Die Katze an der Scheunenwand von Lindenhagen

Ich bin Tierärztin in Lindenhagen, einem Dorf in der Uckermark, keine zwanzig Kilometer von Prenzlau entfernt, und ich fahre seit neun Jahren zu Bauernhöfen raus, wenn jemand anruft und sagt, da liegt was Krankes im Stall. An diesem Dienstag im November rief Herbert Kowalski an, ein Milchbauer, bei dem ich schon zweimal die Kühe behandelt hatte. Er klang komisch am Telefon, nicht wie sonst.

"Da ist 'ne Katze in der alten Remise", sagte er. "Die will nicht weg, Frau Doktor. Seit drei Tagen nicht."

Ich hatte eigentlich um vier Uhr noch einen Termin beim Pferdehof Dombrowski, aber irgendwas in seiner Stimme ließ mich den Termin verschieben. Es regnete leicht, als ich bei ihm ankam, so ein feiner Novemberregen, der einem in den Kragen kriecht. Die Remise stand am Rand seines Grundstücks, ein windschiefes Backsteingebäude, in dem früher Kartoffeln gelagert wurden, jetzt lag da nur noch rostiges Werkzeug und ein kaputter Trecker-Anhänger.

Herbert hatte mir schon erzählt, wie die Katze aufgetaucht war: dünn, schmutzig, mit Blick, als hätte sie sich ihr Leben lang alleine durchschlagen müssen. Er hatte ihr Futter hingestellt, Wasser auch, und am nächsten Morgen war beides weg, aber die Katze war immer noch dort, als hätte sie sich nicht vom Fleck gerührt.

In der Remise war es dunkel und roch nach feuchtem Stroh und altem Diesel. In der hintersten Ecke, neben einer zerschlissenen Wolldecke mit Schottenkaro-Muster, lag sie. Ihre grünen Augen folgten jeder meiner Bewegungen, aber sie fauchte nicht, biss nicht, sie drückte sich nur fester gegen diese Decke, als ob darunter etwas wäre, das keiner sehen durfte.

"Sie hat Junge", sagte ich zu Herbert, als ich den ersten kleinen orangenen Kopf unter ihrem Bauch hervorlugen sah. Dann noch einen. Dann einen dritten.

Herbert hatte ihr extra eine Holzkiste mit Handtüchern ausgelegt, warm, trocken, in der Nähe vom Heizlüfter, den er für die neugeborenen Kälber benutzte. Sie rührte sich nicht. Die Temperatur fiel in der Nacht auf vier Grad, und sie blieb trotzdem in dieser Ecke liegen, als hätte sie keine Wahl.

Ich sagte Herbert, das sei kein normales Katzenverhalten. Eine Mutter, die ihre Kinder vor Kälte schützen will, nimmt die wärmere Kiste. Die nimmt sie fast immer. Die hier wollte etwas anderes.

Am nächsten Tag kam Katja Brendel von der Tierrettung Uckermark, die ich schon von anderen Einsätzen kannte. Sie setzte sich auf einen umgedrehten Eimer, ein paar Meter von der Katze entfernt, und wartete einfach. Sie redete nicht viel, Katja, das mochte ich an ihr. Sie wartet, bis das Tier selbst was zeigt.

Die Katzenmutter legte eine Pfote über ihre Jungen, schaute zur Wand, dann zu Katja, wieder zur Wand. Das wiederholte sich vielleicht fünf, sechs Mal. Ich hatte meinen Instrumentenkoffer schon offen auf der alten Kartoffelkiste stehen und wollte eigentlich gerade mit der Erstversorgung der sichtbaren Kitten anfangen, als Katja die Hand hob.

"Warten Sie."

Sie war näher an die Wand gerutscht. Und dann hörten wir es auch: ein Kratzen. Ganz leise, aus den Fugen der verwitterten Bretter. Kratz, kratz. Dann wieder still. Dann wieder.

Herbert holte seinen Nageleisen aus dem Trecker-Anhänger und löste vorsichtig ein loses Brett aus der Wand. Staub rieselte herunter, in dem schmalen Lichtstrahl aus der offenen Scheunentür sah es aus wie Schneegestöber. Hinter der Wand war fast nichts zu sehen, nur ein Hohlraum zwischen den Balken, vielleicht von Wühlmäusen gegraben oder vom Alter des Gebäudes übrig geblieben.

Dann bewegte sich etwas. Eine winzige Pfote.

Eins der Kätzchen musste durch eine Ritze in den beschädigten Brettern gekrochen sein und sich in diesem Hohlraum verkeilt haben. Die Mutter hatte es die ganze Zeit hören können. Riechen können. Aber nicht erreichen.

Da verstand ich auf einmal, warum sie die warme Kiste nicht wollte, warum sie drei Tage lang nicht von der Stelle gewichen war, obwohl Futter und Wärme nur zwei Meter weiter standen. Sie hatte sich nicht gegen die Hilfe gewehrt. Sie hatte sich geweigert, ihr Kind zurückzulassen.

Die Bergung dauerte fast eine Stunde. Herbert musste die Öffnung vorsichtig erweitern, Schicht für Schicht, damit das Kätzchen sich nicht an den morschen Holzsplittern verletzte, während ich mit einer Taschenlampe in den Spalt leuchtete, um die Position des Tieres einzuschätzen. Die Mutter beobachtete jede Bewegung, ihr Körper zitterte durchgehend, aber sie verließ die anderen Jungen keinen Moment.

Als Katja schließlich mit den Fingern die kalte, kaum noch bewegliche kleine Katze aus dem Spalt zog, war ich mir für einen Moment nicht sicher, ob wir sie noch retten konnten. Ich wärmte sie sofort in meinen Händen, rieb sie mit einem der Handtücher aus der Kiste ab, bis sie anfing, leise zu mauzen.

Wir legten sie zu ihrer Mutter. Die senkte den Kopf, leckte ihr übers Gesicht, zog dann alle vier Jungen eng an ihren Bauch. Und zum ersten Mal seit drei Tagen hörte ihr Körper auf, angespannt zu sein.

Dann stand sie auf. Ging von sich aus zu der Holzkiste, schnupperte an den Handtüchern, drehte sich um und trug ihre Kinder, eins nach dem anderen, selbst dort hinein.

Ich hatte einen Pferdetermin verpasst und saß am Ende fast zwei Stunden auf einer Kartoffelkiste in einer zugigen Remise bei Lindenhagen, aber das hat mich an diesem Abend nicht gestört.

Zwei Wochen später rief Herbert wieder an, dieses Mal wegen was anderem, einer kranken Kuh. Beiläufig erzählte er, dass die Katzenfamilie noch immer in seiner Scheune wohnte, direkt neben dem Heizlüfter, und dass er beim Ausmisten der Remise festgestellt hatte, dass der Hohlraum in der Wand schon seit Jahren dort war — er hatte dort als Junge selbst mal ein Fußballbild verloren, das nie wieder auftauchte. Die Wand, sagte er, hätte er längst zumauern sollen. Jetzt lässt er sie, wie sie ist, nur mit einem neuen Brett davor, fest vernagelt, damit so etwas nie wieder passiert.

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