Die Apfelbäume in der Poststraße
Ich arbeite seit neun Jahren als mobile Fußpflegerin in Buchholz in der Nordheide. Donnerstags komme ich immer zu Familie Hartmann in die Siedlung am Stadtpark. Der alte Herr Bernhard Hartmann ist mein Patient, achtundsiebzig, ehemaliger Tischlermeister. Ruhiger Mann, liest viel, schreibt ständig etwas in ein abgegriffenes Notizbuch. Seine Schwiegertochter Katrin bestellt mich alle drei Wochen, Donnerstagvormittag um zehn, pünktlich liegt das Geld auf der Kommode im Flur bereit.
Vor drei Wochen komme ich also wie immer. Klingel um fünf vor zehn. Normalerweise öffnet Katrin sofort, sie arbeitet im Homeoffice. Diesmal nichts. Ich klingele nochmal. Nichts. Dann höre ich durch die Tür Streit. Laut. Ich will schon gehen, aber dann schreit eine Frau, die ich nicht erkenne: „Das Haus wird verkauft, Punkt! Der Alte kommt ins Heim, und die Kohle wird geteilt. Oder willst du bis an dein Lebensende hier den Pfleger spielen?“
Ich hätte gehen sollen. Aber meine Tasche war schwer, und ich hatte an dem Tag schon zwei schwierige Patienten gehabt. Also blieb ich stehen. Nicht aus Neugier, das schwöre ich. Ich blieb stehen, weil ich wusste, dass hinter dieser Tür ein alter Mann saß, der mir am Donnerstag zuvor noch von seinen Apfelbäumen erzählt hatte.
Die Frau sprach weiter, und ich verstand schnell: Es ging um die Tochter. Nicole heißt sie, wie ich später erfuhr. Sie war offenbar zu Besuch und machte ihrem Bruder Stefan Druck. Irgendwas von wegen „Haus zu Geld machen, solange der Vater noch unterschreiben kann“. Stefan sagte lange nichts, nur einmal, ganz leise: „Nicole, das ist Papas Haus. Er hat es mit eigenen Händen gebaut.“
„Ach was, gebaut“, hat sie ihn nachgeäfft. „Die Bude ist doch eh abrissreif. Weißt du, was man in Buchholz für so ein Grundstück kriegt?“
Ich stand also da, im Treppenhaus, und die Wohnungstür war nur angelehnt. Ich konnte nicht anders, als zu sehen. Stefan saß am Küchentisch, den Kopf in den Händen. Nicole stand mit dem Rücken zu mir, ein dunkelblauer Blazer, eine Handtasche mit Messingverschluss auf der Anrichte. Sie hatte sich gerade ein Glas Mineralwasser eingeschenkt. Das Glas stand jetzt auf ihrer Seite vom Tisch, unberührt.
Und dann, ich weiß noch genau, sagte sie: „Und diese Fußpflegerin, die wird sowieso viel zu teuer bezahlt. Weißt du, was die pro Stunde nimmt? Das läppert sich. Wenn er erst im Heim ist, fällt das alles weg.“
Da musste ich lachen. Nicht laut. Eher so ein Ausatmen durch die Nase. Ich habe in neun Jahren viel gesehen. Aber dass eine Tochter ihrem Bruder erklärt, was meine Arbeit wert ist — das war neu.
Ich bin dann doch gegangen. Hab die Treppe runter meine Tasche abgesetzt und draußen auf der Bank beim Fahrradständer eine Ehrenrunde gedreht. Ich wollte nicht lauschen. Aber ich konnte auch nicht einfach so bei der Familie klingeln und so tun, als wäre nichts.
Zehn Minuten später war ich wieder oben. Die Tür war jetzt zu. Ich habe geklingelt. Katrin öffnete. Sie sah blass aus. Neben der Garderobe tastete sie mit der linken Hand auf der Ablage nach dem Brillenetui, so wie sie es immer tut, wenn sie nervös ist. Ich sage ihr, dass ich den Termin vielleicht verschieben kann, wenn es unpassend ist. Sie schüttelt den Kopf, bittet mich rein.
Im Wohnzimmer saß Herr Hartmann in seinem Ohrensessel. Er sah mich und rückte sich im Sessel zurecht, als wolle er sich groß machen. Aber seine Augen waren müde. Auf dem Tisch vor ihm stand ein Brief von der Bank. Aufgeschlitzt. Der Briefbogen lag daneben. Ich habe nicht versucht, ihn zu lesen, aber ein paar Wörter sind hängengeblieben. „Vollmacht“ und „Kontovollmacht“.
Ich habe ihm die Füße gemacht wie immer. Er sprach davon, dass er im Herbst noch einmal Apfelmus kochen will. „Aus den Boskoop, die hinterm Schuppen“, sagte er. Zwei Bäume, mehr nicht, aber er redete davon wie von einem ganzen Obstgarten. Dann, nach einer Weile, fragte er mich beiläufig, ob ich wisse, wie so ein Seniorenheim funktioniere. Ich habe ihm gesagt, dass er das nicht braucht, solange er hier wohnen kann und Katrin da ist. Er schrieb etwas in sein Notizbuch, ohne mich anzusehen.
Als ich ging, nahm ich meinen Umschlag nicht von der Kommode. Ich sagte: „Heute geht auf mich, Herr Hartmann. Sie haben genug um die Ohren.“
Er sah mich lange an. Dann zog er einen Zettel aus dem Buch und sagte: „Wissen Sie, Frau Peters, ich habe alles notiert. Jeden Handgriff, jeden Termin. Wer wann was getan hat.“ Er tippte mit dem Zeigefinger auf den Zettel. „Nicole war zweimal im Jahr hier. Stefan fährt mich jeden Monat zur Kontrolle. Katrin kocht jeden Sonntag Rinderrouladen, weil ich die so gern mag.“ Kein bitteres Grinsen, eher ein trockenes: „Ich bin nicht so vergesslich, wie manche denken.“
In dem Moment hat mich die kalte Schulter gestreift, die man manchmal spürt, wenn man erwachsene Kinder streiten hört, die ihre Eltern verrechnen. Ich kenne das. Ich war selbst zehn Jahre Pflegerin auf einer geschlossenen Station, bevor ich mich selbstständig gemacht habe.
Ich habe den Hund gefüttert, einen alten Mischling namens Pinsel, weil er wie ein Pinsel aussieht. Dann bin ich gegangen. Im Treppenhaus hing der Geruch von Kohlsuppe, unten kläffte Nachbars Dackel durch die Tür.
Die nächsten Wochen hörte ich nichts. Nur telefonisch eine freundliche Absage: Der Senior sei im Garten, es ginge ihm gut, man melde sich. War merkwürdig, aber nicht meine Sache.
Vor genau einer Woche wurde ich wieder bestellt, Donnerstagvormittag wie immer. Diesmal war die Tür verschlossen. Ich klingelte. Stefan machte auf. Er sah schlecht aus, unrasiert, aber wach. Im Flur stand ein großer schwarzer Rollkoffer. Daneben ein Damenmantel. Ich hörte Nicole aus der Küche schreien, mit gepresster Stimme, die so tut, als wäre sie ruhig: „Das ist unser Erbe! Du hast überhaupt kein Recht, uns das vorzuenthalten!“
Herr Hartmann rief aus dem Wohnzimmer: „Frau Peters! Kommen Sie herein. Wir haben Gäste. Meine Tochter war gerade dabei zu gehen.“
Da kam Nicole um die Ecke geschossen, mit hochrotem Gesicht. Sie baute sich vor mir auf. „Wer sind Sie überhaupt?“, fauchte sie.
„Ich bin die Fußpflegerin Ihres Vaters“, sagte ich.
„Ach, die Fußpflegerin“, machte sie und lachte kurz auf. Wie über einen absurden Zufall. Dann drehte sie sich zu ihrem Vater um. „Du machst also wirklich ernst?“
Herr Hartmann saß ganz ruhig da. Er hatte ein Kuvert in der Hand, verklebt, mit einer Adresse in München. „Der Brief geht heute noch raus. An das Betreuungsgericht. Ich habe alles aufgelistet. Jede Ausgabe, jede Abhebung, jeden fehlgeschlagenen Besuch.“ Er hielt kurz inne. „Du warst zwölfmal hier in den letzten drei Jahren, Nicole. Zwölfmal. Ich habe die Daten notiert. Achtmal davon hast du nach Geld gefragt oder Papiere mitgebracht, die ich unterschreiben sollte.“
Nicole stand da wie versteinert. Sie schluckte. „Du hast sie nicht unterschrieben?“
„Doch“, sagte Herr Hartmann. „Ich habe sie dir zuliebe unterschrieben. Dreimal. Aber ich habe jeweils eine Kopie gemacht.“ Er tippte auf sein Notizbuch. „Ich bin kein Kind, Nicole. Ich bin nur alt. Das ist ein Unterschied.“
Jetzt begann Nicole zu weinen. Es wirkte echt. Aber Herr Hartmann rührte sich nicht. Er zeigte auf den Rollkoffer. „Deine Sachen sind gepackt. Möchtest du noch einen Kaffee, bevor du fährst?“
Ich stand die ganze Zeit neben der Tür, die Hände vor meinem Bauch übereinandergeschlagen, so wie man in Aufzügen steht, wenn man nirgendwohin schauen soll. Ich wusste nicht, ob ich helfen oder abhauen sollte.
Nicole wandte sich an Stefan. „Stefan?“, sagte sie. Das war kein Schreien mehr, eher ein Fragen. „Sag du mir wenigstens, dass das nicht dein Ernst ist. Dass du mich jetzt nicht auch noch abservierst.“
Stefan holte Luft. Seine Finger fuhren dabei über die Tischkante, als würde er dort etwas glattstreichen, das schon lange schief lag. Dann sagte er: „Nicole, ich habe dich drei Jahre lang gedeckt. Ich habe dir Geld gegeben. Ich habe dir jeden Monat dreihundert Euro überwiesen. Dafür, dass du Mutti pflegst, als sie krank war, hast du gesagt. Dreihundert von meinem Lohn. Mutti war da schon neun Jahre tot, Nicole. Neun Jahre. Ich habe nie gefragt, weil ich nicht hinschauen wollte. Aber jetzt hört das auf. Das Konto ist dicht. Ab heute bekommst du keinen Cent mehr. Nicht von mir, nicht von Papa.“
Da schwieg Nicole. Und das war schlimmer als alles, was sie vorher geschrien hatte.
Ich habe später gehört, dass Herr Hartmann drei Wochen zuvor einen Termin beim Anwalt hatte. Es war eine Generalvollmacht, die in München geprüft wurde. Sein Testament sei geschrieben, das Notizbuch hatte einen blauen Deckel, ich kannte es. Nicole erbt darin den Pflichtteil. Aber die Vollmacht für alle Behandlungen, die behördlichen Dinge, das Sparkonto mit den 184.000 Euro, die Herr Hartmann über Jahrzehnte als Tischlermeister zurückgelegt hatte — all das hat Stefan bekommen. Und Katrin.
Nicole hatte gewollt, dass das Haus an der Poststraße verkauft wird. Es war ein Erbe ihrer Mutter, hieß es. Aber es gehörte Herrn Hartmann allein. Er hatte es vor elf Jahren abbezahlt. Mit seinen Händen. Und es wurde nicht verkauft. Es stand noch, mit den zwei Apfelbäumen hinterm Schuppen, an diesem Morgen.
Ich habe am Ende noch geholfen, den Rollkoffer die drei Stufen zu tragen. Nicole stieg in ihren Wagen, einen dunkelgrauen Mercedes. Ich glaube, es war ein GLC. Sie zog die Tür ins Schloss, startete den Motor und fuhr davon, ohne zu hupen. Der Kies am Fahrbahnrand spritzte gegen die Regentonne.
Herr Hartmann bat mich, noch zu bleiben. Dann sagte er zu mir: „Sie haben mich neulich umsonst behandelt. Ich habe das nicht vergessen. Passen Sie auf, das mache ich jetzt anders.“
Er holte aus dem Flur einen großen Umschlag. Darin lagen 20.000 Euro in bar. Zwanzig Riesen — in Scheinen zu 200 und 100. Er schob mir das Kuvert über den Tisch.
„Ich kann das nicht annehmen, Herr Hartmann“, sagte ich. Meine Hände lagen auf der Tischplatte, ganz flach.
„Doch“, sagte er. „Das ist kein Geschenk. Das ist Honorar. Für neun Jahre Pünktlichkeit, Frau Peters. Jede Fußpflege, jeden Handgriff. Sie haben meine Füße länger gesehen als meine eigenen Kinder. Sie wissen, wann ich Schmerzen hatte, Sie wissen, dass ich nicht verrückt bin. Nehmen Sie es. Ich will, dass jemand, der ehrlich arbeitet, etwas von dem hat, was meine Tochter verscherbeln wollte.“
Ich habe es genommen. Nicht wegen der Summe. Sondern weil ich in dem Moment wusste, dass zwei Menschen in dieser Küche zusahen, wie man sich richtig verabschiedet: mit einer Rechnung, die nicht auf Geld lautet, aber mit Geld beglichen wird.
Ich habe das Kuvert in meine Tasche gelegt, die immer noch nach Fußbalsam riecht. Und als ich auf mein Fahrrad stieg, kam Pinsel aus dem Haus geschossen, bellte zweimal und legte sich auf den Gehweg, mitten in die Sonne.
Ich weiß nicht, was Nicole geerbt hat. Und es interessiert mich auch nicht. Aber manchmal, wenn ich an der Regentonne vorbeifahre und den nassen Kies sehe, muss ich daran denken, wie leise das Haus in der Poststraße an diesem Morgen war, nachdem die Tür ins Schloss fiel. Nicht still. Sondern leise. So wie ein Raum, in dem lange genug gestritten wurde und jetzt nur noch die Blätter der zwei Apfelbäume rascheln.
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