. "Endlich sagt's mal einer", rief er. Ein anderer, jünger, vielleicht Mitte dreißig, mit einer Baustellenfirma auf dem Blaumann-Aufnäher, widersprach sofort: "So einfach ist das nicht, das ist doch naiv."

Ich stand mit dem Tablett zwischen den Tischen und wusste nicht, ob ich die Bestellung für Tisch neun aufnehmen oder erst abwarten sollte, bis sich die Wogen glätten. Meine Schicht sollte um zweiundzwanzig Uhr enden, meine Frau wartete mit dem Abendessen, und normalerweise gehe ich solchen Diskussionen aus dem Weg, weil sie selten irgendwohin führen.

Aber diesmal blieb ich stehen.

Der Mann mit der Weste – später erfuhr ich, er heißt Reinhard und ist seit vierzig Jahren beim BRK, hat Verwundete aus dem Balkankrieg gefahren, als Sanitäter, freiwillig – erzählte plötzlich, ganz ruhig, fast beiläufig, von einem neunzehnjährigen Jungen, den er 1995 in einem Krankenwagen begleitet hatte. Der Junge hatte beide Beine verloren und noch gefragt, ob er rechtzeitig zu seiner Konfirmation zu Hause sein würde. Er wusste nicht, dass seine Beine weg waren. Reinhard erzählte das ohne große Geste, er drehte nur sein leeres Bierglas zwischen den Fingern, immer im Kreis, während er sprach.

Der Jüngere am Tisch, der mit dem Blaumann, hieß Tobias. Er widersprach nicht mehr. Er starrte auf sein Handy, auf dem ein Foto von seinem Sohn als Hintergrundbild leuchtete, vielleicht drei Jahre alt, mit einer Gießkanne im Garten. Er sagte nichts mehr zu Politik. Er sagte nur: "Ich will nicht, dass der da irgendwann irgendwo hinmuss, wo andere über sein Leben entscheiden, ohne selbst was zu riskieren."

Die Runde am Tisch verstummte. Draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei, das übliche Quietschen in der Kurve vor dem Dom, das ich seit elf Jahren kenne und schon gar nicht mehr höre – außer in solchen Momenten, wenn es sonst still ist.

Ich nahm schließlich die Bestellung auf, sechs Halbe und eine Portion Presssack mit Bratkartoffeln zum Teilen. Als ich das Bier brachte, sagte Reinhard zu mir, fast entschuldigend, weil er wohl merkte, dass ich zugehört hatte: "Entschuldigung, wir haben Sie aufgehalten."

Ich sagte, das mache nichts. Das stimmte auch.

Was ich nicht sagte: dass mein eigener Großvater mit siebzehn eingezogen wurde, 1944, und nie darüber sprach, außer einmal, betrunken, an Silvester, als er meinte, die Herren, die das entschieden hatten, seien alle warm im Bett gestorben.

Bevor ich zur Theke zurückging, sah ich noch, wie Tobias sein Handy wegsteckte, die Whiskey-Flasche neben der Kasse ignorierte, die er sonst am Ende des Abends immer bestellte, und stattdessen nach der Rechnung fragte. Er wollte früh nach Hause. Zu seinem Sohn, sagte er, solange der noch wach sei.

Reinhard blieb noch, bestellte sich noch ein Glas Radler, und als ich später abkassierte, hatte er auf dem Bierdeckel mit Kugelschreiber etwas notiert – eine Telefonnummer, die Nummer des Ortsverbands, wie er mir erklärte, für den nächsten Erste-Hilfe-Kurs, den er anbieten wollte. Den Deckel steckte er nicht ein. Er ließ ihn auf dem Tisch liegen, neben dem Trinkgeld, als wäre das seine Antwort auf die Diskussion – nicht ein Satz, sondern eine Nummer, die man wählen kann, wenn man tatsächlich etwas tun will.

Ich habe den Bierdeckel noch. Er liegt bei uns hinter der Theke, zwischen den Reservierungszetteln, für den Fall, dass jemand fragt, wo der nächste Kurs stattfindet.

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