# Der Deal für die Alster-Werft
Jost Ahrens hatte kein Geld übrig, und trotzdem wollte er es wiedergutmachen. Vier Wochen vorher hatte er beinahe alles, was auf dem Firmenkonto lag, in Vorschüsse für drei Gitarristen aus Hamburg-Altona gesteckt, die er für sein kleines Tonstudio in der Schanze gewinnen wollte. Und jetzt saß er da, Ende August, mit einer Freundin, die kurz davor war, ihn zu verlassen, und einem Kontostand, der ihm noch nicht mal ein Abendessen im Alsterblick erlaubte.
Sina hatte ihm am Telefon gesagt, sie brauche mal ein paar Tage nur mit ihm, ohne Studio, ohne Bands, ohne dass sein Handy alle zwanzig Minuten vibriert. „Ich zähl mit, Jost", sagte sie. „Zwanzig Minuten. Wenn du auch nur einmal drangehst, fahr ich zurück zu meiner Schwester." Sie hatte die Tasche schon halb gepackt neben der Wohnungstür stehen. Er hätte sie zum Dönerladen um die Ecke einladen können — extra Portion Zaziki, als Wiedergutmachung. Machen andere Leute in seiner Lage. Er war anders.
Er hatte irgendwo gelesen: Wer sich für den Kauf einer Immobilie auf einer bestimmten Karibikinsel interessiert, kriegt die Besichtigung geschenkt, samt Anreise. Also rief er einen Makler in London an und behauptete, er besitze ein Musiklabel — halb wahr — und wolle dort ein Aufnahmestudio bauen — komplett erfunden. Der Mann am anderen Ende klang, als hätte er auf genau diesen Anruf gewartet. Zwei Wochen später saßen Jost und Sina in einem cremefarbenen Geländewagen, der sie vom Kleinflughafen abholte.
„Das ist verrückt", sagte Sina im Wagen, aber sie hatte seine Hand genommen, und ihr Daumen strich über seine Fingerknöchel, während draußen die Palmen vorbeizogen. Sechs Tage lang zeigte man ihnen Inseln. Nachts lagen sie am Pool, tagsüber am Strand, und Jost dachte an keine einzige Rechnung. Am vierten Abend sagte Sina, mit den Füßen im warmen Wasser des Pools: „Das hier war die beste Idee, die du seit Monaten hattest. Vielleicht seit einem Jahr." Er nahm es als gutes Zeichen und sagte nichts von dem Kontostand.
Als die Tour zu Ende war, fragten sie, ob es noch etwas Besonderes gebe. Es gab etwas. Eine unbewohnte Insel namens Moskito Cay, umgeben von einem Korallenriff, mit weißem Sand, auf dem im Frühsommer Meeresschildkröten ihre Eier vergruben. In der Mitte zwei kleine Süßwasserseen und ein Hügel voller wildem Grün. Jost erinnerte sich an ein Werbeplakat, das er als Junge in der Bahnhofsunterführung in Altona gesehen hatte — Kokosnuss, weißer Strand, das ganz große Versprechen. Genau das stand jetzt vor ihm.
„Was kostet die?", fragte er.
„2,8 Millionen Pfund", sagte der Makler.
„Ich kann 140.000 bieten." Er hatte das Geld nicht.
„Der Preis liegt bei 2,8 Millionen."
„190.000. Mehr geht nicht."
Der Helikopter brachte sie zurück zur Villa. Vor der Tür standen ihre Koffer, gepackt und abgestellt wie Sperrmüll. Der Makler hatte sie rausgeworfen. Sina stand daneben, die Arme verschränkt, und sagte kein Wort, bis sie im Taxi zum Flughafen saßen. Dann: „Du bietest 190.000 Pfund, die du nicht hast, für eine Insel, die 2,8 Millionen kostet. Und ich dachte, wir fahren weg, damit du mal *nicht* an Zahlen denkst."
Am Flughafen dann die Durchsage: Flug gestrichen. Wartehalle, hundert Leute, die zwischen den Bänken hin und her liefen, ohne Ziel. Sina setzte sich auf ihren Koffer und rieb sich die Schläfen. Jost stand da und dachte: Irgendjemand muss doch etwas tun. Also charterte er für 1.800 Dollar — die er ebenfalls nicht hatte — eine kleine Propellermaschine, obwohl er so etwas noch nie in seinem Leben getan hatte. Er zählte die gestrandeten Passagiere durch, rechnete kurz, kam auf 35 Dollar pro Sitzplatz. Er lieh sich eine Tafel von der Information, schrieb mit Kreide in Großbuchstaben: ALSTER AIR. ONE-WAY NACH SAN JUAN – 35 US-DOLLAR.
Die Leute strömten zu ihm, Scheine in der Hand, noch bevor er die Tafel richtig aufgestellt hatte. Sina blieb auf ihrem Koffer sitzen und sah zu, wie er das Geld in einer Umhängetasche sammelte, wie er lachte, wie er einer alten Frau half, ihren Koffer zu verstauen. Als die Maschine startbereit war und er sich neben Sina in den letzten freien Sitz zwängte, verschwitzt, mit einer Tasche voll Bargeld auf dem Schoß, sagte sie nur: „Du hast gerade aus dem Nichts eine Fluglinie eröffnet, um pünktlich zum Abendessen zu Hause zu sein." Es war weder Vorwurf noch Lob, nur Feststellung. Er griff nach ihrer Hand. Sie ließ es zu.
Drei Monate später, zurück in Hamburg, in der kleinen Studiowohnung über dem Tonstudio, klingelte das Telefon um halb neun abends. Jost saß am Küchentisch, vor sich einen Kontoauszug und Sina, die gerade ihre Kündigung für die gemeinsame Wohnung auf den Tisch gelegt hatte. „Ich krieg das nicht mehr hin, Jost. Nicht so. Nicht mit Zaziki-Portionen als Entschuldigung und Inselreisen, die wir uns nicht leisten können." Er hatte den Mund schon geöffnet, um zu antworten, da klingelte es.
Der Makler aus London, seine Stimme kratzig durch die schlechte Leitung: Der Besitzer von Moskito Cay sei doch nicht so vermögend, wie alle dachten, er wolle ein Haus in London bauen, brauche dafür 200.000 Pfund. Ob Herr Ahrens noch Interesse habe.
„175.000", sagte Jost, ohne nachzudenken. Sina sah von der Kündigung auf.
Der Makler lachte kurz, sagte, das sei zu wenig, legte auf. Jost legte den Hörer zurück auf die Gabel und starrte auf den Kontoauszug. Sina hatte die Kündigung noch in der Hand.
„Du hast gerade für eine Insel geboten, während ich dir sage, dass ich ausziehe", sagte sie.
„Ich weiß."
„Und?"
„Und ich will die Insel. Und ich will dich. Beides gleichzeitig, das ist wahrscheinlich das Verrückteste, was ich je gesagt habe, aber es stimmt." Er schob den Kontoauszug zur Seite. „Ich hab kein Geld für die Insel. Ich hab auch kein Geld, um dir zu beweisen, dass ich mich ändere. Aber ich werde beides versuchen. Gib mir drei Monate."
Sina faltete die Kündigung zusammen, langsam, und steckte sie zurück in ihre Handtasche. Sie sagte nicht, dass sie bleibt. Sie sagte nur: „Drei Monate. Und dein Handy bleibt beim Essen aus."
Er hielt sich daran, so gut er konnte. Er rief Banken an, seinen Vater, zwei Freunde aus Studienzeiten, die inzwischen bei der Sparkasse und bei einer Reederei arbeiteten. Er bekam 60.000 von der Bank, 40.000 von seinem Vater, den Rest von Freunden, die ihm vertrauten oder ihn für verrückt genug hielten, dass es sich lohnte, dabei zuzusehen. Sina fragte jeden Abend, wie weit er sei, nicht misstrauisch, sondern so, wie man nach dem Stand einer Operation fragt, deren Ausgang man nicht kennt.
Drei Monate später klingelte das Telefon wieder. Diesmal war es Sina, die abnahm, weil Jost gerade unter der Dusche stand. Sie klopfte gegen die Badezimmertür. „Der Makler. Er sagt, die Insel steht für 180.000 Pfund zum Verkauf."
Jost kam mit nassen Haaren und einem Handtuch um die Hüften aus dem Bad, nahm ihr den Hörer aus der Hand. „Ich nehme sie."
Er kaufte Moskito Cay mit geliehenem Geld, von der Bank, von der Familie, von Freunden, die er nun alle würde zurückzahlen müssen, ohne genau zu wissen, wie. Aber er hatte laut gesagt, was er wollte, zu einem Zeitpunkt, an dem er auf dem Papier keine einzige Chance hatte. Und sein Angebot war am Ende das einzige, das überhaupt gemacht wurde.
Ein Jahr später standen Jost und Sina zusammen auf dem Hügel von Moskito Cay, zwischen wildem Grün, das jemand roden musste, bevor hier je ein Fundament in die Erde konnte. Sina hatte eine Thermoskanne Kaffee mitgebracht, aus der sie sich beide in Plastikbechern eingossen, weil es sonst nichts gab, keinen Tisch, kein Haus, nur Sand, zwei Süßwasserseen und die Reste einer Markierungsschnur, die die Bauleute gespannt hatten.
„Weißt du noch, was ich in London gesagt hab? Dass du eine Fluglinie eröffnet hast, um pünktlich zum Abendessen zu sein?", fragte sie.
„Ja."
„Ich dachte damals, das ist das Verrückteste, was ich je erleben werde." Sie sah auf den Strand hinunter, wo eine Schildkrötenspur im Sand endete. „Jetzt steh ich hier mit einem Kaffeebecher auf unserer eigenen Insel und denke: Er hat's tatsächlich gesagt. Zweimal. Und beide Male hat's funktioniert."
Jost nahm ihr den leeren Becher aus der Hand und stellte ihn neben seinen eigenen in den Sand. „Beim dritten Mal wird's leichter", sagte er.
„Es gibt kein drittes Mal, Jost. Ich zieh nicht noch mal aus, nur um wieder einzuziehen."
„War auch nicht so gemeint." Er zog sie an sich, roch Kaffee und Salzwasser in ihren Haaren. „Ich meinte die Insel. Beim Hausbau. Da wird's leichter."
Sie lachte, zum ersten Mal an diesem Morgen richtig, und stieß ihn sanft mit der Schulter an. Unten am Strand grub eine Schildkröte im losen Sand, unbeeindruckt von den beiden Menschen auf dem Hügel, die gerade beschlossen hatten, hierzubleiben.
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