„Nach zwölf Jahren in Österreich kam Helga zurück – und kaufte plötzlich nur noch beim Discounter“

—Du nimmst wirklich die billigste Butter?

Renate stand mit verschränkten Armen vor dem Kühlregal eines Supermarkts in Leipzig.

Helga legte die Packung ruhig in ihren Korb.

—Sie wird genauso aufs Brot gestrichen.

Renate sah hinein.

Kartoffeln, Haferflocken, Äpfel, Butter.

—Zwölf Jahre in Österreich, und jetzt rechnest du jeden Cent?

Helga hob eine Augenbraue.

—Vielleicht habe ich gerade deshalb etwas erreicht.

Renate verstand den Satz nicht.

Helga war neunundsechzig.

Mit sechsundfünfzig war sie nach Salzburg gegangen.

Zuerst arbeitete sie als Zimmermädchen in einer kleinen Pension, später in einer Bäckerei.

Sie stand jahrelang um vier Uhr morgens auf.

In ihrer Heimat erzählte sie davon kaum etwas.

Dort sah man nur das Ergebnis:

Helga arbeitete im Ausland.

Also musste Helga reich sein.

Nach ihrer Rückkehr lebte sie jedoch wieder in ihrer alten Zweizimmerwohnung.

Sie fuhr Straßenbahn.

Trug denselben Wintermantel wie vor fünf Jahren.

Und verglich im Supermarkt Preise.

Ihr Sohn Thomas verstand es ebenfalls nicht.

—Mama, ich mache mir Sorgen.

—Warum?

—Du hast gestern deine Brille nicht bestellt.

—Nächsten Monat.

—Warum nächsten Monat?

Helga faltete ein Geschirrtuch.

—Weil ich es so entschieden habe.

Thomas wurde ungeduldig.

—Du hast zwölf Jahre gearbeitet. Wo ist das Geld?

Helga sah ihn ruhig an.

—Das ist eine ziemlich direkte Frage.

—Ich bin dein Sohn.

—Deshalb darfst du sie stellen. Aber ich muss sie nicht beantworten.

Drei Wochen später änderte sich alles.

Thomas’ Tochter Marie kam zu Helga.

Sie studierte Sozialpädagogik und arbeitete nebenbei in einem Jugendzentrum.

—Oma, das Zentrum muss schließen.

—Warum?

—Der Vermieter verkauft das Gebäude.

Marie erzählte fast eine Stunde.

Von Jugendlichen, die dort Hausaufgaben machten.

Von einer alleinerziehenden Mutter, die dort Beratung bekam.

Von einem zwölfjährigen Jungen, der jeden Nachmittag kam, weil er zu Hause allein war.

Helga hörte zu.

Dann fragte sie:

—Wann wird verkauft?

Zwei Monate später saßen Thomas und Marie bei einem Notar.

Thomas verstand zunächst überhaupt nichts.

Dann wurde ihnen erklärt, dass Helga vor Jahren eine kleine Gewerbeimmobilie gekauft hatte.

Nicht das alte Jugendzentrum.

Ein anderes Gebäude, drei Straßen weiter.

Größer.

Mit Hof.

—Du besitzt ein Haus? fragte Thomas.

—Ein ziemlich hässliches.

—Seit wann?

—Seit sieben Jahren.

Marie starrte ihre Großmutter an.

—Warum hast du nie etwas gesagt?

Helga zuckte mit den Schultern.

—Weil keiner gefragt hat, ob ich ein hässliches Haus besitze.

Thomas legte die Hände auf den Tisch.

—Mama!

Jetzt musste sogar der Notar lachen.

Helga stellte das Gebäude für eine symbolische Miete dem Träger des Jugendzentrums zur Verfügung.

Thomas war sprachlos.

Auf dem Heimweg sagte er:

—Du hast all die Jahre gespart, um irgendwann so etwas zu machen?

—Nicht genau dafür.

Helga sah aus dem Fenster.

—Ich wollte nur nicht, dass mein Geld verschwindet. Es sollte irgendwann etwas tragen.

—Und deshalb kaufst du die billigste Butter?

—Nein.

Sie sah ihn streng an.

—Die kaufe ich, weil sie nächste Woche wieder im Angebot ist.

Ein halbes Jahr später wurde das neue Jugendzentrum eröffnet.

Marie führte ihre Großmutter durch die Räume.

Im Hof standen neue Holzbänke.

An einer davon war ein kleines Schild befestigt:

„Helgas Bank“

Helga blieb stehen.

—Wer hat das erlaubt?

Marie grinste.

—Zu spät. Festgeschraubt.

Am Nachmittag saß Helga dort mit einer Tasse Kaffee.

Renate, die zufällig zur Eröffnung gekommen war, setzte sich neben sie.

—Helga, ich muss dir etwas sagen. Ich habe dich völlig falsch eingeschätzt.

Helga nahm einen Schluck.

—Das passiert, wenn man in fremde Einkaufskörbe schaut.

Renate wurde rot.

Dann mussten beide lachen.

Kurz darauf kam ein Mädchen aus dem Jugendzentrum und stellte einen Teller Kuchen vor Helga.

—Der ist für Sie.

—Warum?

—Marie sagt, ohne Sie gäbe es diesen Ort nicht.

Helga nahm die Kuchengabel.

Diesmal fragte sie nicht, was das Stück gekostet hatte.

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