Als Sabine Keller erfuhr, dass sie schwanger war, war sie bereits geschieden.
Mit zweiundfünfzig.
Der Arzt in Freiburg sah sie beinahe ebenso überrascht an wie sie selbst.
— Frau Keller, das kommt selten vor. Aber ja, Sie sind schwanger.
Sabine fuhr danach nicht nach Hause.
Sie parkte am Waldrand und saß fast zwei Stunden im Auto.
Der Vater war ihr Ex-Mann Thomas.
Dreißig Jahre waren sie zusammen gewesen.
Sie hatten einen Sohn großgezogen, ein altes Haus renoviert und jedes Jahr Urlaub am Bodensee gemacht.
Nach außen waren sie das Paar gewesen, von dem alle sagten:
„Die beiden bleiben für immer zusammen.“
Dann hatte Thomas eines Abends gesagt:
— Ich glaube, ich habe mich in meinem eigenen Leben verloren.
Sabine hatte gefragt:
— Und findest du dich wieder, wenn du mich verlässt?
Er hatte keine Antwort gegeben.
Ein halbes Jahr später waren sie geschieden.
Als Sabine von der Schwangerschaft erfuhr, fasste sie einen Entschluss:
Thomas sollte nichts davon erfahren.
Sie wollte kein Mitleid.
Keine Rückkehr aus Pflichtgefühl.
Keinen Mann, der nur wegen eines Kindes blieb.
Ihr erwachsener Sohn Daniel bemerkte jedoch bald, was los war.
— Mama, hast du Papa schon angerufen?
— Nein.
— Wann willst du es tun?
— Gar nicht.
Daniel starrte sie an.
— Das kannst du nicht ernst meinen.
— Doch.
— Es ist auch sein Kind.
Sabine wurde hart.
— Dein Vater wollte ein anderes Leben. Er soll es bekommen.
Vier Monate später feierte Daniel seinen dreißigsten Geburtstag.
Sabine wollte nicht hingehen, weil Thomas ebenfalls eingeladen war.
Doch Daniel bestand darauf.
— Ihr seid meine Eltern. Ich werde nicht für den Rest meines Lebens zwei Geburtstage feiern.
Als Sabine das Restaurant betrat, trug sie einen weiten Mantel.
Doch irgendwann wurde es warm.
Sie zog ihn aus.
Thomas saß am anderen Ende des Tisches.
Sein Blick fiel auf ihren Bauch.
Er wurde kreidebleich.
Später folgte er ihr vor die Tür.
— Sabine.
— Nicht heute.
— Ist das Kind von mir?
Sie schwieg.
— Bitte.
Zum ersten Mal seit Jahren hörte sie Angst in seiner Stimme.
— Ja.
Thomas lehnte sich gegen die Hauswand.
— Seit wann weißt du es?
— Seit Monaten.
— Und du wolltest mir nichts sagen?
— Du wolltest doch frei sein.
Thomas sah sie lange an.
Dann sagte er:
— Ich habe dich als Ehefrau verlassen. Ich wusste nicht, dass du mir gleichzeitig mein Kind nehmen würdest.
Sabine wollte wütend werden.
Doch sie konnte nicht.
Denn tief in ihrem Herzen wusste sie, dass er einen Punkt hatte.
Die kleine Emma kam fünf Wochen zu früh zur Welt.
Thomas verbrachte jede freie Minute auf der Frühchenstation.
Eines Abends saßen er und Sabine schweigend nebeneinander vor dem Inkubator.
Thomas flüsterte:
— Ich verlange nicht, dass du mir verzeihst.
Sabine antwortete:
— Und ich verlange nicht, dass wir wieder eine Familie spielen.
— Aber wir sind ihre Familie.
Sabine sah ihre winzige Tochter an.
— Ja. Das sind wir.
Sie wurden nie wieder ein Paar.
Aber sie wurden Eltern.
Vielleicht sogar bessere Eltern, als sie zuletzt Ehepartner gewesen waren.
Hat Sabine richtig gehandelt, als sie schweigen wollte? Oder hat ein Vater unabhängig von der gescheiterten Ehe das Recht, von seinem Kind zu erfahren?







