Drei Wochen zuvor war sie beim Ausrutschen auf der vereisten Kellertreppe umgeknickt, der Bruch im Wadenbein war klar auf dem Röntgenbild zu sehen gewesen. Die Ärztin in der Uniklinik Essen hatte es ihr eindringlich gesagt: Hochlagern, kaum Belastung, sechs Wochen Geduld. Jörg, ihr Mann seit elf Jahren, hatte bei dem Termin neben ihr gesessen und genickt, als würde er es ernst nehmen.
Zwei Tage später saß er am Küchentisch, scrollte durch sein Handy und sagte, ohne aufzuschauen: „Übrigens, für meinen Fünfzigsten hab ich schon fünfundzwanzig Leute eingeladen. Grillfest im Garten, mit Pavillon und allem. Du kümmerst dich um Salate, Fleisch, Kuchen – das Übliche halt."
Kim stellte die Kaffeetasse ab. „Jörg. Ich hab einen Gips am Bein."
„Ja, und?" Er sah endlich hoch, mit diesem Blick, den sie seit Jahren kannte und der bedeutete: Diskussion beendet, bevor sie angefangen hat. „Du musst ja nicht joggen dabei. Setz dich auf den Küchenstuhl und schneide halt sitzend. Die Leute erwarten was Anständiges, ich lass mir doch nicht meinen Fünfzigsten von so einem blöden Bein versauen."
„Wir könnten einen Grillservice bestellen, es gibt diesen Laden an der Herner Straße—"
„Für fünfundzwanzig Leute? Das kostet ein Vermögen, das ist doch Wahnsinn." Er stand auf, kippte den Rest seines Kaffees in die Spüle. „Meine Mutter hat auch für vierzig Leute gekocht, als sie schwanger war mit mir. Da ist keiner gestorben."
Kim erwiderte nichts mehr. Sie wusste, wohin dieses Gespräch führen würde, egal was sie sagte.
Also stand sie am Samstagmorgen um vier Uhr auf, während draußen noch die Straßenlaternen brannten und der Nachbarshund zweimal kurz anschlug und wieder still wurde. Sie hüpfte auf einem Bein zur Arbeitsplatte, die Krücke unter dem linken Arm, mit der rechten Hand hantierte sie mit Töpfen, die viel zu schwer für eine Hand waren. Alle zwanzig Minuten setzte sie sich auf den Hocker, presste die Handballen gegen die Augen, stand wieder auf.
Kartoffelsalat, mariniertes Fleisch für den Grill, ein Blech Käsekuchen, dazu Bowle in der großen Glasschüssel, die sonst nur zu Weihnachten aus dem Keller kam. Um halb elf war der Garten voller Gäste, der Duft von Kohle und Marinade hing über dem Rasen, und Jörg stand mit einer Flasche Bier am Pool – den er sich letztes Jahr extra für Momente wie diesen hatte bauen lassen – und lachte mit seinem Bruder, während Kim in der Küche stand und die letzten Teller richtete, ohne dass jemand sie ein einziges Mal gefragt hatte, ob sie sich setzen wolle.
Gegen zwölf kam Renate zur Tür herein. Jörgs Mutter, zweiundsiebzig, in einem beigen Kostüm, das sie sich extra für diesen Anlass hatte schneidern lassen, mit einem in Geschenkpapier verpackten Paket unter dem Arm. Sie blieb auf der Türschwelle zur Küche stehen und sah Kim an – den Gips, die Krücke an der Wand gelehnt, die Schweißperlen auf der Stirn ihrer Schwiegertochter.
„Kim. Was machst du hier drin? Du solltest doch draußen bei den Gästen sein, mit hochgelegtem Bein."
„Jörg wollte, dass ich koche. Für alle fünfundzwanzig." Kim wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, ihre Stimme klang flach vor Erschöpfung, nicht vor Selbstmitleid. „Catering war ihm zu teuer."
Renate sagte nichts. Sie stellte das Geschenk auf die Anrichte, drehte sich um und ging durch den Flur nach draußen, ihre Absätze klackten auf dem Fliesenboden im gleichen Takt wie Kims Herzschlag beschleunigte.
Zehn Minuten später hörte Kim Jörgs Stimme über die Musik hinweg, laut, mit diesem Unterton von Panik, den ein erwachsener Mann bekommt, wenn seine Mutter vor Publikum mit ihm spricht. Kim humpelte zur Terrassentür, die Krücke tastete sich über die Fliesen.
Fünfundzwanzig Gäste standen im Halbkreis um den Pool. In der Mitte stand Renate, die Handtasche fest unter dem Arm geklemmt, und vor ihr Jörg, mit einer Bierflasche in der Hand, die er offensichtlich vergessen hatte abzustellen.
„Mama, das ist doch nicht der Ort—"
„Doch, genau der Ort." Renates Stimme war ruhig, trug aber bis zur Terrasse. „Du hast deine Frau, die sich vor drei Wochen das Bein gebrochen hat, gezwungen, seit vier Uhr morgens für fünfundzwanzig Leute zu kochen. Auf einem Bein. Während du hier am Pool Bier trinkst und mit deinem Bruder über den neuen BMW deines Kumpels sprichst."
Ein Raunen ging durch die Gästeschar. Jemand ließ sein Plastikbesteck auf den Teller fallen.
„Das ist doch übertrieben, sie hat gesagt, es geht schon—"
„Sie hat gar nichts gesagt, weil sie weiß, dass Widerspruch bei dir keinen Zweck hat." Renate trat einen Schritt näher. „Ich habe deinen Vater vierunddreißig Jahre lang ertragen, der genau so war. Ich dachte, ich hätte dich anders erzogen."
Jörg wurde rot, dann bleich, dann wieder rot. „Mama, bitte, nicht vor allen—"
„Doch, vor allen. Weil du es vor allen mit ihr gemacht hast." Renate öffnete ihre Handtasche, holte ein gefaltetes Blatt Papier heraus – die Einladungsliste, die Kim ihr am Telefon vorgelesen hatte, bevor sie überhaupt wusste, wie die Feier ablaufen würde. „Ich habe hier fünfhundert Euro für dein Geschenk mitgebracht. Ein neues Grillzubehör-Set, das du dir gewünscht hast." Sie faltete das Papier wieder zusammen, steckte es zurück. „Das Geld geht stattdessen an Kim. Für ein Wochenende ohne dich, sobald ihr Bein verheilt ist. Und das Grillzubehör kaufst du dir selbst, wenn du dann noch Lust dazu hast."
Jörg stand da, die Bierflasche tropfte ihm über die Finger, weil er sie schräg hielt, ohne es zu merken. Ein paar Gäste hatten schon angefangen, ihre Sachen zusammenzupacken.
Kim stand in der Terrassentür und sah zu, wie ihr Mann zum ersten Mal seit Jahren keine Antwort parat hatte.
Am Montag, während Jörg im Büro war, saß Kim am Küchentisch mit dem Gips hochgelegt auf einem zweiten Stuhl und rief bei ihrer Bank an. Das gemeinsame Konto hatten sie nie richtig aufgeteilt – ihr Gehalt als Physiotherapeutin floss seit Jahren automatisch mit hinein, während Jörg das Geld für Poolbau, Grillpavillon und die jährliche Kreuzfahrt mit seinen Kumpels verwaltete. Sie eröffnete ein eigenes Konto bei der Sparkasse, ließ ihr Gehalt umleiten und legte die Kontoauszüge der letzten drei Jahre auf den Tisch, um genau nachzurechnen, was ihr an Ausgleich zustand.
Als Jörg am Abend nach Hause kam und die Kontoauszüge auf dem Tisch liegen sah, neben einem Ausdruck der neuen IBAN, fragte er nur: „Was soll das werden?"
„Zweitausenddreihundert Euro", sagte Kim, ohne aufzublicken. „So viel hast du in den letzten zwei Jahren für deine Angelausflüge und den Pool ausgegeben, während ich meine Fortbildungen selbst bezahlt habe. Ich hole mir das jetzt zurück, in monatlichen Raten, direkt von unserem gemeinsamen Konto auf meins."
Er öffnete den Mund, um zu widersprechen. Dann erinnerte er sich, wie es sich angefühlt hatte, am Pool zu stehen, während fünfundzwanzig Menschen zusahen, wie seine Mutter ihm die Leviten las – und schloss ihn wieder.
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