Als der letzte Euro zur Lüge wird

„Weißt du, was das ist, Klara? Das hier ist kein Supermarkt, das ist eine Räuberhöhle!“, Markus wedelte mit der Packung Parmaschinken vor ihrer Nase herum, als hätte sie versucht, einen Goldbarren zu klauen. Es war ein lauer Juniabend in Hamburg-Barmbek, die Fenster der Altbauwohnung standen weit offen, und vom Hof drang das Klappern von Grillbesteck und das Lachen der Nachbarn herauf. Klara stand am Herd und rührte in einer arglosen Tomatensoße, die sie noch zehn Minuten zuvor für ein gelungenes Abendessen gehalten hatte. Jetzt fühlte sie sich wie eine Angeklagte.

„Markus, das waren dreieurofünfzig. Das ist Parma, das ist kein Salami für den Hund. Ich dachte, wir machen uns mal einen schönen Abend, nur wir beide. Tommi ist bei meiner Schwester, wir könnten auf dem Balkon sitzen, ein Glas Wein trinken“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. Das Holzlöffel-Geräusch am Topfboden war das Einzige, was ihre Stimme begleitete.

„Einen schönen Abend?“, äffte er sie nach und ließ den Schinken auf die Arbeitsplatte fallen. „Klara, sieh den Tatsachen ins Auge. In meiner Firma sieht es düster aus. Die Baubranche lahmt, der Chef hat die Sonderzahlungen für dieses Quartal gestrichen. Jeder Cent muss dreimal umgedreht werden. Und du haust unser Geld für Proto-Scampi und italienischen Edelschinken raus, als hätten wir einen Ölkonzern im Keller. Du musst endlich lernen, mit dem zu leben, was da ist, und nicht zu leben, als gäbe es kein Morgen. So, und damit ist die Diskussion beendet. Ich muss nämlich morgen einen sehr wichtigen Kunden vom Flughafen abholen, da muss die weiße Boss-Rübe sitzen. Ist die gebügelt?“

Klara zog die Soße vom Herd und wandte sich um. Die zehn Jahre, die sie nun verheiratet waren, hatten sie gelehrt, jede Nuance in seiner Stimme zu deuten. Das hier war die Prediger-Stimme. Die Stimme eines Mannes, der sich seine eigene Sparsamkeit als gottgegebene Rationalität zurechtlegte, während sie die Verschwenderin war, das Kind, das man maßregeln musste. Erst letzte Woche hatte sie gesehen, wie er im Online-Shop nach einer neuen Golftasche suchte, für über vierhundert Euro. Natürlich ein notwendiges Arbeitsmittel, weil er den Kunden ja nun mal auf dem Grün beeindrucken musste.

„Markus“, begann sie und wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab. „Wo wir gerade beim Thema Geld sind. Tommis Segelfreizeit. Die letzte Rate ist fällig, 980 Euro. Ich habe den Kostenvoranschlag von der Jugendherberge in Schleswig bekommen. Die Plätze sind knapp, ich muss das bis morgen überweisen.“

Das Gesicht ihres Mannes nahm jenen leidgeprüften Ausdruck an, den Klara schon nicht mehr sehen konnte. Es war das Gesicht eines Mannes, der kurz davor war, vor unverschämten finanziellen Forderungen zu kapitulieren. Er goss sich ein Glas Leitungswasser ein und schüttelte den Kopf, als hätte sie ihm ein Bild von einem hungernden Kind gezeigt.

„Neunhundertachtzig? Für zehn Tage Ostseewind und einen wackligen Opti? Klara, das ist ja lächerlich. Der Junge ist zwölf. Soll er doch zelten gehen, im Garten von deiner Mutter in der Lüneburger Heide. Da ist frische Luft, da kann er Brombeeren pflücken und Opa beim Holzhacken helfen. So ein bisschen körperliche Arbeit hat noch keinem Jungen geschadet. Das ist besser als das ganze Segel-Gedöns und kostet uns keinen müden Cent. Gerade jetzt, wo bei mir Flaute ist.“

„Du willst, dass unser Sohn in den Sommerferien bei meiner Mutter Unkraut jätet, anstatt mit seinen Freunden aufs Wasser zu gehen?“, Klaras Stimme kippte leicht. Allein das Wort ‚Flaute‘ war eine Farce, und sie spürte, wie eine Welle der Übelkeit in ihr hochstieg. „Du weißt genau, wie sehr er sich darauf gefreut hat. Wir haben es ihm versprochen, zu Weihnachten, weißt du noch? Das war das einzige Geschenk, was er sich gewünscht hat, weil seine ganze Clique mitfährt. Und meine Mutter ist 78, die kann keinen Zwölfjährigen bespaßen. Die schafft es ja kaum, ihre eigenen Tomaten zu gießen.“

„Dann lernt Tommi eben Verantwortung und gießt halt für sie mit. So wie du endlich lernen musst, Verantwortung für unser Konto zu übernehmen!“, konterte Markus und setzte sich, die Diskussion für beendet erklärend, an den Esstisch. Er zückte sein Smartphone und begann, darauf herumzutippen. „Ich kann zaubern, aber ich kann nicht hexen. Das Konto ist leer. Aus, Ende, vorbei. Es sei denn, du findest einen Sponsor für eine Luxusjacht. Ich jedenfalls nicht. Ich muss mit jedem Pfennig rechnen, während du hier Vorspeisenplatten für Prinzen auffährst. Du hast doch überhaupt keine Relation mehr zu Geld. Mach Tommi klar, dass das nichts wird. Er wird’s verkraften. Ich hab als Kind auch keine teuren Camps bekommen, und schau, aus mir ist trotzdem was geworden. Also, morgen rufst du abends deine Mutter an und sagst ihr, dass der Junge kommt. Schluss jetzt, ich muss noch Mails checken. Und bringst du mir frische Handtücher ins Bad?“

Damit stand er auf, schob den Stuhl mit einem scharrenden Geräusch zurück und verschwand in Richtung Badezimmer. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, kurz darauf rauschte das Wasser. Klara blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf die Stelle, wo er gesessen hatte. 980 Euro. Kein Geld. Aber eine Golftasche für 400 Euro hatte er sich bestellt, und für seinen wöchentlichen Scotch-Club mit den Jungs fielen auch immer irgendwie 150 Euro ab. Sie war nicht dumm. Sie war Buchhalterin, verdammt noch mal. Sie wusste, was Soll und Haben war. Sie wusste auch, dass sein Geschäft brummte, so sehr, dass er jeden Tag mindestens zehn Anrufe von seiner Sekretärin bekam und von neuen Aufträgen sprach. Nur bei ihr herrschte immer Flaute.

Sie begann, den Tisch abzuräumen, als ihr etwas im Augenwinkel auffiel. Markus hatte in seiner Hektik nicht nur die Handtücher vergessen, sondern auch sein Smartphone. Es lag direkt neben der Schale mit dem Parmesan, Bildschirm nach oben. Ein Fehler, der ihm in all den Jahren noch nie unterlaufen war. Das Gerät war wie ein zusätzliches, kybernetisches Organ an seinem Körper, ohne das er sich unvollständig fühlte. Jetzt vibrierte es kurz, und das Display leuchtete auf.

Es war eine Push-Benachrichtigung von der App einer Fluggesellschaft. Die Worte standen so glasklar und unverrückbar auf dem Sperrbildschirm, als wären sie mit einer Brandblase in ihre Netzhaut geätzt worden. „Ihr Flug nach Mallorca. Check-in ist ab sofort möglich. Gäste: Hr. Markus K., Fr. Sabine K., zwei Kinder. Auswahl Sitzplätze 1A-D. Hinweis: Zusatzleistung VIP-Transfer gebucht. Wir wünschen einen angenehmen Flug mit Condor!“

Mallorca. Sabine K. Das war seine Ex-Frau, die Frau, mit der er, wie er immer betonte, nur wegen der Jungs zweimal im Jahr telefonierte. Das war die Frau, die ihn angeblich ausgenommen hatte wie eine Weihnachtsgans und der er keinen Cent mehr gönnte als den vom Jugendamt festgesetzten Satz. Klaras Herz hämmerte gegen ihre Rippen, ein dumpfer, schmerzhafter Trommelschlag. Sie griff nach dem Telefon. Ihre Finger waren kalt und zitterten kaum merklich, aber ihr Kopf war so klar wie noch nie in den letzten Monaten. Das Passwort zu knacken war kein Hexenwerk: Der Geburtstag ihres Stiefsohnes. Er benutzte ihn für alles.

Sie öffnete die Banking-App. Die Wahrheit rollte sich vor ihr aus wie eine Bilanz des Grauens, die direkt aus der Hölle gefaxt worden war. Nicht nur der Flug. Der VIP-Transfer. Die Finca mit Pool, gebucht über eine exklusive Plattform. 6.200 Euro. Bezahlt vor einer Woche. Und dann die Kontoauszüge: Überweisungen an Sabine, hübsch kategorisiert. „Unterhalt Jugendfußball“, 250 Euro. „Ballettschule Lina“, 300 Euro. „Zuschuss Sommergarderobe“, 500 Euro. Die Summen, um die sie zuhause betteln und sich vorhalten lassen musste, sie bringe die Familie mit ihrem Parmaschinken an den Bettelstab, diese Summen flossen dort mit einer entwaffnenden Selbstverständlichkeit hin, Woche für Woche, Monat für Monat.

Da war kein Loch im Konto. Da war kein Loch im Geschäft. Da war nur ein Loch in ihrer Ehe, und durch dieses Loch floss das ganze Geld und die ganze Energie direkt in eine andere Familie, während ihr eigener Sohn mit Segeltuchschuhen aus dem Vorjahr zum Unkrautjäten in die Heide geschickt werden sollte.

Die Tür zum Badezimmer quietschte. Markus trat heraus, das Haar noch feucht, ein weißes Frotteehandtuch um die Hüften geschlungen, und rieb sich mit einem zweiten den Nacken trocken. Er summte einen alten Song von Marius Müller-Westernhagen vor sich hin, sichtlich zufrieden mit seiner Welt. Als er Klara so aufrecht dastehen sah, mit seinem Handy in der Hand, stoppte er abrupt. Sein Lächeln gefror.

„Was tust du da? Ist das mein Handy? Klara, leg das sofort hin! Solche Spielchen haben mir gerade noch gefehlt! Du weißt, ich hasse es, wenn jemand an meine privaten Sachen geht. Was fällt dir ein? Spionierst du mir etwa hinterher? Das ist ja wohl die Höhe! Ich rackere mich hier ab, und du hintergehst mich wie eine eifersüchtige Göre? Leg. Das. Hin! Hab ich mich klar genug ausgedrückt?“

Er kam mit ausgestreckter Hand auf sie zu, das Lied war verklungen, und an seine Stelle trat die kalte, aggressive Verteidigungshaltung eines Mannes, den man auf frischer Tat ertappt hat. Aber Klara dachte nicht daran, ihm das Handy zu geben.

„Sechstausendzweihundert Euro, Markus. Für eine Finca mit Pool auf Mallorca. Plus Flug. Plus VIP-Shuttle. Für Sabine und die Kinder. Sabine, die dich ausgenommen hat, Sabine, die keinen Cent wert ist. Nur damit ich das richtig verstehe: Du kannst unserem Sohn keine 980 Euro für eine Jugendfreizeit geben, weil dein Konto angeblich leer ist. Aber für einen Luxusurlaub mit deiner Ex und ihren Kindern reicht es dicke. Du hältst mich seit Monaten hin, machst mir ein schlechtes Gewissen wegen jeder albernen Packung Nudeln, die mehr als 79 Cent kostet, und gleichzeitig finanzierst du der anderen einen Palast mit Pool? Was bin ich für dich, Markus? Deine Gratis-Haushälterin, die du mit billigen Lügen abspeisen kannst? Dein Sparschwein, in das nichts reinkommt, weil du es schon vorher für die Familie ausgeschlachtet hast, die du angeblich verlassen hast? Was bin ich?“

Markus wurde blass, dann rot. Die Ader an seiner Schläfe trat hervor, und er ballte die Fäuste. Begreifen, dass er ertappt worden war, wich sofort dem Wunsch, die Sache umzudrehen, die Deutungshoheit zurückzugewinnen.

„Also gut! Jetzt hör mir mal genau zu, Klara“, zischte er und trat einen Schritt näher, wobei er das Handtuch so fest umklammerte, dass seine Knöchel weiß hervortraten. „Ja, ich hab den Urlaub bezahlt. Na und? Das ist mein Geld, das ich mir vom Munde abspare. Das geht dich überhaupt nichts an. Sabine hat die Kinder, Sabine ist allein. Ich bin aus der Beziehung raus, ich habe meine Söhne im Stich gelassen. Meine Söhne! Das lastet jeden Tag auf mir, das verstehst du in deiner kleinbürgerlichen Buchhalterwelt doch gar nicht. Die Jungs wachsen ohne Vater auf, in einer engen Wohnung in Eimsbüttel, während ich hier im schicken Barmbek sitze und jeden Tag mit einer Frau zu Abend esse, die mir Vorwürfe macht. Die haben mal was Schönes verdient! Die sollen sehen, dass Papa sie liebt und dass Papa für sie sorgt, wenn es drauf ankommt. Das ist meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit!“

„Und Tommi? Hat Tommi keinen Vater verdient? Ist das nicht deine Pflicht? Dein Sohn, der hier lebt, der dir jeden Abend sagt, dass er dich lieb hat? Der muss mit Omas Unkraut vorlieb nehmen, während deine anderen Söhne im Pool plantschen? Weißt du, was du bist, Markus? Du bist kein fürsorglicher Vater, du bist ein erbärmlicher Feigling, der sich von seinem schlechten Gewissen eine goldene Nase kauft. Du bezahlst Sabine dafür, dass sie dir Absolution erteilt, und dafür bestrafst du uns. Aber damit ist jetzt Schluss. Das hier“, sie wedelte mit dem Handy, „ist die Scheidungsbegründung. Die werde ich mir schön abspeichern. Du hast mich und meinen Sohn systematisch belogen und finanziell ausgebeutet. Das ist Betrug, Markus. Emotionaler und finanzieller Betrug. Such deine Golftasche und deine Edelhandtücher zusammen und verschwinde. Das hier ist nicht dein Zuhause. Das war es nie. Du hattest nie vor, mit uns eine Familie zu sein. Du hast hier nur geparkt, um Kraft zu tanken für deine richtige Familie. Also fahr zu ihnen. Fahr zu Sabine und sag ihr, dass du jetzt wieder da bist, wenn du so ein toller Vater bist. Mal sehen, ob sie dich mit offenen Armen empfängt, wenn du ohne die Finca im Gepäck ankommst. Ich will dich hier nicht mehr sehen. Nie wieder!“

„Du schmeißt mich raus? Jetzt? Heute Abend? Das ist doch wohl nicht dein Ernst! Wegen ein bisschen Urlaub? Mein Gott, bist du hysterisch! Das ist auch meine Wohnung, ich wohne hier!“, schrie er, die Contenance endgültig verlierend, während sie bereits anfing, seine Sachen zu packen.

„Nein, Markus. Die Wohnung gehört meiner Tante. Du hast darin gewohnt. Und jetzt packst du deine Sachen oder ich rufe meinen Bruder an und der packt sie für dich, zusammen mit dir. Deine Entscheidung. Aber beeil dich, ich habe keine Lust, deinen Anblick noch länger zu ertragen. Deine Sabine wartet bestimmt schon sehnsüchtig. Viel Glück. Du wirst es brauchen.“ Klaras Stimme war eiskalt und ruhig. Sie schmiss nicht mit Sachen um sich, sie schrie nicht mehr. Sie schichtete seine Hemden, die Boss-Hemden für die wichtigen Kunden, einfach auf den Boden im Flur. Sorgfalt war nicht mehr nötig. Sorgfalt hatte er nicht verdient.

Fünfzehn Minuten später stand Markus vor der Tür, eine Segeltuchtasche in der Hand, die Autoschlüssel in der anderen. Sein letzter Versuch, sich als Opfer zu inszenieren – „Du wirst schon noch sehen, was du davon hast, du merkst schon noch, dass du ohne mich nicht klarkommst, du bist doch völlig abhängig von mir!“ – prallte an ihr ab. Sie schloss einfach die Tür, warf einen letzten Blick durch den Spion und ging zurück in die Küche. Die Tomatensoße war kalt geworden. Sie stellte den Topf in den Kühlschrank, öffnete das Fenster ganz weit, um seine Geruchsspur zu vertreiben, und machte sich eine Kanne Tee. Earl Grey, den er nie hatte kaufen wollen, weil er zu teuer war.

Unten auf der Straße sprang unterdessen der Motor seines geleasten Audi A6 an. Markus saß am Steuer, das Adrenalin pumpte noch immer durch seine Adern, aber es war kein Gefühl der Niederlage. Es war Trotz und eine hysterische Erleichterung. Gut, dass es raus war! Gut, dass dieser nervige Klotz am Bein endlich weg war! Klara mit ihrem Gemecker und ihrem Sohn, der eh nie so sportlich war wie Jannis und Linus. Er war frei!

Er fuhr los, das Fenster einen Spalt geöffnet. Er summte nicht mehr, er lachte kurz und freudlos auf. Sabine. Er würde zu Sabine fahren! Er hatte doch den Beweis in der Tasche, wie sehr er sie liebte. 6.200 Euro! Das war ein Statement, eine Liebeserklärung, stärker als jeder Blumenstrauß. Sie würde ihn mit Kusshand wieder aufnehmen, die Familie würde wieder vereint sein. Sabine hatte doch immer gesagt: „Wenn du nur mal Verantwortung übernehmen würdest.“ Hier war sie, seine Verantwortung, finanziert und gebucht. Diesmal machte er alles richtig. Klara war ein Betriebsunfall gewesen, Sabine war seine wahre Bestimmung. Und jetzt fuhr er nach Hause, in sein richtiges Zuhause, nach Eimsbüttel.

Er brauchte eine halbe Stunde bis zu der Straße mit den fünfstöckigen Nachkriegsbauten. Er parkte den Audi direkt vor dem Hauseingang, im absoluten Halteverbot, aber das war ihm egal. Er war hier der König, der auf einem weißen Ross mit Ledersitzen und Klimaanlage zurückkehrte.

Er nahm zwei Stufen auf einmal, rannte förmlich den Treppenabsatz hinauf, bis vor die Tür mit dem verwitterten Holzschild, auf dem immer noch „Familie K.“ stand. Er hatte es vor sieben Jahren selbst angebracht. Ein gutes Omen! Er atmete kurz durch, strich sich durch das noch feuchte Haar und drückte den Klingelknopf, lang und fordernd.

Es dauerte einen Moment, Schritte näherten sich, dann wurde die Tür einen Spalt geöffnet. Sabine stand da, eine Zahnbürste in der Hand, in einen flauschigen Bademantel gehüllt. Sie sah nicht überrascht aus, eher verärgert und müde, als hätte er ihre abendliche Ruhe gestört – was er ja auch hatte.

„Markus? Was machst du hier? Es ist kurz vor elf. Ist was passiert? Geht’s deiner Frau nicht gut? Ich hab keine Zeit für Dramen, ich muss morgen früh raus, die Kinder müssen zum Kieferorthopäden. Sag einfach, was Sache ist, und dann geh bitte wieder. Falls es wegen dem Urlaub ist: Die Tickets sind zugeschickt worden, danke nochmal. Wir sehen uns dann am Flughafen. Gute Nacht.“

Er drückte mit der flachen Hand die Tür weiter auf und strahlte sie an, ein breites, siegessicheres Lächeln, das seine ganze Erbärmlichkeit überdeckte. Sabine stutzte, trat einen Schritt zurück, ihre Augen verengten sich misstrauisch.

„Gute Nacht? Ach was, Sabine, das ist jetzt erstmal ein Guten Abend! Und was für einer! Ich bin zurück! Das mit Klara und mir, das war’s. Endgültig vorbei. Ich habe heute Abend die Reißleine gezogen, ich hab’s endlich eingesehen. Ein großer Fehler, das ganze. Du und die Jungs, ihr seid meine Familie. Ihr wart es immer. Und der Urlaub, der wird jetzt unser Neuanfang! Wir fliegen nicht nur zusammen nach Mallorca, wir leben ab sofort auch zusammen. Ich bin wieder da, Baby. Mit Sack und Pack stehe ich hier. Ich komm nach Hause, zu euch. Ist das nicht wunderbar?“

Er wollte sie umarmen, doch sie hob die Zahnbürste wie einen Degen und drückte sie ihm gegen die Brust, stoppte seinen Vormarsch abrupt. Sabine lachte nicht, sie schrie nicht. Ihre Augen wurden nur noch eine Spur kälter. Sie schüttelte langsam den Kopf, als ob sie es mit einem schwer erziehbaren, ziemlich begriffsstutzigen Kind zu tun hätte, das eine völlig absurde Frage gestellt hatte.

„Markus. Sag mal, was hast du eingeworfen? Hast du den Verstand verloren? In was für einem Film lebst du eigentlich? Du hast mir einen Urlaub bezahlt, den du deinen Söhnen schuldig bist. Das ist eine Begleichung alter Rechnungen, keine Schenkung mit Happy End. Du bist nicht meine große Liebe. Du bist der Mann, der mich mit zwei kleinen Kindern sitzen gelassen hat, um mit seiner jungen, hippen Assistentin durchzubrennen. Dass ich den Urlaub überhaupt annehme, ist schon das maximale Entgegenkommen meinerseits. Als ob ich dich, nach dem was du abgezogen hast, jemals wieder in meinem Leben haben wollen würde. Ich bin nicht deine Notunterkunft, nur weil deine Neue dich jetzt auch vor die Tür gesetzt hat. Mann, bist du lächerlich. Dreh dich um, setz dich in deine Karre und penn im Hotel oder meinetwegen im Parkhaus. Hier jedenfalls nicht. Keine zehn Pferde kriegen mich dazu, dich hier reinzulassen. Nie wieder. Hast du das verstanden, du arme Wurst? Und jetzt nimm deine Tasche und verschwinde, du störst unsere Nachruhe!“

Das war kein Streit. Das war eine Exekution. Jedes Wort ein Schlag, präzise und vernichtend. Markus stand da, seine Tasche zu seinen Füßen, der strahlende Held einer Geschichte, die nur in seinem Kopf stattgefunden hatte. Sabine sah ihn nicht als Erlöser, sie sah ihn als das, was er war: ein überflüssiger, aufdringlicher Bittsteller, der seine Schulden mit der Illusion von Großzügigkeit bezahlen wollte. Das Begreifen traf ihn mit der Wucht einer Naturgewalt. Er war von Klara weggegangen, weil er dachte, er hätte eine Königin. Er hatte keine. Er hatte niemanden.

„Aber der Urlaub… das Geld… das war alles für dich… ich hab doch… Sabine, bitte… lass uns reden… wo soll ich denn jetzt hin?“, stotterte er, alle Luft war aus seinem Hochmut gewichen. Er war klein, fror in seinem dünnen Hemd, obwohl die Nacht warm war.

„Ach komm, geh mir aus den Augen mit deinem ‚wo soll ich hin‘. Das ist dein Problem. Und was den Urlaub angeht: Ich hoffe, du hast nicht vor, die Buchung zu stornieren. Die Kinder freuen sich. Und die Finca ist wirklich nett, der Oleg wird sie lieben. Es gibt da einen schönen Whirlpool für Verliebte, aber der ist nur für zwei. Also, gute Nacht, Markus. Und lass dich hier nie wieder blicken. Das nächste Mal, wenn du was von uns willst, schickst du eine Mail ans Jugendamt, verstanden? Über den Rest reden die Anwälte. Adios!“

Die Tür fiel zu, mit einem satten, endgültigen Klicken. Das Geräusch hallte durch das kahle Treppenhaus, dessen Wände dringend einen neuen Anstrich vertragen hätten. Es roch nach Bohnerwachs und kaltem Rauch aus einer tieferen Etage. Markus stand da und starrte auf die abblätternde Farbe des Türrahmens, auf das alte Namensschild, das nicht mehr seins war. Er war draußen. Er war nirgendwo drin. Zwei Wohnungen, zwei Frauen, zwei Söhne aus der Ferne, ein Sohn aus der Nähe – und er stand hier ganz allein im Treppenhaus zwischen ihnen, ein Niemand, barfuß der Seele nach, obwohl die teuren Lederschuhe an seinen Füßen eng und schmerzhaft drückten.

In seinem Kopf herrschte Stille. Die große, erhabene Oper seiner Selbstgerechtigkeit war mit einem Schlag verstummt, und was blieb, war nur das leise Summen der Neonröhre über der Treppe und das entfernte Piepen seines Autos unten auf der Straße, das ihn daran erinnerte, dass die Parkuhr ablief. Er hob langsam seine Tasche auf. Mallorca, die Finca, das Meer – seine eigene Großzügigkeit, die ihn jetzt verhöhnte. Er würde in diesen Flieger steigen müssen, zusammen mit Sabine und ihrem neuen Freund, als fünftes Rad am Wagen, als lebender, atmender Geldautomat, der für die Getränke am Strand zuständig war, mit einem Lächeln für die Kinder, das innen drin nichts mehr kostete, weil es nichts mehr gab, wofür es sich zu lächeln lohnte.

Er ging die Treppe wieder hinunter, eine Stufe nach der anderen, schwerfällig wie ein alter Mann. Unten auf dem Gehweg blieb er kurz stehen und sah zu den erleuchteten Fenstern hoch, hinter denen Sabine jetzt das Licht löschte. Morgen würde er irgendwo von vorne anfangen müssen, ohne den Schutzpanzer seiner Lügen. Aber heute hatte er nicht mal genug Geld in der Tasche für ein anständiges Hotelzimmer am anderen Ende von Hamburg, denn das letzte bisschen Kredit, das er hatte, war aufgebraucht, genau wie die Geduld der Menschen, die ihn mal geliebt hatten. Und das Einzige, was lauter war als die Großstadt um ihn herum, war das Wissen, dass er sich das alles ganz allein eingebrockt hatte.

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