Ich war der Mann, der zu seiner Mutter gehalten hat.
Jetzt sitze ich in einer Einzimmerwohnung in Leipzig-Grünau, die eigentlich nur ein besserer Abstellraum mit Kochnische ist. Auf dem Tisch vor mir steht eine halb ausgetrunkene Flasche Sternburg. Daneben liegt mein Telefon. Der Anwalt hat vor einer Stunde gesagt, dass ich aus der Wohnung meiner Mutter offiziell raus bin. Die Schlösser gehören jetzt einer Frau, die meine Mutter auf die Straße gesetzt hat. Meine Ex-Frau hat vor drei Jahren die gleiche Tür hinter sich zugezogen. Nur hat sie dabei ihre Würde mitgenommen.
Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich es nicht kommen sah.
Am Anfang war es anders. Ich lernte Katrin im Clara-Zetkin-Park kennen, im Herbst, als die Blätter auf den Wegen klebten wie nasse Geldscheine. Sie lachte über meine schlechten Witze und trank ihren Kaffee schwarz. Wir redeten bis es dunkel wurde, über Musik, über Leipzig, über das Leben, das man sich nicht leisten kann, wenn man es nur plant. Sie war freiberufliche Illustratorin. Achtundzwanzig Jahre alt. Sie hatte diesen Blick, bei dem man das Gefühl hatte, sie schreibe alles mit, was man sagt, und später, wenn man schläft, würde sie es zu Bildern machen. Das war kein Misstrauen. Das war Präsenz.
Meine Mutter fand sie sofort verdächtig.
„Die will doch nur deine Sicherheit“, sagte sie beim Abendessen, während sie mit dem Löffel im Teig herumstocherte. „Kreative Leute können nicht mit Geld umgehen. Und sie hat nichts Eigenes, oder?“
„Sie hat einen Beruf, Mama. Und Aufträge. Mehrere sogar.“
„Aufträge“, wiederholte meine Mutter und zog das Wort in die Länge wie Kaugummi. „Weißt du, was ein Auftrag ist, Igor?“ — mein Name ist nicht Igor, aber so klang es immer, wenn sie mich bevormundete. „Ein Auftrag ist kein Gehalt. Ein Gehalt ist Verlässlichkeit. Du brauchst eine Frau, die mit dir zusammen etwas aufbaut, keine, die sich erst selbst finden muss.“
Katrin suchte sich nicht. Sie wusste genau, was sie wollte. Ein eigenes Zimmer zum Arbeiten, ein geregeltes Leben, einen Mann, der hinter ihr steht. Als sie bei uns einzog, weil meine Mutter im Dreißig-Sekunden-Takt von „meine Wohnung“ und „mein Sohn“ sprach, dachte ich, das würde sich legen. Ich kannte meine Mutter doch. Sie brauchte Zeit, um Menschen zu akzeptieren. Und sie war allein, seit mein Vater gestorben war. Man musste nachsichtig sein. Man musste Geduld haben.
Katrin hatte Geduld. Elf Monate lang.
Dann kam dieser Abend mit dem Kabinett. Sie wollte das kleine Zimmer neben der Abstellkammer in ein Arbeitszimmer verwandeln. Die Tapeten hatte sie schon bestellt, hell und mit feinem Muster, ich hatte die Farbe mit ausgesucht. Es war ein Dienstag, ich weiß es noch genau, weil der Müll rausgestellt wurde und ich die blauen Tonnen an der Straße gesehen hatte, bevor ich nach Hause kam.
Meine Mutter stand in der Küche und schnitt Weißkohl. Das Messer ging durch das Gemüse wie durch nichts. Dieses Geräusch, dieses rhythmische Klacken, machte mich von der Tür aus nervös.
„Das Zimmer bleibt Gästezimmer“, sagte sie, ohne aufzusehen.
„Mama, wir haben keine Gäste. Das Ding steht seit zwei Jahren leer.“
„Dann wird es Zeit, dass du mal wieder an deine Verwandtschaft denkst. Dein Cousin aus Magdeburg könnte jederzeit zu Besuch kommen. Wo soll er schlafen? Auf deinem Rücken?“
Katrin stand am Kühlschrank. Mit einer Hand hielt sie die Tür auf, mit der anderen den Notizblock, in den sie die Einkaufsliste geschrieben hatte. Ich sah, wie ihre Finger die Seiten umblätterten und dann aufhörten, sich zu bewegen.
„Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich das Zimmer beruflich brauche“, sagte sie ruhig. „Es geht nicht um einen Wunsch. Es geht um mein Einkommen.“
Da drehte sich meine Mutter um. Das Messer blieb in der Hand, mit der Spitze nach unten, nah an der Schürze.
„Ach, dein Einkommen. Weißt du, was du bist?“ Sie machte einen Schritt auf Katrin zu, nicht viel. „Du bist ein Gast in dieser Wohnung. Du hast hier nichts zu melden. Wenn du glaubst, du müsstest dich hier ausbreiten, weil mein Sohn dich angeschleppt hat, dann irrst du dich.“
„Mama, so war das nicht gemeint“, sagte ich.
Ich weiß noch, dass ich auf meinem Telefon herumtippte, während ich das sagte. Nicht weil ich etwas Wichtiges las. Sondern weil ich nicht wusste, wohin mit meinen Händen. Ich hörte die Worte und wusste, dass sie falsch waren, aber ich hatte in diesem Moment keine besseren. Man denkt immer, man würde in so einer Situation aufstehen und etwas sagen. Die Wahrheit ist: Man sitzt da und will, dass es vorbeigeht.
Katrin sah mich nicht einmal vorwurfsvoll an. Das war das Schlimmste. Sie musterte mich ein paar Sekunden, als hätte sie in einem Buch geblättert und das entscheidende Kapitel gefunden. Dann nahm sie ihren Notizblock, legte ihn auf die Bank und ging ins Bad. Ich blieb sitzen. Meine Mutter legte das Messer zur Seite und sagte: „Siehst du? Sie hält nicht mal Diskussionen aus. Was willst du mit so einer? Kinder? Die kriegt doch gar nichts auf die Reihe.“
Vier Tage später war Katrin weg.
Ihre Sachen passten in einen einzigen Koffer und zwei stabile Umzugskartons. Sie hatte bei einer Freundin in Reudnitz ein winziges Zimmer gemietet, zwölf Quadratmeter, unterm Dach. Sie hinterlegte den Schlüssel auf dem Küchentisch neben dem Brotkorb. Ich habe ihn erst abends gefunden, weil meine Mutter morgens den Tisch aufgeräumt und den Schlüssel in die Besteckschublade gelegt hatte, als wäre er ein vergessener Löffel.
Ich rief sie sieben Mal an. Beim achten Mal schrieb sie eine Nachricht: „Ich melde mich beim Anwalt. Bitte respektiere das.“ Ich antwortete: „Können wir nicht einfach reden?“ Sie schrieb: „Worüber? Du hast deine Entscheidung getroffen, als du nichts gesagt hast.“ Und dann: „Ich war elf Monate lang ein Gast in deinem Leben. Jetzt zahle ich Miete bei jemandem, der mich sieht.“
Ich saß da, in der Wohnung meiner Mutter, auf dem Sofa, das nach Kohl und Bohnerwachs roch, und verstand zum ersten Mal, was es heißt, wenn jemand nicht mehr wütend ist. Wenn jemand aufhört, mit dir zu kämpfen, ist es vorbei. Die Wut war nie das Problem. Die Stille war es.
Meine Mutter holte eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank, nicht aus Bosheit, sondern weil sie wirklich dachte, wir hätten etwas zu feiern. „Endlich“, sagte sie und schenkte sich ein. „Jetzt wird hier wieder normal gelebt.“
Ein halbes Jahr später lernte ich Natascha kennen. Sie arbeitete als Verkäuferin in einem Drogeriemarkt in der Innenstadt, hatte sich auf einem Stadtfest an mich rangemacht, direkt vor dem Stand mit den gebrannten Mandeln. Sie lachte laut und roch nach billigem Parfüm, aber sie hörte mir zu, wenn ich über die Arbeit sprach. Meine Mutter war begeistert: Das Mädchen hatte große Pläne, wollte eine Familie, war handfest. „Endlich eine mit Substanz“, sagte meine Mutter. „Die weiß, was Männer brauchen.“
Natascha zog ein. Sie stellte ihre Schuhe in den Flur, ihre Pflegeprodukte ins Bad, und nach drei Monaten lag auf dem Wohnzimmertisch ein Ultraschallbild in einem weißen Umschlag. Meine Mutter kochte an diesem Abend Rindsrouladen, obwohl Mittwoch war und sie sonst mittwochs nie kochte. Sie umarmte mich mit Tränen in den Augen und sagte: „Jetzt bist du ein richtiger Mann. Jetzt hast du bewiesen, dass du Verantwortung tragen kannst.“
Was sie nicht sah: Der Verdienstausfall, der kam. Die Überstunden, die ich machte, weil Natascha nicht arbeiten wollte. Die Diskussionen, die ich mit mir selbst führte, wenn ich nachts nicht schlafen konnte, weil die Einbauküche von innen nach angebranntem Fett roch und mir einfiel, wie Katrin früher die Fenster geöffnet hatte, wenn es draußen regnete, nur um den Geruch von nassem Laub hereinzulassen.
Natascha setzte meine Mutter unter Druck: Die Wohnung solle endlich auf mich überschrieben werden, man müsse klare Verhältnisse schaffen, das Kind komme bald, man wolle Sicherheit. Meine Mutter unterschrieb die Überschreibung. Ich stand daneben und hielt den Stift nicht einmal fest. Ich dachte, es sei für die Familie. Es war für die Frau, die ich nicht mehr kannte.
Als meine Tochter zur Welt kam, war ich bei einer Umschulung zum Berufskraftfahrer. Der Betrieb, in dem ich zwölf Jahre gearbeitet hatte, hatte Insolvenz angemeldet. Das war sieben Wochen nach der Geburt. Natascha saß zu Hause, meine Mutter fuhr jeden Tag rüber, um zu „helfen“, und ich saß in einem Schulungsraum in Halle und lernte, wie man die Lenk- und Ruhezeiten korrekt dokumentiert.
Die Wohnung kippte.
Natascha veränderte sich. Sie hatte ein neues Handy, neue Kleidung, neue Gesprächsthemen. Ich kam heim und fand die Schränke im Flur leer; nur die Jacken meiner Mutter hingen noch da, wie Relikte aus einer Zeit, die nicht mehr zu mir gehörte. Dann stand ich eines Abends vor der Tür, die nicht mehr aufging. Natascha hatte die Schlösser nicht einmal ausgetauscht; sie hatte einfach den Riegel vorgeschoben und den zweiten Schlüssel abgezogen. Durch die Gegensprechanlage hörte ich das Weinen des Kindes.
Meine Mutter rief mich an, als ich auf einer Bank an der Haltestelle saß und auf nichts wartete. „Sie hat mich ausgesperrt“, sagte sie. „Aus meiner eigenen Wohnung. Sie sagt, sie habe jetzt das Sorgerecht und du wärst nur noch Besucher.“ Sie weinte. Ich hörte zum ersten Mal, wie meine Mutter weinte. Nicht dieses theatralische Schniefen von früher, mit dem sie Familienfeste sprengte. Sondern das dünne, hohe Weinen einer Frau, die begreift, dass sie vertauscht wurde.
Ich zog bei meiner Mutter in die Wohnung, in der sie geboren wurde: zwei Zimmer, Plattenbau, Balkon zur Bahnstrecke. Der Kühlschrank brummte so laut, dass man das Gefühl hatte, er würde jeden Moment davonfliegen. Ich schlief auf der Couch, neben mir meine Mutter, die nachts aufstand, um zu prüfen, ob die Tür wirklich abgeschlossen war. Nicht aus Angst vor Einbrechern. Sondern weil sie es nicht ertrug, dass sie einmal ein Schloss nicht selbst geöffnet hatte.
Vor acht Tagen hat sie zum ersten Mal Katrins Namen ausgesprochen. Nicht aus einer plötzlichen Erkenntnis heraus, sondern weil das Jugendamt anrief und meine Mutter im Flur stand, den Hörer in der Hand, und mir sagte: „Ich habe bei Katrin angerufen. Sie ist die Einzige, die einen klaren Kopf hat. Vielleicht… vielleicht weiß sie, was zu tun ist.“ Katrin hat nicht abgenommen. Ich weiß nicht, ob meine Mutter die Nummer noch hatte oder sie aus einem alten Adressbuch kramte. Ich weiß nur, dass ich in diesem Moment zum ersten Mal begriff, was ich verloren hatte, nicht wegen der Wohnung, nicht wegen der Frau. Sondern wegen dieses einen Satzes, den ich damals in der Küche nicht gesagt hatte: „Mama, nein. Katrin bleibt.“
Jetzt sitze ich hier, in der Einzimmerwohnung in Grünau, und auf dem Tisch liegt der Bescheid vom Gericht. Der Name der Klägerin ist Natascha Becker. Sie bekommt die Wohnung, in der ich mit meiner Mutter aufgewachsen bin, in der ich Katrin verloren habe, in der meine Tochter jetzt mit einer Frau lebt, die mich nicht mehr hineinlässt. Meine Mutter wohnt nicht mehr in der Wohnung. Sie hat einen Platz in einer Seniorenresidenz in Markkleeberg, ein kleines Zimmer mit Blick auf eine Mauer. Ich besuche sie sonntags. Sie legt keine Rouladen mehr auf, sie schält keine Kartoffeln für mich, sie sitzt nur da und sagt: „Du musst deine Tochter nicht retten. Du musst aufhören, sie zu besuchen, wenn die Mutter es nicht will. Sonst kommst du nie zur Ruhe.“
Ich sage jedes Mal: „Ich weiß, Mama.“ Aber ich weiß es nicht.
Katrin hat vor zwei Jahren eine eigene Agentur aufgemacht, nicht weit vom Bayrischen Bahnhof. Ich habe es über einen Bekannten erfahren. Sie hat ein Studio mit hohen Fenstern, teamgeführt, sieben Angestellte. Vor drei Monaten hat sie einen Mann geheiratet, den sie vor sechs Jahren auf einem Auftrag kennengelernt hat. Sie haben einen Hund, einen Lagotto Romagnolo, und einen Termin beim Notar für ein Haus in Gohlis. Ich weiß das nicht von ihr. Ich weiß es von Facebook, von den verwaisten Profilen gemeinsamer Freunde, von den Leuten, die ich nie sein konnte.
Heute Morgen bin ich zur Bank gegangen. Nicht zur Beratung, nicht für einen Kredit. Ich habe meine letzte Kontoauszugsbox geleert und die Karte durchgeschnitten. Es ging um nichts Großes. Zweihundertdreißig Euro waren noch drauf. Aber es war das erste Geld, das ich auf ein gemeinsames Konto hätte einzahlen sollen, damals, als Katrin und ich gespart haben, für die Tapeten für das Zimmer, das sie nie bekam.
Ich habe es an eine Adresse überwiesen, die ich noch von früher kannte: an das Kinderhospiz in Leipzig. Unter Verwendungszweck habe ich „für ein Zimmer mit Fenster“ geschrieben. Nicht für Katrin. Nicht für meine Mutter. Für das Kind, das ich nicht schützen konnte.
Dann habe ich den Telefonanruf gemacht, vor dem ich mich drei Jahre gedrückt habe. Bei Katrin. Sie ist rangegangen. Sie sagte: „Ja?“
Ich sagte: „Ich wollte dir nur sagen, dass du damals recht hattest. Du warst nie der Gast.“
Am anderen Ende war es still. Nicht die Stille von damals, als sie aufgab. Sondern die Stille, die entsteht, wenn jemand ein Fenster öffnet, aber man selbst im Nebenzimmer sitzt.
Dann sagte sie: „Ich weiß.“ Und legte auf.
Ich stehe auf, gehe die zwei Schritte zur Küchenzeile, wasche die Tasse ab, die dort seit dem Morgen steht. Draußen fährt die Linie 15 vorbei, mit müden Lichtern, und im Treppenhaus riecht es nach kaltem Rauch und dem Putzmittel, das die Hausverwaltung sonntags auslegen lässt. Ich mache die Balkontür auf, obwohl es regnet, und dann höre ich, wie jemand von der Straße heraufruft: einen Namen, der nicht meiner ist, aber für einen Moment, in dem das Licht der Regenrinne auf die Tür fällt, höre ich ihn ganz klar.
Ich antworte nicht. Aber ich bleibe noch eine Weile dort stehen, die Tür einen Spalt offen, der Regen macht kleine Flecken auf meine Socken. Und zum ersten Mal seit vierhundertachtundsiebzig Tagen denke ich nicht daran, was ich sagen soll, wenn jemand fragt, warum ich damals geschwiegen habe.
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