Autohaus am Rand von Rosenheim, Verkäuferin erzählt

Ich verkaufe seit elf Jahren Autos bei einem freien Händler an der B15, kurz vor Rosenheim raus in Richtung Bad Aibling. Mittwochs habe ich immer Spätdienst, bis acht, und um diese Zeit kommt kaum noch jemand. Deshalb ist mir das Paar überhaupt aufgefallen, das an diesem Mittwoch im April um kurz vor sieben auf den Hof gefahren ist, mit einem alten Passat Kombi, hinten voller Umzugskartons.

Sie hieß Franziska, das weiß ich, weil er sie draußen vor der Tür so genannt hat, bevor sie reinkamen. Mitte zwanzig, Zopf, roter Anorak, obwohl es schon nicht mehr kalt war. Er, deutlich älter, Ende vierzig würde ich sagen, in einer dieser Steppjacken, wie sie Handwerksmeister tragen, die selbst nicht mehr auf die Baustelle müssen. Er stellte sich als Konrad vor und fragte gleich nach dem BMW X1, der bei uns in der zweiten Reihe stand, Erstzulassung 2019, 62.000 Kilometer, wir hatten ihn für 19.900 ausgezeichnet.

Ich hatte den Nebenraum, in dem wir die Finanzierungsgespräche machen, an dem Abend nicht abgeschlossen, weil ich noch Unterlagen sortieren musste. So habe ich mehr mitbekommen, als mir eigentlich zusteht.

Konrad wollte den Wagen bar bezahlen, das kommt selten vor, meistens läuft alles über Kredit oder Leasing. Er hatte einen Umschlag dabei, dick, mit Gummiband drumherum. Während ich den Kaufvertrag vorbereitete, redeten die beiden im Flur, dachten wohl, ich höre durch die Bürowand nichts.

„Konrad, ich hab dir doch gesagt, ich brauch das Geld nicht für ein Auto. Ich brauch es für die Praxisgebühr und für die Miete, die läuft weiter, egal was passiert."

„Franzi, hör auf. Ich hab das Geld. Ich zahl dir den Wagen, weil du ohne Auto nicht zum Termin nach München kommst, fertig."

„Und was, wenn deine Mutter davon erfährt? Die hat mir letzte Woche eine Nachricht geschickt, drei Seiten lang, dass ich dein Leben ruiniere, dass ich zu jung bin, dass das kein Kind ist, sondern ein Fehler mit Herzschlag."

Ich hab in dem Moment auf meinem Bildschirm den Kilometerstand eingetippt und dabei zweimal vertippt, weil ich zugehört habe, das gebe ich zu.

Er kam dann allein zu mir an den Schreibtisch, um die Papiere zu unterschreiben, sie blieb draußen am Fenster stehen, die Arme um sich geschlungen, obwohl es im Haus warm war. Beim Ausfüllen des Formulars fragte ich nach der zweiten Adresse für die Zulassungsbescheinigung, weil der Wagen ja wohl für sie sein sollte. Er diktierte eine Adresse in Bad Endorf, Miete, wie er sagte, seit drei Monaten, allein.

Als ich den Vertrag zum Unterschreiben rüberschob, fragte ich, mehr aus Höflichkeit als aus Neugier, ob es was zu feiern gebe, so ein Auto kauft man ja nicht jeden Tag. Er sagte nur: „Ich bin bald Vater. Zum zweiten Mal, aber das erste Mal, das ich es auch will."

Da wusste ich, dass die Geschichte größer war als ein Autokauf.

Er unterschrieb, gab mir den Umschlag, ich zählte nach, 19.900 Euro in Hundertern und Fünfzigern, quittierte, druckte den Vertrag doppelt aus. Franziska kam rein, als ich ihr den Fahrzeugschein erklärte, ihren Namen als Halterin, seinen nur als Zahler vermerkt. Sie strich mit dem Finger über das Papier, über ihren eigenen Namen, so als müsste sie sich vergewissern, dass es wirklich dort stand und nicht irgendwo anders, bei ihm, bei seiner Familie, bei der Mutter mit den langen Nachrichten.

Draußen, während ich die Schlüssel übergab, kam ein Anruf auf ihrem Handy, sie sah aufs Display, wurde blass, ging aber nicht ran. Es klingelte ein zweites Mal, noch bevor sie das Telefon zurück in die Jackentasche stecken konnte, und beim dritten Klingeln nahm Konrad ihr das Gerät sanft aus der Hand, ohne zu fragen, und drückte auf Annehmen.

„Mutter. Ja, ich bin dran, nicht Franzi." Er hielt sich das Telefon nicht ans Ohr, sondern auf Lautsprecher, mitten auf dem Hof, so dass ich es mit dem Kaufvertrag in der Hand mitanhören musste, ob ich wollte oder nicht.

Eine Frauenstimme, scharf, ohne Umschweife: „Du kaufst dieser Person ein Auto für zwanzigtausend Euro, während dein Vater seit einem Jahr auf die neue Hüfte spart? Das ist Wahnsinn, Konrad. Sie nimmt dir alles, das Haus als Nächstes, und du merkst es nicht."

„Sie nimmt mir gar nichts. Sie bekommt ein Kind von mir, und dieses Kind braucht eine Mutter, die zu Terminen fahren kann, ohne den Bus dreimal zu wechseln." Seine Stimme blieb ruhig, aber er sprach lauter als vorher, jedes Wort einzeln gesetzt, wie beim Verlesen eines Urteils. „Und noch was, Mutter. Wenn du Franziska noch einmal schreibst, was für ein Fehler sie ist, dann bist du bei der Geburt nicht dabei. Nicht im Kreißsaal, nicht danach. Das ist keine Drohung, das ist eine Ansage."

Am anderen Ende blieb es einen Moment still, dann kam noch etwas von wegen Verantwortung und Vernunft, aber Konrad hörte gar nicht mehr richtig zu, er sah Franziska an, die reglos neben dem geöffneten Kofferraum stand, die Hand auf dem Dach des BMW, als bräuchte sie etwas zum Festhalten. „Ich leg jetzt auf", sagte er nur noch, und legte auf, mitten im Satz seiner Mutter.

Er reichte Franziska das Telefon zurück. Sie nahm es, drehte es zweimal in der Hand, dann tippte sie etwas ein, drei, vier Bewegungen mit dem Daumen, und hielt es Konrad kurz hin, damit er sah, was dort stand: Nummer blockiert. Er nickte nicht, er sagte auch nichts Großes dazu, er nahm ihr nur die Autoschlüssel aus der anderen Hand, drückte sie ihr wieder in die Finger und schloss ihre Hand darum, als wollte er sagen, das hier gehört jetzt dir, und das Telefon auch.

„Deine Mutter hat aufgelegt bekommen von ihrem eigenen Sohn", sagte ich, weil mir nichts Klügeres einfiel, und weil ich zugeben musste, dass ich die ganze Zeit dagestanden und zugehört hatte.

„Sie ruft in einer Stunde wieder an, bei mir, nicht bei ihr", sagte Konrad und steckte sich das eigene Handy aus, tatsächlich, er drückte den Knopf, bis der Bildschirm schwarz wurde. „Aber das ist dann mein Anruf, nicht ihrer."

Franziska stieg in den neuen Wagen, probierte den Sitz, die Spiegel, alles noch fremd für sie. Ich stand mit dem Kaufvertrag in der Hand am Hoftor, sah, wie Konrad ihr durchs offene Fenster noch etwas zusteckte, eine kleine Klarsichthülle mit, wie ich später vom Kollegen hörte, den Überweisungsbelegen für die erste Rate der Geburtsklinik, die er schon vorab bezahlt hatte, unabhängig davon, was seine Mutter dazu zu sagen hatte.

Der Passat blieb bei uns auf dem Hof stehen, sie wollten ihn am nächsten Tag mit dem Anhänger holen lassen, zu viele Kartons, um sie gleich umzuladen. Ich hab noch zugesehen, wie der BMW vom Hof fuhr, sie am Steuer, er auf dem Beifahrersitz, sein Handy stumm, ausgeschaltet in seiner Jackentasche, wie er mir vorher erklärt hatte: „Für die nächsten zwei Stunden ist meine Mutter nicht mein Problem."

Zwei Wochen später kam Franziska allein wieder, wollte eine Anhängerkupplung nachrüsten lassen, für den Kinderwagen, sagte sie, und für später den Fahrradanhänger. Sie hatte einen Ordner dabei, den sie kurz auf den Tresen legte, während sie nach ihrer EC-Karte suchte, ich sah nur die Reiter außen: Mietvertrag, Mutterpass, Kaufvertrag BMW. Ich fragte, wie es ihr gehe, so allgemein, wie man das eben fragt. Sie lächelte kurz und sagte: „Seine Mutter hat sich noch nicht gemeldet. Über eine neue Nummer, meine ich. Das ist schon mal was." Dann steckte sie den Ordner zurück in ihre Tasche, bezahlte die Anzahlung für die Kupplung und fuhr mit dem BMW vom Hof, ohne dass ihr Handy auch nur einmal geklingelt hätte.

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