„Kümmer dich um meine Leute!“ – da stellte ich die Rouladen weg und ihn vor die Tür

Ich stand in meiner eigenen Küche, das Tablett mit vier Tellern heißer Rinderrouladen in den Händen. Nebenbei köchelte das Kartoffelpüree auf dem Herd vor sich hin und durch die Altbaufenster in Plagwitz konnte ich hören, wie die Linie 14 in die Haltestelle einfuhr. Es war halb acht an einem Samstagabend im April.

Anne, mach hin. Die Leute haben Hunger.

Thorsten sprach es laut genug aus, dass seine Mutter Renate es im Wohnzimmer mitbekam. Ich hörte sie schnaufen. Die Rouladen auf dem Tablett waren eigentlich für zwei gedacht gewesen – für mich und Thorsten. Wir wollten an diesem Abend die Hochzeit besprechen. Ganz in Ruhe: Gästeliste, Budget, den Ablauf. Dinge, die zwei Erwachsene normalerweise diskutieren, bevor sie im Oktober heiraten.

Stattdessen klingelte es um sechs. Unangemeldet. Und vor der Tür standen nicht nur Thorsten, der angeblich nur schnell Brötchen holen wollte, sondern auch Renate, sein Vater Wolfgang und seine Schwester Sabine mit ihrem Mann Markus. Ein "Familienrat", erklärte Thorsten und küsste mich auf die Wange. Ohne Vorwarnung, ohne Anruf, ohne "Ist es gerade passend?".

Renate marschierte sofort durch den Flur und begutachtete die Wohnung, als wäre sie eine Maklerin. Ihre Blicke blieben an den Deckenleisten hängen, sie inspizierte den alten Stuck und runzelte die Stirn bei meiner selbst gestrichenen Wand im Flur. "Aha, selber gemacht, oder?" Wolfgang setzte sich in meinen Ohrensessel, den einzigen mit einer Kerbe im Leder, und griff nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag. Sabine und Markus ließen sich auf dem Sofa nieder, und Sabine deutete mit dem Finger auf meinen Plattenspieler im Regal.

"Spielst du die eigentlich noch? Oder stehen die nur zur Deko da?"

Meine Blue-Note-Platten, die ich seit dem Studium gesammelt hatte. Ich biss mir auf die Lippen und sagte nichts. Stattdessen holte ich die Rouladen aus dem Kühlschrank, die ich am Morgen vorbereitet hatte, schob sie in die Röhre und kochte schnell eine größere Portion Kartoffeln nach. Von irgendwoher zauberte ich noch einen Feldsalat mit Walnüssen – eigentlich für Sonntag gedacht. Thorsten stand die ganze Zeit im Türrahmen, trank sein Bier und tat so, als wäre das alles ganz normal.

Und dann kam dieser Satz. Mach hin. Die Leute haben Hunger.

Es war nicht der Tonfall allein. Es war die Selbstverständlichkeit, mit der er mich in meiner eigenen Wohnung, vor seinen Leuten, zur Bedienung degradierte. Ich stellte das Tablett langsam auf der Anrichte ab. Meine Hände zitterten nicht – das spürte ich deutlich.

"Thorsten. Kann ich dich kurz im Flur sprechen?"

Er verdrehte die Augen, ein kleiner Auftritt fürs Publikum, als wollte er sagen: Seht ihr, wie anstrengend sie ist. Dann kam er. Ich schloss die Küchentür hinter uns.

"Thorsten. Wessen Wohnung ist das?"

"Deine. Und?"

"Und in wessen Wohnung hast du mir gerade befohlen, mich zu beeilen?"

Er atmete schwer aus, als wäre ich ein kompliziertes Excel-Problem. "Anne, jetzt beruhig dich. Das ist meine Familie! Wir heiraten in vier Monaten, die müssen sich doch näher kennenlernen."

"Kennengelernt hat man sich, wenn man vorher anruft. Wenn man fragt, ob es passt. Wenn man nicht mit leeren Händen auftaucht und die Gastgeberin zur Kellnerin macht."

Er schüttelte den Kopf. "Du übertreibst."

Ich sah ihn an. Acht Monate wohnte er jetzt bei mir. Seine alte Mietwohnung in Reudnitz hatte er aufgegeben, als die Nebenkostenabrechnung ins Haus flatterte. Seitdem lebte er hier, in meinen neunzig Quadratmetern Altbau, mit Stuck und Dielenboden, die ich nach zwölf Jahren endlich abbezahlt hatte. Er brachte seine Playstation mit, seine Skiausrüstung und einen Karton voller Kabel. Die Kaltmiete für so eine Wohnung in Plagwitz lag bei achthundert Euro im Monat, aber er hatte noch nie einen Cent davon bezahlt. Nicht für Strom, nicht für Wasser. Einmal die Woche kaufte er einen Kasten Bier und sagte: "Ich geb dir das Geld später." Später kam nie.

Ich griff in meine Hosentasche, holte mein Handy heraus und öffnete die Notizen. Vor drei Monaten hatte ich angefangen, eine Liste zu führen. Nicht für ihn – für mich.

– Thorsten arbeitet freiberuflich. Durchschnittlich drei Aufträge im Monat, Einkommen schwankend. Mein Gehalt als Buchhalterin fängt alle Löcher.

– Sein alter Corsa hat im Februar den TÜV nicht bestanden. Reparaturkosten: 840 Euro. Ich habe sie vorgestreckt. Er sagte, er zahlt es zurück. Hat er nicht.

– Hochzeitsgäste: seine Liste zählt 47 Namen, meine 14. Die Location hat Renate ausgesucht, ein Gutshof im Leipziger Umland, 120 Euro pro Person. Bezahlen sollen wir es "zusammen". Mein Anteil an seiner Feier läge bei knapp 6000 Euro.

– Ehering: ein schmaler Silberreif, den er bei einem Juwelier in der Innenstadt gekauft hat. Das Gespräch über Gold endete mit: "Silber ist doch viel moderner."

– Die Hochzeitsfahrt sollte in meinem zehn Jahre alten Golf stattfinden, weil sein Corsa "nicht festlich genug" war.

Ich starrte auf die Liste und dachte: Anne, du bist achtunddreißig. Du hast schon eine gescheiterte Ehe hinter dir, du hast diese Wohnung allein finanziert, du hast einen Beruf, der dich ernährt. Warum sitzt du vor dieser Liste, als hättest du keine Wahl?

Aus dem Wohnzimmer hörte ich Renates Stimme. "Thorsten, wo bleibt deine Freundin? Die Rouladen werden kalt."

Freundin. Nicht Verlobte. In vier Monaten hätte sie mich wahrscheinlich "die da" genannt.

Ich klappte das Handy zu und ging zurück ins Wohnzimmer. Ohne Tablett. Die Gäste sahen auf, als ich in der Tür stand. Wolfgang hob nicht einmal den Kopf aus seiner Zeitung, eine Geste, die mehr sagte als jeder Protest.

"Ich muss Sie jetzt bitten, zu gehen."

Renates Kuchengabel klirrte auf dem kleinen Teller.

"Wie bitte?"

"Der Abend ist beendet. Bitte ziehen Sie Ihre Jacken an. Sie haben eine Fahrgelegenheit? Gut."

Sabine richtete sich auf, ihre Augenbrauen wanderten nach oben. "Anne, bist du noch ganz bei Trost?"

"Das bin ich. Zum ersten Mal seit Monaten."

Thorsten kam aus dem Flur geschossen, sein Gesicht war rot angelaufen. "Anne, was soll der Scheiß?!"

"Thorsten. Du auch. Zieh deine Jacke an und nimm deine Sachen mit."

"Ich wohne hier!"

"Du wohnst hier, weil ich dich eingeladen habe. Diese Einladung ziehe ich zurück."

Ich ließ ihn stehen, ging ins Schlafzimmer und zog seine große Reisetasche unter dem Bett hervor. Die blaue, mit den Rollen, mit der er im August angekommen war. Ich öffnete den Kleiderschrank, packte seine Hemden, seine Jeans, seine Lederjacke, die Socken, die er immer liegen ließ, sein MacBook, das Netzteil, seine Schuhe. Alles, was ihm gehörte. Kein Zögern, kein Zaudern. Binnen fünf Minuten war die Tasche voll und stand im Flur.

Die Gäste standen schon in ihren Mänteln. Renate, so rot wie der Feldsalat mit Walnüssen, Wolfgang immer noch unbeeindruckt, als ginge ihn das alles nichts an. Sabine mit einem Ausdruck zwischen Empörung und Unglaube. Und Markus – Markus nickte mir kaum merklich zu. Ein stiller Dank. Ich glaube, er verstand mehr, als er zugeben konnte.

Thorsten stand mitten im Flur, die Hände ungläubig gehoben. "Wegen so einer Kleinigkeit? Weil ich gesagt habe, du sollst dich um die Gäste kümmern? Das ist doch lächerlich!"

"Thorsten. Es geht nicht um heute Abend. Es geht um alles."

"Ach ja? Um was denn?"

"Du wohnst seit August bei mir und hast keine einzige Nebenkostenabrechnung bezahlt. Du bringst es nicht einmal fertig, einen Wocheneinkauf zu übernehmen, ohne dass ich es dir vorstrecke. Die Reparatur für deinen Wagen, achthundertvierzig Euro, habe ich von meinem Sparkonto genommen – du hast es nicht einmal erwähnt, geschweige denn zurückgezahlt. Die Hochzeit wird zu einer Feier für deine Familie, und ich darf das bezahlen. Du hast mir einen Silberring an den Finger gesteckt und tust so, als wäre das ein Geschenk. Und heute bringst du deine Eltern ohne Vorwarnung in meine Wohnung und befiehlst mir, zu servieren."

Ich machte eine Pause, atmete durch. Meine Kehle war trocken, aber meine Stimme blieb ruhig.

"Thorsten, ich habe nicht aufgehört, dich zu lieben. Ich habe aufgehört, dich zu respektieren. Das ist viel schlimmer."

Renate öffnete den Mund, aber Wolfgang legte ihr die Hand auf den Arm. "Komm, Renate. Die Frau hat recht."

"Wolfgang!"

"Komm, habe ich gesagt."

Er stand auf, legte die Zeitung zusammen und führte seine Frau zur Tür. Sabine rauschte mit einem langen Blick an mir vorbei ins Treppenhaus, Markus folgte ihr. Er blieb kurz im Türrahmen stehen. "Tut mir leid, das alles", murmelte er.

"Danke, dass Sie nichts damit zu tun hatten."

Er nickte und verschwand.

Thorsten blieb. Die Tasche zu seinen Füßen, das Gesicht immer noch voller Wut und jetzt auch Angst, wie bei jemandem, dem die Kontrolle entgleitet. "Anne, bitte. Ich hab’s nicht so gemeint. Ich reg mich doch nicht auf. Komm, wir setzen uns hin, wir reden das in Ruhe durch…"

"Nein, Thorsten. Wir reden nicht mehr. Gib mir die Schlüssel."

"Was?"

"Die Wohnungsschlüssel. Rück sie raus."

Zögernd fummelte er in seiner Jackentasche und zog das lederne Schlüsselmäppchen heraus, das ich ihm im November gegeben hatte. Er nestelte die beiden Schlüssel – den vom unteren und den vom Sicherheitsschloss – ab und legte sie auf die Kommode im Flur.

"Anne. Ich liebe dich."

Ich sah ihn an. "Das glaube ich dir. Aber das ist nicht die Art von Liebe, die ich brauche."

Er zögerte noch einen Moment, als wollte er etwas erwidern, dann drehte er sich um, nahm die Tasche und zog sie hinter sich her die Treppe hinunter. Das Geräusch der Rollen auf den Steinstufen hallte noch eine Weile nach.

Ich schloss die Tür. Zweimal umgedreht. Den Riegel vorgeschoben, der seit August ungenutzt geblieben war. Dann lehnte ich mich mit dem Rücken dagegen und atmete. Der Geruch von Rouladen zog durch die Wohnung, vermischt mit dem kühlen Abendwind, der durch das gekippte Fenster im Wohnzimmer kam.

Ich ging zurück in die Küche, holte einen kleinen Teller und legte mir eine Roulade mit einem Löffel Püree darauf. Den Salat holte ich auch, er stand noch auf dem Küchentresen. Ich setzte mich an den kleinen Holztisch am Fenster, von dem aus man die Straßenbahn vorbeifahren sah, und goss mir ein Glas Rotwein ein. Der Wein war ein Barolo, den ich im Januar von einem Mandanten als Dankeschön bekommen hatte. Ich hatte ihn schon damals für einen besonderen Anlass zurückgestellt. Bisher hatte ich nicht gewusst, dass es dieser sein würde.

Ich trank einen Schluck. Aß ein Stück Roulade und kaute langsam, während draußen die Lichter der Linie 14 über die Fassade glitten.

Am nächsten Morgen um acht klingelte ich beim Schlüsseldienst am Karl-Liebknecht-Straße. Ich legte die Schlüssel auf den Tresen und sagte: "Zwei neue Zylinder, bitte. Sicherheitsschlösser, nicht die vom Standardtyp. Ich möchte, dass niemand mit einer Kopie hereinkommt."

Der Mann nickte, montierte die Zylinder in meiner Wohnung noch am selben Vormittag. Kostenpunkt: 213 Euro. Ich buchte es von meinem Girokonto ab und sah zu, wie die alten Zylinder in der Schachtel auf dem Tisch lagen.

Am Sonntagabend, kurz vor acht, klingelte es. Ich stellte das Weinglas ab, ging zur Tür und sah durch den Spion. Thorsten stand draußen, in der einen Hand eine kleine Tüte vom Bäcker nebenan, in der anderen tastete er suchend in seiner Jackentasche. Er zog das Schlüsselmäppchen heraus, schob einen Schlüssel ins Schloss – und stutzte. Das Schloss drehte sich nicht.

Ich hörte ihn fluchen. Noch einmal versuchen. Nichts. Er klingelte noch zweimal und klopfte dann mit der flachen Hand gegen die Tür.

Ich ging zum Sofa zurück, nahm meinen Plattenspieler in Betrieb und legte eine alte Blue-Note-Aufnahme auf. Das Knacken der Nadel, dann das erste Piano. Hinter der Tür wurde es still.

Vom Nachttisch aus starrte Morphi, mein alter schwarzer Kater, mit halbgeschlossenen Augen zur Tür. Er gähnte, rollte sich auf der Wolldecke zusammen und schlief weiter.

Ich aß den letzten Rest des Feldsalats, trank den Wein aus und dachte daran, dass am nächsten Tag Montag war. Kein Familienrat, keine ungebetenen Gäste. Nur ich, die Rouladen, und die Frage, ob ich nicht vielleicht Markus von Sabines Mann die Adresse jener kleinen Werkstatt schicken sollte, in der man einen alten Corsa günstig reparieren lassen konnte. Einfach so, für den guten Zweck. Immerhin hatte er sich anständig verhalten. Das war selten in dieser Familie.

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MagistrUm
„Kümmer dich um meine Leute!“ – da stellte ich die Rouladen weg und ihn vor die Tür