Das Glück am Wegesrand

Ingrid Schröder stand in der Küche ihres Reihenhauses in Rodenkirchen, sah in die Kaffeetasse und wusste: so geht das nicht weiter. Der Dezembertag vor dem Fenster war grau und kalt, der Rhein irgendwo hinter der Häuserzeile nur zu erahnen. Aber das war nicht ihr Problem. Ihr Problem war schwarz, hatte einen übergroßen Kopf und dünne Spinnenbeine.

Seit Tagen schon.

Die Siamkatze Cleo hatte vor sechs Wochen fünf Junge geworfen. Vier davon waren echte Volltreffer gewesen – helle Felle, klare Zeichnung, die typischen blauen Augen. Die Leute standen Schlange, wie immer. Ingrid war in einschlägigen Kölner Foren als seriöse Züchterin bekannt, ihre Kitten gingen für gutes Geld weg. Der fünfte Wurf aber passte da nicht rein.

Pech, hatte ihr Mann Oliver nur dazu gesagt, mehr nicht.

Pech.

Und jetzt saß dieses pechschwarze Etwas im Wohnzimmer, und ihr Enkel Jon hatte es ins Herz geschlossen. „Der bleibt bei mir, Oma! Ich nenn' ihn Kobalt!“ – und dann hatte der Junge den kleinen schwarzen Kater mit den viel zu langen Beinen hochgehoben, als wäre er das Wertvollste auf der Welt.

Ingrid goss Kaffee nach. Die Tasse klirrte.

Sie wusste, dass am übernächsten Samstag die Interessenten kamen. Sie wusste auch, dass niemand diesen schwarzen Winzling haben wollte. Und sie wusste vor allem, dass sie keinen Tag länger ertrug, was die Nachbarin letztens gesagt hatte: „Na, Frau Schröder, wird da etwa ein Straßenkater reingepfuscht haben? So was Schwarzes sieht man bei reinen Siam gar nicht…“

Das hatte gesessen.

Ingrid genoss einen guten Ruf als Züchterin. Da war kein Platz für einen Beweis, dass Cleo vielleicht doch mal durch die Terrassentür entschlüpft sein könnte, als keiner hinsah.

Als Oliver um halb acht zur Spätschicht fuhr und Jon in der Gesamtschule verschwunden war, stand sie am Fenster und wartete. Nebenan, auf dem Hof der alten Tischlerei, belud Herr Kowalski seinen Transporter. Der fuhr jeden Morgen über die Südbrücke nach Deutz, lieferte Möbel aus, kannte jeden Winkel der Stadt.

„Herr Kowalski!“

Der Nachbar schaute auf. Er zögerte einen winzigen Moment, die Hände noch am Spanngurt.

„Hätten Sie wohl … eine Kleinigkeit für mich zu erledigen?“

Sie drückte ihm einen alten Weidenkorb in die Hand, darin auf einem zerschlissenen Handtuch der schwarze Kater, und sagte: „Irgendwo, wo viele Menschen sind. Am besten ein Park oder ein Markt. Vielleicht erbarmt sich ja jemand.“

Der Korb bebte leicht. Kowalski trat von einem Fuß auf den anderen, dann nahm er den Korb, legte ihn auf den Beifahrersitz und fuhr los, ohne ein Wort. Ingrid sah dem weißen Transporter nach, wie er am Ende der Straße auf die Hauptstraße bog und verschwand.

In der Küche wurde es mit einem Mal ganz ruhig.

Sie hatte richtig gehandelt, da war sie sicher. Der kleine Schwarze war ein Makel. Und Jons Trauer würde vergehen, dafür war er schließlich elf. Nächstes Jahr, wenn Cleo wieder warf, durfte er sich ein Kitten aussuchen.

Nächstes Jahr. Nicht jetzt.

Sie setzte Teewasser auf und ignorierte, dass ihre Hände zitterten.

Der schwarze Kater wusste nichts von Stadtplänen.

Der Korb schaukelte, der Motor brummte tief, einmal hupte jemand. Dann Stopp. Dann Schritte. Dann hoben ihn Hände aus dem Korb und setzten ihn auf etwas Kaltes, Hartes. Der Mann stand einen Atemzug lang reglos, stopfte dann den Weidenkorb in einen Mülleimer und ging mit raschen Schritten fort, ohne sich umzusehen.

Das Kätzchen blieb sitzen. Um ihn herum war alles neu. Ein riesiger Platz mit verschlungenen Wegen, kahlen Bäumen und einer leeren Bühne aus Beton, vor der sich bunte Graffiti-Schriftzüge an der Mauer entlangzogen. Im Sommer mochte das hier ein belebter Treffpunkt sein – der Beethovenpark im Süden der Stadt –, aber jetzt, kurz vor Weihnachten, war es ein unwirtlicher Ort.

Wind fuhr durch die Hecken. Möwen kreischten über dem nahen Güterbahnhof.

Der Kater duckte sich. Er spürte die Kälte: sie kam von unten durch die nackten Ballen, kroch ihm ins dünne Fell.

Vor ihm flatterte ein alter Kronkorken über den Asphalt. Er schoss hinterher, schlug mit der Pfote danach, der Kronkorken kullerte, er stürzte sich erneut drauf. Das half gegen die Kälte. Gegen den Hunger half es nicht.

Irgendwann, er hatte längst aufgehört zu spielen und kauerte unter einer Parkbank, tauchten zwei Gestalten auf.

Luis und Matteo waren Brüder, dreizehn und zehn, auf dem Heimweg vom Baskettraining der Schul-AG. Luis balancierte den Ball auf den Fingerspitzen, während Matteo auf dem Handy rumtippte.

„Ich sag dir, der Wurf war hinter der Linie. Der hat nicht gezählt“, brummte Matteo.

„Hinter der Linie. Mann, du warst nicht mal nah genug dran, um – warte mal.“

Luis blieb stehen. Der Ball fiel zu Boden, rollte ein Stück und prallte gegen etwas Kleines, Dunkles, das sich unter der Bank bewegte.

„Ist das … ein Kätzchen?“

Matteo war sofort neben ihm. „Oh Gott. Wie lang mag das schon hier sitzen?“

Der Kater sah zu ihnen hoch. Seine blauen Augen wirkten riesig in dem schmalen Gesicht, die Ohren viel zu groß für den schmalen Schädel. Sein Fell war tiefschwarz, doch an den Flanken schimmerte stellenweise ein helleres Unterfell hindurch, ein versteckter Hinweis auf seine Mutter.

Luis kniete. „Der ist doch noch ein Baby. Wohnt hier irgendwo wer, oder …?“

„Der wurde ausgesetzt. Muss so sein.“ Matteo holte eine halbvolle Wasserflasche aus dem Rucksack, goss etwas in den Deckel und schob ihn vorsichtig an den Kater heran. Das Kätzchen senkte den Kopf und leckte das Wasser auf, mit hastiger Zunge, Tropfen rannen ihm übers Kinn.

Luis zog die Jacke aus und wickelte das zitternde Bündel ein, ganz sacht. „Wir nehmen ihn mit. Jetzt sofort. Papa hat Nachtschicht, und Mama ist doch bis Freitag auf der Fortbildung in Düsseldorf – bis dahin muss ich ihn irgendwo unterbringen, wo sie ihn nicht sieht. Du weißt doch, wie sie ist.“ Er packte den Kater vorsichtig in den Rucksack, so dass nur der Kopf herausschaute, und sie liefen. Luis grinste. „Der tappt ja mehr als er läuft. Taps soll er heißen.“

Das Versteck war schnell gefunden.

Hinter ihrem Mehrfamilienhaus in der Südstadt, zwischen Fahrradkeller und Waschküche, gab es einen alten Heizungsraum. Der Hausmeister, Herr Dabrowski, ein pensionierter Bergmann aus dem Ruhrpott, der hier im Erdgeschoss wohnte und jeden Hofkater mit Namen kannte, war sofort einverstanden.

„Zwei Tage maximal. Und ihr kümmert euch, verstanden? Ich will keine Scherereien mit der Hausverwaltung.“ Er kraulte dem Kater mit zwei Fingern hinterm Ohr. „Der Kleine da sieht aus wie einer, der es mal zu was bringen kann. Markige Knochen hat er. Die füllen sich noch.“

Luis und Matteo richteten den Raum her. Eine alte Isomatte vom Sperrmüll. Zwei Schälchen von Omas altem Geschirr, das im Keller stand. Wasser aus der Leitung und etwas von dem Aufschnitt, den Matteo vom Bäcker an der Ecke gekauft hatte – der Rest seines Taschengelds. Der Kater fraß hastig, dann schlief er ein, eingerollt auf Luis‘ Pullover.

Am selben Abend, zwanzig Kilometer weiter südlich, saß ein anderer Junge an seinem Fenster. Sein Name war Johannes, aber alle nannten ihn Jon. Er war elf und konnte nicht schlafen.

Seine Oma war eine Lügnerin.

Das hatte er heute begriffen, nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Bauch, mit diesem flauen, heißen Ziehen unter den Rippen. Sie hatte ihm irgendwas von Bekannten erzählt, die den Kater geholt hätten, genau an dem Tag, genau zu der Stunde, als er in der Schule war. Aber sie hatte ihm nicht ins Gesicht geschaut, und das war das Schlimmste. Wenn Oma log, log sie schlecht.

Jon hatte den Kater geliebt. Er hatte ihm den Namen Kobalt gegeben, weil die Augen diese tiefe blaue Farbe hatten, wie die Glasflaschen im Keller. Kobalt war nicht schön, nein. Aber Kobalt war seins.

Jetzt war Kobalt weg. Und Oma benahm sich, als wäre nichts geschehen.

Jon lag wach und sah zur Decke hinauf, zu den Leuchtsternen, die immer noch da klebten. Er weinte nicht – das hatte er sich abgewöhnt, als Papa ausgezogen war. Stattdessen zog er die Decke über den Kopf und versuchte, nicht an das letzte Bild zu denken: das schmale schwarze Fell, das im Sonnenlicht auf dem Teppich gelegen hatte, an jenem letzten Morgen, bevor er zur Tür ging.

Er schwor sich etwas in dieser Nacht.

Wenn er jemals groß war, würde er anders sein.

Der Freitag kam schneller als erwartet.

Mama kam zurück, die Fortbildung war gut gelaufen, sie wollte am Abend in der Trattoria essen gehen. Luis und Matteo rückten beim Nachtisch mit der Wahrheit raus. Luis war derjenige, der das Wort ergriff, mitten zwischen einem Teller Tiramisu und einer halbleeren Wasserflasche.

„Mama, wir haben einen Kater gefunden. Ausgesetzt. Er ist jetzt bei Herrn Dabrowski im Heizungsraum. Bitte schau ihn dir einmal an. Nur einmal. Wenn du dann Nein sagst, bringen wir ihn ins Tierheim. Aber du musst ihn sehen.“

Die Mutter, eine schlanke Frau mit graumeliertem Kurzhaarschnitt, die in ihrem Leben schon genug Aktenordner gewuchtet hatte, um zu wissen, wann eine Front nicht zu halten war, zog die Mundwinkel müde. Sie sah von Luis zu Matteo, dann zum Fenster. Draußen hing immer noch derselbe Frost wie am Vortag.

„Na schön. Zeigt her, euren Notfall. Aber wenn er Flöhe hat, gibt's Ärger. Und Herr Dabrowski bekommt etwas Selbstgebackenes von mir, der Arme.“ Sie leerte ihr Glas und griff nach dem Mantel. Draußen fiel der erste Schnee.

Taps, den Luis so getauft hatte und den Jon einmal Kobalt genannt hatte, und dessen Fell jetzt von Heizungswärme ganz flauschig geworden war, erwachte davon, dass die Tür zum Heizungsraum aufschwang. Drei Menschen, die er kannte, und eine vierte. Er stellte die Ohren auf, blieb aber liegen. Es roch nach Fremder, aber nicht nach Gefahr.

Die Fremde hockte sich zu ihm herunter und betrachtete ihn lange.

Luis und Matteo standen wie erstarrt an der Tür. Im schwachen Licht der Kellerlampe, als sie den Kopf drehte, schien es den Jungs, als zucke um ihre Mundwinkel etwas sich anbahnendes, noch unentschiedenes.

Dann passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte. Die Mutter streckte die Hand aus. Nicht zögernd, sondern entschlossen, mit der Handfläche nach oben. Und der schwarze Kater mit dem viel zu großen Kopf stand auf, tappte auf seinen dünnen Beinchen heran und legte sein Kinn in diese Hand.

„Na dann“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu den Jungs. „Dann hat sich das wohl erledigt. Wie heißt du, Kleiner?“

Zwei Stimmen gleichzeitig aus dem Hintergrund: „Taps!“ – „Kobalt!“

Die Mutter hob ihn aus der Isomatte und drückte ihn an ihre Schulter. „Der hat schon einen Namen. Pech nennen wir ihn. Pech im Namen, also Glück im Leben – das reicht doch, oder?“ Sie stand auf und hielt den Kater fest, während sie sich zur Tür drehte. „Und jetzt hoch mit ihm, in die Wärme, bevor ich's mir anders überlege.“

Und während Luis und Matteo hinter ihr die Treppe hochpolterten und Herr Dabrowski im Erdgeschoss sein Badezimmerfenster schloss, fiel oben am Nachthimmel neuer Schnee, dichter diesmal, und deckte die ganze Südstadt weiß und ruhig zu bis zum Morgen.

Drei Jahre später, an einem schwülen Sommerabend im selben Hinterhof, saß ein großer, schlanker Kater mit rabenschwarzem Fell und einem Stich ins Bläuliche auf dem Fensterbrett der ersten Etage und sah den Jungen beim Dribbeln zu. Der Junge hieß immer noch Matteo. Der Kater hieß immer noch Pech. Und der Name passte längst nicht mehr, aber darauf hörte er, und das war am Ende das Einzige, was zählte.

Von irgendwo klang Radiomusik herüber, der Grill am Nachbarhaus qualmte, und der Kater, der keine Angst mehr kannte, reckte den Kopf und schnupperte den lauen Abendwind. Auf die große Stirn über den großen Augen, da, wo früher alle nur das Makel gesehen hatten, fiel das letzte goldene Streiflicht.

Ingrid Schröder in Rodenkirchen hatte nie erfahren, was aus ihm geworden war. Und Jon, viele Jahre später, fuhr mit seinem eigenen Sohn nach Köln, um einen kleinen gefleckten Hund aus dem Tierheim zu holen. Auf dem Heimweg, kurz hinter der Stadtgrenze, saß eine schwarze Katze am Straßenrand. Jon nahm den Fuß vom Gas, ließ den Wagen ausrollen, bis er fast stand. Dann schmunzelte er, winkte dem Tier kurz zu und fuhr weiter, die feuchten Augen fest auf die Straße gerichtet.

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