Sechsunddreißig Sekunden. So lang war die Nachricht auf dem alten Anrufbeantworter, den ich seit acht Monaten nicht gelöscht hatte.
Ich heiße Jonas Brenner, ich bin zweiundvierzig, wohne in Freiburg und arbeite als Steuerberater — Zahlen, Fristen, Termine, das ganze Jahr in Kalenderfeldern eingeteilt. Meine Mutter, Ingrid, wohnte fünfzig Kilometer entfernt in einem kleinen Reihenhaus in Emmendingen, mit einem Garten voller Stachelbeersträucher, die sie nie richtig zurückschnitt, weil sie sagte, die Vögel bräuchten ihren Anteil.
Ich rief sie donnerstags an. Immer donnerstags, zwischen halb sieben und sieben, weil da die Steuersaison am ruhigsten war. Zehn Minuten, manchmal zwölf. Sie erzählte von der Nachbarin, die schon wieder ihren Müll falsch getrennt hatte, vom Pfarrer, der jetzt Fahrrad statt Auto fuhr, von meinem Vater, der seit elf Jahren tot war und trotzdem noch in jedem zweiten Satz vorkam. Ich hörte mit halbem Ohr zu, während ich E-Mails abarbeitete. Das weiß ich, weil ich mich an keine einzige dieser Geschichten mehr erinnern kann, nur an das Gefühl, dass sie sich wiederholten.
Im Januar rief sie an einem Dienstag an. Ungewöhnlich. Ich war in einer Besprechung mit einem Mandanten, einem Autohaus-Besitzer, der seine Gewinnermittlung frisieren wollte, und ich drückte weg. Sie hinterließ eine Nachricht. Ich hörte sie erst am Freitag ab, drei Tage später, beim Warten auf den Kaffee in der Kantine.
„Jonas, ich bin's. Nichts Wichtiges, ruf zurück, wenn du Zeit hast. Ich hab beim Metzger dieses Kalbfleisch gesehen, das du als Kind so gern mochtest, und dachte an dich. Der Garten treibt schon wieder aus, die ersten Krokusse stehen. Na ja. Melde dich, wenn du magst. Ich hab dich lieb."
Ich rief nicht zurück. Ich dachte, am Donnerstag reicht's ja wieder.
Am Sonntagmorgen rief ihre Nachbarin an, Frau Kessler, die Stimme so dünn, dass ich sie kaum verstand. Meine Mutter war im Bad gestürzt, ein Schlaganfall, die Sanitäter hatten sie ins Universitätsklinikum Freiburg gebracht, Intensivstation, Zimmer vierzehn.
Ich fuhr mit hundertsechzig auf der A5, obwohl mein Wagen — ein zwölf Jahre alter Passat — bei hundertvierzig schon anfing zu vibrieren. Ich kam an, dreiundvierzig Minuten nach dem Anruf. Zu spät. Nicht für den Tod — der kam erst zwei Tage später —, sondern zu spät dafür, dass sie mich noch erkannt hätte. Sie lag da, an Schläuche angeschlossen, die rechte Gesichtshälfte hing herab wie ein nasses Tuch, und ihre Augen fanden mich nicht, egal wie oft ich ihren Namen sagte.
Zwei Tage. Achtundvierzig Stunden auf einem Plastikstuhl neben ihrem Bett, mit dem Piepen der Geräte als einzigem Gespräch. Am zweiten Abend, gegen halb elf, hörte ihr Herz auf zu schlagen. Kein letztes Wort, keine letzte Geschichte über den Pfarrer und sein Fahrrad. Nur die Monitore, die von einem gleichmäßigen Ton in einen einzigen langen übergingen.
Die Beerdigung war neun Tage später auf dem Friedhof in Emmendingen, an einem regnerischen Dienstag. Zweiunddreißig Personen kamen, die meisten aus der Kirchengemeinde, ein paar von ihrer alten Arbeit bei der Sparkasse. Ich hielt eine Rede von vier Minuten, die ich am Vorabend in der Küche geschrieben hatte, mit einem Glas Rotwein, das ich nicht anrührte, weil mir die Hand zu sehr zitterte.
Danach musste das Haus geräumt werden. Meine Cousine Bettina half mir zwei Wochenenden lang. Wir fanden Kisten mit alten Fotos, meine Kinderzeichnungen, sorgfältig in Klarsichthüllen sortiert, ein Sparbuch mit vierhundertzwanzig Euro, das sie offenbar für „falls Jonas mal knapp ist" zurückgelegt hatte. Und den Anrufbeantworter, ein Gerät von 2003, das noch am Festnetzanschluss hing, weil sie ihr Telefon nie ganz aufgegeben hatte.
Ich nahm ihn mit, ohne genau zu wissen warum. Er stand acht Monate lang in einer Schublade in meiner Wohnung in Freiburg-Wiehre, zwischen alten Ladekabeln, die zu nichts mehr passten.
Im September, an einem Sonntagabend, an dem ich allein am Küchentisch saß und die Steuererklärung eines Mandanten durchging, fiel mir ein Blatt Papier auf den Boden — die Bedienungsanleitung des Anrufbeantworters, die ich beim Ausräumen mit eingepackt hatte. Ich schloss das Gerät ans Ladegerät an, nur um zu sehen, ob es noch ging. Es piepte. Eine gespeicherte Nachricht.
Ihre Stimme kam aus dem kleinen Lautsprecher, kratzig durch die alte Technik, aber vollkommen erkennbar. Die Nachricht vom Dienstag im Januar. Ich hatte sie am Handy gelöscht, aber auf dem Festnetzgerät war sie geblieben, ein zweites, vergessenes Exemplar.
„Jonas, ich bin's. Nichts Wichtiges, ruf zurück, wenn du Zeit hast…"
Ich saß da und hörte sie fünfmal hintereinander an. Beim sechsten Mal presste ich die Handflächen gegen die Augen, bis es wehtat.
Am nächsten Morgen rief ich meinen Anwalt an, nicht meinen Steuermandanten-Anwalt, sondern Herrn Dr. Falkner, der auch das Testament meiner Mutter aufgesetzt hatte. Ich sagte ihm, ich wolle das Sparbuch mit den vierhundertzwanzig Euro nicht für mich behalten. Ich wollte, dass es an die Kinderkrebsstation des Universitätsklinikums ging, wo sie vor Jahren einmal drei Wochen ehrenamtlich vorgelesen hatte, bevor mein Vater krank wurde und sie aufhören musste.
Ich holte die Kontoauflösung selbst ab, eine Woche später, einen grauen Ordner mit dem Überweisungsbeleg darin. Ich fuhr zur Klinik, gab den Umschlag mit dem Scheck an der Pflegestation ab, an eine Krankenschwester namens Frau Yılmaz, die ihn mit beiden Händen entgegennahm und sagte, das würde für zwei neue Vorlese-Tablets reichen.
Danach setzte ich mich draußen auf eine Bank vor dem Klinikgebäude. Es war später Nachmittag, die Sonne stand tief über dem Parkhaus, und irgendwo bellte ein Hund, den ich nicht sehen konnte. Ich holte mein Handy raus, öffnete die Sprachnachrichten-App und spielte die Aufnahme meiner Mutter ein letztes Mal ab, diesmal ohne die Handflächen an den Augen.
„Ich hab dich lieb", sagte sie am Ende, genau wie immer.
Ich tippte auf „Löschen" und bestätigte es. Nicht weil ich sie vergessen wollte. Sondern weil ich aufgehört hatte, auf einen Rückruf zu warten, der nie mehr kommen würde — und angefangen hatte, das Kalbfleisch beim Metzger selbst zu kaufen, jeden Donnerstag, so wie sie es gemocht hätte.
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