Zwei fremde Menschen, ein Hund und die Sekunde, in der sich alles ändert

Ich arbeite seit vierzehn Jahren als Kassiererin im Rewe an der Ecke Bornheimer Landstraße in Frankfurt, gleich neben dem Tierarzt Dr. Wenninger. Man sieht aus dem Fenster der Kasse eins mehr vom Leben der Leute, als man denkt. Man sieht, wer sich jeden Freitag ein Fläschchen Rotwein für sich allein kauft und wer für sechs Personen einkauft, obwohl er allein an der Kasse steht. So habe ich auch Renate kennengelernt. Nicht als Freundin – als Kundin, die immer donnerstags kam, immer mit Kleingeld abgezählt, immer mit einer Extrapackung Hundekuchen, obwohl sie, soweit ich wusste, gar keinen Hund hatte.

Renate Brockmann war damals einundsechzig, Witwe – nein, das stimmt nicht ganz, sie war nie verheiratet gewesen, aber alle in der Nachbarschaft nannten sie „die alte Brockmann", als hätte sie schon immer allein gelebt. Drei Töchter hatte sie großgezogen, Silke, Manuela und Bärbel, alle mit ihr aus einem Dorf bei Fulda nach Frankfurt gezogen, als die Mädchen noch klein waren. Der Vater der Kinder – ein Landmaschinenmechaniker namens Rüdiger, den sie mit dreißig kennengelernt hatte, nachdem sie jahrelang auf den einen Richtigen gewartet hatte – war verschwunden, kaum dass er erfuhr, dass es Drillinge werden würden und alle drei Mädchen. Er wollte einen Sohn. Er trank drei Tage im Dorf herum, und dann war er weg, mit dem Firmenwagen seines Arbeitgebers, den er nie zurückbrachte.

Das alles wusste ich nur in Bruchstücken, aus dem, was Renate donnerstags an der Kasse erzählte, während ich die Konserven über den Scanner zog. Wie ihre Töchter sie zu ihrer Hochzeit einluden – dreimal, einmal Silke, einmal Manuela, einmal Bärbel – und wie sie bei jeder einzelnen Hochzeit geweint hatte, weil sie selbst nie eine gehabt hatte. Wie die Töchter sie zum Fünf-Sterne-Brunch ins Kurhaus Bad Homburg schleppten, wie sie ihr ein Profil bei einer Seniorenpartnerbörse anlegten, ohne dass etwas dabei herauskam. Ich hörte davon, wie man von einem Fernsehprogramm hört, das nebenbei läuft, während man Preise scannt.

An dem Donnerstag im Oktober, an dem alles anders wurde, hatte Renate schon zwei Wochen nicht mehr die Extrapackung Hundekuchen gekauft. Ich hatte es fast vergessen, bis sie plötzlich mit einem jungen Hund an der Leine hereinkam – was gegen die Hausordnung war, aber Frau Öztürk von der Metzgertheke drückte da immer ein Auge zu. Ein brauner Mischling, halb Dackel, halb irgendwas Größeres, mit viel zu großen Pfoten fürs Alter. Sie hatte ihn „Fiete" genannt. Sie strahlte, als sie mir davon erzählte, wie sie ihn vor dem Haus gefunden hatte, zitternd, mit Regen im Fell, und wie sie es einfach nicht übers Herz gebracht hatte, weiterzugehen.

Zwei Wochen später kam sie mit einer blauen Beule am Schienbein zur Kasse und lachte dabei, als wäre es die beste Geschichte des Jahres. Sie erzählte mir, wie ein fremder Mann im Günthersburgpark plötzlich losgerannt war, „Gustav! Mein Gustav!" gerufen und versucht hatte, Fiete an sich zu reißen. Wie sie ihn beinahe mit der Hundeleine geschlagen hätte. Wie sich die beiden dann zwanzig Minuten lang auf einer Parkbank angeschrien hatten, bis ihnen die Luft ausging.

Der Mann hieß Werner Kaltenbach, ehemaliger Werkzeugmacher bei Opel in Rüsselsheim, seit vier Jahren verwitwet, seine Frau an Krebs verloren. Er hatte den Hund – seinen Gustav – aus einem Gully am Mainufer gezogen, mit bloßen Händen, das erzählte er Renate auf der Bank, nachdem der Streit sich gelegt hatte. Eine Böllerknallerei hatte den Hund eine Woche zuvor in Panik versetzt, er war durch einen Zaunspalt entkommen und seither verschwunden gewesen. „Außer ihm habe ich niemanden mehr", sagte Werner zu ihr, und Renate, die das genauso gut kannte wie er, erwiderte nur: „Ich auch nicht."

Ich weiß das alles, weil Renate es mir Donnerstag für Donnerstag erzählte, während ich ihre Käsepackungen wog. Wie sie am Ende gemeinsam zu ihr nach Hause gegangen sind, Kuchen aus dem Kühlschrank geholt haben, wie der Hund – der jetzt beide Namen zu kennen schien, Gustav und Fiete gleichzeitig – zwischen ihren Beinen hin und her lief, bis er vor lauter Aufregung eine kleine Pfütze auf dem Küchenboden hinterließ.

Einen Monat lang kam Renate donnerstags mit einem Lächeln, das ich vorher nie an ihr gesehen hatte, und mit doppelt so viel Hundefutter im Einkaufswagen. Sie erzählte nichts Genaues, nur, dass sie „öfter im Park" sei. Ich dachte mir meinen Teil, fragte aber nicht nach – man lernt das, wenn man vierzehn Jahre an derselben Kasse steht: manche Dinge erzählen die Leute erst, wenn sie so weit sind.

Im November kam sie nicht am Donnerstag, sondern am Samstag, was noch nie vorgekommen war. Sie hatte Werner dabei, in einem Hemd, das offensichtlich neu gekauft war, die Preisfalte noch am Ärmel sichtbar. Er kaufte eine Flasche Sekt und Blumen von der Ecke draußen. Renate strahlte so, dass Frau Öztürk mich später fragte, ob die beiden gerade aus dem Standesamt kämen. Das kamen sie nicht – noch nicht. Aber wie ich später von ihr erfuhr, hatte Werner ihr genau an diesem Tag, mit dem Hund als einzigem Trauzeugen im Wohnzimmer, einen Antrag gemacht. Kein Kniefall, sein Rücken machte das nicht mehr mit, sagte er ihr offen, aber die Frage stellte er trotzdem.

Ihre drei Töchter erfuhren an demselben Tag davon, und zwar auf die unbequemste Art möglich: Sie hatten beschlossen, ihrer Mutter eine Überraschung zu machen, kauften Pralinen vom Konditor in der Berger Straße und standen plötzlich in der Küche vor einem fremden Mann, der Kaffeetassen aus dem falschen Schrank nahm, weil er die Wohnung schon besser kannte als sie erwartet hatten. Die Verlegenheit dauerte, wie Renate es mir später beschrieb, „geschätzt eine ganze Ewigkeit, real wohl zwanzig Sekunden".

Was danach kam, weiß ich nicht aus erster Hand, sondern nur von dem, was mir Renate am nächsten Donnerstag erzählte, während sie ihre Coupons sortierte: dass die Töchter erst misstrauisch waren – man liest ja ständig von Betrügern, die auf einsame Rentnerinnen aus sind –, dass sie Werner am nächsten Tag regelrecht verhörten, seinen Rentenbescheid sehen wollten, seine Steuererklärung, seine Nachbarn befragten. Dass Werner das alles klaglos über sich ergehen ließ, weil er, wie er selbst sagte, an ihrer Stelle genauso misstrauisch gewesen wäre.

Ich erfuhr auch, dass Renate an diesem Punkt etwas tat, das mich, ehrlich gesagt, mehr beeindruckt hat als der ganze Rest der Geschichte. Sie hatte, wie sich herausstellte, seit dem Tod ihrer Tante ein kleines Sparkonto bei der Frankfurter Sparkasse, gut achttausend Euro, die einzige Rücklage, die sie in ihrem Leben je besessen hatte – jahrelang beiseitegelegt für den Fall, dass eine ihrer Töchter mal in eine Notlage geriet. Sie hatte diesen Notgroschen still gehalten, keiner der drei Töchter je davon erzählt, aus Angst, sie könnten glauben, sie bräuchten das Geld nicht selbst zu verdienen.

An dem Tag, an dem sie Silke, Manuela und Bärbel mitteilte, dass sie Werner heiraten würde, holte sie den Kontoauszug aus der Schublade unter dem Fernseher, legte ihn auf den Küchentisch neben die Kaffeetassen und sagte: „Das hier ist meins. Das bleibt meins, auch nach der Hochzeit – Werner hat einen Ehevertrag beim Notar in der Kaiserstraße vorgeschlagen, bevor ich überhaupt danach fragen musste. Ich will, dass ihr das wisst, damit keine von euch sich um mich sorgen muss, wenn ich diesen Mann heirate." Kein Vorwurf, keine Rührung in der Stimme, so beschrieb sie es mir selbst. Einfach ein Blatt Papier auf den Tisch, damit die Sache klar war.

Die standesamtliche Trauung fand im März statt, im Römer, an einem kalten, aber sonnigen Dienstagvormittag. Ich war nicht eingeladen – wir waren keine Freundinnen, nur Kassiererin und Kundin –, aber Renate kam den Donnerstag danach vorbei, extra, um es mir zu erzählen, mit einem Ring am Finger, schlicht, aus dem Juweliergeschäft am Zeil, kein teures Stück, aber neu. Sie erzählte, wie Fiete-Gustav im Standesamt unter dem Stuhl lag und genau in dem Moment bellte, als der Standesbeamte fragte, ob jemand Einwände habe. Alle hätten gelacht, sagte sie, sogar Bärbel, die bis zuletzt am skeptischsten gewesen war.

Ich sehe Renate seitdem immer noch donnerstags, manchmal mit Werner, der jetzt seinerseits Hundekuchen für Gustav-Fiete kauft und mit mir über den VfB-Wetterbericht plachandert, während seine Frau die Coupons zusammensucht. Ihre Hand liegt dabei fast immer auf seinem Arm, so beiläufig, als hätte sie das schon vierzig Jahre lang getan. Letzten Donnerstag hat sie mir erzählt, dass der Notarvertrag jetzt auch regelt, wer im Fall der Fälle den Hund bekommt – „damit da keine Diskussion aufkommt", hat sie gesagt und dabei so gelacht, dass die Frau hinter ihr in der Schlange ungeduldig mit dem Einkaufswagen gescheppert hat.

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