Finn stand im Zoofachgeschäft am Harburger Ring, seinen dicken roten Kater Carl auf dem Arm, und starrte auf die Voliere mit den Edelpapageien. Carls Krallen gruben sich leicht in seinen Unterarm – nicht böse, eher aufgeregt. Der Kater schnurrte wie ein kaputter Kühlschrank.
Zwei Verkäuferinnen in grünen Kitteln kamen gleichzeitig hinter dem Tresen hervor, als hätte jemand „Achtung, Problem!“ gerufen.
„Mein Herr, die Katze muss leider draußen…“
„Nein, warten Sie“, Finn hob eine Hand. „Das ist anders. Ich will einen Vogel kaufen. Aber er muss zustimmen. Carl. Sonst bringt er ihn später um. Das wäre doch Quatsch, oder?“
Die Verkäuferinnen wechselten einen Blick, der alles sagte, was sie sich nicht zu sagen trauten. Eine Frau mit einem Eimer voller Futtergarnelen blieb stehen. Ein älteres Ehepaar, das eigentlich nur ein neues Hundehalsband gesucht hatte, rückte näher. Innerhalb von zwei Minuten stand ein Dutzend Leute um Finn und Carl herum.
„Wo ist das Problem?“, brummte ein Mann in Malerhose. „Soll die Katze halt entscheiden. Ist doch logisch. Wir fragen beim Auto doch auch unsere Frau, bevor wir’s kaufen.“
Die Menge nickte. Finn atmete aus.
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Sie gingen die Reihe entlang. Wellensittiche – Carl legte die Ohren an. Nymphensittiche – er gähnte demonstrativ. Rosenköpfchen – er drehte demonstrativ den Kopf weg und starrte stattdessen eine Spalte in der Wand an.
Vor dem großen Käfig mit dem schneeweißen Edelpapagei passierte es.
Carls Pupillen weiteten sich. Er hob die rechte Pfote und legte sie sachte gegen das Gitter. Der Papagei, ein Prachtexemplar mit stolzem Schopf, beugte sich vor, packte mit seinem riesigen Schnabel – nicht die Pfote, sondern die Luft daneben – und fing an, Carls Fell minutiös zu putzen, Strähne für Strähne. Carl ließ es geschehen wie ein König. Dann maunzte er. Laut. Klang fast wie „Ja, genau der“.
Finn las das Preisschild. 1600 Euro.
„Du hast sie ja nicht mehr alle. Das sind zwei Monatsmieten. Ohne Käfig. Weißt du, was so ein vernünftiger Käfig kostet?“
Carl schnurrte und massierte die Scheibe mit ausgefahrenen Krallen. Verhandlungsbasis gleich null.
Die Frau mit den Garnelen hatte Tränen in den Augen und filmte mit dem Handy. Der Maler zückte schon den Geldbeutel: „Ich leg zwanzig dazu.“ Zwei andere zogen ebenfalls Scheine. Finn wurde rot. So war das nicht geplant.
„Wie viel fehlt Ihnen denn?“, fragte eine Stimme.
Sie gehörte einer Frau um die siebzig. Klein, unauffällig. Braune Stoffhose, abgewetzte Wildlederschuhe, eine Strickjacke, die sicher schon drei Winter gesehen hatte. In der Hand ein Einkaufsbeutel vom Biomarkt, aus dem oben eine einzelne Staudenselleriestange ragte. Niemand hatte sie wirklich beachtet.
„Ich hab vierhundert gespart“, sagte Finn und hielt den abgegriffenen Umschlag hoch, aus dem ein Fünfziger hervorlugte. „Aber ich wollte eigentlich…“
„Wissen Sie was“, sagte die Frau. „Heute ist mein Geburtstag. Ich wollte mir eigentlich eine Reise buchen. Aber Flughäfen machen mich müde. Ich kaufe Ihnen diesen Vogel. Er bleibt bei Ihnen. Und wenn ich mal vorbeikomme – auf eine Tasse Kaffee – dann schau ich, wie die beiden sich machen. In Ordnung?“
Bevor Finn etwas erwidern konnte, brach die Menge in Applaus aus. Der Mann in der Malerhose klopfte ihm auf die Schulter, dass er fast das Gleichgewicht verlor.
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An der Kasse legte Finn seinen Umschlag auf den Tresen. Die alte Dame schob seine Hand sanft beiseite und holte eine schmale Geldbörse aus ihrer Tasche – Leder, das schon so oft geknickt worden war, dass es sich anfühlte wie Stoff. Kein Spektakel. Sie zählte einfach sechzehn Hunderter auf die Theke, Schein für Schein, ruhig, als bezahle sie ihre Stromrechnung.
Die jüngere Verkäuferin, die vor zehn Minuten noch hatte rufen wollen, dass Tiere an der Leine zu bleiben haben, verschwand mit hochrotem Kopf im Lager. Sie kam mit einem Palettenhubwagen wieder, auf dem eine Voliere stand, groß genug für einen Adler. Neuwertig. Das Preisschild für 399 Euro klebte noch dran.
„Vom Haus. Für seinen Geburtstag.“ Sie zeigte auf die alte Dame. „Ich mein, das haben wir schon länger hier rumstehen, und jetzt, wo Sie… also…“ Sie verstummte und machte eine hilflose Geste in Richtung Papagei und Kater.
Die alte Dame lächelte. Kein verlegenes Lächeln. Eher das eines Menschen, der sich nichts beweisen muss. „Das ist aber lieb. Dann trinken wir ja bald Kaffee in der größten Voliere Hamburgs. Darf er Kuchen krümeln?“
Die Verkäuferin nickte hektisch. Jemand rief: „Feiern Sie denn überhaupt rein?“
„Wenn Sie alle mitkommen“, sagte die alte Dame und nannte den Namen eines kleinen schicken Lokals unten an der Elbe, Terrasse mit Blick aufs Wasser, „dann wird’s ein Fest. Ich bezahl den Tisch. Sie müssen nur Sie selbst mitbringen. Und gute Laune. Also, wer ist dabei?“
Zwölf Hände gingen hoch.
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Vor der Tür, alle standen noch etwas verlegen mit ihren Einkäufen und Telefonen herum, fragte eine junge Mutter, die einen schweren Sack Streu geschleppt hatte: „Fährt hier ein Bus Richtung Veddel?“
„Bus? Unsinn. Ich nehm Sie mit.“ Die alte Dame packte den Sack mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie ging auf einen alten dunkelgrünen Mercedes zu, Baujahr irgendwann in den Neunzigern, der auf dem Behindertenparkplatz stand. Lack stumpf, aber sauber. Auf der Hutablage hinter der Heckscheibe lag ein vertrockneter Zweig Rosmarin.
„Warten Sie!“, rief Finn und lief mit Carl und dem Transportkäfig auf dem Palettenhubwagen hinterher. „Ich weiß ja gar nicht, wie Sie heißen!“
„Müller“, sagte die Dame und öffnete die Beifahrertür für die Frau mit dem Streu. „Hanna Müller. Und jetzt steigen Sie ein, bevor der Salat im Kofferraum welk wird. Bis heute Abend.“
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Der Abend im Restaurant war laut, warm und roch nach gegrilltem Fisch und frischem Brot. Hanna Müller, die in der Zoohandlung noch unscheinbar gewirkt hatte, saß am Kopf der langen Tafel und hörte dem Maler zu, der eine epische Geschichte über einen Eimer Dispersionsfarbe und eine offene Autotür erzählte. Sie lachte nicht laut. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf, während ihre Schultern bebten.
Irgendwann, zwischen Hauptgang und Dessert – draußen zog ein Tanker langsam elbabwärts – beugte sich Finn zu seinem Tischnachbarn, einem Lehrer, der vorhin noch Vitamintropfen für seinen Zierfisch gekauft hatte: „Sag mal, dieser ältere Herr… so ein hagerer Typ mit grauem Bart und Jeansjacke, der stand doch den ganzen Nachmittag in der Ecke von dem Laden. Ist der auch hier? Ich hab ihn nicht mehr gesehen.“
„Welcher Herr?“
„Na, der Alte. Stand hinten bei den Aquarien, als Carl den Papagei ausgesucht hat. Hat was von der linken und der rechten Hand gesagt. So ein Bibelding. ‚Lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut.‘ Hat er auf Hanna bezogen. War doch klar.“
Der Lehrer runzelte die Stirn. „Ich hab da keinen alten Mann gesehen. Überhaupt stand da niemand. Nur das Regal mit dem Fischfutter. War leer die ganze Zeit. Hab mich sogar gewundert, weil’s das einzige Regal war, wo keiner dran stand.“
Finn setzte sich gerade hin. Der Maler, der die Frage aufgeschnappt hatte, schüttelte ebenfalls den Kopf. Die Frau mit den Garnelen hatte einen Film auf ihrem Handy, den sie nun vorspulten, Bild für Bild: die Verkäuferinnen, der erste Blick von Carl, das Gitter, Hannas schmale Hand, die die Scheine zählte. Das Regal bei den Aquarien war deutlich zu sehen. Die Jeansjacke war es nicht.
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Draußen auf der Terrasse, wo der Wind von der Elbe her die Servietten unter die Teller faltete, stand Hanna Müller und telefonierte. Als sie zurückkam, legte sie Finn kurz die Hand auf den Unterarm – ganz leicht, so wie Carls Pfote an der Scheibe.
„Alles gut?“, fragte sie. „Ihr Kater hat heute was geschafft, wofür Menschen manchmal ein Leben brauchen. Er hat Ja gesagt. Ohne nach dem Preis zu fragen. Das ist eine Kunst, wissen Sie?“
Und dann setzte sie sich wieder, trank einen Schluck von ihrem stillen Wasser und fragte den Lehrer, was genau Zierfische eigentlich für Vitamine brauchen und ob sie das mit dem Sellerie im Biomarkt auch mal versuchen solle.
Draußen auf dem Fluss tutete das Schiff. In der Ecke des Raums flackerte die Anzeigetafel mit den Fährzeiten einmal kurz auf und erlosch dann ganz. Niemand bemerkte es.







