Ich habe diesen Zettel der Queen noch. Nicht wegen des Werts, sondern wegen der Erinnerung. Manchmal braucht es eine gute Lüge, um die Wahrheit zu sehen.

Meine Frau Carla bekam die Diagnose an einem Donnerstag im November. Bauchspeicheldrüse. Da sitzt du dann im Bethanien-Zentrum in Potsdam, riechst den Desinfektionsmittelgeruch, und draußen vor dem Fenster auf dem Pfingstberg fegt der Wind die letzten Lindenblätter vom Weg. Die Behandlungen begannen sofort, aber wir wussten beide, worauf es hinauslief. Nicht heilbar, sagte die Oberärztin, aber wir können die Zeit angenehm machen. Angenehm. Als ob das ein Wort für den Abgrund wäre.

Pia, unsere Tochter, war zehn. Carla hatte sie mit in die Ehe gebracht, aber für mich war sie nie eine Stieftochter. Sie war einfach unser Kind. Und als Carla schwächer wurde, zog sich Pia zurück. Nicht laut, nicht rebellisch. Sie wurde leise. Sie aß nichts. In der Schule schrieb ihre Lehrerin uns eine E-Mail, sie hänge in den Pausen allein auf der Bank am Havelufer, starre aufs Wasser. In ihren Zeichnungen kamen keine Menschen mehr vor, nur noch Tiere mit einem Auge.

Carla versuchte es mit Strenge, wie früher. Pia solle sich zusammenreißen, sie komme aus einer Familie, die nie aufgegeben habe. Ihr Urgroßvater war Ingenieur bei den Zeppelinwerken gewesen, das hatte Gewicht, das verpflichtete. Aber je mehr Carla auf Haltung drängte, desto mehr verschwand Pia. Ich stand dazwischen, unfähig, beiden zu helfen.

Die Schwester im Hospizdienst, eine Frau Mitte fünfzig mit kurzgeschnittenen grauen Haaren namens Maria, kam zweimal die Woche. Sie sah Pia auf dem Flurboden sitzen, mit dem Rücken an den Heizkörper gelehnt, die Knie ans Kinn gezogen, und sie sah mich, wie ich dastand und nichts tat. Beim Hinausgehen drückte sie mir einen Zettel in die Hand. Darauf stand in ihrer krakeligen Handschrift: „Angelfelder Katze — seltenste Rasse der Welt. Nur vier Züchter in England. Warteliste geschlossen. Preis auf Anfrage."

„Ein Haustier", sagte sie. „Am besten was Besonderes. Ihre Frau braucht das Gefühl, dass Pia etwas Exklusives hat. Und Pia braucht was zum Liebhaben. Da kann man nichts falsch machen."

Ich verstand nicht, aber sie war schon die Treppe hinunter.

Am Abend erzählte ich Carla von der Angelfelder Katze. Ich log, dass die Balken krachten — königliche Zucht, nur für den Hochadel, Queen Victoria selbst hatte die Rasse angeblich in ihren Gemächern gehalten. Carla, die seit Tagen kaum gesprochen hatte, setzte sich im Bett auf. Ihre Augen, matt von den Medikamenten, bekamen einen Schimmer. „Hol so eine", sagte sie. „Egal, was es kostet."

Also setzten wir eine Anzeige in alle Haustierforen: „Suche Angelfelder Kätzchen. Zahle jeden Preis. Original-Zertifikat erwünscht." Innerhalb von vierundzwanzig Stunden hatten wir achtzehn Angebote. Achtzehn. Angeblich jede Züchterin eine Gräfin mit Landsitz. Ich blätterte durch die Mails, las von Stammbäumen und königlichen Siegeln, und Maria, die zufällig vorbeikam, als ich am Küchentisch saß, beugte sich über meine Schulter und tippte auf das teuerste. 6500 Euro. Eine Frau in Dresden, die schwor, ihre Katze stamme direkt von den Windsor-Katzen ab, mit einem Echtheitszertifikat in Wachs und einer Tierarztbescheinigung auf Englisch, darunter mit Bleistift gekritzelt: „Ehrenwort."

„Die nehmen Sie", sagte Maria. „Je teurer, desto glaubwürdiger für Ihre Frau."

Am Abreisetag, es war ein feuchter Dienstag im März, regnete es in Strömen. Vor unserer Haustür, unter dem Vordach des Altbaus in der Brandenburger Vorstadt, kauerte ein Hund. Ein junger, vielleicht sechs Monate alter Mischling, grau, mit triefenden Augen und einer Pfote, die er seltsam nachzog. Er zitterte so stark, dass seine Rippen durch das nasse Fell stachen. Ich stieg über ihn hinweg, stieg ins Auto und fuhr nach Dresden. 6500 Euro in bar im Briefumschlag, das ganze Ersparte, aber was sollte das Geld noch, wenn Carla im Sterben lag?

Die Frau in Dresden erwartete mich in einer Villa in Blasewitz. Sie trug einen Kimono, hielt mir eine Transportbox hin und drückte mir eine Pergamentrolle in die Hand. Das Siegel war auf alt gemacht, das Papier vergilbt, die Unterschrift ein unlesbarer Schnörkel. Das Kätzchen darin war winzig und orange und starrte mich an, als hätte es die ganze Sache durchschaut.

Zurück in Potsdam, im Regen, kam mir dieser Hund wieder entgegen. Taumelte mir vors Auto. Ich bremste, fluchte, stieg aus. Genau in diesem Moment drückte das orange Kätzchen von innen gegen die Transportbox, die Schnalle löste sich, die Tür sprang auf, und das Ding schoss heraus, raste die Straße hinunter, verschwand hinter der Mülltonne vom Späti an der Ecke und war weg. Weg. Für 6500 Euro.

Ich stand im Regen, das Wasser lief mir in den Kragen, und dann sah ich diesen grauen Hund, der mich aus seinen verquollenen Augen ansah. Er winselte nicht. Er wartete einfach. Ich hob ihn auf, steckte ihn in die Transportbox und ging zu meiner sterbenden Frau und meiner Tochter, die seit Wochen nicht mehr gelächelt hatte.

Im Wohnzimmer saß Carla, eingewickelt in die Wolldecke vom Sofa. Ich stellte die Box ab. Pia öffnete sie. Der Hund wackelte heraus, schob seine krumme Pfote über das Parkett, schaute zu ihr hoch und nieste.

Pia fiel auf die Knie. Sie presste das schmutzige Fell an ihre Wange, sie küsste die blinden Augen, sie murmelte Worte, die ich nicht verstand. Am nächsten Tag schleppte sie mich in die Tierklinik in der Zeppelinstraße. Die Ärztin, eine junge Frau mit einem Ring in der Augenbraue, tastete die Pfote ab und sagte, der Hund werde nie richtig laufen, aber Schmerzen habe er keine. Eine alte Fraktur, falsch verheilt. Vermutlich angefahren. Pia kaufte von ihrem Taschengeld ein Halsband mit kleinen Leuchtsternen und nannte ihn „Pelle".

Zwei Tage später, es war kurz nach sieben Uhr morgens, klopfte ein Nachbar von gegenüber an der Tür. In seinen Armen: ein orange gestromtes, vollkommen durchnässtes, äußerst erbostes Kätzchen. Er hatte es auf dem Spielplatz am Ufer des Tiefen Sees gefunden, wo es mit einer ausgewachsenen Waschbärin um ein halbes Brötchen gestritten hatte. „Gehört der euch?", fragte er. „Sieht teuer aus."

Pia nahm ihn wortlos entgegen und setzte ihn neben Pelle. Die beiden beschnüffelten sich zwei Sekunden lang, dann begannen sie zu spielen. Pia lachte. Dieses Geräusch. Carla, die auf dem Sofa lag, drehte den Kopf.

Von diesem Tag an aß Pia wieder. Sie rannte von der Schule nach Hause, sie machte Fotos, sie erfand Geschichten, in denen Pelle und der Kater — wir nannten ihn Lord — Geheimagenten waren. Carla erlebte noch drei Monate. Sie sah die Tiere, sie sah Pias Gesicht, und drei Tage vor ihrem Tod, es war ein stiller Abend mit dem Geruch von Flieder aus dem Garten, sagte sie zu mir: „Weißt du, es ist mir wirklich egal."

Ich verstand sie. Ich glaube, ich verstand sie zum ersten Mal richtig.

Eine Woche nach der Beerdigung, als ich endlich die Kraft fand, die Tierarztrechnungen zu sortieren, entdeckte ich die gelbe Karteikarte für Pelle. Unter der Rubrik „Rasse/Vermutung" stand: „Ägyptischer Mau — Kreuzung, deutlicher Einschlag." Ich blätterte weiter, zog Lords Unterlagen hervor. Da stand nichts von königlich. Da stand: „Europäisch Kurzhaar, rot, Fundtier."

Ich saß da, mit beiden Karten in der Hand, und fing an zu lachen. Laut und lange und bis mir die Tränen übers Gesicht liefen.

Am Abend lag ich mit Pia und den Tieren im Wohnzimmer auf dem Teppich. Pelle hatte seinen Kopf auf meinem Fuß abgelegt, Lord schnurrte auf Pias Bauch. Da machte es Klick. Nicht im Kopf, sondern in der Brust, irgendwo unterhalb des Brustbeins.

Ich stand auf, holte die Pergamentrolle mit dem Siegel der Queen Victoria aus der Schublade und das Feuerzeug vom Herd. Auf dem Balkon, mit Blick auf die eingeschaltete Straßenbeleuchtung der Brandenburger Straße, hielt ich die Flamme an das alte Papier. Es brannte zögerlich, dann fraß sich das Feuer durch das vermeintliche königliche Siegel. Die Asche segelte hinunter in eine leere Kaffeedose.

Dann zog ich mein Handy heraus und öffnete die Banking-App. Ich suchte den Dauerauftrag, den ich vor Monaten eingerichtet hatte, für einen Zuchtverein, bei dem ich nichts bestellt hatte und den es nicht gab. Ich löschte ihn. 6500 Euro — die Rücklage, die ich für die lächerliche Jagd nach der Angelfelder Katze zurückgehalten hatte. Ich klickte auf „Überweisen", gab die Kontonummer des Bethanien-Hospizdienstes ein, den Namen von Schwester Maria, und tippte in den Verwendungszweck: „Für die nächste Lüge, die ein Kind rettet."

Pia wusste nichts davon, als sie mich rief, ich solle mir ansehen, dass Pelle zum ersten Mal seit Wochen einem Ball hinterhergelaufen war. Er humpelte, ja, aber er rannte. Lord saß auf dem Fensterbrett und verfolgte das Ganze mit königlicher Gleichgültigkeit.

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MagistrUm
Ich habe diesen Zettel der Queen noch. Nicht wegen des Werts, sondern wegen der Erinnerung. Manchmal braucht es eine gute Lüge, um die Wahrheit zu sehen.