Karl Weber war 78 Jahre alt und lebte seit dem Tod seiner Frau allein in einem kleinen Haus bei Leipzig.
Jeden Sonntag rief seine Tochter Sabine an.
Pünktlich um 18 Uhr.
Fast wie ein Termin.
— Hallo Papa, alles in Ordnung?
— Alles bestens.
— Brauchst du etwas?
— Nein.
— Gut, dann bis nächste Woche.
Karl sagte nie, dass er diese sechs Tage zwischen den Anrufen zählte.
Er wollte nicht klagen.
Er gehörte zu jener Generation, die gelernt hatte, Schwierigkeiten mit den Worten „Es geht schon” zu beantworten.
Eines Tages kam sein Enkel Lukas vorbei, um ihm beim Computer zu helfen.
Auf dem Küchentisch lag ein Zettel.
Darauf standen Namen.
Sabine.
Lukas.
Nachbar Herr Krüger.
Neben jedem Namen waren kleine Striche.
— Opa, was ist das?
Karl wurde verlegen.
— Ach, nichts Besonderes.
Lukas schaute genauer hin.
Es war eine Liste der Menschen, mit denen Karl in diesem Monat gesprochen hatte.
An manchen Tagen stand dort nur ein einziger Strich.
Der Briefträger.
Lukas schluckte.
— Bist du oft einsam?
Karl lächelte.
— Man gewöhnt sich an vieles.
Diese Antwort traf den jungen Mann härter als ein Vorwurf.
Am selben Abend rief er seine Mutter an.
— Mama, weißt du eigentlich, mit wem Opa gestern gesprochen hat?
— Nein.
— Mit niemandem.
Von da an änderte sich etwas.
Sabine rief nicht plötzlich stundenlang an.
Auch Lukas nicht.
Aber fast jeden Tag meldete sich jemand.
Manchmal nur für drei Minuten.
— Papa, ich wollte nur deine Stimme hören.
Oder:
— Opa, wie war dein Tag?
Karl beschwerte sich nie über die Kürze.
Denn es ging ihm nicht um lange Gespräche.
Es ging darum, nicht vergessen worden zu sein.
Viele ältere Eltern verlangen keine täglichen Anrufe.
Vielleicht gerade deshalb sollte man manchmal anrufen, bevor sie darum bitten müssen.
Was meinen Sie: Sollten erwachsene Kinder jeden Tag nachfragen, wie es ihren Eltern geht, oder reicht es, sich von Zeit zu Zeit zu melden?





