Ich räumte den Teller meiner Mutter weg, und sie fing an zu weinen.

Nicht laut. So, wie sie es sich in den letzten zwei Jahren angewöhnt hatte — lautlos, mit zitterndem Kinn, den Blick auf den Küchenboden gerichtet. Als würde sie sich dafür schämen, dass sie überhaupt noch atmet.

„Mama“, sagte ich und stellte den Teller in die Spüle. „Du musst etwas essen.“

Sie schüttelte den Kopf und zupfte an einem losen Faden an ihrer Strickjacke. Der Faden zog sich, die Jacke verzog sich an der Schulter. Ich dachte: Wenn du so weiterzupfst, hast du bald keine Jacke mehr.

Vor elf Monaten ist mein Vater gestorben. Herzinfarkt, auf dem Weg zur Arbeit, in seinem alten Opel Astra auf der A7. Er war sechsundfünfzig. Ich habe ihn morgens noch gesehen, er hat mir einen Zwanziger für Benzin zugesteckt und gesagt: „Lass dich von niemandem drängen, Erik.“

Seitdem wohne ich wieder bei meiner Mutter. Das war keine Entscheidung, das hat sich einfach so ergeben. Sie hat aufgehört zu kochen, aufzuräumen, den Müll rauszubringen. Ich kam anfangs jeden zweiten Tag vorbei, dann jeden Abend, dann blieb ich über Nacht. Irgendwann stand meine Zahnbürste im Badezimmer, und ich habe nicht mehr darüber nachgedacht.

Heute Abend war ich spät dran. Die Spätschicht im Logistikzentrum war länger, als sie sein sollte, elf Stunden, drei Kollegen krank. Meine Mutter saß im Wohnzimmer, als ich kam, der Fernseher lief, aber der Ton war aus. Sie starrte auf einen Punkt an der Wand. Ich weiß nicht einmal, wann sie das letzte Mal richtig geschlafen hat.

„Hast du gegessen?“ fragte sie.

Ich hätte fast gelacht. Ich komme nach Hause, müde bis in die Knochen, und sie fragt mich. Sie, die seit drei Tagen nichts Richtiges zu sich genommen hat. Ich habe ihr Nudeln mit Tomatensauce gemacht, die einzige Sache, die ich ohne Rezept hinkriege. Sie hat zwei Gabeln gegessen und den Rest vor sich hergeschoben, bis die Nudeln kalt und klebrig waren.

Ich räumte den Teller weg.

Da fing sie an zu weinen.

Nicht, weil ich den Teller weggeräumt habe. Sondern weil der kalte Teller sie an etwas erinnert hat. An die Abende, an denen mein Vater spät von der Montage kam, und sie hielt das Essen für ihn warm. Pasta mit Tomatensauce. Seine Lieblingsspeise, wenn man das bei einem Mann, der sonst alles aß, was auf den Tisch kam, so nennen kann. Sie hielt den Teller über dem Wasserbad warm, manchmal zwei Stunden lang, bis der Saucenrand angetrocknet war. Dann kratzte sie ihn mit dem Löffel ab und stellte den Teller vor ihn hin, und er aß, als hätte er seit Tagen nichts gehabt.

Das erzählte sie mir nicht. Sie saß einfach da, mit diesem kalten Teller vor sich, und ich wusste es. Man muss bei seiner Mutter aufgewachsen sein, um das zu wissen.

Der Müllbeutel neben der Spüle war übergelaufen. Ich band ihn zu, holte einen neuen aus der Schublade. Der alte zog eine Spur aus aufgelöstem Kaffeefilter über den Boden. Ich wischte mit dem Fuß darüber.

„Ich gehe am Samstag zum Friedhof“, sagte sie. „Kommt die Sonnenblume noch?“

Mein Bruder. Benno. Ich hatte seit sechs Monaten nicht mehr mit ihm gesprochen. Er ruft an, wenn er etwas braucht. Beim letzten Mal brauchte er eine Unterschrift. Es ging um das Grundstück in der Kleingartenkolonie, das unser Vater vor zwanzig Jahren gekauft hat, für dreitausend Mark, als die Stadt die Parzellen noch für einen symbolischen Preis abgab. Inzwischen liegt die Kolonie an der Stadtbahnlinie 3, und die Grundstücke gehen für achtzigtausend und mehr. Nicht, dass Benno verkaufen will. Er will, dass ich auf meinen Anteil verzichte, damit er die Parzelle auf seinen Namen überschreiben kann.

„Warum?“, hatte ich gefragt.

„Weil ich mich darum kümmere“, sagte er. „Du kümmerst dich um Mama, ich mich um das Grundstück. Ist doch fair.“

Ich weiß nicht, was er mit „kümmern“ meint. Er war seit der Beerdigung zweimal dort. Das erste Mal, um das Gras zu mähen. Das zweite Mal, um den Kompost umzusetzen. Beide Male hat er Fotos gemacht und in die Familiengruppe gestellt. Die Gruppe heißt „Familie Brenner“, und seit Papas Tod hat dort niemand mehr etwas geschrieben.

„Die Sonnenblume kommt am Samstag“, sagte ich. „Wenn sie nicht vorher im Hof vom Nachbarshund umgepinkelt wird.“

Sie lächelte nicht. Sie zog den Faden weiter aus der Strickjacke.

Ich setzte mich zu ihr aufs Sofa. Nicht zu nah. Genug, dass sie wusste: Ich bin da, ich gehe nicht weg. Der Fernseher flimmerte stumm.

Das mit dem Grundstück. Ich habe diese Unterschrift nie geleistet. Benno hat zweimal angerufen, dann eine Nachricht geschrieben: „Du blockierst alles. Mama hätte das nicht gewollt.“ Mama hat dazu nichts gesagt. Sie hat die Nachricht gelesen, das Telefon weggelegt und den Faden aus der Strickjacke gezogen, bis das Loch am Ärmel zwei Finger breit war.

Ich dachte an die Sommer auf der Parzelle. Mein Vater am Grill, die Schürze mit den Brandlöchern, das Radio auf SWD1, die Nachbarn mit dem selbstgebrannten Obstler. Benno wollte nie mitkommen. Er saß lieber in der Stadt, mit Leuten, die ich nicht kannte. Jetzt will er die Parzelle. Nicht, weil er sie liebt. Sondern weil sie achtzigtausend wert ist.

Ich stellte mir vor, wie ich am Samstag mit meiner Mutter am Grab stehe. Sie in der hellblauen Jacke, die ihr zu groß geworden ist. Die Sonnenblume. Der Ton vom ganzen Tag, der in der Luft liegt. Und danach: das Grundstück, der Geruch von gemähtem Gras, der Briefkasten mit dem Namensschild „Brenner“, das mein Vater mit der Bohrmaschine angebracht hat.

Ich habe das Schild nie ausgetauscht.

Mama hat sich erhoben, um ins Bad zu gehen. Ich hörte sie die Zahnbürste nehmen, Wasser laufen lassen, wieder abstellen. Dann kam sie zurück und blieb im Türrahmen stehen.

„Erik“, sagte sie.

„Ja?“

„Du musst nicht bleiben.“

Sie sagte es, wie man ein Urteil ausspricht. Als wäre meine Anwesenheit eine Last, die sie mir nicht aufladen will. Als wäre es mein Job, zu arbeiten und zu heiraten und am Wochenende mit Freunden an den Kaiserstuhl zu fahren, statt mit einer stummen Einundsechzigjährigen in einer Dreizimmerwohnung in Freiburg-Haslach zu sitzen und auf den Müllsack zu achten.

Ich wollte etwas erwidern, aber ich wusste nicht, was. Nicht, weil mir die Worte fehlten. Sondern weil alles, was mir einfiel, wie ein Spruch von dieser Sorte Kalender klingt, die Tante Hannelore jedes Jahr zu Weihnachten schickt.

Also sagte ich: „Ich weiß.“

Sie verschwand im Schlafzimmer. Der Fernseher lief noch immer ohne Ton. Die Nachrichten. Ein Stau auf der A5. Ein Unfall. Irgendwo Menschen, die es eilig haben.

Ich ging in die Küche, holte den Werkzeugkasten aus dem Schrank unter der Spüle. Das Scharnier an der Schranktür hing seit Wochen schief. Papa hätte das in zehn Minuten repariert. Ich brauchte vierzig, und am Ende schloss die Tür trotzdem nicht richtig.

Dann saß ich am Küchentisch und las Bennos Nachricht noch einmal auf dem Display. Nicht aus Wut. Ich wusste selbst nicht, warum.

Ich tippte eine Antwort. „Samstag, 14 Uhr, Friedhof. Mama würde sich freuen.“

Ich schickte sie nicht ab.

Stattdessen schrieb ich: „Du kriegst die Unterschrift. Aber die Parzelle wird geschätzt. Faire Teilung. Oder du übernimmst die Beerdigungskosten nachträglich, die haben alleine viertausenddreihundert Euro gekostet. Dann reden wir weiter.“

Das war nicht groß. Das war nicht mal besonders klug. Aber es war etwas, das ich tun konnte, ohne vom Stuhl aufzustehen.

Dann stand ich auf, goss Wasser in den Topf, setzte frisches auf. Nudeln mit Tomatensauce. Für morgen. Für den Fall, dass sie Hunger bekommt, wenn ich auf der Arbeit bin. Ich stellte den Topf in den Kühlschrank, aber die Teller schlug ich nicht aneinander.

Im Flur flackerte die Lampe. Die Birne, die Papa vor Jahren eingesetzt hatte, eine Energiesparlampe, die erst nach einer halben Minute richtig hell wird. Ich drehte sie ab und legte sie auf die Kommode. Morgen würde ich eine neue kaufen.

Dann setzte ich mich zurück aufs Sofa und wartete auf den Morgen. Nicht, weil ich nichts Besseres zu tun hatte. Sondern weil es niemanden sonst gab, der das tat.

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MagistrUm
Ich räumte den Teller meiner Mutter weg, und sie fing an zu weinen.