Ich heiße Vadim, bin fünfundvierzig und arbeite als Elektriker bei den Stadtwerken in Mönchengladbach. Diese Geschichte erzähle ich nicht, um mich zu rechtfertigen. Ich erzähle sie, weil ich bis heute nicht weiß, ob ich damals richtig gehandelt habe, und weil irgendjemand mal die andere Seite hören sollte.
Es war ein Dienstag im Februar, als Katja anrief. Katja, meine erste Frau, Leonies Mutter. Sie hatte gerade Thorsten geheiratet, einen Zahnarzt aus Krefeld mit einem Reihenhaus und zwei eigenen Kindern aus erster Ehe. Thorsten wollte keine dritte Tochter im Haus, das sagte sie mir ganz direkt am Telefon, zwischen Verkehrslärm und dem Pfeifen der Kaffeemaschine im Hintergrund.
„Entweder du holst sie, oder sie kommt ins Heim", sagte Katja. Elf Jahre war Leonie damals alt.
Ich saß in der Werkstatt, den Schraubenzieher noch in der Hand, und hab erst mal gar nichts gesagt. Was soll man da sagen. Katja und ich, wir waren nie die große Liebe, eher zwei Leute, die mit zwanzig zu früh ein Kind gekriegt haben und es dann nicht geschafft haben, zusammenzubleiben. Aber dass sie das eigene Kind so wegschieben konnte, wie eine Umzugskiste, die nicht mehr in die neue Wohnung passt — das hat mich kalt getroffen. Nicht ins Herz, eher in den Magen, so ein dumpfer Schlag.
Ich fuhr sie holen. Auf der Rückfahrt sagte Leonie kein Wort, nur einmal: „Papa, bringst du mich ins Heim?" Ich hab „Nein" gesagt, aber ich hab in dem Moment schon gewusst, dass ich ein Problem hatte, das größer war als eine Garage voll Werkzeug, die ich reparieren konnte.
Zuhause wartete Jennifer, meine zweite Frau, und unsere Tochter Mia, acht Jahre alt. Ich hatte Jennifer vorher nur halbherzig vorbereitet — ehrlich gesagt hab ich das Thema eher vor mir hergeschoben, als es wirklich zu klären. Das war mein Fehler, das weiß ich heute. Ich dachte, Familie regelt sich von selbst, wenn man nur genug Zeit lässt.
Mia hat Leonie zuerst gemocht, die erste Woche. Dann merkte sie, dass Leonie jetzt in ihrem Zimmer schlief, dass das Taschengeld jetzt geteilt wurde, dass ich manchmal „meine Tochter" zu Leonie sagte — und bei Mia sagte ich das auch, aber Mia hat nur das eine gehört. Die Geburtstage, die Weihnachtsgeschenke, alles musste jetzt für zwei reichen statt für eine. Mia fing an zu schreien, wenn Leonie nur im selben Zimmer war. Nachts, am Esstisch, beim Fernsehen. Meine Schwiegermutter, Hildegard, kam fast täglich vorbei und schürte das noch — „dieser Kuckucksvogel im Nest", nannte sie Leonie einmal, direkt vor dem Kind.
Ich hab das gehört und bin nicht aufgestanden. Das ist die Wahrheit, die mir am meisten peinlich ist. Ich bin in die Küche gegangen und hab mir ein Bier geholt.
Warum hab ich nichts gesagt? Ich hab mir damals eingeredet, das sei „Frauensache", dass Jennifer und Hildegard das untereinander klären würden. Heute weiß ich: Ich hatte Angst. Angst, dass wenn ich mich für Leonie einsetze, Jennifer denkt, ich liebe Mia weniger. Angst, dass wenn ich Mia Grenzen setze, sie mich hasst. Also hab ich gar nichts getan — und damit beide Mädchen verletzt, auf unterschiedliche Weise. Leonie wurde immer stiller, Mia immer lauter.
Mein Sohn Jonas, aus meiner ersten Ehe, zog nach drei Wochen zu seiner Mutter zurück. „Ich muss für die Prüfungen lernen, Papa, und hier schreit ständig jemand." Als ich sagte, Mia sei schließlich seine Schwester, antwortete er nur: „Leonie auch. Komisch, dass das nur bei ihr ein Problem ist." Das traf mich mehr als alles andere, weil ein Siebzehnjähriger mir in zwei Sätzen klarmachte, was ich seit Wochen nicht sehen wollte.
Jennifer rief eines Abends mit Katja an — sie hatte die Nummer noch von früher. „Wie kannst du einfach dein eigenes Kind abschieben", fragte sie Katja direkt ins Telefon, und ich stand daneben und hab nichts gesagt. Wieder nichts gesagt. Katja legte auf.
Dann kam der Abend, an dem Mia geschrien hat, Leonie solle „zurück zu ihrer komischen Mama", und meine Schwiegermutter im Hintergrund nur die Schultern gehoben hat, als wäre das eine vernünftige Lösung. Jennifer stand in der Küche, Geschirrtuch in der Hand, und sagte zu mir: „Entweder du tust jetzt was, Vadim, oder ich gehe mit Mia zu meiner Mutter. Ich halte das nicht mehr aus."
Ich hab in dieser Nacht nicht geschlafen. Ich hab an meine Schwester Regina gedacht, die in Aachen wohnt, mit ihrem Mann Jürgen und den beiden Kindern, Paula und dem kleinen Finn. Regina war schon immer die Vernünftige in der Familie, die, die anpackt, wenn alle anderen reden.
Am nächsten Morgen hab ich sie angerufen. „Regina, könntest du Leonie für eine Weile aufnehmen? Bis sie die Schule beendet hat, vielleicht." Am anderen Ende war es erst ruhig, dann sagte sie nur: „Vadim, das ist dein Kind." Ich hab geantwortet: „Ich weiß. Deswegen bitte ich dich, nicht irgendwen."
Ich hab Leonie am selben Nachmittag zu Regina gefahren. Im Auto hab ich ihr einen Teddy in den Arm gedrückt, den sie als Baby schon hatte, und einen Kuss auf die Stirn gegeben. Dann bin ich schnell wieder eingestiegen, Tür zugeschlagen, weggefahren. Nicht, weil es mir egal war. Weil ich wusste, wenn ich noch eine Sekunde länger geblieben wäre, hätte ich geweint, und das wollte ich vor ihr nicht.
Regina hat am Abend angerufen. Sie hat nicht geschrien, sie hat nur ganz ruhig gesagt: „Ich versteh das nicht, Vadim. Mia ist euer Kind, ja. Aber Leonie auch. Du hast sie behandelt wie ein Gast, der zu lange geblieben ist." Dann hat sie Katja angerufen und ihr dasselbe gesagt, nur schärfer. „Vergiss, dass wir jemals eine gute Beziehung hatten", soll Katja ihr geantwortet haben.
Die Jahre vergingen. Leonie wuchs bei Regina auf, zusammen mit Paula, die exakt ein Jahr älter war. Ich rief an, zu Geburtstagen, zu Weihnachten, schickte Geld — regelmäßig, zweihundertfünfzig Euro im Monat, das muss man mir lassen. Aber ich bin nicht oft gefahren. Ich hab mir gesagt, es sei besser so, weniger verwirrend für Leonie. Heute weiß ich, es war einfacher für mich.
Vor zwei Wochen rief Paula bei mir an, zum ersten Mal seit Jahren. „Onkel Vadim", sagte sie, „Leonie und ich haben unser Abitur bestanden, beide." Ich hab mich gefreut, ehrlich gefreut, und gesagt, ich würde sie beide zum Essen einladen, ins Brauhaus am Markt. Dann hörte ich im Hintergrund, wie jemand das Telefon übernahm — Leonies Stimme, kühl, höflich: „Wer ist da? Ach. Entschuldigung, ich habe gerade keine Zeit."
Sie hat aufgelegt.
Ich saß mit dem Hörer in der Hand in meiner Küche in Mönchengladbach, draußen fuhr die Straßenbahn vorbei, die Fenster klapperten leicht, wie immer um diese Zeit. Ich hab verstanden, was das bedeutete. Siebzehn Jahre, in denen Geld geflossen ist, aber keine echte Nähe. Ich hatte gedacht, das eine ersetzt das andere.
Drei Tage später kam ein Brief. Nicht von Leonie — von Regina. Darin ein Dokument: die Löschung meiner Kontovollmacht für das Sparkonto, das ich für Leonie eingerichtet hatte, als sie zwölf war, mit vierzehntausend Euro Grundkapital über die Jahre. Regina schrieb, Leonie habe mit achtzehn das Konto selbst übernommen und die Vollmacht widerrufen, mit Hilfe eines Notars in Aachen. Dazu ein kurzer Satz, handschriftlich am Rand: „Sie will nichts mehr von dir, was du ihr geben kannst. Sie will nur, dass du verstehst, was du ihr genommen hast."
Ich bin nach Aachen gefahren, ohne anzurufen. Regina hat mir an der Tür geöffnet, nicht unfreundlich, aber bestimmt. „Sie ist hier, aber sie will dich nicht sehen." Ich hab gesagt, ich warte. Eine halbe Stunde später kam Leonie aus ihrem Zimmer, in der Hand eine braune Mappe. Sie legte sie auf den Küchentisch.
„Das ist alles, was du mir geschickt hast, die Kontoauszüge, die Geburtstagskarten. Ich hab sie aufbewahrt, weil ich dachte, irgendwann erklärst du mir, warum." Sie setzte sich nicht. „Du musst mir nichts erklären. Ich hab's verstanden. Du hast entschieden, und Tante Regina hat die Entscheidung ausgehalten. Das Konto ist jetzt meins, das Geld brauch ich für die Uni in Köln. Danke dafür. Aber einen Vater hab ich in dem Haus nicht gehabt. Den hatte Mia."
Dann ging sie zurück in ihr Zimmer. Die Tür schloss sich, nicht zugeschlagen, nur normal geschlossen — und das war schlimmer als jeder Knall.
Ich fahre jetzt manchmal am Wochenende nach Aachen, nicht oft, aber öfter als vorher. Ich sitze meistens eine Stunde mit Regina in der Küche, Leonie bleibt in ihrem Zimmer. Letztes Mal hat sie mir fünf Minuten gegeben, am Küchentisch, und mir erzählt, dass sie Medizin studieren will. Ich hab zugehört, ohne zu unterbrechen, und das war wahrscheinlich das Erste, was ich richtig gemacht habe, seit sie elf war.
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