Ich bin seit sechzehn Jahren Tierärztin, und ich habe gelernt, meine Stimme ruhig zu halten, wenn ich schlechte Nachrichten überbringe. Heute Nacht, kurz nach halb elf, ist mir das nicht gelungen.
Die Praxis liegt am Ortsrand von Lindenau, einem Dorf in der Lüneburger Heide, zwischen einem Getreidefeld und der Kreisstraße nach Soltau. Draußen roch es nach nassem Asphalt, es hatte den ganzen Nachmittag geregnet, und aus dem Nachbarhaus lief noch der Fernseher, irgendeine Spätnachrichtensendung, viel zu laut, wie immer donnerstags. Der Hofhund vom Bauern Reimers bellte einmal kurz und war dann still.
Ich hatte gerade die letzten Instrumente in den Sterilisator geräumt, als das Auto vorfuhr. Eine junge Frau, Anfang zwanzig vielleicht, trug einen Karton, in dem ein Rehkitz lag, ein Muttertier-Fleckenmuster, kaum größer als eine Katze. Sie sagte, ihr Name sei Pia, sie habe das Tier vor zwei Wochen an der Bahnböschung gefunden, ganz allein, zitternd, und mitgenommen, weil "es sonst gestorben wäre". Sie hatte es mit Kuhmilch aus dem Supermarkt gefüttert. Zwei Wochen lang.
Ich hatte in dieser Zeit selbst zweimal versucht, sie zu erreichen — die Nummer hatte sie beim Jäger hinterlassen, der die Wildtierhilfe alarmiert hatte, nachdem ein Nachbar das Kitz auf einem Balkon in der Dorfstraße gesehen hatte. Sie ging nicht ran. Die Kollegen vom Jagdverband Uelzen boten an, das Tier abzuholen, kostenlos, noch am selben Tag. Keine Antwort. Erst als das Kitz aufhörte zu fressen, brachte sie es.
Es wog knapp über drei Kilo. Ein gesundes Rehkitz in diesem Alter sollte fast das Doppelte wiegen. Der Bauch war aufgetrieben, die Schleimhäute blass, fast grau. Ich zog Blut ab, legte einen venösen Zugang, gab Flüssigkeit, Schmerzmittel, ein Mittel gegen die Krämpfe im Darm. Meine Assistentin Nele hielt die Infusionsflasche über zwei Stunden in der Hand, weil der Ständer zu wackelig für ein so kleines Tier war. Wir wärmten es mit einer Decke aus der Tiefkühltruhe, die wir extra für solche Nächte aufbewahren, weil Rehkitze bei Unterkühlung schneller sterben als an fast allem anderen.
Gegen Mitternacht besserte sich der Kreislaufwert kurz. Ich erlaubte mir, kurz zu hoffen — ich schrieb sogar eine Nachricht an meinen Mann, dass ich vielleicht doch bald nach Hause komme. Um zwanzig vor eins fiel die Herzfrequenz. Wir haben noch einmal reanimiert. Es hat nicht gereicht.
Die Kuhmilch war das Problem. Rehkitze brauchen die spezielle Zusammensetzung der Muttermilch, die kein Supermarktprodukt ersetzen kann; nach zwei Wochen war der Darm bereits so geschädigt, dass keine Ernährungstherapie mehr griff. Was wie Fürsorge aussah, hatte den Körper des Tieres von innen zerstört.
Pia stand die ganze Zeit im Flur, den leeren Karton noch in der Hand, und fragte immer wieder, ob sie etwas hätte anders machen können. Ich habe ihr nicht gesagt, dass die Antwort ja lautet. Ich habe ihr gesagt, dass ihr Herz am rechten Fleck war. Beides ist wahr, und beides half in diesem Moment nichts mehr.
Was ich stattdessen tat, war anderer Natur. Ich öffnete unser Meldeformular für die Untere Naturschutzbehörde Uelzen und trug den Fall vollständig ein: Fundort, Zeitraum der Verwahrung, Fütterungsart, Todeszeitpunkt. Elf Zeilen, ein Aktenzeichen. Diese Meldung ist keine Anzeige gegen Pia — das Auffinden eines Wildtiers ist nicht strafbar, das eigenmächtige Behalten über Wochen kann es sein, und die Behörde entscheidet, ob ein Gespräch mit ihr reicht oder mehr. Ich habe außerdem, wie bei jedem Fall dieser Art, die Obduktion angeordnet: Kosten trägt die Praxis, nicht die Finderin, weil wir die Daten für die Statistik der Wildtierhilfe brauchen, die am Ende dieses Jahres an den Landkreis geht.
Ich habe Pia zur Tür begleitet. Sie wollte wissen, was mit dem Karton passieren soll. Ich sagte, sie könne ihn behalten oder dalassen, das sei mir gleich. Sie ließ ihn auf der Bank im Wartezimmer stehen und ging ohne ein weiteres Wort hinaus in den Regen.
Ich habe an diesem Abend keine Schuldige gefunden, die ich guten Gewissens verurteilen könnte, und keine Rettung, die ich mir hätte anrechnen können. Nur das Formular, das jetzt bei der Behörde liegt, und einen leeren Karton, den irgendjemand morgen früh entsorgen wird.
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