Die leere Teetasse

Ich war vierunddreißig und hatte es geschafft. Dachte ich. Meine eigene Wohnung in Dortmund, Balkon zum Innenhof, wo morgens die Sonne auf den alten Kastanienbaum fiel. Die Stelle im Jobcenter am Nordmarkt war sicher, der Lohn kam pünktlich. Nur das mit der Liebe — das wollte einfach nicht klappen. Meine Freundin Kerstin brachte es auf den Punkt: „Jutta, du suchst einen, der nicht existiert. Einen, der still ist und trotzdem nicht kaputt.“ Ich lachte damals. Heute weiß ich, dass sie recht hatte.

Jan lernte ich über Kollegen kennen. „Ein guter Mann“, sagten sie. „War nur mit der Ersten so ein Unglück. Die hat ihn ausgesaugt, die Wohnung in Bochum hat sie ihm weggenommen, und er hat keine rechtliche Handhabe gehabt.“ Ich hörte zu und dachte: Jemand, dem Unrecht widerfahren ist. Der weiß, wie weh das tut. Das kann nur ein feinfühliger Mensch sein.

Sechs Monate liefen wir durch den Westfalenpark, tranken Kaffee im Hafenviertel, redeten. Jan war aufmerksam. Jan war leise. Jan hob nie die Stimme. Im Kino griff er in die Popcorntüte, als würde er um Erlaubnis bitten. Ich beobachtete ihn, und meine Wahrnehmung war geschärft von Jahren des Zuhörens bei den Freundinnen meiner Mutter. Die Männer, die sie mitbrachten. Ihre abschätzenden Mienen, wenn sie dachten, das Kind im Flur merkt es nicht. Ich merkte es. Ich war acht, als ich mir schwor: In meinem Leben kommt das nicht vor. Ist wie eine blinde Stelle im Auge — man sieht alles, nur das nicht. Und genau darauf fällt man herein.

Als Jan vorschlug, bei mir einzuziehen — sein Mietvertrag in Gelsenkirchen lief aus, und meine Wohnung war größer — sagte ich ja. Aus Überzeugung, nicht aus Romantik. Der Mann passte. Er schlief ruhig, schnarchte nicht, ließ die Klobrille unten. Alles, was mir wichtig war.

Die erste Frage kam an einem Donnerstag. Ich schnitt Lauch für eine Suppe, das Radio lief WDR 4, und Jan lehnte im Türrahmen, ein Glas Wasser in der Hand. „Wie viel bleibt dir eigentlich netto, wenn du die Miete bezahlt hast?“

Nicht frech. Eher so nebenbei. Aber meine Finger am Messer verlangsamten sich. „Reicht“, sagte ich.

„Wo packst du das Geld denn hin? Aufs Tagesgeldkonto oder gleich in den Deka-Fonds?“

Ich drehte mich nicht um. Das Wasser auf dem Herd fing an zu blubbern.

Samstag darauf nahm ich ihn mit zum Wochenmarkt am Hansaplatz. Ich kaufte ein: Kartoffeln, Möhren, ein halbes Pfund vom Bergkäse, der so teuer ist, dass ich ihn sonst nur an Ostern esse. Bezahlte mit einem Fünfziger und ließ das Wechselgeld im Portemonnaie klimpern. Sah ihn an. Sagte nichts. Wollte nur zeigen: Sieh her, das Geld ist da. Das ist unser Geld. Kein Grund für Misstrauen. Kein Grund für Fragen.

Seine Miene blieb glatt wie der Asphalt vor dem Rewe. Keine Erleichterung, kein Danke. Nur eine knappe Kopfbewegung, mit der man einen Parkautomaten bestätigt.

Drei Wochen später waren wir bei Bekannten in der Gartenlaube in Hörde. Es gab Grillwürste und Salat, und der Abend war so leicht, wie Abende im August sein sollen. Ich erinnere mich an die Lichterkette über dem Apfelbaum, an Kerstins ansteckendes Lachen, daran, wie Jan stilles Wasser trank und zuhörte, während die anderen Bier aus der Flasche tranken. Im Auto auf dem Rückweg saß er dann stocksteif neben mir. Ich schob eine Kassette rein — Nena, für die gute Laune. Er drückte die Stop-Taste. So heftig, dass das Plastik knackte.

Zu Hause war die Luft im Treppenhaus stickig, unsere Schritte auf den Stufen hallten wie vor einem Unwetter. Kaum fiel die Wohnungstür ins Schloss, ging es los. Nicht mit einem Schlag. Mit Worten, die kamen von der Seite, scharfkantig, ohne Ziel und doch treffend. Warum ich mit Markus von der Arbeit so lange gequatscht hätte. Ob ich dachte, er merke das nicht. Ob ich ihn für blöd verkaufe.

Ich zog die Schuhe aus, stellte sie säuberlich auf den Schuhrost. Wollte keine Szene. Dachte wirklich: Wenn du jetzt ruhig bleibst, verpufft das wie eine Wetterwolke überm Kanal. Ich ging ins Schlafzimmer. Er folgte. Seine Hand fuhr mir von hinten in die Haare, nicht zärtlich — Griff in den Nacken, fest, reißen, vorwärts.

Keine Zeit für Angst. Es war eine Entscheidung, die in mir schon zwanzig Jahre geschlummert hatte, seit dem Tag, an dem ich mir als Achtjährige den Wecker vors Ohr gestellt hatte, um die Nachbarn nicht zu hören. Wumm, direkt unter den Rippenbogen, das war mein Ellenbogen, zurückgestoßen wie ein Bolzen. Er japste. Ich drehte mich, schlug nicht, stieß mit beiden Händen gegen seine Brust. Rang. Biss nicht, aber meine Zähne waren aufeinandergepresst mit einer Kraft, die meinen eigenen Kiefer schmerzen ließ. Wir fielen mehr gegen die Kommode, als dass wir kämpften. Irgendwas schepperte, die Tischlampe vielleicht. Dann ließ er ab, so plötzlich, als hätte jemand den Stecker gezogen.

Er ging ins Wohnzimmer, legte sich aufs Sofa und schlief ein. Ich hörte sein tiefes Atmen durch die geschlossene Tür. Wie ein Motor, der im Leerlauf läuft.

Ich saß in der Küche, die Hände flach auf dem Wachstischtuch. Sie zitterten nicht — das war das Schlimmste. Sie zitterten nicht, und die Teetasse vor mir war noch warm, der Beutel hatte nur zwei Minuten gezogen, alles wie immer. Nur der Junge aus dem Hinterhof, der immer abends übt, spielte heute keine Trompete. Vielleicht hatte er gemerkt, dass heute kein Abend für Musik war.

Gegen Morgen, die Sonne kroch schon über den Kastanienbaum, machte ich Kaffee. Fünf Löffel, nicht vier, das Koffein musste sitzen. Ich klopfte an die Wohnzimmertür. „Jan, zieh deine Sachen zusammen.“ Nicht laut. Klar. Fertig.

Er kam in die Küche, die Haare verwuschelt. Ein Lächeln, das nicht zu dem Mann von letzter Nacht passte, lag auf seinem Gesicht. Ein Sachbearbeiterlächeln. „Jutta, du weißt schon, dass wir sechs Monate zusammengelebt haben? Das begründet eine Lebensgemeinschaft. Mein Anwalt sagt, da kann man über einen Ausgleich reden. Mietersparnis, gemeinsame Anschaffungen, emotionale Investition. Das läppert sich.“ Er dehnte das letzte Wort wie einen Kaugummi.

Ich sah ihn an. Der Kaffee in meiner Tasse schlug kleine Wellen, weil mein Puls doch stärker war, als ich dachte. Sechs Monate. Die Miete hatte keinen Cent gesehen von ihm. Nicht mal den Einkaufswagen hatte er je zurückgebracht ohne Seufzen. Jetzt stand er da, sechsunddreißig Jahre alt, gesunde Hände, und redete von Rechten an meiner Wohnung.

Ich stellte die Tasse ab. Griff nach dem Telefon. Wählte nicht den Notruf — wählte die Nummer von meiner Freundin Sandra, die beim Mieterverein in der Innenstadt arbeitete. „Sandra, hier ist Jutta. Kannst du mir kurz zuhören? Ich hab hier jemanden, der meint, er hätte Rechte an meiner Wohnung, weil er sechs Monate kostenlos bei mir gewohnt hat und gestern handgreiflich geworden ist. Was sagst du dazu?“

Ich stellte auf laut. Sandras Stimme füllte die Küche wie kaltes Wasser. „Wenn kein Mietvertrag besteht und keine Zahlungen geflossen sind, ist er Gast, Jutta. Mit Gewaltandrohung hast du sogar Hausrecht, um ihn sofort der Tür zu verweisen. Soll ich dir die Paragrafen aus dem BGB durchgeben? § 985 und § 1004 sind eindeutig. Er hat nichts, rein gar nichts in der Hand. Im Gegenteil, mit der Körperverletzung ist er in der Nachweispflicht, dass nichts passiert ist. Vor Gericht wäre das ein Heimspiel für dich. Soll ich das den Kollegen von der Polizei auch so erklären?“

Seine Kiefer mahlten kein Wort mehr. Die Farbe wich aus seinem Gesicht wie Wasser aus einem umgekippten Eimer.

Er war um zehn verschwunden. Zwei Tüten und ein Rucksack, mehr hatte er nicht. Ich stand am Fenster, bis sein grauer Opel Corsa um die Ecke bog. Dann drehte ich den Schlüssel zweimal im Schloss.

Das Heulen kam später. Nicht theatralisch, einfach ein Auslaufen von Druck. Ich weinte um das Mädchen, das sich mit acht Jahren das Kissen auf die Ohren presste und dachte, es wäre schlauer als die Erwachsenen. Um die Frau, die so lange prüfte und trotzdem einen nahm, unter dessen Schweigen Gewalt wuchs wie Schimmel hinter der Tapete.

Aber dann. Zwei Tage später, an einem Dienstag. Ich wachte auf, und der erste Gedanke war nicht Jan. Es war: Mist, der Müll muss raus, morgen ist Leerung. Und der zweite Gedanke war: Die Tomaten auf dem Balkon brauchen Wasser. Und erst der vierte Gedanke fragte leise, ob es mir gut geht. Und ich merkte — ja. Es geht mir gut. Ich bin hier. Die Tasse mit dem angetrockneten Tee vom Morgen danach stand noch immer auf dem Tisch, und ich spülte sie einfach ab. Kein Ritual. Kein Abschied. Nur Spüli und Wasser, bis sie sauber war.

In den Monaten danach passierte etwas Seltsames. Die Wohnung wurde wieder meine. Nicht im juristischen Sinn — der war sie immer. Aber der Geruch nach Schlaf und Anspruch, der in den Ecken gehangen hatte, verzog sich. Ich kaufte mir neue Kissenbezüge. Nicht, weil die alten schmutzig waren. Weil ich es konnte.

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