Das Fenster zum See

Jana stand auf dem frisch verlegten Terrassenboden aus Muschelkalk und rührte sich nicht. Durch die dreifach verglaste Frontscheibe konnte sie jede Einzelheit sehen: die fremden Frauen in Sommerkleidern, die auf der italienischen Ledercouch lümmelten, die Rotweinflecken auf dem hellen Sisalteppich, die Männer mit hochrotem Kopf beim Grill, die ihre Zigarettenasche in den Kräutertopf mit dem Rosmarin schnippten. Rosmarin, den Jana im März selbst eingesetzt hatte.

Vor dreizehn Monaten hatte hier eine morsche Fischerhütte gestanden, halb versunken im märkischen Sand, mit einem Dach, das an mehr Stellen durchhing als hielt. Markus hatte seinen zehn Jahre alten 5er BMW verkauft. Sie hatte den Sommer über jeden Samstag und Sonntag in Gummistiefeln auf der Leiter gestanden, Silikonfugen gezogen, dreißig Quadratmeter Terrassendielen per Hand geschliffen und am Abend die Farbe unter den Fingernägeln mit Terpentin weggeschrubbt. Die Stromleitungen, die Wasserrohre, die Fußbodenheizung unter dem Eichenparkett — von ihnen. Alles.

Jetzt lachte da drin jemand so laut, dass die Gläser klirrten.

„Bist du immer noch nicht drin?“

Markus kam mit dem Rucksack über der Schulter den Kiesweg hoch. Er war in Stahnsdorf ins Büro gefahren, obwohl sie das lange Wochenende eigentlich hier draußen am Scharmützelsee verbringen wollten. Er blieb neben ihr stehen, folgte ihrem Blick durch die Scheibe und sagte gar nichts. Er stellte nur den Rucksack ab.

Kathrin tauchte im Fensterrahmen auf, ein Sektglas in der Hand. Sie trug das hellblaue Leinenkleid, das Jana an ihrem eigenen Geburtstag getragen und hier vergessen hatte. Das Fenster kippte einen Spalt.

„Ach, ihr seid’s.“ Kathrins Stimme war träge vom Alkohol. „Wir feiern Fabians Beförderung. Es ist ein bisschen eng heute, aber im Bootshaus hab ich euch die Feldbetten schon rübergetragen. Da ist dieser alte Gaskocher — ihr könnt euch morgens Tee machen, wenn ihr wollt. Oben ist eine Wolldecke, die müsst ihr euch halt teilen. In der Truhe liegt noch eine.“

Markus atmete aus. Es war ein Laut, der irgendwo zwischen Lachen und einem trockenen Husten lag.

„Das Bootshaus. Du meinst den ungedämmten Verschlag, in dem der Schimmel an der Nordwand steht und vor drei Wochen ein Waschbär im Lüftungsschacht gehaust hat? Das Bootshaus, das wir noch nicht renovieren konnten, weil wir die ganze Scheiß-Zwischendecke zuerst neu machen mussten? Das meinst du, ja?“

Kathrin nippte an ihrem Glas. „Jetzt übertreib nicht. Es ist Mai, da friert man schon nicht. Außerdem steht der Grund nun mal auf Mamas Namen. Das hier ist der Familienbesitz, nicht euer privates Spa-Resort fürs Wochenende — auch wenn ihr’s gern so hättet.“

Jana sah auf den Boden. Zwischen den Kieseln lag eine schwarze Feder, die aussah, als hätte ein Vogel dort gekämpft. Sie sagte leise: „Familienbesitz, so. Sag mal, Kathrin: War die Familie auch da, als ich im Februar um halb elf am Abend mit einem Heizlüfter auf dem Boden gehockt und die Fliesen im Bad versiegelt habe, weil der Estrich sonst am nächsten Morgen hinüber gewesen wäre? Warst du das, oder war das jemand anderes?“

Kathrin nahm einen Schluck. „Du hast ja auch jeden Handgriff posten müssen.“

„Und der neue Schließzylinder an der Haustür“, sagte Markus. „Ist der auch Familienbesitz? Ich hab mich gefragt, wieso mein Schlüssel nicht mehr passt, als ich vorhin die Glastür zum See aufschließen wollte. Aber die ist ja auch von innen verriegelt. Kathrin, welcher Teil an diesem Haus ist eigentlich noch von uns?“

„Der ganze stille Groll, mit dem ihr hier antanzt, zum Beispiel“, sagte eine andere Stimme. Sabine kam aus der Küchentür. Sie hatte die Strickjacke um die Schultern gelegt und stapfte mit ihren Gartenschuhen in den Kies, damit die Pumps der Freundinnen nicht schmutzig wurden. „Ich hör das schon die ganze Zeit durch die Seitentür. Könnt ihr heute einfach mal den Familienfrieden wahren? Es sind Gäste da, keiner von denen weiß von eurem Kleinkrieg, und ich möchte auch nicht, dass sie was mitkriegen. Ihr seid doch erwachsene Menschen, Markus, verdammt noch mal. Himmel. Dann schlaft eben eine Nacht im Bootshaus. Morgen um zwölf sind alle abgereist. So schwer ist das nicht. Oder willst du jetzt vor allen Leuten eine Szene machen wie ein bockiges Kind?“

Markus sah seine Mutter an. „Das ist unser gemeinsames Ferienhaus am See. Das hast du auf dem Notartermin gesagt, vor mir, vor Jana, vor der ganzen Familie. Das hier ist für uns alle. Weißt du noch?“

Sabine zog den Ärmel ihrer Strickjacke glatt. „Natürlich ist es das. Deshalb erwarte ich aber auch, dass man sich hier nicht so aufführt, dass man anderen nicht den Abend ruiniert, nur weil sie ein Fest geben. Das ist kein Besitzstreit. Das ist einfach Anstand, den ihr im Moment nicht habt — leider. Geht ins Bootshaus, trinkt einen Tee, und dann redet morgen in Ruhe, wenn die Aufregung vorbei ist. Das ist meine letzte Bitte für heute Abend, mehr will ich gar nicht hören müssen. Ich hab Kopfweh und muss mich jetzt um die Gäste kümmern. Kathrin, mach ihnen die Terrassentür nicht ganz zu, die Mücken kommen sonst rein. Aber du kannst das Fenster kippen. Ein bisschen frische Luft schadet den beiden nicht, hab ich recht?“

Jana griff in ihre Jackentasche. Ihre Finger schlossen sich um den goldenen Engel — einen kleinen Christbaumschmuck, den sie im Januar beim Ausräumen hinter der alten Kaminverkleidung gefunden hatte. Sie hatte ihn extra mit Nagellackentferner vom Ruß befreit und auf den Fenstersims im Wohnzimmer gelegt, weil ihr die Patina gefiel. Jetzt lag er direkt hinter der Scheibe, halb verdeckt von einer leeren Flasche Prosecco.

Sie sagte nichts mehr. Sie nahm die Hand aus der Tasche, ohne den Engel herauszuholen.

„Gut“, sagte Markus plötzlich mit einer ganz ruhigen Stimme, die Jana noch nie an ihm gehört hatte. „Du sagst, das hier ist ein Familienhaus. Das heißt, es gehört dir, deiner Unterschrift, deinem Grundbuch. Dann brauchen wir es auch nicht zu Ende renovieren. Und wenn es nur auf dem Papier so ist, dann ist hier sowieso nichts, was uns was angeht. Dann lohnt es sich nicht, heute Nacht auf dem Feldbett zu frieren, nur um auf Porzellan zu warten, das wir nicht bezahlt haben. Wir fahren. Einmal quer durch den Wald, und in anderthalb Stunden sind wir zu Hause in Friedrichshain. Da müssen wir wenigstens niemanden fragen, ob wir durch unsere eigene Tür gehen dürfen. Komm, Jana. Nimm den Rucksack.“

Er bückte sich. Als er sich aufrichtete, drückte er Jana den Rucksack in die Hand. Sie spürte die Kälte des Metalls an den Schnallen und das Gewicht der ganzen ausgegebenen Wochenenden darin.

Im Haus hob jemand das Glas und rief: „Auf Fabian!“ Der Jubel dröhnte über die Terrasse, schluckte jedes weitere Wort, und dann klirrten die Gläser und irgendwo lachte ein Kind, laut und schrill.

„Steig ein“, sagte Markus leise. „Wenn du bleibst, zerreißt es dich, und ich kann das nicht mehr mit ansehen. Bitte. Steig einfach ein und lass die Tür hinter dir zu, Ende.“

Jana warf einen letzten Blick durch das Panoramafenster. Sie sah, wie Kathrin die Terrassentür einen Spalt schloss und den Mückenschutz davorspannte. Dann drehte sie sich um und ging mit Markus den Kiesweg zurück, an dessen Rand sie im Oktober zwanzig kleine Lavendelsträucher gesetzt hatte. Keiner davon hatte den Winter überlebt.

Das war der Moment, in dem sie aufhörte, an den Familienfrieden zu glauben. Sie stieg ins Auto, drückte den Sicherheitsgurt fest und sagte nichts mehr, bis die Rücklichter des Wagens auf der Landstraße hinter Bad Saarow im Dunkeln verschwanden.

Sabine rief am nächsten Morgen um halb zehn an. Markus hatte das Handy auf laut gestellt. „Wo seid ihr denn? Die Katrin sagt, euer Auto steht nicht mehr da. Habt ihr im Ernst im Bootshaus gepennt? Oder seid ihr noch mal in die Stadt gefahren, um Brötchen zu holen?“

„Wir sind zu Hause, Mama. In unserer Wohnung. Da, wo wir wohnen, frag nicht so. Du hast uns doch gestern selbst gesagt, wir sollen fahren. Und wir sind gefahren. Hast du das vergessen?“

Am anderen Ende der Leitung raschelte eine Tüte. Wahrscheinlich griff Sabine gerade in die Brötchentüte, die sie morgens von der Bäckerei gegenüber vom Netto aus Bad Saarow mitbrachte, und sie sah dabei auf den See, wie sie es an jedem zweiten Pfingsttag tat, so wie die Gäste quer über die neue Terrasse schlenderten. Das Panoramafenster war an diesem Morgen blitzblank geputzt, wie Jana wusste. Sie war die Einzige, die den Abzieher jemals in die Hand genommen hatte.

„Ach, Junge. Hör doch auf. Du warst halt beleidigt gestern Abend, das versteh ich ja. Aber das ist kein Grund, jetzt einfach abzureisen, als wärst du zwölf. Janas Gesicht hättest du mal sehen sollen, so verbissen, so wütend — das tut einem doch weh. Und dann diese Türknallerei. Also ehrlich, ich schäm mich vor den Leuten. Könnt ihr nicht mal ein einziges Wochenende ohne Drama am See verbringen? Was soll das?“

Jana saß auf dem Küchenhocker und löffelte Joghurt aus dem Becher, ohne ihn zu schmecken. Sie hatte die ganze Nacht kaum geschlafen und um halb sechs die Spülmaschine ausgeräumt, nur um die Hände zu beschäftigen, und dann hatte sie gezählt, was der Goldengel sie gekostet hatte — nicht in Geld.

„Mama. Hör mir mal kurz zu.“ Markus’ Stimme war jetzt leise, flach, ohne jede Schärfe. „Du hast uns gestern Abend vor deinen Gästen weggeschickt. Du hast uns gesagt, wir sollen im Schimmelverschlag schlafen, damit deine Freunde und Kathrins Bekannte in dem Haus feiern können, für das wir eine neue Heizungsanlage bezahlt haben. Du hast es gesagt, Kathrin hat es gesagt, und dann habt ihr beide dagesessen und auf den Familienfrieden getrunken. Und jetzt willst du, dass ich dir erkläre, warum das kein schöner Abend war? Das erklär ich dir nicht. Das musst du selber kapieren, und zwar ohne mich am Telefon und ohne Jana im Hintergrund, die grad dasitzt und denkt, sie hätte irgendwas falsch gemacht. Das hat sie nämlich nicht. Das weißt du auch. Sie hat einen Sommer lang die Fassade gestrichen, und keiner von euch hat auch nur einen Eimer Wasser gebracht. Also — kein schlechtes Gewissen von deiner Seite? Nein? Nichts? Dann hab ich jetzt auch nichts mehr zu sagen. Guten Morgen, Mama. Wir kommen heute Nachmittag und holen den Rest unserer Sachen aus dem Keller. Alles andere kannst du behalten. Die Couch. Die Grillstation. Den Goldengel auf dem Fensterbrett. Stell ihn einfach dahin, wo er hingehört: zu dem Rosmarin, den keiner mehr gießt. Mach's gut, wir sehen uns dann im Sommer oder wann auch immer. Servus, guten Appetit, schöne Feiertage noch. Ich leg jetzt auf, okay?“

Er legte nicht auf. Er wartete. In der Leitung raschelte es nur noch, und dann kam ein gedämpftes Stimmengemurmel, als hielte Sabine die Sprechmuschel zu. Wahrscheinlich stand Kathrin daneben. Wahrscheinlich stand Fabian daneben, mit seinem beförderten Gehalt und seiner neuen Armbanduhr, und keiner von denen hatte eine Ahnung, dass die Elektrik, über die sie gestern Spotify laufen ließen, von Jana und Markus in dreiundzwanzig Stunden unter der Zwischendecke verlegt worden war.

„Na gut“, sagte Sabine schließlich. Sie klang jetzt anders — dünner, als ob die Worte auf halber Strecke hängen blieben und jemandem sehr leise weh taten. „Dann bringt eure Sachen in Ordnung, wenn ihr das für richtig haltet. Fahrt vorsichtig. Das war ein einziges langes Wochenende, bei dem alle überreagiert haben, das wird sich schon wieder einrenken. So schlimm ist es gar nicht. Sag der Jana, sie soll nicht so beleidigt sein. Ein bisschen dicker auftragen kann sie sich schon noch, das hab ich in der Ehe auch gelernt. Es tut mir leid, wenn sie das falsch verstanden hat, wirklich. Ich hab sie nicht rausschmeißen wollen, das weißt du genau. Und jetzt Tschüs, ich muss den Tisch abräumen und die leeren Flaschen zum Container bringen, sonst stehen die noch übermorgen da rum und riechen. Tschüs, Küsschen, ne? Küsschen an die Jana und dich und fahrt wie gesagt vorsichtig. Es regnet gleich.“

Das Gespräch endete mit einem Klicken, das lauter war als alles, was in den letzten zwölf Stunden gesagt worden war. Markus legte das Handy auf den Küchentisch, stützte die Ellenbogen auf die Knie und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. Jana stand auf, ging zum Fenster und sah auf die Baustelle gegenüber, wo seit drei Jahren ein Rohbau in den Himmel stand und keiner wusste, ob er je fertig würde.

„Was machen wir mit dem Material, das noch im Keller liegt?“ fragte sie, ohne sich umzudrehen. „Die zwölf Quadratmeter Eichenparkett und die drei Packungen Fliesenkleber. Und die Baulampe von deinem Vater, die du unbedingt aufheben wolltest. Und der Gips für die Badezimmerwand, den wir extra von Obi aus der Uckermark geholt haben, weil es den hier nirgends gab. Was wird aus dem Zeug, Markus? Soll ich es den Nachbarn am See schenken, oder stellen wir es bei eBay Kleinanzeigen rein und schreiben 'kostenlos abzugeben an Leute, die wissen, was das wert ist'? Was meinst du?“

Sie drehte sich um. Er saß immer noch vornübergebeugt auf dem Hocker, aber er schüttelte ganz langsam den Kopf, und dann verzog er den Mund zu einem halben Lächeln, das genauso tat, wie es musste. Nicht mehr und nicht weniger.

„Wir bauen neu“, sagte er.

„Wo?“

„Irgendwo. Ohne Grundbucheintrag, von dem keiner was weiß. Ohne Familienanschluss, ohne Kathrin, ohne Fabian und ohne mütterlichen Segen. Einfach so. Nur für uns. Und diesmal werden die Terrassenplatten aus Holz, das nicht fault. Und der Rosmarin kriegt einen Platz direkt vor der Tür, und jeden Samstag im Mai sitzen wir davor und trinken einen Riesling. Ohne Mückenschutz. Ohne dritte Schlüssel. Ohne dass jemand einen uralten Christbaumschmuck neben die leeren Flaschen legt und glaubt, er hätte jetzt was gutgemacht. Was sagst du? Bauen wir, ja? Bauen wir einfach noch mal von vorne, nur dass diesmal keiner danebensteht und verdirbt, was wir gemacht haben. Pack die Zahnbürste ein, nimm die Baulampe von meinem Vater, und dann sag ja. Sag nicht: vielleicht. Sag: ja, mit mir. Mit dir. Immer. Los, sag’s mir, mein Gott, sag mir, dass du's noch einmal mit mir versuchst. Bitte, Janikind. Mehr will ich gar nicht hören heute Morgen. Nur das eine Wort. Hast du das?“

Im Hof unter dem Fenster fing der erste Regen des Tages an, auf die verwitterten Bauholzpaletten zu trommeln. Jana spürte, wie ihr Blick weich wurde, und sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke zu, als könnte das die Welt eine Weile draußen halten. Sie griff in die Tasche. Der Engel war nicht drin. Sie hatte ihn auf dem Sims liegen lassen, das war richtig so.

„Ja“, sagte sie.

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MagistrUm
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