Der treue Weg nach Lindenhain

Ernst Kowalczyk war neunzig Jahre alt geworden, allein in seiner Wohnung in Lindenhain gestorben, und das Erste, was er nach dem letzten Atemzug bemerkte, war der Geruch von frisch gemähtem Gras. Kein Krankenhausflur, kein grelles Licht. Nur ein Feldweg, Kieselsteine unter den Schuhen, und neben ihm, als wäre nichts gewesen, trottete Bruno. Der alte Schäferhund, den er vor sechs Jahren hatte einschläfern lassen müssen, weil die Hüften nicht mehr mitmachten. Jetzt lief er wieder wie mit zwanzig.

Sie gingen eine Weile zusammen, Mann und Hund, über Felder, an denen Kornblumen standen, obwohl es eigentlich November war. Die Straße zog sich endlos, staubig, und irgendwann fing Ernst an zu humpeln, weil die alten Beschwerden ihn offenbar doch begleitet hatten. Bruno hechelte, die Zunge hing ihm heraus.

Dann, hinter einer Kurve, ein Tor. Schmiedeeisen, vergoldete Ranken, und dahinter ein Anwesen, das aussah wie aus einem Prospekt für Schlosshotels an der Mosel. Springbrunnen plätscherten, irgendwo spielte jemand Klavier, und der Duft von Fliederbüschen hing in der Luft so dicht, dass Ernst husten musste.

Am Tor stand ein Mann im grauen Anzug, mit einer Liste auf einem Klemmbrett.

„Entschuldigung", sagte Ernst, „was ist das hier für ein Ort?"

„Das ist der Himmel, mein Herr. Sie sind durch, wie man so sagt. Treten Sie ein, hier dürfen Sie sich ausruhen, so lange Sie wollen."

„Gibt's hier was zu trinken? Ich hab einen Durst wie zehn Pferde."

„Mineralwasser aus eigener Quelle, Apfelschorle, Wein aus dem Keller, was Sie wünschen."

„Und zu essen?"

„Schweinebraten, Rouladen, Kuchen — alles, was das Herz begehrt."

Ernst klopfte sich den Staub von der Hose, zufrieden mit der Aussicht, dann zeigte er auf Bruno. „Der kommt natürlich mit."

Der Mann im Anzug verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. „Hunde sind hier nicht gestattet. Der bleibt draußen vor dem Tor. Da gibt es auch keine Diskussion."

Ernst ging neben Bruno in die Hocke, legte ihm die Hand auf den Nacken, wo das Fell schon grau wurde, und spürte, wie das Tier leicht zitterte, die Rute eingeklemmt zwischen den Hinterbeinen. Er dachte an die Nächte, in denen das Tier neben seinem Bett geschlafen hatte, nachdem Hildegard gestorben war. An die Spaziergänge am Rhein, als niemand sonst mit ihm reden wollte.

„Dann nicht", sagte Ernst, drehte sich um und ging mit dem Hund weiter denselben staubigen Weg.

Nach einer Stunde, vielleicht auch zwei — die Zeit lief hier anders —, kamen sie an einen Bauernhof. Kein Prunk, ein verwittertes Holztor, ein Mann in Latzhose, der auf einem umgedrehten Eimer saß und eine Pfeife rauchte.

„Guten Tag", sagte Ernst. „Ich hab fürchterlichen Durst."

„Kommen Sie rein, hinter dem Stall ist ein Brunnen."

„Und mein Hund?"

„Gleich neben dem Brunnen steht ein Napf für ihn. Hab ich schon mit Wasser gefüllt, als ich Sie beide kommen sah."

„Gibt's auch was zu essen?"

„Ich hab noch Kartoffelsuppe von gestern, und frisches Brot."

„Und für Bruno?"

„Für den finde ich bestimmt einen Knochen in der Küche."

Ernst setzte sich auf die Bank neben dem Tor, Bruno legte sich erschöpft zu seinen Füßen, die Schnauze auf Ernsts Schuhspitze, und etwas in Ernsts Brust, das sich seit dem Tod wie ein Faustschlag angefühlt hatte, löste sich zum ersten Mal, Rippe für Rippe, als würde jemand einen zu engen Gürtel öffnen.

„Sagen Sie", fragte er den Bauern, „was ist das hier für ein Ort?"

„Das ist der Himmel."

„Aber der Mann am goldenen Tor, eine Stunde zurück, der hat mir gesagt, das dort wäre der Himmel."

Der Bauer klopfte seine Pfeife an der Eimerkante aus und lachte, ein trockenes, kurzes Lachen. „Das war die Hölle, mein Lieber. Reinster Schwindel von Anfang bis Ende. Hier kommen nur die an, die ihre Freunde nicht vor der Tür stehen lassen."

Er stand auf, ging zur Scheune, kam mit einem zweiten Eimer zurück, frisches Wasser für die Nacht, und setzte sich wieder neben Ernst auf die Bank.

„Bleiben Sie, so lange Sie wollen. Der Hund auch."

Draußen, vor dem Zaun, bellte irgendwo in der Dunkelheit ein anderer Hund, und Bruno hob kurz den Kopf, schnaufte zufrieden, und legte sich dann wieder hin, den Kopf auf Ernsts Schuh, als wäre er nie fortgewesen.

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