Ich bin 68 und heiße Herbert Kranz. Wohne seit 1987 in einer Doppelhaushälfte in Osnabrück, Zimmerstraße, drei Häuser von der Bäckerei Meyerhoff entfernt, wo ich jeden Morgen um sieben ein Mehrkornbrötchen kaufe. Meine Frau Ingrid ist vor fünf Jahren gestorben, an Krebs, im Herbst. Seitdem lebe ich allein, mit einem Kater namens Turbo, der jede Nacht auf meiner Fußmatte schläft und sich weigert, das Katzenklo im Keller zu benutzen, wenn es regnet.
Ich habe 38 Jahre bei einer Firma für Heizungsanlagen gearbeitet, als Meister. Werkzeugkoffer, Blaumann, Stahlkappenschuhe – das war mein Leben unter der Woche. Am Wochenende: Cordhose, kariertes Hemd, darüber eine Wollweste. Immer eine Wollweste, im Sommer eine dünnere. Zum Friseur gehe ich seit über zwanzig Jahren zu Herrn Bakirci, der mir mit der Maschine die Seiten macht und oben mit der Schere nachschneidet. Zehn Minuten, fertig, sechzehn Euro fünfzig.
Meine Tochter Sabine ist 39, arbeitet als Personalreferentin bei einem Automobilzulieferer in Bielefeld und kommt jeden zweiten Sonntag mit ihrem Mann zu Besuch. Seit dem Frühjahr redet sie mir dauernd ins Gewissen, ich solle "endlich mal was Modernes" anziehen. Angefangen hat es mit Kleinigkeiten. "Papa, das Hemd ist älter als mein Führerschein." Stimmte nicht ganz, aber fast. Dann kamen die weißen Sneaker als Geschenk, weil meine braunen Halbschuhe mich angeblich "wie einen Rentner aus dem Katalog" aussehen ließen. Ich habe gelacht und die Schuhe in den Schrank gestellt, original verpackt.
Zu meinem Geburtstag im Mai schenkte sie mir eine graue Steppjacke, "urban", wie sie sagte. Ich trug sie einmal, zum Fototermin beim Familienessen, dann nie wieder.
Der eigentliche Knall kam an einem Samstagnachmittag im Juni. Sabine kam vorbei, um mir beim Ausmisten des Kellers zu helfen, fand aber stattdessen meine graue Wollweste über der Stuhllehne in der Küche liegen. Sie hob sie mit zwei Fingern hoch, als wäre es ein totes Tier. "Papa, ehrlich, damit siehst du zehn Jahre älter aus." Der Satz saß. Ich fragte sie, warum es ihr so wichtig sei, dass ich jung aussehe. Sie korrigierte sich: nicht jung, sondern "zeitgemäßer".
Da habe ich sie etwas gefragt, das mir selbst neu war, als es aus meinem Mund kam: "Und wenn es mir gefällt, so auszusehen?"
Sabine hatte keine Antwort. Draußen fuhr gerade der Müllwagen vorbei, Turbo sprang vom Fensterbrett runter und verschwand unter dem Sofa – der hasst dieses Ding seit Jahren. Ich stand da mit der Weste in der Hand und wusste plötzlich: Ich zieh mich nicht so an, weil ich nichts anderes kenne. Ich zieh mich so an, weil ich mich darin wohlfühle.
Sabine versuchte es zu erklären. Sie meinte, seit Mama tot sei, hätte ich mich "gehen lassen". Das traf mich mehr als alles andere. Ich fragte, was genau sie damit meine. Ich dusche jeden Tag, gehe zum Friseur, spiele donnerstags Skat mit Rüdiger und Manfred im Vereinsheim, halte den Garten in Ordnung, koche mir was Vernünftiges. Aber für sie bedeutete es offenbar, dass ich seit fünfzehn Jahren dieselbe Art Kleidung trage, ich würde "nicht vorankommen".
Es wurde ein hässliches Gespräch. Sabine sagte am Ende, sie wolle mir doch nur helfen, und ich antwortete, niemand habe sie darum gebeten, mich umzukrempeln. Sie ist gegangen, ohne den Keller anzurühren, die Tür fiel zu, und ich saß noch eine Stunde am Küchentisch, die Weste immer noch auf dem Schoß.
Danach fühlte ich mich schlecht. Ich weiß, dass Sabine sich Sorgen macht. Nach Ingrids Tod bin ich monatelang kaum rausgegangen, hab mich von Tiefkühlpizza und Dosensuppe ernährt, das Telefon oft tagelang nicht abgenommen. Sabine stand damals jeden Abend vor der Tür, mit Töpfen voll Essen, die sie nicht anrührte, wenn ich nicht aß. Ein Teil von ihr hat wohl bis heute Angst, ich könnte wieder in dieses Loch fallen.
Zwei Wochen später sind wir zusammen essen gegangen, im "Ratskeller" am Markt, wo es donnerstags Rouladen gibt. Ich erzählte ihr, ich hätte über unser Gespräch nachgedacht. Gab zu: ein paar Sachen in meinem Schrank waren tatsächlich reif für die Altkleidersammlung. Mein Wintermantel zum Beispiel hatte ein aufgerissenes Innenfutter, das ich seit zwei Jahren ignorierte. "Aber ich such mir das selbst aus", sagte ich ihr.
Wir sind zusammen in ein Kaufhaus in der Innenstadt gegangen. Sabine wollte mir gleich am Eingang fünf Teile in die Hand drücken. Ich hab sie auf einen Stuhl vor der Umkleide gesetzt und gesagt, sie soll warten. Ich hab mir eine dunkelblaue Cordhose ausgesucht, zwei Hemden und eine braune Strickjacke – nicht das, was sie für mich ausgesucht hätte. Als ich aus der Kabine kam, musste sie schmunzeln. "Du siehst immer noch aus wie du."
"Das war der Plan."
Seitdem haben wir einen Weg gefunden. Ab und zu schickt sie mir ein Foto von irgendeinem Kleidungsstück über WhatsApp, und ich darf ablehnen, ohne dass sie beleidigt ist. Ich habe auch was verändert: Ich lasse mir die Haare jetzt etwas länger wachsen, und ehrlich – gefällt mir. Ich hab mir neue Turnschuhe gekauft, aber keine weißen, die werden mir zu schnell schmutzig, wenn ich mit Turbo im Park bin.
Meine Wollwesten behalte ich trotzdem alle. Letzten Monat meinte mein Enkel Finn, sieben Jahre alt, eine davon sähe "voll nach Opa" aus. Ich hab ihm geantwortet: "Ich bin dein Opa." Er musste lachen, so laut, dass Turbo wieder unters Sofa geflüchtet ist.
Mit 68 habe ich kein Problem damit, wie ein 68-Jähriger auszusehen. Was mir Sorgen macht, ist eher die Vorstellung, dass Altern etwas sei, das man dauernd kaschieren müsse. Ich möchte gepflegt sein und mich wohlfühlen. Aber ich verkleide mich nicht als jüngerer Mann, nur damit andere beruhigt sind.
Am Sonntag danach kam Sabine wieder vorbei, diesmal ohne Einkaufstüten. Sie brachte eine Kiste mit Ingrids altem Nähzeug aus dem Keller ihres eigenen Hauses mit – sie hatte sie all die Jahre aufbewahrt, ohne es mir zu sagen. "Ich dachte, du könntest damit das Futter von deinem Mantel selbst flicken. So wie Mama es gemacht hätte." Ich hab die Kiste auf den Küchentisch gestellt, direkt neben die Weste, und zum ersten Mal seit Wochen war zwischen uns wieder Ruhe, ohne dass jemand etwas sagen musste.
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