„Akzeptier es einfach. Die Scheidung ist unvermeidlich“, sagte Thomas in einem Tonfall, als säße er nicht am Küchentisch ihrer gemeinsamen Wohnung, sondern in einer Vorstandssitzung. „Und nimm die Dinge, wie sie sind.“
„Deine Leere soll ich akzeptieren? Dass du mich gegen die zwanzig Jahre eingetauscht hast, die dir auf einmal zu langweilig waren?“, fragte Kora. Sie hielt die Kaffeetasse so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.
Thomas zuckte nur mit den Schultern. Keine andere Frau, kein Skandal. Einfach die Mitte des Lebens und der Wunsch, noch einmal ganz von vorne anzufangen – ohne sie. Das war fast schlimmer. Kora hatte das Gefühl, dass eine Hälfte von ihr einfach taub geworden war. Der Schmerz saß so tief, dass er sich kaum noch wie Schmerz anfühlte.
Nach fünfzehn Jahren in Hamburg traf sie eine Entscheidung, die sich wie eine Kapitulation anfühlte: Sie gab die Altbauwohnung an der Schanze auf. Nicht weil sie es musste, sondern weil jede Straßenecke nach ihrer gescheiterten Ehe roch. Sie beschloss, zurück nach Leipzig zu gehen, in die Stadt ihrer Kindheit, wo ihre Mutter lebte und ihre erwachsene Tochter Hanna an der Uni eingeschrieben war.
„Dann sind wir wieder alle beieinander“, redete sie sich ein, während sie den Mietvertrag für eine kleine Zweizimmer-Wohnung in Plagwitz unterschrieb. Ein Altbau mit hohen Decken und dem Geruch von frischer Farbe. Ein unbeschriebenes Blatt.
Es blieb nur noch die Frage mit der Katze. Minna. Eine zierliche getigerte Katze mit einem schwarzen Fleck über dem linken Ohr, der aussah wie ein Fragezeichen. Eine Seele von einem Tier. Keine rührende Geschichte, wie sie ins Haus gekommen war; ein Nachbar hatte sie als blindes, milchbetrunkenes Bündel in einem Schuhkarton vorbeigebracht. Minna gehörte einfach dazu. Sie schlief abwechselnd auf Thomas’ Kopfkissen und auf Koras Strickjacke, als wolle sie keinen der beiden bevorzugen.
„Und was machen wir mit der Katze? Wie teilt man eine Katze?“, fragte Kora am letzten Tag. Ihre Koffer standen bereits im Flur.
Thomas blickte auf Minna hinunter, die sich um seine Knöchel wand. Er hob sie hoch, und sie begann sofort, gegen sein Kinn zu köpfen. „Der Umzug wäre purer Stress für das Tier. Ein reines Wohnungstier. Du weißt doch, wie sie auf das Transportding reagiert – sie zittert drei Tage lang.“ Er kraulte Minna hinter dem Ohr, und sein Gesicht bekam diesen weichen Ausdruck, den Kora kannte. Er liebte diese Katze auf seine eigene, unbeholfene Art.
„Gut“, hörte Kora sich sagen. Ihre Stimme klang wie von weit weg. „Du hast recht. Ich will ihr das nicht antun.“ Sie streichelte Minnas Kopf zum Abschied. Das Tier sah sie an, ein langer, eindringlicher Blick aus bernsteinfarbenen Augen, der sich in Koras Brust festhakte. Kein Vorwurf, aber eine Frage. Kora spürte einen Stich, den sie den ganzen Weg hinunter zum Taxi und durch die verregneten Straßen Hamburgs mit sich trug.
Die erste Nacht in der neuen, noch nach Farbe riechenden Wohnung war die schlimmste. Sie lag wach und lauschte in die Stille. Kein leises Schnurren, kein Tapsen von Pfoten auf dem Parkett. Fünfzehn Jahre Leben, und jetzt diese gespenstische Ruhe. Sie war froh, dass sie die Renovierung als Vorwand hatte, um sich abzulenken. Sie strich Wände in einem warmen Terrakotta, tauschte Lampen aus, kaufte Möbel zusammen. Aber jedes Mal, wenn sie abends die Tür aufschloss, horchte sie automatisch auf ein Miauen, das nie kam. Es war, als würde Minnas Abwesenheit lauter sein als ihre Anwesenheit es je gewesen war.
Drei Monate vergingen. Der Sommer in Leipzig war drückend heiß. Von Thomas hörte sie nichts, und es gab auch keinen Grund. Es wäre lächerlich gewesen, anzurufen und zu fragen, ob ihm das Alleinsein mit seiner neuen Freiheit noch gefiel. Aber Hanna hielt sporadisch Kontakt zum Vater. Eines Abends, als Kora auf ihrem kleinen Balkon saß und in die Nacht starrte, klingelte ihr Handy.
„Mama? Ich hab heute mit Papa telefoniert.“ Hanna machte eine Pause. „Minna ist weg. Vor über einer Woche schon. Er hat sie rausgelassen, aus Versehen, und sie ist nicht zurückgekommen. Er sucht sie, aber… nichts.“
In dieser Nacht schlief Kora überhaupt nicht. Sie sah immer nur diesen letzten Blick der Katze vor sich. Sie fühlte sich, als hätte sie ihr eigenes Kind im Stich gelassen. Eine Woche lang quälte sie sich mit dem Gedanken, dass sie das Tier hätte mitnehmen sollen, egal wie sehr es unter dem Umzug gelitten hätte. Dann nahm sie sich drei Tage unbezahlten Urlaub, packte eine kleine Tasche und kaufte ein Zugticket nach Hamburg. Sie quartierte sich bei ihrer Schulfreundin Nele ein, die in Altona wohnte.
Thomas’ neue Adresse in Winterhude hatte sie von Hanna bekommen. Es war ein moderner Klinkerbau mit einer Gegensprechanlage, die wie eine kleine schwarze Narbe in der Fassade saß. Es kostete sie die letzte Portion Stolz, auf den Knopf zu drücken. Die Tür öffnete sich, und sie ging die zwei Treppen hinauf.
Die Wohnungstür stand einen Spalt offen. Dahinter stand eine Frau, die Kora auf Mitte zwanzig schätzte. Ein schmales Gesicht, das zu einem fragenden Ausdruck verzogen war. Im Hintergrund erschien Thomas, eine Tasse in der Hand.
„Wann genau ist Minna verschwunden?“, fragte Kora, ohne eine Begrüung. Ihre Stimme war belegt.
Thomas brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass seine Ex-Frau leibhaftig vor ihm stand. „Vor… vor zehn Tagen ungefähr. Hör zu, Kora…“
„Und sie ist nicht wieder aufgetaucht? Gar nicht?“
„Gar nicht“, sagte die junge Frau und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie musterte Kora, als wäre sie eine lästige Zeugin Jehovas, die man höflich, aber bestimmt loswerden musste.
„Warum hast du sie überhaupt rausgelassen?“, Koras Stimme wurde schärfer. „Sie ist eine reine Wohnungskatze. Sie kennt da draußen nichts. Sie hat schreckliche Angst vor Autos, vor fremden Menschen, vor allem. Du weißt das genau, Thomas!“
„Sie ist mir durchgeschlüpft, als ich den Müll runtergebracht habe. Es war ein Unfall. Ich hab sie stundenlang gesucht, wirklich.“ Seine Stimme klang halbherzig, fast genervt. „Bist du wegen einer Katze aus Leipzig hergekommen? Ernsthaft?“
„Es ist keine ‚eine Katze‘. Es ist Minna.“ Kora spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen, und sie blinzelte sie wütend weg. „Wenn sie wieder auftaucht, egal in welchem Zustand, ruf mich an. Du hast meine Nummer noch.“
Die junge Frau schnaubte leise. Kora ignorierte sie komplett.
„Versprich es mir“, sagte Kora eindringlich.
„Ja, okay. Ist ja gut, Kora. Ich melde mich. Ich mach mir doch auch Sorgen.“ Aber seine Worte klangen hohl, wie aus einer leeren Dose.
Kora stieg die Treppe hinunter, als hätte sie Blei in den Gliedern. Sie setzte sich draußen auf die Stufen vor dem Haus und starrte auf den Asphalt. Wohin jetzt? Ziellos fuhr sie mit der U-Bahn drei Stationen und lief den Rest zu Fuß. Ihre Füße trugen sie automatisch in ihr altes Viertel, zur Schanze. Zu dem Haus, in dem sie so viele Jahre gelebt hatten. In ihrer ehemaligen Wohnung brannte Licht; hinter den Fenstern bewegten sich fremde Schatten.
Sie stand eine Weile da, als könnte sie die Zeit zurückzwingen, als sie plötzlich eine vertraute Gestalt auf einer Bank am Straßenrand entdeckte. Es war Frau Nowak, ihre ehemalige Nachbarin von oben. Eine schrullige Rentnerin, die immer mit den Tauben im Innenhof sprach und jeden Klatsch im Haus kannte.
„Kora, Kindchen! Bist du’s wirklich? Das ist ja eine Erscheinung!“, rief sie und klopfte auf den Platz neben sich. Ihre Augen funkelten neugierig hinter dicken Brillengläsern.
„Ich bin nur zufällig in der Gegend. Auf der Durchreise sozusagen. Sonst geht’s mir gut, alles bestens in Leipzig“, murmelte Kora.
Frau Nowak legte den Kopf schief und packte Kora plötzlich am Handgelenk. „Moment. Eure Katze. Diese kleine Getigerte. Die streunt hier seit Tagen rum. Ich hab sie gesehen, unter dem Busch drüben bei den Mülltonnen. Ganz scheu ist sie. Ich hab ihr zweimal eine Schale Milch rausgestellt, aber sie lässt sich nicht anfassen. Ist völlig verängstigt, das arme Ding.“
Koras Herz machte einen Satz, so heftig, dass es wehtat. Freude und blanke Panik vermischten sich.
„Die Getigerte mit dem schwarzen Ohr? Sind Sie sicher?“
„Natürlich bin ich sicher! Ich bin doch nicht blind. Die hab ich sofort erkannt, mit ihrem Fragezeichen auf dem Kopf.“
Kora war schon aufgesprungen. Sie rannte den gesamten Innenhof ab, die Büsche, die Ecken hinter der Fahrradgarage, den kleinen überdachten Bereich, wo im Winter die Streugutkisten standen. „Minna! Miez, Miez, Miez! Mina!“ Ihre Stimme wurde immer heiserer. Nichts. Sie rief und lockte, bis ihre Stimmbänder nur noch ein Krächzen hergaben. Sie suchte fast eine Stunde, kroch auf alle Viere hinter die Container, durchwühlte die Büsche. Die Katze war wie vom Erdboden verschluckt.
Völlig erschöpft sank sie auf die Bank neben Frau Nowak und begann haltlos zu weinen. „Minna, komm doch zurück“, flüsterte sie unter Tränen. „Bitte, verzeih mir. Ich hab dich doch auch im Stich gelassen…“
„Ach, Kindchen, so eine Aufregung wegen eines Tieres?“, sagte Frau Nowak sanft, aber ratlos. „Es ist doch nur eine Katze, kein Mensch.“
„Sie ist aber alles, was mir noch geblieben ist aus dieser ganzen, verfluchten Zeit!“, schluchzte Kora. Sie stand auf, wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht und gab auf. Mit schweren Schritten ging sie auf die Durchfahrt zur Straße zu. Einen allerletzten Blick warf sie zurück, über den dunklen Innenhof mit seinem fahlen Laternenlicht.
Da sah sie es. Neben einer umgestürzten Biotonne bewegte sich ein schattenhaftes, zerzaustes Bündel. Es war mehr Dreck als Fell. Die Farben waren nicht einmal zu erahnen unter der graubraunen Kruste. Das Wesen war bis auf die Knochen abgemagert und wirkte wie ein zusammengefaltetes Stück Pappe.
„Minna?“, hauchte Kora. Mehr nicht.
Das schmutzige Etwas zuckte mit dem Kopf in ihre Richtung. Dann rannte es los. Nicht weg, sondern direkt auf Kora zu. Es prallte fast gegen ihre Schienbeine und schmiegte sich zitternd an ihre Füße. Das Tier hob seine kleine, völlig verdreckte Schnauze. Und erst da sah Kora diese unverkennbaren, riesigen Bernsteinaugen und den schwarzen Fleck über dem linken Ohr, ein Fragezeichen im Dreck. Es war ihre Minna.
Sie hob die Katze hoch, und das Tier krallte sich mit seinen kleinen, spitzen Nägeln sofort in den Stoff ihrer Jacke, drückte seinen Kopf fest gegen ihre Schulter und begann zu schnurren. Ein Geräusch, so tief und überwältigend, dass es sich anhörte wie ein kleiner defekter Motor, der kurz vor dem Explodieren stand. Ein Freudenschluchzen, das aus der Katzenseele kam.
„Minna… meine kleine Minna“, wisperte Kora und Tränen tropften auf das struppige Fell. „Es tut mir so leid. Ich wusste nicht… ich wusste nicht, dass er dich auch so einfach weggeworfen hat. Dich auch. Dich auch…“
Vier Tage blieb Kora noch in Hamburg, in Neles winziger Wohnung. Sie badeten die Katze dreimal hintereinander, bis das Wasser endlich klar blieb. Ein Tierarztbesuch ergab, dass Minna abgemagert und dehydriert war, aber sonst gesund. Ein kleines Wunder. Kora besorgte die Papiere, impfen lassen, und einen neuen, stabileren Transportkorb. Nele half ihr bei allem, ohne eine einzige Frage zu stellen, wofür Kora ihr auf ewig dankbar sein würde.
Als sie schließlich im ICE saß, den Korb auf dem Nebensitz, ließ Kora die Klappe einen Spalt offen. Minna verhielt sich so vorbildlich ruhig, dass Kora sie schließlich ganz herausholte. Die Katze rollte sich auf ihrem Schoß zu einer perfekten Kugel zusammen und schlief ein, als wäre nichts gewesen. Keine Panik, keine Unruhe. Als wüsste sie genau, dass es nach Hause ging.
Am frühen Morgen, irgendwo auf der Höhe von Bitterfeld, wachte Kora aus einem Halbschlaf auf. Ihr erster Griff ging in ihren Schoß. Leer. Ihr stockte der Atem. Sie fuhr hoch, sah auf den Boden, den Sitz. Keine Minna. Ihr Herz begann zu rasen. Sie stand auf und lief den engen Gang entlang, vorbei an schlafenden Passagieren, spähte unter die Sitze. Sie erreichte die Tür zum Serviceabteil und drehte sich panisch um.
Und da, am Ende des Ganges, um die Ecke des Gepäckregals, lugte ein kleiner Kopf mit einem schwarzen Fragezeichen über dem Ohr hervor. Der Blick der Katze, ruhig und etwas verwundert, schien zu sagen: „Was hast du denn? Ich bin doch hier.“
Kora atmete tief durch und ging zurück. „Du hast mich zu Tode erschreckt“, murmelte sie und nahm Minna auf den Arm. Als sie wieder auf ihren Platz zuging, sah sie, dass der Mann, der gegenüber am Fenster gesessen und gedöst hatte, wach war und sie beobachtete. Er hatte graumelierte Schläfen und trug eine abgewetzte Lederjacke. Ein unaufdringliches Lächeln lag auf seinem Gesicht.
„Mein Sohn hatte als kleiner Junge auch so einen Ausreißer-Kandidaten. Ein fetter roter Kater, der nie da blieb, wo er sein sollte. Auf jedem Campingplatz ist er stiften gegangen“, sagte der Mann mit einer tiefen, ruhigen Stimme.
„Haben Sie jetzt auch ein Tier?“, fragte Kora, froh über die Ablenkung.
„Nicht mal einen Goldfisch“, erwiderte er und lachte leise. „Ich bin beruflich viel unterwegs, als Schreiner im Messe- und Bühnenbau. Das wäre niemandem gegenüber fair, das Tier die halbe Zeit allein zu lassen.“ Er schwieg einen Moment und sah Kora mit einem warmen Blick an, der sie kurz aus dem Konzept brachte. Sie wollte etwas sagen, aber ihr fielen die Worte nicht ein, also kraulte sie einfach Minna hinterm Ohr.
Der Mann, als spürte er ihre plötzliche Scheu, streckte ihr die Hand hin. „Ich bin übrigens Viktor. Ich steige auch in Leipzig aus. Sieht so aus, als könnte ich Ihnen mit dem ganzen Gepäck behilflich sein, wenn Sie erlauben. Korb, Tasche, Katze – das ist ja eine ganze Logistik.“
Kora ergriff seine Hand. Sie war rau und warm. „Ich bin Kora. Und das ist Minna.“ Sie hob die Katze leicht an.
„Sehr erfreut. Also, was halten Sie davon, wenn wir den Transport gemeinsam organisieren? Ich bringe Sie bis vor die Haustür. Und ich bin nicht aufdringlich, nur pragmatisch.“ Viktor lächelte schief.
Kora spürte, wie eine ungekannte Leichtigkeit in ihrer Brust aufstieg. Ein warmes Kribbeln, das mit der Aufregung um die wiedergefundene Katze nichts zu tun hatte. Es fühlte sich an, als würde sie aus einem langen, tiefen Traum erwachen.
„Das klingt nach einem sehr guten Plan“, sagte sie. „Ich könnte Ihnen als Gegenleistung einen Kaffee zubereiten, wenn wir da sind. Richtigen Kaffee, nicht das Zugzeug. Der neue Herd ist noch jungfräulich – ich hoffe, Sie bringen ihn mir nicht gleich um den Verstand, ich bin ein bisschen aus der Übung im Bekochen von… Besuch.“
„Ein Kaffee zu dieser Tageszeit – das könnte der Beginn einer ganz neuen, vielversprechenden Routine sein, Kora.“ Viktor sah sie an, und dann wanderte sein Blick zu Minna, die sich genüsslich auf Koras Schoß streckte. „Was meinst du, Minna? Dürfen wir?“
Und die Katze, als hätte sie das Stichwort ihres Lebens erhalten, öffnete ihr Maul zu einem zufriedenen, fast unhörbaren Mähen, bevor sie ihre Pfote auf Koras Hand legte. Eine ruhige, schläfrige Geste der endgültigen Zustimmung.







