Ich heiße Ingrid, bin 74 Jahre alt, und seit einem Dreivierteljahr frage ich mich, ob meine beste Freundin eigentlich noch meine Freundin ist oder nur eine Frau, mit der ich mich aus Gewohnheit zum Kaffee treffe.
Hannelore und ich kennen uns seit 1979. Damals waren wir beide siebenundzwanzig, wohnten Tür an Tür in einem Mietshaus in der Freiburger Wiehre, und unsere Söhne lagen noch im Kinderwagen vor der Bäckerei Hinkel in der Günterstalstraße, wo wir uns jeden Morgen beim Brötchenholen trafen. Erst ging es um durchwachte Nächte und den Kinderarzt, dann um Elternabende, dann um Scheidungen von Nachbarinnen, die wir beide kommentierten, als wäre es unser eigenes Leben. Als Hannelores Mann vor elf Jahren an Lungenkrebs starb, war ich jeden zweiten Tag bei ihr, habe Apfelkuchen gebacken, den sie nie anrührte, nur um einen Grund zu haben zu bleiben. Als ich mir vor sechs Jahren die Hüfte operieren lassen musste, stand Hannelore mit einem Topf Gulasch vor meiner Tür, zwei Wochen lang, jeden Mittag.
Deshalb kam ich nie auf die Idee, dass zwischen uns etwas bröckeln könnte.
Wir trafen uns weiter, donnerstags, im Café Journal am Augustinerplatz. Ich bestellte immer einen Milchkaffee, sie einen Kamillentee, weil ihr der Kaffee seit ein paar Jahren angeblich nicht mehr bekam. Das Problem schlich sich ein, ohne dass ich einen Tag nennen könnte, an dem es anfing. Hannelore redete nur noch über ihre Kinder. Über die Englischnachhilfe ihrer Enkelin Pia, über die Fußball-D-Jugend ihres Enkels, über den Streit ihrer Schwiegertochter mit der Nachbarin wegen eines Parkplatzes, über die Frage, ob Weihnachten bei ihrem Sohn in Stuttgart oder bei der Tochter in Lahr gefeiert wird. Ich hörte zu, weil ich die ganze Familie seit der Geburt kannte und vieles davon mich tatsächlich interessierte. Aber irgendwann klangen unsere Donnerstage wie ein Wochenbericht aus einem fremden Haushalt. Erzählte ich von einer Wanderung im Schwarzwald, fiel ihr sofort ein, wohin ihre Enkel letztes Jahr gefahren waren. Erwähnte ich einen Film, berichtete sie, welche Serie ihre Tochter gerade schaute.
Ich hätte das nie für wichtig gehalten – bis etwas passierte, das für mich wirklich wichtig war.
Nach vielen Jahren, in denen ich dachte, mein Leben sei fertig sortiert, hatte ich angefangen, mich mit einem Mann namens Werner zu treffen. Kennengelernt hatten wir uns bei der Volkshochschule, in einem Kurs für Nordic Walking am Schlossberg. Werner ist Witwer, 76, wohnt in Littenweiler, keine zwanzig Minuten mit der Straßenbahn Linie 1. Von Heiraten oder Zusammenziehen war keine Rede. Es ging nur darum, dass ich wieder auf ein Klingeln am Telefon wartete wie ein Teenager.
Ich wartete vier Wochen, bevor ich es Hannelore erzählte. Ich wollte es ihr persönlich sagen, nicht per WhatsApp, weil sie meinen Mann gekannt hatte und wusste, wie schwer mir das Alleinsein nach seinem Tod gefallen war. An jenem Donnerstag, bei einem Stück Zwiebelkuchen, sagte ich es zwischen zwei Bissen: "Ich treffe mich mit jemandem." Hannelore riss die Augen auf, fragte nach dem Namen. Ich erzählte vom Wanderkurs, von Werners Hund, den er immer mitbrachte – und keine fünf Minuten später griff sie zum Handy. Pia hatte ein Foto geschickt, ein Kleid für eine Faschingsfeier. Hannelore drehte mir den Bildschirm hin, dann noch ein zweites Foto, dann eine lange Erklärung, warum das Kind sich nicht entscheiden könne. Meine Geschichte lag einfach vom Tisch gewischt.
Ich fuhr mit der Straßenbahn heim, wütend auf mich selbst, weil mich so etscheinbar Kleines so getroffen hatte. Draußen lief gerade die Tagesschau beim Nachbarn über den Fernseher im Treppenhaus, irgendwas über Heizkostenzuschüsse, und ich dachte: mein Leben ist auch eine Nachricht wert, verdammt.
Den nächsten Donnerstag sagte ich ab, angeblich wegen eines Arzttermins. Hannelore rief abends an und merkte, dass etwas nicht stimmte. Am Ende sagte ich es ihr direkt: "Ich habe neulich versucht, dir etwas Wichtiges zu erzählen, und nach fünf Minuten waren wir schon wieder bei Pias Kleid." Am anderen Ende blieb es lange ruhig. Dann verteidigte sie sich – ich würde ja auch von meinen Kindern reden, ihre Enkel würden einen riesigen Teil ihres Lebens ausmachen. Stimmte alles. Aber ich fragte sie, wann wir zuletzt über sie gesprochen hatten. Nicht über ihre Kinder, nicht über mich. Über sie.
Diese Frage drehte das Gespräch.
Hannelore gab schließlich zu, dass sie sich seit dem Tod ihres Mannes so sehr in die Familie gestürzt hatte, dass sie manchmal selbst nicht wüsste, was sie über sich erzählen sollte. Dienstags holte sie den Enkel ab, mittwochs half sie der Tochter beim Umzugskarton-Packen, sonntags saßen alle am Tisch. Ihr Leben war voll, aber fast alles davon gehörte anderen Leuten. "Vielleicht rede ich so viel über die anderen, weil ich selbst gar nicht weiß, was ich eigentlich mache", sagte sie leise.
Dieser Satz nahm mir einen großen Teil der Wut.
Wir trafen uns weiter. Keine Verwandlung zurück zu den Siebenundzwanzigjährigen von damals – so funktioniert Freundschaft nicht. Aber seitdem fragen wir uns manchmal, bevor wir uns zum Abschied umarmen: "Und wie geht es dir wirklich?" Hannelore kennt Werner inzwischen, hat sogar gelacht, als ich erzählte, wie viele Wochen ich gebraucht hatte, um ihr zu beichten, dass ich mich ein kleines bisschen verliebt hatte.
Vor drei Wochen saß ich wieder im Café Journal, derselbe Tisch am Fenster, dieselbe Kellnerin, die seit zwanzig Jahren weiß, dass ich keinen Zucker in den Milchkaffee will. Hannelore kam fünf Minuten zu spät, Regenschirm tropfte auf den Boden, Novemberwetter in Freiburg eben. Bevor sie sich setzte, fragte sie nicht nach Pia, nicht nach dem Enkel, nicht nach Weihnachten. Sie fragte: "Und, hat Werner dich schon zu sich nach Littenweiler eingeladen?" Ich erzählte es ihr – zwanzig Minuten lang, ohne dass einmal ein Handy auf dem Tisch landete.
Zum Abschied, vor der Tür, hat sie mir fest die Hand gedrückt und gesagt, sie würde sich freuen, Werner demnächst kennenzulernen, bei ihr zu Hause, mit einem Stück Schwarzwälder Kirschtorte, die sie selbst backt. Ich habe zugesagt. Keine große Versöhnungsszene, kein Drama – nur ein Termin im Kalender, zwei Namen und ein Kuchenrezept, das seit fünfundvierzig Jahren dasselbe geblieben ist.
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