Der Anruf kam, als ich im Stau stand. Mitten auf der Autobahn, Regen prasselte gegen die Scheiben

„Dein Mann räumt gerade das Haus aus. Und er ist nicht allein – da ist so ein Püppchen mit Lippen wie angestochen, die hilft ihm. Sie tragen Kisten zu deinem Auto, und ich glaube, sie haben auch die große Kaffeemaschine eingepackt. Die silberne, die du mir letztens gezeigt hast. Sophie, fahr sofort her!“

Die Stimme von Frau Dornauer, meiner Nachbarin vom Land, überschlug sich fast. Ich saß auf dem Rücksitz eines Taxis, eingekeilt zwischen zwei Lastwagen, und spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich. Eigentlich wollte ich nur schnell nach München rein, meiner Mutter nach ihrer Knie-OP helfen. Zwei Tage. Nur zwei Tage.

„Frau Dornauer, sind Sie sicher? Vielleicht hat Matthias doch jemanden engagiert für die Renovierung im Wohnzimmer, wir hatten darüber gesprochen…“

„Renovierung? Dass ich nicht lache! Die zwei kleben aneinander wie die Kletten, er fasst ihr ständig an den Hintern, und sie kichert. Vor deiner Tür! Sophie, du musst kommen, sonst ist am Ende nur das nackte Parkett übrig.“

Ich drückte auflegen und umklammerte das Handy. Der Taxifahrer musterte mich im Rückspiegel. Ein grauer Bart, müde Augen. „Alles okay bei Ihnen? Sie sind ja kreidebleich geworden.“

„Können Sie bitte umdrehen? Ich muss zurück nach Rottach-Egern. Es ist dringend. Mein Mann… es gibt einen Notfall.“ Ich griff schon nach meinem Portemonnaie, zog einen Fünfzig-Euro-Schein heraus.

„Klar, machen wir. Aber bis zum Tegernsee brauchen wir bei dem Wetter noch eine Stunde, egal wie schnell ich fahre. Stau löst sich erst hinter Holzkirchen auf. Lehnen Sie sich zurück und atmen Sie tief durch, ja?“

Ich nickte nur. Mein Kopf war voller Bilder: Matthias, mein Mann seit vier Jahren, wie er unser Zuhause ausweidet. Das Haus hatte ich von meiner Tante geerbt, bezahlt hatte es meine Familie. Die ganzen Möbel, die Elektronik, das meiste davon von meinem Gehalt als Fachanwältin für Erbrecht. Matthias Beitrag war meist sein Lächeln und große Pläne, aus denen nie etwas wurde. Und jetzt schmiss er Kisten mit einer Fremden in meinen Geländewagen.

Der Regen wurde stärker, die Scheibenwischer schlugen in schnellem Takt. Ich schrieb eine Nachricht an Matthias: „Bin auf dem Weg. Warte auf mich.“ Keine Antwort.

Irgendwann bogen wir endlich in die schmale Straße ein, gesäumt von nassen Kastanien. Mein Daheim. Der schwarze Touareg stand mit offenem Kofferraum quer vor der Haustür. Kisten, Stapel von Bettwäsche, sogar die kleine Kräutertopf-Sammlung aus der Küche lugte zwischen den Päckchen hervor. Und obendrauf, in eine Malerdecke gewickelt, der Fernseher aus dem Wohnzimmer, den ich meinem Vater zum Sechzigsten versprochen, aber noch nicht geliefert hatte – er stand zum Abtransport bereit.

Ich warf dem Fahrer das Geld hin und rannte durch das knöcheltiefe Wasser, das sich auf dem Kies gesammelt hatte. In der offenen Haustür tauchte Matthias auf. Er schleppte den antiken Standspiegel meiner Großmutter, den ich aus Wien hatte kommen lassen. Ächzend balancierte er das schwere Eichengestell über die Schwelle. Direkt hinter ihm stolzierte eine Blondine mit High Heels, die in einer Hand sein Tablet und in der anderen eine meiner Schmuckschatullen hielt. Darin lag nicht viel, aber es war das Kästchen mit den Perlenohrringen meiner Mutter und der Brosche, die seit vier Generationen in der Familie war.

„Matthias!“ Ich schrie es mehr, als dass ich es aussprach, und meine Stimme überschlug sich. Er fuhr herum, der Spiegel knallte gegen den Türstock, ein hässliches Knacken war zu hören. Das Mädchen – sie konnte kaum älter als fünfundzwanzig sein, trug eine hautenge Jeansjacke über einem viel zu kurzen Top – legte den Kopf schief. „Ähm, wer ist denn das jetzt? Du hast doch gesagt, deine Ex wohnt schon gar nicht mehr hier und dass sie mit allem einverstanden ist!“

„Ex?“ Ich drängte mich an Matthias vorbei und trat in meinen eigenen Flur. Es war kalt, die Heizung lief nicht, aus dem Wohnzimmer schlug mir gähnende Leere entgegen. Die große Bücherwand war halb ausgeräumt, meine Design-Vasen fehlten. „Matthias, was redest du für einen Unsinn? Deine Ex? Ich bin deine Ehefrau. Und du hast mir eine schöne Erklärung zu bieten, aber sofort!“

Matthias wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Er roch nach Schweiß und altem Rasierwasser. „Sophie, reg dich bitte nicht auf. Ich wollte einen Brief da lassen, auf dem Küchentisch. Das mit uns funktioniert nicht mehr. Tanja und ich – wir lieben uns. Und ich nehme jetzt meinen Anteil mit, so wie es mir zusteht, bevor du noch auf dumme Gedanken kommst. Wir sind verheiratet, vergiss das nicht. Alles, was hier drin ist, gehört uns beiden zur Hälfte. Ich habe Rechte, du hast doch selbst Jura studiert, oder?“

Seine Begleitung – Tanja, hieß sie also – drückte die Schmuckschatulle enger an ihre Brust. Die künstlichen Wimpern zuckten nervös. „Genau, Schatz. Sag ihr das. Du hast mir versprochen, dass wir die Sachen für unsere neue Wohnung bekommen. Und den Touareg brauchen wir auch, unser Corsa gibt ja den Geist auf.“

„Dein Touareg?“, wiederholte ich langsam und spürte eine seltsame Ruhe in mir aufsteigen. „Das Fahrzeug ist ein Firmenleasing, das läuft auf meinen Namen, weil mein Büro die Raten zahlt. Und du, mein Lieber, hast nicht einmal einen Führerschein ohne Brille bestanden, weil du so kurzsichtig bist. Du setzt dich hinters Steuer von meinem Wagen? Das ist ein Straftatbestand allein schon wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis, falls Tanja nicht eingetragen ist. Aber okay. Weiter. Du willst deinen Anteil? Zeig mir den Kassenzettel für den Spiegel, dann reden wir. Den habe ich von meinem eigenen Konto bezahlt, da steht kein Cent von dir drauf. Und jetzt legt ihr beide alles, was ihr in der Hand habt, zurück in den Flur, sonst rufe ich die Polizei. Tanja, du hältst da gerade Diebesgut in der Hand, das dir überhaupt nicht gehört. Das ist kein Spaß. Das ist eine Straftat, und dein Ach-so-geliebter Schatz hat dich da in eine ganz miese Sache reingezogen. Hör auf zu nicken und tu, was ich sage!“

Tanjas Kopf bewegte sich ruckartig. Sie blinzelte unsicher zu Matthias, der knallrot wurde. „Sophie, jetzt mach doch keinen Staatsakt draus. Ich nehme nur, was mir zusteht. Du hast doch genug Geld, das bisschen Haushaltsmist macht dich nicht ärmer! Wieso musst du immer gleich eskalieren? Kein Wunder, dass ich gegangen bin, bei deiner kontrollierenden Art!“

Er griff in seine Jackentasche, drückte auf den Funkschlüssel des Touareg. Die Scheinwerfer blinkten auf. „Tanja, steig ein. Wir fahren. Sophie, du kannst klagen, so viel du willst. Bis das durch den Instanzenweg ist, sind Jahre vergangen. Und bis dahin ist der Fernseher futsch und die Kaffeemaschine auch. Ciao.“

Damit reckte er das Kinn, packte Tanja am Ellbogen und zog sie Richtung Auto. Sie stieg mit einem letzten, triumphierenden Blick auf der Beifahrerseite ein. Der Motor heulte auf, der Wagen setzte rückwärts aus der Einfahrt, schepperte gegen meinen Mülleimer aus Blech und verschwand in der S-Kurve talwärts. Ich blieb allein im Regen stehen, das Wasser lief mir in den Kragen, die Haare klebten an der Stirn. Aus dem Nachbarhaus trat Frau Dornauer, in einen Regenponcho gehüllt, und drückte mir wortlos eine Tasse heißen Tee in die Hand.

„Das ist ja eine schöne Bescherung, Kindchen. Willst du nicht wenigstens ins Trockene? Soll ich meinen Sohn anrufen, der arbeitet bei der Kripo Miesbach, der kann dir sagen, was zu tun ist…“

„Danke, Frau Dornauer, ich weiß, was zu tun ist.“ Meine Stimme klang fremd, aber fest. Ich wählte die Nummer von meinem Kollegen Andreas, einem Strafrechtler aus unserer Kanzlei. Während es klingelte, ging ich ins Haus und machte mit dem Handy Dutzende Fotos. Die leeren Regale, die blanke Stelle, wo der Teppich gelegen hatte, die zerbrochenen Pflanzen auf dem Boden, weil Matthias wohl den Übertopf mitgenommen hatte, aber die Pflanze liegen ließ. „Andreas, ja, ich bin's. Hör zu, ich brauche eine Strafanzeige, und zwar schnell. Matthias hat gerade mit seiner Freundin Tanja mein Haus in Rottach-Egern ausgeräumt. Er behauptet, es sei sein ehelicher Anspruch, aber das Zeug gehört mir. Ich habe Belege für alles. Und die Freundin hält meine Schmuckschatulle mit Familienerbstücken – sie weigert sich, sie rauszugeben. Hat sie eingesteckt und ist eingestiegen. Das ist für mich nicht nur Diebstahl, sondern sogar Raub, oder?“

Andreas pfiff leise durch die Zähne. „In Tateinheit mit Hausfriedensbruch, wenn du ihn reingelassen hast, aber du warst ja nicht da. Er hat zwar einen Schlüssel, aber für die Dame gilt das nicht. Ich schick dir gleich eine Vorlage für die Anzeige. Schick mir die Bilder. Wir nennen beide als Beschuldigte – Matthias und die Frau mit Vornamen Tanja, Nachnamen sollten wir noch ermitteln. Geh sofort zur Polizeiinspektion Tegernsee, zeig alles an. Wenn die Schatulle einen höheren Wert hat, vielleicht sogar einen ideellen, macht das Druck. Und dann beantragen wir einstweilige Verfügung auf Herausgabe des gesamten Hausrats, das geht schnell. Ach, und Sophie? Der Wagen. War das Leasing oder deiner?“

„Leasing über meine Kanzlei. Er ist nicht als Fahrer eingetragen. Ich hab die Papiere hier. Außerdem hat er einen offenen Kredit über 18.000 Euro auf dem gemeinsamen Konto abgehoben, letzte Woche. Ich habe den Kontoauszug heute Morgen gesehen, deshalb wollte ich eigentlich mit ihm reden, aber da war ja schon die Sache mit meiner Mutter. Ich schätze, das Geld ist für die neue Wohnung der beiden gedacht. Das hole ich mir auch zurück. Und dann die Scheidung. Zerrüttung, keine Chance auf Versöhnung, der Mann kann sich bei seiner Tanja die nächsten Möbel kaufen. Ich will mein Leben zurück, und zwar ohne einen Matthias darin, der mein Familienerbe klaut!“

„Gut. Bleib hart. Ich bereite alles vor. Fahr zur Polizei, die sollen ihn aus dem Verkehr ziehen, notfalls mit Fahndung wegen des Diebstahls und der Unterschlagung. Das wird ein Spaß. Bis später.“ Andreas legte auf. Ich trank den Tee aus, zog trockene Kleider an und rief ein neues Taxi.

In den nächsten Wochen entfaltete sich eine wahre juristische Lawine. Noch am selben Abend wurde der Touareg in einer Seitenstraße in Bad Wiessee gefunden – Tanja und Matthias hatten ihn einfach stehen lassen, als sie die Nachricht bekamen, dass die Polizei nach ihnen suchte. Sie waren zu Fuß weiter, aber sie wurden am nächsten Morgen in einer Pension aufgegriffen. Matthias machte große Augen, als er Handschellen sah, und Tanja fing sofort an zu heulen und zu behaupten, sie habe nur geholfen, weil Matthias ihr gesagt habe, das sei alles sein Eigentum. Die Schmuckschatulle fand sich in ihrem Rucksack – noch vollständig.

Vor Gericht gab es für Matthias kein Entrinnen. Mein Anwalt legte eine lückenlose Beweiskette vor: Rechnungen, Kontoauszüge, sogar E-Mails, in denen ich vor Jahren mit Matthias über die Anschaffung des Spiegels diskutiert hatte und er antwortete: „Das ist dein Ding, wenn du so was Teures unbedingt brauchst, kauf es von deinem Geld.“ Das Gericht sah keine gemeinsame Anschaffung. Die abgehobenen 18.000 Euro wurden als rechtswidrig entnommen eingestuft, Matthias musste sie in voller Höhe erstatten. Der Touareg wurde unspektakulär von der Leasinggesellschaft zurückgenommen, das Verfahren wegen unbefugtem Gebrauch blieb als Denkzettel in Matthias' Akte. Für Tanja gab es eine Verwarnung und die Auflage, an einem Anti-Aggressions-Kurs teilzunehmen – wegen der versuchten Wegnahme der Schatulle. Matthias verlor auch seinen Führerschein für drei Monate, weil er nie eine gültige Fahrerlaubnis für das Fahrzeug besessen hatte. Ein teurer Flirt.

Die Scheidung war nach vier Monaten durch. Richterin am Amtsgericht Miesbach fragte Matthias, ob er wirklich noch Einwände gegen die Zerrüttung habe, da er ja bereits mit einer anderen Frau zusammenlebte. Er schaute auf seine schäbigen Turnschuhe, die mietrückständige Zwei-Zimmer-Wohnung ohne seine Ex, und schüttelte nur den Kopf.

Es war ein strahlender Junimorgen, als ich auf der Terrasse meines Hauses saß. Der Standspiegel stand wieder im Flur, repariert. Der Fernseher an der Wand zeigte das Morgenmagazin, die Kaffeemaschine summte, und die Perlenohrringe funkelten an meinen Ohren. Frau Dornauer kam herüber, mit einem Teller frischer Krapfen. „Schau dich an, Sophie! Wie eine neue Frau. Und was macht der Herr Ex-Mann?“

Ich lächelte und nahm einen Krapfen. „Der hat heute seinen Teilzeit-Job im Baumarkt angetreten, um den offenen Kredit bei mir abzustottern. Tanja hat ihn verlassen, als sie mitbekam, dass kein Geld mehr da ist. Er wohnt jetzt bei seiner Mutter in Holzkirchen und sammelt Pfandflaschen, sagt man. Ich wünsche ihm nur, dass er daraus lernt, was Familie bedeutet. Das hier – “, ich deutete auf das Haus, den Garten, die Berge im Hintergrund, „ – das hat meine Tante für mich gebaut, und niemand kann es mir mehr streitig machen. Nicht mit Diebesgut und nicht mit leeren Versprechungen. Ich hab's schriftlich, mit Siegel und Stempel. Mein Name, alleinige Eigentümerin. Und falls ein neuer Mann einzieht, dann nur mit notariellem Ehevertrag. Das ist mein Testament an mich selbst, sozusagen.“

Frau Dornauer nickte weise und stupste mich an. „Und was ist mit dem netten Kollegen Andreas?“

Ich lachte und goss ihr frischen Kaffee ein. Die Sonne tanzte auf den Pflastersteinen, ein warmer Wind strich um die letzten nassen Frühlingsblätter. Es roch nach Harz und Heu, und zum ersten Mal seit Jahren war da kein Rest Zweifel, kein verdächtiger Schatten im Augenwinkel. Nur ein stiller, klarer Nachmittag, und das Zuhause, das endlich wieder ganz mir gehörte.

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MagistrUm
Der Anruf kam, als ich im Stau stand. Mitten auf der Autobahn, Regen prasselte gegen die Scheiben