Ich arbeite seit siebzehn Jahren als Hebamme in der Frauenklinik in Regensburg, Station 3, Wochenbett. Man denkt, nach so langer Zeit hat man alles gesehen. Ich dachte das auch – bis zu jenem Mittwoch im März, als bei uns nach Zimmer 214 fast andauernd der Kaffeeautomat auf dem Flur besetzt war, weil halb Regensburg dort Schlange stand, um ein Baby zu begrüßen.
Die junge Mutter hieß Kathrin. Sechsunddreißig, schmale Hände, dunkle Ringe unter den Augen, die man nach vierzehn Stunden Wehen eben hat. Ihr Sohn war eine Stunde alt, lag in der Wärmebettwiege neben ihr, und die Familie strömte herein wie zu einem Familienfest – Großeltern, eine Tante mit einem Blumenstrauß aus dem Netto-Blumenautomaten am Eingang, jemand hatte sogar Prosecco-Dosen dabei, obwohl das bei uns natürlich nicht erlaubt ist auf der Station.
Ich war gerade dabei, Kathrins Blutdruck zu kontrollieren, als die Tür aufging und ihr Mann hereinkam. Thorsten, Mitte vierzig, sportlich, roch nach einem Parfum, das ich später mit dem Namen "zu viel" verbunden habe. Er hielt eine Frau an der Hand.
Groß, blond, im neunten Monat schwanger – das war nicht zu übersehen, selbst für jemanden, der zufällig nur die Blutdruckmanschette in der Hand hatte und eigentlich mit dem Kopf schon beim nächsten Zimmer war.
"Ich… also, ich wollte euch was sagen", fing Thorsten an, und seine Stimme kippte in diesen Ton, den ich von Vätern kenne, wenn sie eine Geburt verpasst haben und sich rausreden wollen. "Das ist Steffi. Sie ist auch schwanger. Von mir."
Der Kaffeebecher der Tante blieb auf halbem Weg zum Mund stehen. Ich erinnere mich an dieses Detail, weil der Pappbecher tatsächlich zu zittern anfing.
Kathrin sagte nichts. Sie schaute nur auf das Neugeborene neben sich, dann auf Thorsten, dann wieder auf das Baby. Ich hatte in dem Moment mit dem Blutdruckgerät noch am Arm zu tun und wusste nicht, ob ich rausgehen sollte – wir werden geschult, uns aus Familienangelegenheiten rauszuhalten, solange keine medizinische Notlage besteht. Aber ehrlich, ich blieb. Man kann nicht anders.
"Sag mir, dass ich das gerade nicht richtig verstanden habe", sagte Kathrin schließlich. Ihre Stimme war ruhig, viel zu ruhig für das, was da gerade passierte. "Deine Geliebte ist schwanger, und du bringst sie hierher, in mein Zimmer, eine Stunde nachdem ich unseren Sohn geboren habe?"
Thorsten zuckte mit den Schultern – das hab ich noch nie erlebt, dass jemand in so einer Situation mit den Schultern zuckt, aber er tat es tatsächlich. "Jetzt mach kein Drama draus. Ich werde mit Steffi zusammenleben. Es wird Zeit, dass sie die Familie kennenlernt. Wir kriegen ja schließlich auch Zuwachs."
Dann – und das war der Moment, an dem selbst die Reinigungskraft im Flur stehen blieb, weil man es durch die halb offene Tür hören konnte – sagte er noch, das sei "auch ein bisschen Kathrins Schuld", weil sie sich "hab gehen lassen" während der Kinderwunschbehandlung und "nicht mehr so attraktiv" für ihn gewesen sei.
Ich hab draußen im Flur später gehört, dass die beiden fünf Jahre lang Kinderwunschbehandlungen hinter sich hatten. Fünf Jahre, IVF-Zyklen, Hormonspritzen, dieses ganze Warten. Und dann sowas, eine Stunde nach der Geburt.
Im Zimmer war es jetzt still – nicht die gute Art von Stille, die man manchmal nach einer Geburt hat, sondern die Art, bei der man das Piepen des Überwachungsmonitors auf einmal viel zu laut hört.
Dann bewegte sich der Großvater. Thorstens Vater, ein Mann namens Erwin Kaltenbach, um die siebzig, kariertes Hemd, so einer, der bei jeder Familienfeier den Kartoffelsalat mitbringt und sonst wenig sagt. Er hatte bis dahin am Fenster gestanden und die ganze Szene beobachtet, ohne ein Wort zu sagen. Jetzt sah er seinen Sohn an.
"Na, mein Junge", sagte er, "das sind ja mal Neuigkeiten. Ich muss da mal jemanden anrufen, weil nicht die ganze Familie da ist, um dir zu gratulieren."
Und dann – das fand ich fast das Merkwürdigste an der ganzen Sache – ging er einfach ruhig aus dem Zimmer, sein Handy schon am Ohr, während er im Flur an mir vorbeiging. Ich hörte ihn draußen sagen: "Ja, ich bin's. Komm sofort ins Krankenhaus, Zimmer 214. Bring die Unterlagen mit, die im blauen Ordner im Schrank liegen."
Fünf Minuten später kam er zurück. Sein Gesicht war unbewegt, fast freundlich – als würde er tatsächlich zu einem Familienfoto einladen. Er reichte Thorsten sein Handy.
"Für dich", sagte er nur.
Thorsten nahm das Telefon, noch mit diesem selbstgefälligen Grinsen im Gesicht. Ich stand mit dem Blutdruckgerät noch in der Hand, eigentlich schon auf dem Sprung zur Tür, aber ich blieb, weil sich in seinem Gesicht innerhalb von zwei Sekunden alles veränderte. Erst wurde er blass, dann rot wie eine reife Tomate, während er zuhörte.
"Papa, was… was hast du getan?", stotterte er ins Telefon.
Am anderen Ende, das erfuhr ich erst später von der Stationsschwester, die mit Kathrin befreundet war, war Herr Kaltenbachs Notar. Der alte Mann hatte offenbar schon seit Monaten gewusst, was zwischen seinem Sohn und dieser Steffi lief – ein Nachbar hatte ihn informiert, der die beiden mehrfach im Fitnessstudio in der Bahnhofstraße gesehen hatte, wo Steffi als Trainerin arbeitete. Und Erwin Kaltenbach, Inhaber einer kleinen, aber sehr erfolgreichen Autowerkstatt in Regensburg-Stadtamhof, seit achtunddreißig Jahren im Geschäft, hatte längst gehandelt.
Er hatte die Werkstatt, die eigentlich als Erbe für seinen Sohn vorgesehen war – geschätzter Wert nach dem, was später im Flur erzählt wurde, rund vierhunderttausend Euro –, bereits vor drei Wochen notariell umschreiben lassen. Nicht auf Thorsten. Auf Kathrin und das noch ungeborene Kind, treuhänderisch verwaltet bis zur Volljährigkeit.
"Ich hab's gehört, wie du meine Schwiegertochter behandelst, seit sie schwanger ist", sagte Erwin, als Thorsten ihm das Telefon zurückgab und ihn fassungslos anstarrte. "Zwei Zeugen im Fitnessstudio, und dann bringst du das Mädchen heute auch noch hierher. Die Werkstatt gehört jetzt Kathrin. Und du kannst dir überlegen, wo du und deine neue Familie wohnen wollt, denn die Wohnung über der Werkstatt, in der ihr bisher gewohnt habt, gehört ebenfalls zur Übertragung."
Ich hatte in dem Moment das Blutdruckgerät immer noch nicht weggeräumt, glaube ich. Die Tante mit dem Kaffeebecher setzte sich einfach auf den Stuhl neben der Tür.
Kathrin sagte kein Wort zu alldem. Sie griff nur nach ihrem Sohn, zog ihn näher an sich, und sah für einen Moment auf ihr Handy, das auf dem Nachttisch lag – ich glaube, sie hatte da schon länger mit ihrer eigenen Anwältin geschrieben, denn zwei Tage später, als ich noch mal auf der Station Dienst hatte, kam eine Frau mit einer Aktenmappe vorbei und fragte nach Kathrins Zimmer, um "die Scheidungsunterlagen zur Unterschrift" zu bringen. Vom Krankenbett aus.
Steffi stand die ganze Zeit über nur da, eine Hand auf ihrem Bauch, und sagte gar nichts. Ich glaube, sie hatte nicht gewusst, wie die Werkstatt-Sache lief. Ihr Gesicht sah aus wie das von jemandem, der gerade merkt, dass er auf das falsche Pferd gesetzt hat.
Thorsten stand noch eine ganze Weile mit dem Telefon in der Hand da, bis eine der Kolleginnen ihn bat, den Flur freizumachen, weil die nächste Patientin transportiert werden musste. Er ging tatsächlich, ohne noch etwas zu sagen. Steffi folgte ihm ein paar Schritte hinterher, dann blieb sie stehen und ließ ihn allein weitergehen.
Ich habe seitdem oft an diesen Tag gedacht, wenn ich Nachtschicht habe und der Flur so ruhig ist wie damals, bevor die ganze Sache anfing. Was mir bleibt, ist nicht das Drama mit der Geliebten. Es ist das Bild von Erwin Kaltenbach, wie er ganz gelassen mit seinem Handy aus dem Zimmer ging, während im Hintergrund der Herzmonitor des Neugeborenen weiterpiepte – und wie er fünf Minuten später zurückkam, als hätte er nur kurz Kaffee holen müssen, und seinem Sohn einfach das Telefon in die Hand drückte.
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