Dauerauftrag über 7 Euro

Am Freitag vor dem langen Wochenende zählte Katrin zum dritten Mal die Flaschen Burgunder. Es hätten sechzehn sein müssen — sie hatte zwei Kartons im Angebot gekauft, für den Geburtstag ihres Mannes im August. Jetzt waren es elf. Dazwischen lagen zwei Wochen, in denen sie Spätschicht im Uniklinikum geschoben hatte.

„Micha, hast du Wein mitgenommen?“

„Welchen Wein?“ Micha saß auf der Terrasse, die Füße auf dem Hocker, und las die Hannoversche Allgemeine.

„Den aus der Speisekammer. Elf Flaschen, dabei waren es sechzehn. Und das Olivenöl aus der Kiste von Lucca ist auch weg. Das große. Fünfundzwanzig Euro hat das gekostet, ich hab’s extra nicht angebrochen.“

Er klappte die Zeitung zu. „Vielleicht war Mutti da. Sie wollte die Rosen schneiden, als du Dienst hattest. Hat sie am Telefon gesagt, die Stöcke verwildern, wenn keiner rankommt. Steffi war bestimmt dabei. Die hat doch diesen neuen Freund, der isst so mediterran. Der macht Öl auf alles, sagt Steffi. Auch auf Eis.“

Katrin setzte sich auf die Schwelle zur Terrasse. Steffi war Michaels jüngere Schwester, zweiundvierzig, kein Abschluss, drei Kinder von drei Vätern, lebte von den Unterhaltsvorschüssen vom Jugendamt und dem, was „bei Mutti eben so reinkam“. Mutti — das war Adelinde, dreiundsiebzig, ehemalige Sachbearbeiterin beim Einwohnermeldeamt, wohnhaft in einer renovierten Altbauwohnung in Linden-Nord, fünfzehn Minuten mit der Straßenbahn entfernt.

Micha hatte ihr vor Jahren einen Schlüssel gegeben, „für Notfälle“. Der Notfall war inzwischen jeden Dienstag und jeden zweiten Donnerstag, wenn Katrin Spätdienst hatte.

Es war nicht der Wein. Es war das Muster.

Vor drei Monaten war der Akku-Staubsauger verschwunden, der neue von Bosch, den Katrin bei MediaMarkt am Hauptbahnhof geholt hatte — Angebot des Monats. Eine Woche später sah sie ihn bei Steffi im Flur stehen, mit einem Aufkleber vom Kindergarten drauf. „Ach, der? Den hat Mutti mir geschenkt, weil meiner kaputtgegangen ist. Ihr habt doch so viel Zeug, Katrin, das merkst du doch gar nicht.“ Vor zwei Monaten fehlten drei Handtücher, die guten von Möve, Hochzeitsgeschenk von Katrins Patentante aus Celle. Vor einem Monat war es das Paket Kaffee von der privaten Rösterei in der List, zwölf Euro das halbe Pfund — Micha trank nur den. Weg, bis auf eine angebrochene Tüte.

Und immer dieselbe Choreografie: Micha sagte, sie solle nicht so deutsch sein. Adelinde sagte, sie sei doch Familie. Steffi sagte, Katrin solle nicht so „knauserig“ sein.

Einmal, im April, hatte Katrin Adelinde im Treppenhaus ihres Mietshauses abgepasst. Steffi war gerade mit einem Stoffbeutel aus der Tür gekommen, in dem Beutel steckte eine Auflaufform — man sah die Henkel ragen. Es war die Keramikform von KAHLA, die Katrins Mutter ihr zum Einzug geschenkt hatte. Fünfundfünfzig Euro, in Geschenkpapier, mit Schleife.

„Entschuldigung, das ist meine“, sagte Katrin zu Steffi, die schon halb im Treppenhaus stand.

Steffi sah auf den Beutel, als enthielte er einen toten Fisch. „Mutti hat gesagt, die steht bei euch nur rum. Ihr benutzt die doch eh nie. Du kochst doch gar nicht mehr richtig Auflauf, seit du im Schichtdienst bist. Das hat Mutti gesagt. Ist doch schade drum, oder?“

Katrin nahm die Form an sich. Steffi heulte zwei Stunden später bei Adelinde auf dem Sofa. Micha holte Katrin dran ans Telefon. „Du hast meine Schwester vor dem Haus gedemütigt. Die Nachbarn haben alles gehört. Wegen einer blöden Auflaufform.“ Adelindes Stimme war ruhig, aber das war die Ruhe von jemandem, der sich einen Satz für hinterher aufhebt.

Den Satz bekam Katrin zwei Monate später, an Michas Fünfzigstem.

Sie hatten das Nebenzimmer im „Alten Rathaus“ in der Nordstadt gemietet, dreißig Leute, Buffet vom Schlachter, eine Kellerwein-Auswahl, für die Katrin sich beim Sommelier in Kirchrode hatte beraten lassen. Sie hatte monatelang alles akribisch geplant, von der Tischkarte mit den handgeschriebenen Namen bis zu der Torte mit einem aufgedruckten Foto ihres gemeinsamen Segeltörns vor Rügen.

Adelinde kam mit Steffi und einem Umschlag. „Mein Junge“, sagte sie vor allen, „wir haben von der ganzen Familie zusammengelegt. Für dich und deine Träume. Auch wenn andere Träume vielleicht wichtiger sind als die eigenen Eltern, aber das ist ein anderes Kapitel. Prost, mein Sohn.“ Im Umschlag waren fünfzig Euro in Fünferscheinen, und auf der Karte stand: Deine Mutter, die immer für dich da ist.

Später, beim Ausklang, ging Katrin zur Garderobe. Sie wollte ihre Handtasche holen, um dem Servicepersonal Trinkgeld dazulassen, dreihundert Euro in bar hatte sie eingesteckt, genau dreimal ein Hunderter, extra frisch vom Automaten der Sparkasse Hannover. Als sie die Tasche öffnete, fehlte das Kuvert. Keine dreihundert. Dafür ein Kassenzettel von Rossmann und zwanzig Cent Hartgeld-Einwurf.

Sie stand zwanzig Sekunden da, dann ging sie zurück in den Saal.

Steffi saß an der Bar und unterhielt sich mit dem Barkeeper. Vor ihr stand ein Glas Champagner, und neben ihrem Ellbogen lag ein Stapel Scheine — lauter Hunderter. Drei Stück.

„Steffi, woher hast du das Geld? Die Scheine da, neben deinem Glas. Drei Hunderter. Ich hatte vorhin genau drei Hunderter. In einem Kuvert. In meiner Tasche. Wo du standest, vor einer halben Stunde. Wo ist das Kuvert?“

Steffis Blick wanderte ins Leere. „Mutti hat es mir gegeben. Ich durfte anstoßen. Auf Micha. Typisch Katrin, dass du bei seiner Feier mir das Geld nicht gönnst. Mutti! Mutti, Katrin sagt, ich hätte ihr Geld. Dabei war es ein Geschenk, von Mutti. Das ist dein Geld.“

Adelinde stand zehn Meter entfernt. Sie kam langsam näher, in ihrem taubenblauen Kostüm mit der Brosche. „Katrin. Sag jetzt nichts, was du bereuen wirst. Ich habe meiner Tochter Geld geschenkt. Von meiner Rente. Das ist mein gutes Recht. Wenn dein Kuvert weg ist, such es gefälligst bei dir. Oder willst du mich auch noch durchsuchen? Deine Schwiegermutter? Auf der Feier deines Mannes, der mein Sohn ist? Micha! Deine Frau belästigt deine Familie. Hol sie dir her. Dein Vater hätte sich geschämt für dich, dass du so eine Frau geheiratet hast. Gut, dass er das nicht mehr erleben muss. Gut für ihn.“ Micha stand daneben, grau im Gesicht. Er sah von seiner Mutter zu seiner Frau, als überlegte er, aus welcher Ecke ein Schlag als erstes kommen würde. Er sagte: „Katrin, bitte. Nicht hier. Bitte. Mach das nicht. Es ist doch nur Geld.“

„Es ist mein Geld. Und deine Mutter lügt. Und deine Schwester hat es genommen. Genommen, aus meiner Tasche. Und ich mache das jetzt. Hier. Jetzt.“

Adelinde holte tief Luft, ihre Augen wurden schmal und kalt. Ihr Kinn hob sich, während sie sich zu voller Größe aufrichtete.

„Du hast einen Fehler gemacht, Katrin“, sagte sie, jede Silbe einzeln betonend, als spräche sie zu einem schwerhörigen Kind. „Du stellst mich bloß vor allen Leuten. Das werde ich dir nicht vergessen. Das wirst du noch bereuen. Denk an meine Worte. Du hast keine Ahnung, was du damit losgetreten hast. Keine Ahnung. Das hier war erst der Anfang.“ Sie ließ den Satz im Raum stehen, packte ihre Handtasche und marschierte Richtung Ausgang, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Die Heimfahrt war stumm. Zuhause setzte Katrin sich an den Küchentisch, ohne die Jacke auszuziehen, und sagte: „Ich lasse morgen das Schloss austauschen. Der Schlüsseldienst in der Podbi macht Notdienst. Ich hab’s gegoogelt, kostet mit Zuschlag etwa zweihundertvierzig Euro. Die abbuchbare Kreditkarte von der Sparkasse liegt in der Schublade. Mach’s oder lass es, aber ich bleib nicht in einer Wohnung, in die deine Mutter rein kann, wann sie will. Und wenn du protestierst, zieh ich zu meiner Cousine nach Hildesheim. Ein Zimmer haben sie, Katja und ihr Mann. Ich hab schon gefragt. Warte nur auf dein Wort. Ja oder Nein?“

Er sagte Ja. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst, sie zu verlieren. Am nächsten Morgen um zehn stand der Monteur vor der Tür, siebzig Minuten später steckte ein neuer Zylinder von Abus im Schloss. Drei Schlüssel. Einer für Katrin, einer für Micha, einer lag in der leeren Keksdose ganz hinten im Schrank, falls der Bausparvertrag je fällig würde.

Adelinde rief am Abend an, ihre Stimme triefte vor gespielter Fürsorge.

„Schatz, ich wollte nur sagen, dass ich morgen kurz vorbeikomme, ich habe ein Säure-Basen-Buch für dich, das musst du unbedingt lesen, bei deinem Schichtdienst-Stress. Und meine Physiotherapeutin sagt, die Halswirbel sind chronisch. Ich muss mich hinlegen bei euch, wenn ich zu erschöpft bin. So gegen halb elf. Ist das okay, mein Junge?“ Katrin nahm Micha das Handy aus der Hand. „Adelinde. Seit heute elf Uhr haben wir ein neues Türschloss. Für Notfälle rufen Sie an. Dann machen wir auf. Vorher nicht. Wenn Sie auf dem Flur warten wollen, ich kann Ihnen die Telefonnummer der Polizei geben. Ihr eigenes Telefon funktioniert ja noch.“ Stille. Dann Adelindes Stimme, leise und scharf: „Du hast dich gerade für etwas entschieden, Katrin. Und du wirst lernen, was das kostet. Du wirst noch an mich denken, so wahr ich Adelinde heiße. Warte ab. Nur warte ab. Ich hab Mittel, von denen du nichts ahnst, und ich kenne meine Rechte. Du hast keine Chance gegen mich. Keine einzige.“

Katrin legte auf.

Zehn Tage später steckte der Brief im Kasten.

Kein normaler Brief. Ein Mahnbescheid vom Amtsgericht Hildesheim, eingetütet in ein Schreiben von einer Anwaltskanzlei in Bad Nenndorf. Adelinde Krause, vertreten durch Rechtsanwalt Hinrich Klöver, machte gegen Michael Krause einen Anspruch auf Elternunterhalt geltend. Sie sei bedürftig, ihre Rente reiche nicht, die Pflege eines chronischen Leidens verschlinge ihre Ersparnisse. Sie verlange Unterhalt in Höhe von monatlich eintausendvierhundert Euro, rückwirkend für die letzten zwölf Monate, sowie Ersatz für Aufwendungen, die sie für die minderjährigen Enkelkinder — Steffis drei Kinder — getätigt habe. In Summe: vierunddreißigtausendachthundert Euro. Außerdem forderte sie eine Sicherheitsleistung für künftigen Unterhalt in Höhe von zehntausend Euro. Dazu gestützt auf § 1601 BGB, flankiert von einer psychosozialen Stellungnahme ihrer Heilpraktikerin, die ihr seelisches Leid durch den Kontaktabbruch zum eigenen Sohn attestierte.

Katrin las den Schrieb viermal. Dann rief sie Marlene an, ihre älteste Freundin aus dem Studium, die in der Rechtsabteilung der MHH saß.

„Marlene. Kann eine Mutter im Pflegefall einfach so Unterhalt von ihrem Sohn verlangen, wenn sie vorher nie gearbeitet hat für den Kontakt und das Geld nur in eine Richtung floss? Und können Kinder vom Bruder indirekt Unterhalt verlangen, weil die Mutter des Bruders die Enkel betreut hat und nun Geld will? Ist das nicht zivilrechtlich absurd?“

„Wenn sie bedürftig ist und er leistungsfähig, ja. Aber das Gericht wird die Bedürftigkeit prüfen. Und sein Einkommen. Und dein Einkommen. Und vor allem: Hat sie je Unterhalt von euch erhalten? Habt ihr Überweisungen, Quittungen?“

Katrin öffnete ihren Laptop und rief das Online-Banking der Sparkasse auf. Sie hatte jede einzelne Zuwendung an Adelinde in einem digitalen Ordner mit PDFs abgelegt — eine Angewohnheit, über die Micha sich immer lustig gemacht hatte („du und deine Belegsucht“). Jede Apothekenrechnung, die sie für Adelindes Medikamente bezahlt hatte, jede Zahlung für die Reparatur ihrer Gastherme, Lebensmittelgutscheine für Steffi, eine Matratze für das jüngste Kind, der Zuschuss zur neuen Brille. Sie scrollte durch die Jahre. Am Ende einer Stunde tippte sie die Summe in den Taschenrechner ihres Handys.

Zweiundneunzigtausend Euro.

In sieben Jahren. Kein Wunder, dass sie nie ein neues Auto hatten kaufen können.

„Micha. Wir haben deiner Mutter in sieben Jahren zweiundneunzigtausend Euro überwiesen oder bar gegeben. Jede Mark ist dokumentiert. Jetzt will sie vierunddreißigtausend plus Sicherheitsleistung, angeblich für Pflege, die nie stattfand, und für Enkel, die nicht unsere sind. Was sagst du?“

Micha starrte auf den Bildschirm, auf die Kontoauszüge, auf die Summe. Dann schob er den Stuhl zurück, als wäre die Zahl eine Hand, die nach ihm griff. „Das kann nicht sein. Das kann nicht stimmen. Meine Mutter. Meine kleine Schwester. Die würden nie. Das ist ein Irrtum vom Gericht. Ein Fehler im System. Oder dieser Anwalt. Dieser Klöver. Ein Betrüger. Die nutzt er aus, die alte Frau.“ Er schwieg eine Weile, massierte seine Schläfen mit den Handballen, als hätte er Kopfweh. Katrin kannte diese Geste seit zwanzig Jahren Ehe. Er tat es immer, wenn er seine eigene Stimme nicht mehr ertrug, weil sie genau das aussprach, was er selbst nicht glaubte.

„Ich geh da hin“, sagte er. „Heute Abend. Ich klär das. Du bleibst hier. Du machst das nur schlimmer. Das ist Familie. Das sind keine Fremden. Sie ist verwirrt, das ist alles. Das wird sich legen, wenn ich mit ihr rede. Mann zu Mutter. Nicht mit Gericht, sondern mit einem Schnaps auf dem Tisch, so wie früher.“

Am nächsten Morgen saß er wieder in der Küche. Die Kaffeemaschine lief vor sich hin, es roch nach abgestandenem Rauch — er hatte auf dem Balkon eine ganze Packung Roth-Händle geraucht, was er seit der Geburt ihres Sohnes nicht mehr getan hatte. Seine Augen waren rot.

„Steffi wohnt jetzt offiziell bei ihr. Komplett. Unterschrieben beim Amt. Sie hat ihre Sozialwohnung in der Schwarzen Heide gekündigt, einfach so. Der Anwalt hat ihr dazu geraten, sagt Mutti. Dein Anwalt. Du hast uns das eingebrockt, Katrin, du mit deinen Schlössern. Du rufst jetzt diesen Klöver an und zahlst. Irgendeinen Betrag. Wenigstens den Teil für die Kinder. Damit der Mahnbescheid zurückgenommen wird. Sonst redet ganz Hannover. Mein Chef liest Zeitung. Du weißt, wie die im mittleren Management sind. Das schadet unserm Ruf. Meinem Beruf. Meiner Position. Vierzigtausend, mehr nicht. Wir haben Rücklagen vom Bausparer. Wir können das schaffen. Nur damit das aufhört. Bitte. Es hört doch nicht auf“, sagte Katrin. Sie nahm den Zettel mit der Summe und strich mit dem Finger über die Zahl.

„Sie hat am Telefon gesagt, sie wolle mich ruinieren. Ich hab das aufgenommen. Versehentlich, weil ich auf den Auslöser kam. Zuerst will sie vierunddreißigtausend, dann sind es vierzig, dann die Eigentumswohnung in der List, die wir grade abbezahlen. Ich weiß, wie das läuft. Ich hab das bei meiner Cousine erlebt. Erst ein bisschen Geld, dann die Sicherheit, dann die Immobilie. Deine Mutter wird nicht eher aufhören, Micha, bis sie alles hat. Wir gehen vor Gericht. Ich habe die Belege. Wir gewinnen. Du vertraust mir jetzt. Das ist die einzige Sprache, die sie versteht: Prozessakten und einen Richter, der keine Tränen von Steffi zulässt. Und ich werde dafür sorgen, dass sie vor Gericht zeigt, wer sie wirklich ist. Das ist das Einzige, was hilft. Keine Zugeständnisse mehr. Das ist vorbei. Vorbei, Micha. Vorbei an dem Punkt, wo Bitten helfen. Vorbei an dem Punkt, wo wir zahlen und es hört auf. Wir sind jetzt an dem Punkt, wo man einen Schlussstrich zieht und sagt: Bis hierhin und nicht weiter. Verstehst du das? Es ist vorbei mit Kuschen und Hoffen. Vorbei mit der Scham, vor den Leuten als herzlose Frau dazustehen. Vorbei mit allem, was uns klein macht. Jetzt holen wir uns das zurück und zahlen nichts mehr. Keinen Cent. Keinen Pfennig. Nicht für Steffis Kinder, nicht für deine Mutter. Nichts. Sag mir, dass du das verstehst. Oder sag mir, dass du gegen mich bist, und ich packe noch heute Abend die Tasche für Hildesheim. Eins von beiden. Deine Entscheidung. Hier, jetzt. Die Worte hingen zwischen ihnen, schwer wie ein nasser Mantel, den keiner nehmen wollte. Micha sah sie lange an, und zum ersten Mal seit zwanzig Jahren sah sie etwas, das sie nicht einordnen konnte: keinen Widerstand, keine Angst, kein schlechtes Gewissen — sondern den Anfang von etwas Neuem, das noch keinen Namen hatte.

„Wir gehen vor Gericht. Gemeinsam. Du und ich. Und alle Anwälte der Welt, wenn es sein muss. Es reicht. Du hast gewonnen. Ich bin dabei. Krieg das hin. Bitte. Mach uns da raus.“ Das erste Treffen zur Güteverhandlung war im Amtsgericht Hannover, Saal 113, ein fensterloser Raum mit Akustikdecke und dem Geruch von Staub und altem Papier. Nur die Parteien und ihre Anwälte. Adelinde kam mit Steffi, dem Anwalt und einem Rollator — einem silbernen Modell von Dietz, nie zuvor gesehen. Steffi trug eine Bluse mit Paisleymuster und weinte bereits in ihren Schal, als der Richter noch gar nicht den Raum betreten hatte.

Katrin öffnete ihren Aktenordner. Sie legte ihn nicht theatralisch in die Mitte, sondern schlug ihn auf und begann, die Belege zu nennen: Überweisung vom 04.03.2021, Apotheke am Küchengarten, 187 Euro. Überweisung vom 11.12.2022, Mediamarkt, Matratze Kind 3, 249 Euro. Überweisung vom… Der Anwalt von Adelinde wurde blass, als die Nummer 24 kam und die Summe sich auf über dreißigtausend belief. Nach der Unterbrechung durch den Richter, der Adelinde direkt ansprach („Frau Krause, diese Vorwürfe sind schwerwiegend und durch Dokumente gestützt. Wollen Sie wirklich, dass ich das als Rechtsmissbrauch bewerte und die Kosten Ihnen auferlege? Oder haben Sie einen Beleg für Ihre angebliche Bedürftigkeit, der nicht durch diese Spenden widerlegt wird?“), begann Steffi zu schreien.

„Du willst mich obdachlos machen! Vor meinen Kindern! Deine eigene Familie! Dafür wirst du in die Hölle fahren! Mutti hat Krebs! Das weißt du! Sie hat es dir gesagt, im Sommer! Du hast das vergessen, du Monster! Weil dir alles egal ist! Hauptsache, dein Konto stimmt und dein Wein ist kalt und deine Adresse ist fein und deine Schlösser sind neu! Monster! Ich zeig dich an wegen unterlassener Hilfeleistung! Wegen Körperverletzung durch Stress! Wegen… wegen… allem! Du hast Mutti umgebracht! Du atmest und sie stirbt!“ Adelinde legte ihrer Tochter eine Hand auf den Arm und sagte nichts. Sie starrte Katrin nur an, unverwandt, mit einem Ausdruck, der nichts mehr mit Mutter oder Schwiegermutter zu tun hatte. Es war der reine, konzentrierte Wille, jemanden verschwinden zu lassen.

Der Richter bat um Ruhe. Er vertagte auf den kommenden Monat zur Beweisaufnahme. Katrin wusste in diesem Moment, dass sie gewinnen würden, aber auch, dass der Satz von Adelinde („Du wirst lernen, was das kostet“) kein Bluff war, sondern eine Ankündigung.

Am nächsten Morgen, während Micha noch schlief, setzte Katrin sich an den Küchentisch. Die Straßenlaterne vor dem Fenster war noch an, ein gelber Kegel auf dem Asphalt der ruhigen Straße in der List. Sie öffnete ihr Banking, scrollte durch die Daueraufträge, änderte eine monatliche Summe für den Bausparer und legte einen neuen Auftrag an.

Empfängerin: Adelinde Krause. Betrag: 7,50 Euro. Verwendungszweck: Familientradition. Ausführungsdatum: Ultimo, ab sofort, unbegrenzt.

Sie drückte auf Bestätigen, während das erste Licht des Tages durch die Gardinen kroch. Irgendwo in Hannover-Linden würde an jedem Monatsletzten das Handy ihrer Schwiegermutter einen stillen Summton von sich geben. Kein Geld, das reichte. Geld, das genau den Gegenwert dessen hatte, was Adelinde ihr in all den Jahren gegeben hatte: nichts, aber in dokumentierter Form. Kein Wort des Vorwurfs, keine Ankündigung, keine Genugtuung — nur ein Geräusch, einmal im Monat, eine Zahl, die für sich selbst sprach.

Sieben Euro fünfzig. Zwölf Mal im Jahr. Jahr für Jahr, bis eine von ihnen nicht mehr da war.

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