Das Schweigen im Dezember

Der Brief fiel mir an einem Dienstagmorgen in die Hände, zwischen Werbeprospekten für einen Getränkemarkt und der Stromabrechnung der Stadtwerke Leipzig. Ich riss ihn auf, während ich mit der anderen Hand den Kaffee aus der Maschine drückte. Ein Kreditinstitut aus der Innenstadt. Zahlungsplan für einen Konsumkredit. Achtundvierzig Raten zu je 1.240 Euro. Erster Fälligkeitstermin: der 15. Februar. Kreditnehmerin: Katrin Albrecht. Meine Frau.

Ich legte den Brief auf die Arbeitsplatte neben die Kaffeemaschine und starrte auf das Wasser, das in die Tasse lief. Der Kaffee wurde fertig, die Maschine zischte, ich rührte Zucker hinein, ohne es zu merken. Katrin war oben im Bad, ich hörte den Föhn.

Wir hatten geheiratet, als ich neunundzwanzig war und sie einunddreißig. Sie arbeitete als Oberärztin in der Uniklinik, ich als Softwareentwickler bei einem Mittelständler in der Südvorstadt. Wir wohnten in einer Dreizimmerwohnung im Leipziger Westen, Plagwitz, Altbau, Dielenboden. Fünf Jahre hatten wir dort gelebt, drei davon verheiratet. Kein gemeinsames Konto. Meine Miete für die Wohnung, meine Stromabrechnung, mein Auto. Ihr Gehalt, so dachte ich, war ihr Gehalt.

Dass Veronika – nein, dass Katrin einen Kredit aufgenommen hatte, von dem ich nichts wusste, war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war der Verwendungszweck. Ich wusste es sofort, noch bevor ich den Brief zu Ende gelesen hatte. Ich wusste es, weil ich im November zweimal nachts aufgewacht war und das Bett neben mir leer gefunden hatte, und wenn ich ins Wohnzimmer ging, saß Katrin im Dunkeln vor ihrem Laptop, den Bildschirm zugeklappt, wenn sie mich hörte.

Ihre Mutter hieß Renate. Renate wohnte in einem Reihenhaus in Halle an der Saale, eine halbe Stunde mit der Bahn. Sie war dreiundsechzig, fuhr jeden Sommer nach Usedom und hatte vor drei Jahren einen kleinen Handel mit selbstgenähten Stofftaschen angefangen, der nicht lief. Katrin besuchte sie zweimal im Monat. Jedes Mal kam sie zurück und erzählte, wie schwer ihre Mutter es habe: die Heizung, die kaputte Waschmaschine, die Zahnarztrechnung. Und jedes Mal, wenn ich vorschlug, gemeinsam etwas zu überweisen, winkte Katrin ab. „Ich regel das schon", sagte sie. Ich dachte, sie meinte Blumen und einen Einkaufsgutschein.

Der Föhn im Bad verstummte. Ich faltete den Brief zusammen, steckte ihn in die Gesäßtasche und ging ins Wohnzimmer. Aus dem Fenster sah ich die Straßenbahnlinie 14 vorbeifahren. Der Bäcker an der Ecke hatte schon die Lichter an, obwohl es erst sieben war. Draußen lag Februar, nasskalt, der Schnee vom Vortag schmolz in der Gosse.

Katrin kam die Treppe herunter, in Jeans und einem Wollpullover, die Haare noch feucht. Sie lächelte, griff nach ihrer Handtasche auf dem Stuhl, wollte zur Tür.

„Wir müssen reden", sagte ich.

Sie sah mich an, und in diesem Blick lag keine Überraschung. Eher so etwas wie Erleichterung, als hätte sie vier Monate lang auf diesen Moment gewartet.

„Lass uns in die Küche setzen", sagte sie.

Ich blieb stehen. „Wann wolltest du es mir sagen?"

„Ich wollte es dir sagen." Sie stellte die Tasche ab. „Im Januar. Es ist immer dazwischengekommen."

„Vierzig Raten", sagte ich. „Woher kommen die?"

Katrin setzte sich auf die Kante des Stuhls, die Hände zwischen den Knien. „Mama hat das Haus in Bad Dürrenberg gefunden. Ein kleines Grundstück am Kurpark. Sie wollte schon immer raus aus der Stadt, das weißt du."

„Bad Dürrenberg." Ich wiederholte den Ort, weil er absurd klang. Bad Dürrenberg war ein Kaff an der Saale, berühmt für Salz und ein Gradierwerk, das man bei Klassenfahrten in der Grundschule besichtigte. „Sie will einen Kredit für ein Haus in Bad Dürrenberg. Und du zahlst ihn."

„Ich verdiene gut", sagte Katrin. „Und ich konnte ihr das nicht abschlagen. Sie hat mich allein großgezogen, nachdem Papa gegangen ist. Ich bin ihr was schuldig."

Ich setzte mich ihr gegenüber. Zwischen uns stand der Brotkorb vom Abendessen, ein Teller mit Krümeln, die Butterdose.

„Vierzig Raten mal 1.240 Euro sind fast 50.000 Euro", sagte ich. „Deine Mutter ist eine erwachsene Frau. Wenn sie ein Haus will, soll sie einen Kredit aufnehmen. Auf ihren Namen."

„Sie bekommt keinen", sagte Katrin. „Als Rentnerin nicht."

„Und du bekommst ihn. Für ein Haus, das dir nicht gehört."

Ich hörte, wie meine Stimme ruhig blieb, obwohl in meinem Kopf ein Druck war wie vor einem Gewitter. Draußen fuhr die Straßenbahn. Irgendwo im Haus lief ein Hund über den Flur, die Krallen auf dem alten Dielenboden.

„Das Haus wird auf mich eingetragen", sagte Katrin. „Es ist ja nicht so, dass Mama alles geschenkt bekommt. Sie wohnt darin, und wir haben ein Grundstück."

„Wir." Ich lehnte mich zurück. „Hast du mich an einer einzigen Stelle in diesem Plan erwähnt?"

Katrin schwieg. Dann, leise: „Du wärst dagegen gewesen."

Ich fühlte, wie mir heiß wurde im Gesicht. Nicht vor Wut. Vor etwas anderem. „Ich hätte gefragt, warum deine Mutter zuerst kommt. Und warum du vier Monate lang lügst."

„Ich habe nicht gelogen." Sie hob den Kopf. „Ich habe es nur nicht gesagt."

„Das ist dasselbe."

Ihr Handy summte auf dem Tisch. Das Display leuchtete auf: Renate. Katrin warf einen Blick darauf, ließ es liegen.

„Und was passiert jetzt?", fragte ich.

Katrin stand auf, ging zum Fenster, drehte mir den Rücken zu. Ich kannte diesen Rücken. Ich kannte die Art, wie sie die Schultern einzog, wenn sie sich vor einer Entscheidung fürchtete. Den Rücken kannte ich besser als ihr Gesicht in den letzten drei Monaten.

„Ich habe gedacht", sagte sie, „wir können die Raten gemeinsam tragen. Dein Gehalt reicht doch für die Miete, und ich übernehme den Kredit. Dann bleibt genug für uns beide. Und im Sommer können wir das Haus nutzen. Am Wochenende. Die Saale ist schön."

Plötzlich fühlte sich die Küche klein an, der Tisch zu schmal, der Geruch von altem Kaffee zu stark. Ich glaubte, nicht richtig zu hören. Ich sah zwischen uns die vergangenen Jahre liegen wie eine Reihe von Fotos, die jemand falsch beschriftet hatte.

„Du willst fünf Jahre lang fast dein halbes Gehalt an deine Mutter zahlen", sagte ich, „und ich freue mich, weil du deinen Rest weiter in die Wohnung steckst. Habe ich das richtig verstanden?"

„Du verstehst es absichtlich falsch."

„Nein. Ich verstehe es zum ersten Mal richtig." Ich stand auf. „Deine Mutter weiß davon, oder? Sie war von Anfang an dabei."

Katrin drehte sich um. Ihre Augen waren feucht, aber ihr Kinn war vorgeschoben, und irgendwo in dieser Mischung lag etwas, das mir klarer machte als der Brief, dass es vorbei war. „Mama hat mir geholfen, die Bank zu finden. Sie hat bei der Besichtigung geweint. Vor Freude."

Vor Freude. Nicht vor Kummer. Ich kannte Renate. Eine Frau, die bei meinem Geburtstag im vergangenen Jahr dreimal nach meinem Gehalt gefragt hatte. Nein, viermal, das vierte Mal beim Kaffee, während ich den Kuchen schnitt. Kleine, freundliche Fragen, wie Wolfszähne in einem Lächeln verpackt. „Wie viel verdient man denn jetzt als Informatiker in Leipzig?" Ich hatte gelächelt und von Brutto und Steuern gesprochen. Sie hatte genickt und ausgerechnet, was davon nach ihren Vorstellungen bei Katrin landen müsste.

„Ich brauche Zeit", sagte ich.

Ich nahm meine Jacke vom Haken, die Schlüssel, das Portemonnaie. Draußen war die Luft scharf, der Himmel bleiern. Ich ging Richtung Karl-Heine-Kanal, an der Schaubühne vorbei, über die kleine Brücke, wo im Sommer die Leute mit Bierflaschen saßen. Jetzt war niemand da. Nur ein Mann mit einem Schäferhund, der mich streifte, die Leine spannte sich.

Ich rief meinen Bruder an. Er wohnt in Dresden, und wir sehen uns selten, aber wenn ich jemanden brauche, der mir sagt, ob ich verrückt werde, dann ihn.

„Sie hat einen Kredit über 50.000 aufgenommen", sagte ich. „Für die Mutter. Ohne ein Wort zu sagen. Und dann tut sie so, als wäre das normal, als könnte man das gemeinsam tragen."

Mein Bruder schwieg einen Moment. Dann: „Was willst du denn hören?"

„Dass ich das nicht aushalten muss."

„Musst du nicht."

„Fünf Jahre", sagte ich. „Drei davon verheiratet. Nach der Hochzeit dachte ich, wir ziehen irgendwann um. Südvorstadt, ein Balkon, ein Zimmer für ein Kind. Weißt du, was sie geantwortet hat, als ich das letzte Mal von einem Balkon gesprochen habe? Dass ihre Mutter ein Zimmer im Erdgeschoss braucht. Falls sie mal einzieht."

„Ich weiß", sagte mein Bruder. „Du hast es mir erzählt."

„Ich wollte es nur noch einmal laut sagen."

Ich ging weiter am Kanal entlang, bis zur Weißenfelser Straße, und zurück. Als ich heimkam, saß Katrin im Wohnzimmer, das Handy in der Hand, den Zeigefinger auf dem Display, als wartete sie auf etwas.

„Ich habe mit Mama gesprochen", sagte sie. „Sie meint, du musst mal runterkommen. Man kann über alles reden."

Ich lachte. Es klang nicht gut, aber es war mir egal. „Sag deiner Mama, ich habe gerade zum ersten Mal seit Monaten klar gesehen. Sie soll sich ihr Haus einrichten, ohne mich."

„Du machst das jetzt größer, als es ist."

„Ich mache das genau so groß, wie es ist." Ich zog den Brief aus der Gesäßtasche, faltete ihn auseinander und legte ihn auf den Couchtisch. „Ich unterschreibe nichts, ich überweise nichts, und ich trage die Verantwortung für die 50.000 Euro deiner Mutter nicht mit. Wenn du das Haus halten willst, dann halt es. Allein."

Katrin starrte auf den Brief, dann auf mich. „Was soll das heißen?"

„Es heißt, dass ich es nicht mehr aushalte, die dritte Person in dieser Ehe zu sein. Nach dir und nach Renate. Ich habe jahrelang gedacht, da ist noch Platz. Da ist keiner."

„Das ist nicht fair", sagte Katrin. „Sie ist meine Mutter. Was soll ich machen, wenn sie mich braucht?"

„Sie braucht dich nicht, Katrin. Sie kauft dich." Ich nahm die Jacke wieder, die ich gerade erst aufgehängt hatte. „Ich schlafe heute bei einem Kollegen. Morgen hole ich meine Sachen."

Katrin stand auf. „Und der Kredit?"

„Der ist deiner. Und ihrer. Ich war nicht gefragt."

Ich zog die Tür hinter mir zu. Im Treppenhaus roch es nach Bohnerwachs, die Nachbarin im zweiten Stock stellte gerade den Müll vor die Tür. Die Klingel schnarrte, als jemand unten aufschloss, und ich hörte die Straßenbahn, die an der Haltestelle bremste.

Vier Tage später stand Renate vor meiner Tür. Nicht vor der von Katrin, sondern vor der Wohnung meines Kollegen in der Karl-Liebknecht-Straße, wo ich auf dem Sofa schlief. Ich weiß nicht, wie sie die Adresse herausbekommen hatte. Wahrscheinlich hatte Katrin es ihr gesagt. Renate trug einen beigen Mantel und einen schmalen Wollschal, und sie wirkte so, wie sie immer wirkte: wie jemand, der sehr lange darüber nachgedacht hat, wie man freundlich bleibt, während man jemandem das Gefühl gibt, klein zu sein.

„Ich finde, wir sollten uns zusammensetzen", sagte sie. „Erwachsen werden."

Ich blieb in der Tür stehen, die Schulter gegen den Rahmen gelehnt. „Worüber?"

„Über die Zahlungen. Katrin ist deine Frau. Du kannst sie mit so einem Kredit nicht allein lassen. Das ist unanständig."

Ich sah sie an und fragte mich, wie viele solcher Sätze sie in den letzten zehn Jahren zu Katrin gesagt hatte. Nicht laut. Nicht böse. Einfach so, wie man einen Nagel einschlägt: sachte, aber immer an derselben Stelle.

„Der Kredit ist privat", sagte ich. „Ich war nicht beteiligt. Ich bin nicht verpflichtet, an einem Vertrag mitzuwirken, den ich nicht unterschrieben habe."

„Aber ihr seid verheiratet. In einer Ehe hält man zusammen."

„Dann hätte man zuerst mit mir reden müssen."

Renate lächelte. Es war dasselbe Lächeln, das ich kannte. „Katrin hat sich nur nicht getraut, weil du so bist. Du bist so … verschlossen. So ein Kopfmensch. Sie hatte Angst, dass du sofort mit Scheidung drohst."

Ich lehnte mich einen Millimeter von der Tür ab. „Und jetzt?"

„Jetzt steht ihr an einem Punkt, an dem man zusammenhalten muss. Ich habe ein Haus ausgesucht, das uns allen gehört. Dir auch. Du kannst dort deine Ruhe haben, arbeiten, im Sommer im Liegestuhl sitzen. Es könnte so schön werden."

„Das Haus gehört Katrin", sagte ich. „Und ich will nicht im Liegestuhl sitzen, während ich fünf Jahre dafür zahle, dass Sie sich Ihren Traum erfüllen. Das war nie meiner."

Renate starrte mich an. Es ist schwer, einen Menschen zu beschreiben, der spürt, dass sein Plan nicht aufgeht. Es ist wie ein kleines Beben im Gesicht, nur in den Augenwinkeln, nur für einen Moment. „Du bist wirklich so kalt, wie Katrin sagt."

Ich schloss die Tür. Leise, damit das Beben nicht lauter würde.

Die Scheidung zog sich über drei Monate. Katrin wollte sie nicht, aber ich blieb dabei. Sie schickte lange Nachrichten, in denen sie von Verständnis sprach, von Angst, mich zu verlieren, von der Chance, neu anzufangen, wenn wir nur den Kredit gemeinsam abzahlen. Ich antwortete meistens nicht. Zweimal trafen wir uns bei einer Anwältin im Zentrum, einmal in einem Café am Brühl, wo sie weinte und ich auf die Uhr sah.

Das Letzte, was ich von der Sache mit dem Haus hörte, kam von meinem Bruder. Er hatte mit dem Mann gesprochen, der die Heizung in unserem alten Haus in Plagwitz wartet, und der wusste von einem Bekannten, der in Bad Dürrenberg im Rathaus arbeitet. Das Haus am Kurpark stand nach acht Monaten wieder auf einem Immobilienportal. 179.000 Euro, großzügig geschnitten, in ruhiger Lage. Renate war nicht eingezogen. Katrin hatte die Raten nicht mehr stemmen können, als ihre Klinik die Schichtzulagen kürzte. Die Bank hatte den Vertrag nachverhandelt, die Raten gestreckt, aber das Haus war zu groß für eine Frau allein, und die Bäder waren alt, die Fenster verzogen.

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Vielleicht hat es mir mein Bruder auch nur erzählt, damit ich einen Schluss habe. Es gibt Dinge, die man nicht nachprüfen will.

Was ich weiß: Der Brief aus der Bank lag noch zwei Wochen auf dem Küchentisch, bevor ich ihn in den Papiermüll warf. Es war ein Dienstagmorgen, ähnlich wie der, an dem alles begann. Ich machte mir einen Kaffee, rührte Zucker hinein, ohne es zu merken.

Der Bäcker an der Ecke hatte die Lichter an. Draußen schmolz der Schnee. Ich habe lange überlegt, ob Liebe etwas ist, das man tragen kann wie einen Kredit, den jemand anders unterschrieben hat. Ich glaube nicht.

Ein halbes Jahr später saß ich mit einer Kollegin aus der Firma in einer Kneipe an der Karl-Liebknecht-Straße. Sie bestellte ein Bier, ich ein Wasser mit Zitrone. Sie fragte, warum ich so gut aussehe. Ich sagte ihr, ich hätte einen Kredit abbezahlt, von dem ich nichts gewusst hatte. Sie dachte, das sei ein Witz, und ich ließ sie dabei.

Es war schon nach Mitternacht, als ich nach Hause ging. Der Himmel über Leipzig war schwarz und klar. Mein Handy zeigte eine Nachricht von Katrin, die ich nie geöffnet habe. Ich habe sie nicht gelöscht. Aber ich habe auch nicht mehr darauf geantwortet.

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