Die versunkene Yacht von Travemünde

Ich leite seit sechzehn Jahren die kleine Hafenkneipe am Priwall, gleich gegenüber vom Yachthafen, und man glaubt gar nicht, wie viel man von Leuten mitbekommt, die nur ein Bier bestellen und über ihr Leben reden, weil sie denken, die Kellnerin hört ohnehin nicht zu. Bei Konstantin Lemmer und seiner Frau Veronika war das anders. Die beiden sprachen kaum, wenn sie zusammen da waren, und genau das ist mir aufgefallen.

Konstantin war Inhaber einer Baufirma in Lübeck, einer von denen, die mit Betonmischern und Kranwagen groß geworden sind und dann irgendwann eine Villa in Travemünde kauften und eine Segelyacht dazu, eine zwölf Meter lange Bavaria, mit der er fast jedes zweite Wochenende rausfuhr. Veronika war einundvierzig, er achtundfünfzig. Sie kam manchmal allein zu uns, bestellte einen Aperol Spritz und telefonierte dabei mit jemandem, dem sie "Schatz" sagte, obwohl ihr Mann nicht dabei war. Das war schon vor über einem Jahr.

Dann tauchte dieser Mann im Fitnessstudio-Shirt auf, groß, braungebrannt, mit einem Lachen, das zu laut für einen normalen Mittwochnachmittag war. Er hieß Falk, das weiß ich, weil er irgendwann bei uns an der Theke seine EC-Karte vergessen hat und ich sie ihm nachgetragen habe. Veronika stellte ihn als "einen Freund" vor. Ich habe nichts gesagt. Man sagt in meinem Job nie etwas.

Im September bestellte Konstantin bei mir eine Kiste Rotkäppchen-Sekt, zwölf Flaschen, "für übers Wochenende auf dem Boot", wie er sagte, fröhlich wie schon lange nicht mehr. Er wollte mit Veronika rausfahren, nur die zwei, erzählte er mir, und dass die Ehe gerade wieder richtig gut laufe. Ich erinnere mich, dass ich dachte, wie seltsam es ist, dass ausgerechnet jetzt alles besser werden sollte.

Samstagmorgen, kurz nach sieben, habe ich die drei zur Yacht gehen sehen. Konstantin, Veronika – und Falk, der eine schwere Tasche über der Schulter trug. Ich habe die Kaffeemaschine gerade angestellt und dachte mir nichts weiter dabei, außer dass es ungewöhnlich war, dass noch ein Mann dazukam, den der Hausherr offenbar nicht erwartet hatte. Später, bei der Befragung, habe ich der Kriminalpolizei genau das erzählt: drei Personen, sieben Uhr vierzehn, ein stämmiger Mann mit Werkzeugkiste hinter ihnen, den ich für einen Hafenarbeiter hielt.

Zwei Tage später kam Veronika allein zu uns zurück, in schwarzer Kleidung, mit rotgeweinten Augen, und erzählte, Konstantin habe in der Nacht zu viel getrunken, sei an Deck gestolpert und über Bord gefallen. Die Küstenwache suchte zwei Tage lang zwischen Travemünde und der dänischen Grenze. Nichts. Ich habe ihr einen Kamillentee gebracht, kostenlos, und mir dabei gedacht, dass ihre Trauer merkwürdig sauber aussah, wie ein Kleid, das man extra für die Beerdigung gebügelt hat.

Bei der Trauerfeier in der Lübecker Kapelle, ohne Sarg, weil ja nichts gefunden wurde, saß ich hinten, weil Konstantin immer so freundlich zu mir gewesen war. Veronika weinte so überzeugend, dass seine alten Geschäftspartner sich um sie scharten, ihr Taschentücher reichten, ihr die Hand hielten. Ich erinnere mich an den Geruch von Lilien in der Kapelle, so stark, dass einem fast schwindlig wurde, und an Falk, der still ganz hinten stand, in einem Anzug, der ihm eine Nummer zu groß war.

Was ich damals nicht wusste: An Bord hatte es eine Woche zuvor einen Einbruch gegeben, jemand hatte eine teure Taucheruhr und ein Navigationsgerät gestohlen, und Konstantin hatte deshalb eine kleine Überwachungskamera im Cockpit installieren lassen, versteckt in der Instrumentenverkleidung. Niemand außer ihm wusste davon – nicht einmal Veronika.

Was auf dem Wasser wirklich geschah, habe ich erst Wochen später aus der Zeitung erfahren, zusammen mit halb Travemünde. Kaum hatte die Yacht offene See erreicht, kam der Mann mit der Werkzeugkiste – kein Hafenarbeiter, sondern ein von Veronika bestochener Sicherheitsmann namens Jürgen – von hinten auf Konstantin zu. Falk hatte eine Ankerkette und einen schweren Stockanker aus dem Vorschiff geholt. Zu dritt überwältigten sie ihn, banden ihm die Hände auf dem Rücken, zwangen ihn auf die Knie. "Veronika, warum?", soll er gefragt haben. Sie habe nur geantwortet: "Weil ich es leid bin zu warten." Dann hängten sie ihm die Kette um die Fußgelenke, zogen ihn zur Reling, und Falk warf zuerst den Anker über Bord, bevor er zusammen mit Jürgen Konstantin ins Wasser stieß. Oben auf Deck öffneten sie danach eine Flasche Sekt und stießen an.

Konstantin war seit zwanzig Jahren Hobbytaucher und hatte, wie ich später erfuhr, immer ein kleines Notfallmesser in einer wasserdichten Hülle am Bein verstaut – eine Gewohnheit, über die sich Veronika oft lustig gemacht hatte. In den Sekunden, bevor der Anker ihn endgültig in die Tiefe zog, schnitt er die Fessel an einem Fuß durch; die Kette verhakte sich kurz im Kiel der Yacht und bremste den Fall genau lang genug, dass er die restliche Schlinge abstreifen konnte. Erschöpft trieb er lange unter Wasser, bis er weit hinter dem Heck der Yacht auftauchte, viel zu weit, um von den dreien an Deck gesehen zu werden. Zwei Fischer aus Niendorf, die zufällig mit ihrem Kutter vorbeikamen, zogen ihn halb bewusstlos aus der Ostsee.

Der Ermittler bat Konstantin, noch ein paar Tage niemandem von seinem Überleben zu erzählen – man brauche Beweise, keine Geständnisse unter Schock. Und Veronika lieferte diese Beweise von ganz allein: Überzeugt, ihr Mann sei tot, schrieb sie Falk Nachrichten über den Verkauf der Villa in Travemünde und die Überweisung von vierhundertzwanzigtausend Euro vom gemeinsamen Depot. Die Kriminalpolizei fand zudem eine Überweisung von achttausend Euro an Jürgen, einen Tag vor der Ausfahrt – offiziell als "Wartungsarbeiten am Rumpf" verbucht.

Den entscheidenden Beweis aber lieferte die Kamera, von der Veronika nichts wusste. Als die Ermittler ihr die Aufnahme vorspielten – jede Sekunde, von der Fessel bis zum Sekt an Deck –, stritt sie nichts mehr ab.

Ich habe Konstantin ein halbes Jahr später wiedergesehen, als er kurz in meine Kneipe kam, um sich zu bedanken, weil meine Aussage über die drei Personen am Steg mit zur Anklage beigetragen hatte. Er bestellte keinen Sekt. Er bestellte einen Kaffee, schwarz, setzte sich ans Fenster mit Blick auf den Hafen und zog einen braunen Umschlag aus seiner Jacke – die Kündigung des Liegeplatzvertrags für die Bavaria, die er am selben Nachmittag beim Hafenmeister abgeben wollte. Die Yacht, sagte er, verkaufe er; das Geld gehe an die Seenotretter in Niendorf, die ihn damals aus dem Wasser gezogen hatten. Dann trank er seinen Kaffee aus, legte das Geld für die Rechnung auf den Tresen, mehr als nötig, und ging zum Hafenmeisteramt, ohne sich noch einmal nach dem Steg umzudrehen, an dem seine Frau einmal mit einem Glas Sekt in der Hand gestanden hatte.

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