Mit einundsechzig stellte Hanna Baumann einen roten Küchenschrank in ihre neue Wohnung.

Mit einundsechzig stellte Hanna Baumann einen roten Küchenschrank in ihre neue Wohnung.

Er passte weder zum Boden noch zu den weißen Wänden. Genau deshalb behielt sie ihn.

Ihr ehemaliger Mann Klaus hatte siebenunddreißig Jahre lang auf passende Farben, vernünftige Anschaffungen und feste Abläufe bestanden. Hanna hatte sich daran gewöhnt, vor jedem Kauf zu überlegen, ob er ihm gefallen würde.

Eines Morgens merkte sie, dass sie sogar die Marmelade nach seinem Geschmack auswählte.

Die Scheidung verlief ohne Streit. Klaus war überzeugt, dass Hanna nach einigen Wochen zurückkommen würde.

Sie zog jedoch nach Bamberg, mietete eine Wohnung über einer alten Bäckerei und nahm einen Hund aus dem Tierheim auf. Der kleine Mischling hieß Otto, schnarchte laut und mochte den roten Schrank.

Daniel, der Nachbar vom Hinterhaus, war dreiundvierzig und arbeitete als Keramiker. Hanna lernte ihn kennen, als Otto durch die offene Hoftür in seine Werkstatt lief und eine Schale umwarf.

—Ich bezahle sie —sagte Hanna erschrocken.

Daniel betrachtete die Scherben.

—Die war sowieso hässlich. Otto hat ein gutes Auge.

Als Entschuldigung half Hanna ihm bei den Rechnungen. Sie hatte früher in der Buchhaltung eines Möbelhauses gearbeitet. Daniel wiederum zeigte ihr, wie man Ton formte.

Ihre erste Schüssel war schief.

—Die hat Charakter —behauptete er.

—Die hat einen Unfall.

Bald verbrachte Hanna jeden Donnerstagabend in der Werkstatt. Ihr Sohn Felix bemerkte die Veränderung. Seine Mutter ging nicht mehr bei jedem Anruf sofort ans Telefon. Manchmal schrieb sie nur: „Bin beschäftigt.“

Als Felix Daniel im Hof sah, wurde er misstrauisch.

—Mama, was will dieser Mann von dir?

—Dass ich seine Belege ordentlich abhefte.

—Er ist viel jünger.

—Seine Steuererklärung leider nicht.

Felix lachte nicht. Er befürchtete, seine Mutter könnte enttäuscht oder ausgenutzt werden. Ohne sie zu fragen, rief er sogar Daniel an.

Hanna erfuhr davon, weil Daniel es ihr am nächsten Tag erzählte.

—Ihr Sohn wollte wissen, welche Absichten ich habe.

Hanna stellte den Tonklumpen auf den Tisch.

—Und was haben Sie gesagt?

—Dass ich hoffe, Sie übernehmen auch nächstes Jahr meine Buchhaltung.

Hanna musste lachen. Dann wurde sie ernst.

—Es tut mir leid. Alle glauben, ich hätte nach der Scheidung meinen Verstand an der alten Adresse vergessen.

Kurz vor Weihnachten meldete Daniel sie gemeinsam für einen Stand auf dem Adventsmarkt an. Hanna wollte ihre Schalen nicht verkaufen.

—Die sind nicht gut genug.

—Dann entscheiden das die Leute.

Am ersten Tag erschien Klaus. Er nahm eine schiefe blaue Schüssel in die Hand.

—So etwas stellst du jetzt her?

Früher hätte Hanna sich geschämt. Diesmal nannte sie ruhig den Preis.

Klaus stellte die Schüssel zurück.

Wenig später kam Felix. Er hatte das Gespräch gehört. Ohne zu handeln, legte er das Geld auf den Tisch und nahm genau diese Schüssel.

—Für meine Küche —sagte er. —Da passt sowieso nichts zusammen.

Am Abend war Hannas Regal fast leer. Daniel brachte zwei Becher mit heißem Apfelsaft.

—Und? Bereuen Sie den roten Schrank noch?

—Keine Sekunde.

Als Hanna nach Hause kam, stellte sie die letzte unverkaufte Schale hinein. Otto legte sich davor auf den Teppich.

Das Telefon klingelte. Klaus’ Name erschien auf dem Display.

Hanna sah kurz darauf, ließ es weiterklingeln und öffnete stattdessen das Fenster. Aus Daniels Werkstatt drang Musik in den Hof.

Sie nahm ihren Mantel und ging wieder hinunter.

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Mit einundsechzig stellte Hanna Baumann einen roten Küchenschrank in ihre neue Wohnung.