Ich lernte Martin kennen, als ich zweiundfünfzig war.
Er war vierundvierzig und arbeitete als Fahrdienstleiter bei der Bahn in der Nähe von Leipzig.
Ich hatte zwei erwachsene Töchter aus meiner ersten Ehe.
Die ältere, Anne, lebte mit ihren Kindern Emil und Lotta in Halle.
Martin selbst hatte keine Kinder.
Er behauptete, das mache ihm nichts aus.
Dann kamen meine Enkel.
Zuerst nur sonntags.
Dann für Wochenenden.
Später lagen plötzlich Legosteine unter unserem Sofa, obwohl niemand wusste, wer sie dort hingetan hatte.
Martin gewöhnte sich erstaunlich schnell daran.
Er baute mit Emil ein Hochbeet.
Er brachte Lotta bei, wie man einen platten Fahrradreifen flickt.
Und er führte eine Regel ein:
Wer samstags zuerst wach war, durfte das Frühstück bestimmen.
Diese Regel bereute er, nachdem Lotta mit sechs Jahren um halb sechs morgens Pfannkuchen verlangte.
Nur eine Sache blieb schwierig.
Das Wort „Opa“.
Emils leiblicher Großvater väterlicherseits lebte noch und hatte regelmäßigen Kontakt zu den Kindern.
Martin wollte keine Konkurrenz.
—Kinder brauchen keine fünf Opas.
—Warum nicht? fragte Lotta.
—Weil… das unübersichtlich wird.
—Dann schreiben wir Namen dazu.
Für Kinder sind viele Probleme erstaunlich leicht lösbar.
Für Erwachsene nicht.
Als Emil zehn war, geriet Annes Ehe in eine schwere Krise.
Es gab viele Gespräche, getrennte Wohnungen und ständig wechselnde Pläne.
Die Kinder bekamen mehr mit, als die Erwachsenen glaubten.
Eines Freitagabends klingelte es.
Vor der Tür stand Emil.
Mit seinem Schulrucksack und einem kleinen Koffer.
Martin öffnete.
—Was machst du denn hier?
—Kann ich bei euch schlafen?
—Weiß deine Mutter, dass du hier bist?
Emil nickte.
Anne hatte ihn tatsächlich gebracht, saß aber noch weinend im Auto.
Ich ging zu ihr.
Martin blieb mit Emil im Flur.
Später erzählte er mir, was dort passiert war.
Emil hatte gefragt:
—Wenn Mama und Papa sich scheiden, bist du dann immer noch mein Opa?
Martin war völlig überrascht.
—Emil, ich bin doch eigentlich gar nicht…
Der Junge unterbrach ihn.
—Genau das meine ich.
Martin setzte sich auf die Treppenstufe.
—Was meinst du?
—Wenn alles sich ändert. Änderst du dich dann auch?
Diese Frage traf ihn.
Er sagte später, er habe in diesem Moment verstanden, dass Kinder Familie ganz anders betrachten.
Nicht nach Stammbäumen.
Sondern danach, wer morgen noch da ist.
Martin antwortete:
—Nein.
—Nein was?
—Ich ändere mich nicht.
Emil stellte den Koffer ab.
—Gut.
Dann fragte er:
—Gibt es morgen Pfannkuchen?
Das war alles.
Aber von diesem Abend an hörte Martin auf, das Wort Opa zu korrigieren.
Die nächsten Monate waren für Anne schwierig.
Martin mischte sich nicht in die Trennung ein.
Aber jeden Mittwoch holte er Emil vom Fußball ab.
Lotta machte ihre Hausaufgaben bei uns.
Wenn Erwachsene Termine hatten, waren die Kinder da.
Still und selbstverständlich.
Ein Jahr später feierten wir Martins Geburtstag im Garten.
Auch der leibliche Großvater der Kinder war eingeladen.
Emil rief vom anderen Ende des Gartens:
—Opa!
Beide Männer drehten sich um.
Lotta lachte.
—Ihr müsst euch Nummern geben!
Der andere Großvater hob sein Glas.
—Ich war zuerst da. Ich nehme Nummer eins.
Martin grinste.
—Kein Problem. Ich bin sowieso besser in der zweiten Schicht.
Später standen die beiden gemeinsam am Grill.
Es war plötzlich ganz einfach.
Heute ist Emil siebzehn.
Lotta vierzehn.
Sie brauchen keinen Babysitter mehr.
Trotzdem kommen sie noch oft.
Manchmal ohne ihre Mutter.
Emil geht direkt in Martins Werkstatt.
Lotta öffnet den Kühlschrank, als gehöre er ihr.
Neulich sagte ich:
—Früher war es hier ruhiger.
Martin nickte.
—Schrecklich ruhig.
Vor einigen Wochen renovierten wir das Gästezimmer.
Ich wollte das alte Etagenbett verkaufen.
Martin war dagegen.
—Warum behalten?
—Man weiß nie.
—Was weiß man nie?
Er strich mit der Hand über den Holzrahmen.
—Vielleicht kommen irgendwann wieder kleine Kinder.
Ich sah ihn an.
—Du meinst Urenkel?
Martin verzog das Gesicht.
—Sag das nicht so laut. Ich bin noch viel zu jung.
In diesem Moment kam Emil zur Tür herein.
—Opa, kannst du mir helfen?
Martin stand sofort auf.
—Was ist kaputt?
Ich musste lachen.
Manche Diskussionen gewinnt man nicht mit Argumenten.
Man gewinnt sie einfach mit den Jahren.







