Die Kerze, die niemand sieht

„Hör endlich auf, ihnen Geld zu schicken! Glaubst du wirklich, sie danken es dir jemals? Wach auf, Katrin!“ Sabrina knallte ihre Handtasche auf den Bistrotisch, dass die Kaffeetassen klirrten. In ihren Augen lag diese Mischung aus Mitleid und Wut, die ich selbst nicht mehr zulassen durfte. Vor uns stand ein kleiner Käsekuchen vom Bäcker nebenan, eine einzelne Wunderkerze steckte schief darin. Ich hatte nicht die Kraft gehabt, sie anzuzünden. Heute wurde ich achtundfünfzig. Ein runder Geburtstag. Normalerweise klingelt an so einem Tag das Telefon ununterbrochen, Kinderstimmen überschlagen sich, irgendwer bringt Blumen vorbei. Aber mein Handy lag den ganzen Nachmittag stumm auf dem Tisch, ein toter schwarzer Klotz, der kein einziges Mal aufleuchtete. Von meinen Nichten – kein Anruf, keine SMS, nicht mal ein Herz-Emoji bei WhatsApp.

Dabei hatte ich mich die letzten Jahre für diese Mädchen krumm gemacht. Jeden Monat überwies ich Leonie und Sophie jeweils 280 Euro nach Deutschland, während ich selbst als Pflegekraft in Zürich malochend in irgendwelchen Dienstbotenzimmern hauste. Frühschicht, Spätschicht, manchmal Doppelschichten bei bettlägerigen Senioren, und abends fiel ich todmüde ins Bett, nur damit die beiden sich in Berlin ihre Altbauwohnungen und Bio-Lieferservice leisten konnten. Das Geld nahmen sie klaglos. Aber am Geburtstag ihrer Tante zu denken? Fehlanzeige.

„Du kaufst dir ihre Zuneigung, und nicht mal die kriegst du dafür“, bohrte Sabrina weiter und schob sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Die Mädels sind erwachsen. Sollen sie doch arbeiten gehen wie alle anderen auch. Du schuldest denen gar nichts.“

Ich starrte auf die Wunderkerze und spürte, wie sich meine Kehle zuschnürte. Sabrina hatte ja recht. Völlig klar hatte sie recht. Aber dieses elende Schuldgefühl, das seit fast dreißig Jahren an mir fraß, ließ sich nicht einfach abstellen wie ein Wasserhahn. Bevor man jemanden verurteilt, sollte man vielleicht ein Stück in seinen Schuhen gelaufen sein. Und meine Schuhe waren verdammt dünn gewesen, als ich loslief.

Ich war kein Wunschkind. Meine Mutter starb bei meiner Geburt, mein Vater machte sich ein halbes Jahr später mit dem Motorrad auf einer Landstraße bei Osnabrück tot. Übrig blieb ich, ein Säugling, den keiner haben wollte. Meine Tante Margret nahm mich schließlich zu sich, mehr aus christlicher Pflicht als aus Liebe. Sie hatte selbst drei Kinder, eine winzige Dreizimmerwohnung in Gelsenkirchen und einen Mann, der bei Opel am Band stand und jeden Pfennig dreimal umdrehte. Ich war der fünfte Teller am Tisch, das Kind, das immer ein bisschen zu viel Milch nahm und dessen Schuhe immer die abgelegten der Cousine waren.

Ich war Margret nicht böse. Wirklich nicht. Sie gab mir ein Dach und ließ mich nicht verhungern, und das war mehr, als man von einer völlig Fremden erwarten konnte. Aber abends, wenn ich auf meiner Ausziehcouch im Wohnzimmer lag und die Geräusche der fremden Familie hörte, die da drüben in den Betten atmete, träumte ich davon, eines Tages meine eigene Wohnungstür hinter mir zuzuziehen. Einen Ort zu haben, wo ich bestimmen durfte, wo die Tassen standen und was es zu essen gab, und wo mich keiner mit Blicken für jeden Bissen abstrafte.

Mit zwanzig lernte ich Dieter kennen. Er war ein ruhiger Elektriker aus Bottrop, zwölf Jahre älter als ich, mit Händen, die immer ein bisschen nach Lötzinn rochen. Liebe war das nicht, eher eine Flucht nach vorn. Tante Margret war erleichtert, endlich einen Versorger für mich gefunden zu haben. Wir zogen in Dieters Elternhaus, einen soliden Sechzigerjahre-Bau mit großem Keller, sorgfältig gepflegtem Rhododendron im Vorgarten und seiner Mutter im ersten Stock.

Ach, die Schwiegermutter. Hildegard hieß sie, und sie war keine von der lauten Sorte. Sie schrie nicht, sie tobte nicht. Sie saß einfach in ihrem Sessel am Fenster und sah mich an, mit diesem stummen Vorwurf im Gesicht, der schwerer wog als zehn Wutanfälle. Meine Kuchen waren nie so gut wie ihre, meine Wäsche nie weiß genug, die Böden unter meinem Wischmopp nie wirklich sauber. Sie sprach nicht mit mir darüber. Sie wartete, bis Dieter nach Hause kam, und dann flüsterte sie ihm leise und traurig zu, was die fremde Frau, die er da angeschleppt hatte, heute wieder falsch gemacht hatte. Dieter stellte sich nie auf meine Seite. Kein einziges Mal.

Die einzigen Lichtblicke in diesen bleiernen Jahren waren Leonie und Sophie, die Töchter von Dieters jüngerem Bruder. Der Bruder verstarb früh, die Mutter der Mädchen tauchte bald darauf unter, und plötzlich hatte ich zwei verschreckte kleine Kinder im Haus, die bei uns lebten. Meine Nichten. Ich liebte sie abgöttisch. All die Liebe, die ich in meiner Ehe nicht loswurde, all die Fürsorge, der ganze ungelebte Mutterinstinkt – ich goss ihn über diese beiden Mädchen aus. Ich flickte ihre Kleidung, brachte ihnen Fahrradfahren bei, tröstete sie bei Alpträumen.

Als die Mädchen in der Pubertät waren, hielt ich es bei Hildegard und dem schweigenden Dieter nicht mehr aus. Ich war fünfundvierzig und hatte das Gefühl, auf einer Fensterbank über dem Abgrund zu balancieren – ein falscher Schritt, und ich war für immer in diesem Haus gefangen. In mir keimte ein Plan.

Ich ging in die Schweiz, um in der Pflege zu arbeiten. Dieter und Hildegard erzählte ich, ich würde für unser gemeinsames Sparbuch schuften, für einen modernen Bungalow, den Hildegard sich immer gewünscht hatte. Sie ließen mich bereitwillig ziehen. In Wahrheit eröffnete ich in Zürich mein eigenes Konto, von dem die beiden nichts wussten. Jeder verdiente Franken wanderte dorthin. Es war ein stiller, privater Aufstand, der mich durch die anstrengenden Tage trug. Nach zwei Jahren platzte die Bombe. Hildegard hatte sich bei der Bank nach dem Stand des Sparbuchs erkundigt und flog fast vom Sessel, als sie erfuhr, dass nie eine Überweisung aus der Schweiz eingegangen war. Dieter stellte mich am Telefon vor die Wahl: sofort zurückkommen und alles abliefern – oder Scheidung.

Die Scheidung kam mir vor wie eine Erlösung. Ich reichte sie selbst ein, knapp und sachlich. Aber Hildegard und Dieter schluckten diese Kränkung nicht. Sie begannen einen langsamen, heimtückischen Feldzug gegen mich, und ihr Schlachtfeld waren die Mädchen. Den heranwachsenden Nichten flüsterten sie Monat für Monat ein, ich hätte die Familie für schnödes Geld im Ausland verraten, ich sei eine herzlose Egoistin, die nur an sich denke. Leonie und Sophie, längst junge Frauen mit eigenem Kopf und doch formbar wie Ton in Hildegards Händen, stellten den Kontakt zu mir ein. Ich schrieb Briefe, schickte Päckchen, rief an – nichts. Selbst zu ihren Hochzeiten und zu den Geburten ihrer Kinder wurde ich nicht eingeladen.

Zehn Jahre lang hielt ich in Zürich durch, pflegte demente Senioren, putzte Praxisräume nach Feierabend, lernte, wie man mit einem einzigen Einkauf drei Tage auskommt. Ich biss die Zähne zusammen und kratzte genug Geld für eine hübsche Eigentumswohnung in Freiburg zusammen, hell, mit Balkon und Parkett. Endlich meine Tür, hinter der ich allein bestimmte. Aber das Schuldgefühl ließ ich nicht an der Schweizer Grenze zurück. Es klebte an mir wie ein nasses Tuch.

Und so begann das mit den monatlichen Überweisungen. Ich redete mir ein, es sei eine späte Geste, eine Brücke, ein Zeichen, dass ich die Mädchen nie vergessen hatte. Sie nahmen das Geld, jedes Mal. Sie riefen an, wenn eine Überweisung mal zwei Tage auf sich warten ließ, mit schnellen, kühlen Fragen. Aber wie es mir ging? Ob ich Hilfe brauchte, ob ich einsam war? Kein einziges Wort.

Der Geburtstag war der Tiefpunkt. Drei Tage später klingelte mein Handy, Display: Sophie.

„Tante Katrin? Ich wollte nur mal fragen… du weisst schon, Ende des Monats? Das Geld ist noch nicht da. Wir müssen nämlich den Kindergarten für Jannis bezahlen, und es wäre echt blöd, wenn…“

Ich hörte ihre Stimme, so geschäftsmäßig, so weit weg. Und plötzlich sah ich Sabrinas Gesicht vor mir, den Käsekuchen, die unangezündete Wunderkerze. Und in meinem Kopf machte es leise *klick*.

„Sophie“, sagte ich und war selbst überrascht, wie fest meine Stimme klang, „diesmal kommt kein Geld. Und nächsten Monat auch nicht. Und überhaupt nie wieder. Ruf mich gerne an, wenn du einfach mal mit mir reden willst. Aber wenn es nur ums Geld geht, dann spar dir den Anruf. Alles Gute euch dreien. Tschüss.“

Ich legte auf, bevor sie antworten konnte. Mein Herz hämmerte wie nach einem Sprint. Das war’s. Keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung. Einfach ein Schlussstrich unter eine dreißig Jahre alte Rechnung, die ich allein bezahlt hatte.

Zwei Wochen meldete sich keine der beiden. Ich saß in meiner neuen Wohnung in Freiburg, trank meinen Morgenkaffee auf dem Balkon und wartete darauf, dass die Reue kam. Sie kam nicht. Stattdessen kam Erleichterung. Ich spazierte durch den Münstermarkt, kaufte mir einen Strauß Dahlien, nur weil sie schön aussahen, und trug ihn heim. Ich meldete mich für einen Italienisch-Kurs an der Volkshochschule an, nicht weil ich musste, sondern weil ich es konnte.

Am letzten Abend des Kurses saß ich mit einer netten Frau aus meiner Lerngruppe bei einem Glas Primitivo auf dem Münsterplatz. Mein Telefon summte. Eine unbekannte Berliner Nummer. Ich ließ es klingeln, hob es dann doch ans Ohr. Es war Leonie.

„Tante Katrin? Ich… ich wollte nur mal hören, wie es dir geht. Sophie hat erzählt, was los war. Und ich hab ewig überlegt, ob ich… naja, ob du vielleicht Lust hättest, mal mit mir und Jannis in den Zoo zu gehen, wenn du das nächste Mal in Berlin bist? Ohne das andere Thema, meine ich. Nur so.“

Ich atmete tief die milde Abendluft ein, ließ mir Zeit mit der Antwort und sah zu, wie die Schwalben in der Dämmerung um den Turm des Münsters kreisten.

„Lass uns mal schauen, Leonie. Ich melde mich, wenn ich in der Stadt bin.“

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MagistrUm
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