Dünne Wände

Ich wohne seit elf Jahren in dem Altbau an der Clemens-Schultz-Straße, zweiter Stock links. Die Wände sind aus Sandstein und Putz, dünn wie Papier. Wenn Thomas Berger im Schlafzimmer niest, höre ich es in meiner Küche. Ich wollte nie der Nachbar sein, der alles mitbekommt. Aber in diesem Haus kriegt man alles mit.

Der Abend, an dem es anfing, war ein Dienstag. Draußen dieser typische Hamburger Nieselregen, der in den Mantelkragen kriecht. Ich stand am Fenster, das Teewasser auf dem Herd, als ich Thomas brüllen hörte. Nicht gedämpft durch die Wand — klar und laut, als stünde er in meinem Flur.

„Bist du jetzt völlig verrückt geworden?“

Dann ein metallisches Rasseln. Ketten. Ich höre Ketten an einem Dienstagabend um halb zehn. Ein Geräusch, das man in einer Altbauwohnung in Altona nicht oft erlebt.

„Thomas, setz dich.“ Katrins Stimme. Ruhig. Nicht aufgeregt, nicht wütend — eher wie eine Ärztin, die einem Patienten erklärt, dass die Operation unumgänglich ist.

„Wie soll ich mich setzen, wenn du den verdammten Kühlschrank zuschließt?“

Ich habe mir einen Stuhl an die Wand gerückt und den Tee vergessen. Die Bergers von links waren nie ein Paar, das schreit. In den Jahren, die ich sie kenne, habe ich Streit gehört wie bei jedem — aber nie so. Nie mit Ketten.

„Warum?“ brüllte Thomas. „Warum machst du das?“

„Schau auf unser Konto, Thomas.“ Katrins Stimme blieb flach. „Drei Jahre lang haben wir gespart. 32.500 Euro. Für die Anzahlung. Für die Vierzimmerwohnung in Ottensen. Weißt du noch?“

Pause. Ich hörte Thomas schwer atmen.

„Und heute Morgen war das Konto leer. Null Komma null.“

Die Heizung in meinem Flur knackte. Ich stand da in Socken, das Wasser kochte über, und ich rührte mich nicht.

„Meine Mutter hatte einen Notfall“, sagte Thomas leise. „Das Dach. Es war kurz davor, einzustürzen.“

„Dann zeig mir die Rechnung. Zeig mir den Kostenvoranschlag. Zeig mir irgendwas, Thomas. Ein Foto von dem kaputten Dach.“

Thomas ging in der Küche auf und ab, die Dielen knarrten unter seinen Schritten.

„Ich habe ihr vertraut.“

„Du hast mir nicht vertraut. Du hast das Geld genommen, ohne ein Wort. Und jetzt sitzt du da und willst essen.“

„Ja, ich will essen! Ich habe den ganzen Tag gearbeitet!“

„Dann lern den Code. Drei Zahlen. Die grünen Räder.“

Ich hörte, wie Thomas am Schloss herumsuchte. Metall auf Metall. Fluchen.

„Mein Geburtstag?“

„Nein.“

„Der Hochzeitstag?“

„Ich bin nicht so berechenbar.“

Das Wasser lief über den Topfrand und zischte auf der Herdplatte. Ich nahm den Topf runter, und als ich zurückkam, hörte ich Katrin wieder.

„Die Kreditkarte ist übrigens gesperrt. Sie läuft über meinen Namen. Bargeld hast du keins mehr, oder? Nach der Überweisung an Helga.“

Ein langes, zischendes Ausatmen von Thomas.

„Du lässt mich also hungern.“

„Ich bewahre meine Investitionen. Wenn du über unser gemeinsames Geld entscheidest, ohne zu fragen, dann entscheide ich über mein Essen, ohne zu fragen. Fair, oder?“

Ich trank den lauwarmen Tee in kleinen Schlucken. Der Regen trommelte gegen mein Fenster, und ich dachte an die Bergers, wie sie im Sommer am Fenster standen und ihren Kindern beim Spielen im Hinterhof zusahen. Alles schien damals ruhig. Aber was weiß man schon von den Leuten nebenan.

Am nächsten Morgen traf ich Thomas im Treppenhaus. Er kam die Stufen hoch, in der Hand eine Plastiktüte von der Bäckerei an der Ecke. Billiges Zeug, Aufbackbrötchen in einer Verpackung. Er grüßte knapp, die Augen gerötet.

„Alles klar bei euch?“ fragte ich, bevor ich mich bremsen konnte.

Er blieb stehen, die Schultern hingen. Erst da merkte ich, wie verändert er aussah — als hätte jemand die Luft aus ihm rausgelassen.

„Hast du mal 'nen Zehner?“ fragte er. „Ich muss bis Freitag überbrücken. Katrin hat die Karte gesperrt, und mein Gehalt kommt erst nächste Woche.“

Ich griff in die Tasche und gab ihm zwanzig. Er nickte, bedankte sich, ging weiter. An seiner Wohnungstür zögerte er kurz, bevor er aufschloss.

„Die hat den Kühlschrank mit 'nem Fahrradschloss zugekettet“, murmelte er, den Rücken zu mir gewandt. „Und die Schränke mit den Nudeln. Und den Kaffee. Alles zu. Nur 'ne Packung Haferflocken steht da noch rum.“

Ich sagte nichts. Was sagt man dazu? Ich hörte seine Tür ins Schloss fallen und blieb noch einen Moment auf dem Flur stehen. Unten im Treppenhaus klapperte der Briefkasten.

In der folgenden Woche hörte ich die Bergers jeden Abend. Nicht schreien — das hatte aufgehört. Aber das Klirren von Geschirr, das Öffnen von Schubladen, das leise Ticken der Heizung. Und einmal, kurz vor Mitternacht, Thomas‘ Stimme, gebrochen: „Katrin, bitte. Nur einen Kaffee. Ich habe um sechs angefangen.“

Keine Antwort. Nur das Geräusch einer Tür, die sich schloss.

Am Samstag traf ich Thomas wieder, diesmal am Imbiss an der Ecke. Er saß allein im Neonlicht, einen Döner vor sich, und starrte auf sein Handy. Ich wollte weitergehen, aber er sah mich und winkte mich an den Tisch.

„Danke nochmal für den Zehner“, sagte er. „Hab ich dir schon zurückgezahlt?“

„Passt schon.“

Wir schwiegen. Der Dönermann hackte Fleisch, jemand bestellte eine Currywurst.

„Ihre Mutter hat angerufen“, sagte Thomas plötzlich. „Gestern Abend, auf laut. Katrin stand in der Küche. Meine Mutter — Helga — war so fröhlich, als hätte sie im Lotto gewonnen.“

Er schob den Döner von sich weg.

„Weißt du, was sie gesagt hat? Das Dach? Ach, das hält noch. Drei Jahre mindestens. Aber die Jungs von der Baufirma waren so nett, da hab ich beschlossen, 'nen Wintergarten anzubauen. Mit italienischen Fliesen. Die Nachbarin hat einen, da kann ich ja nicht schlechter dastehen.“

Thomas lachte kurz auf. Es klang nicht nach Lachen.

„Katrin hat mich nur angesehen. Und dann gesagt: ‚Und dafür hast du 32.500 Euro überwiesen.‘ Nicht mal als Frage. Einfach festgestellt. Ich konnte nichts sagen. Gar nichts.“

Der Dönermann rief eine Nummer aus. Thomas trank von seinem Ayran, seine Finger zitterten.

„Ich hab gedacht, ich tu was Gutes. Ich hab gedacht, ich bin der Sohn, der hilft. Und jetzt… jetzt kann ich nicht mal mehr meinen eigenen Kaffee kochen, weil Katrin den Schlüssel fürs obere Fach hat.“

Er sah mich an, zum ersten Mal an diesem Abend direkt.

„Was würdest du machen?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich bin nur der Nachbar, Thomas. Ich hör euch durch die Wand. Das ist alles.“

Draußen fuhr die Linie 3 vorbei, die Fenster des Imbisses vibrierten.

Zwei Wochen später hatte sich etwas verändert. Ich hörte es, bevor ich es sah. Die Geräusche aus der Wohnung links waren anders geworden — nicht mehr hektisch, sondern gezielt. Schubladen, die geordnet wurden. Türen, die mit einem Klick schlossen. Und eines Abends, als ich mit meiner Hündin Frieda unten im Hof stand, sah ich Katrin aus dem Haus kommen. Sie trug einen Aktenordner mit dem Logo der Sparkasse. Ihr Gang war aufrecht, ihre Schritte fest. Sie grüßte mich freundlich, als wäre nichts geschehen.

„Schöner Abend“, sagte ich.

„Ja“, sagte sie. „Das wird er.“

Drei Monate nach dem Abend mit der Kette stand ich im Treppenhaus, Frieda an der Leine, als Thomas aus der Wohnung trat. In der Hand hielt er ein Papier. Ich sah es, weil es in der Neonbeleuchtung des Flurs aufblitzte — ein Kontoauszug oder ein Schreiben, bedruckt mit Zahlen. Thomas blieb stehen, als hätte er vergessen, wohin er wollte.

„Alles gut?“ fragte ich.

Er hielt mir das Papier hin, als müsse er es jemandem zeigen. Es war ein Haushaltsplan. Oben standen ihre beiden Namen, Berger, Eheleute. Und darunter eine monatliche Summe: 475 Euro.

„Für Miete, Strom, Wasser“, sagte Thomas. „Ihr Anteil. Mein Anteil. Getrennte Konten. Getrennte Regale im Kühlschrank. Getrennte Waschmaschinenzeiten.“

Seine Stimme war ruhig, aber da war etwas in seinem Gesicht, das ich nicht benennen konnte. Erstaunen, vielleicht. Oder etwas wie das Licht, das man sieht, wenn jemand zum ersten Mal einen Raum betritt, den man ihm jahrelang beschrieben hat.

„Sie hat mir das heute Morgen gegeben. Und dann ist sie zur Bank gegangen und hat das Gemeinschaftskonto aufgelöst. Einfach so. Sie meinte, solange ich das Geld für den Wintergarten nicht zurücküberwiesen habe, bleibt es bei der Trennung. Aber nicht nur bei den Finanzen. Bei allem.“

Er faltete das Papier zusammen, faltete es wieder auseinander.

„Ich hab gedacht, es geht vorbei. Weißt du? Frauen regen sich auf, und dann wird wieder normal. Aber das hier… das ist nicht normal. Das ist eine Verfassung. Ich wohne jetzt in einer WG mit meiner eigenen Frau.“

Frieda zog an der Leine. Ich machte einen Schritt zur Seite, überlegte, was ich sagen sollte. Aber Thomas sprach schon weiter.

„Die Kinder essen mit ihr. Ich esse, was ich selbst kaufe. Meine Mutter ruft an, und ich geh raus auf den Flur, weil ich mich nicht traue, mit ihr in der Küche zu telefonieren.“ Er lachte wieder dieses kurze, hohle Lachen. „Sie hat übrigens die spanischen Fliesen durch italienische ersetzt. Die Nachbarin hat jetzt auch italienische. Meine Mutter hat ihr das erzählt, als wär’s ein Wettbewerb. Und ich hab 32.500 Euro dafür bezahlt, dass zwei alte Frauen in Bad Segeberg sich um Fliesen streiten.“

Ich sah ihn an. In seinem Gesicht arbeitete es, aber es kam keine Wut mehr. Nur Müdigkeit.

„Katrin hat gesagt, wenn ich das Geld zurückzahle, könnten wir noch mal reden. Aber ich weiß nicht, wie ich 32.500 Euro zurückzahlen soll. Ich verdiene 2.800 netto. Sie weiß das. Sie weiß, dass ich das nicht kann.“

Ein Briefkasten klapperte unten. Frieda winselte leise.

„Ich hab mich nie gefragt, ob ich das Recht hatte. Ich hab gedacht: Es ist mein Geld. Unser Geld. Ich bringe ja auch was heim. Aber sie hat die Nachtschichten gemacht. Sie hat auf alles verzichtet. Und ich hab's einfach genommen.“

Thomas sah auf das Papier in seiner Hand, als müsse er die Zahl noch einmal lesen. Dann steckte er es langsam in die Innentasche seiner Jacke.

„Danke, dass du zugehört hast“, sagte er. „Manchmal braucht man einfach einen, der nicht dazugehört.“

Er ging die Treppe runter, vorbei am Kinderwagen im Eingang, vorbei am Plakat für die Hausverwaltung. Draußen fiel der Abend über die Clemens-Schultz-Straße, die Straßenlaternen gingen an, und irgendwo oben, aus dem offenen Fenster der Bergers, hörte ich Katrins Stimme, wie sie den Kindern beim Abendessen etwas erzählte. Etwas mit „morgen“ und „Auszug“ und „die neue Wohnung“.

Ich blieb noch einen Moment auf dem Treppenabsatz stehen. Frieda zog an der Leine, wollte runter in den Hof. Ich sah auf die Tür der Bergers, hinter der das Licht jetzt warm aus dem Flur schien. Dann ging ich weiter, die Stufen hinunter, in den kühlen Abend, die Leine fest in der Hand.

Manchmal glaube ich, die Wände in diesem Haus reden mehr als die Leute. Und an diesem Abend, als ich im Hof die Hundehaufen einsammelte und der Regen wieder einsetzte, dachte ich an Thomas, der mit 475 Euro im Monat versuchte, aus 32.500 einen neuen Anfang zu bauen. Oder zumindest einen Waffenstillstand.

Frieda buddelte in der nassen Erde. Ich lehnte an der Hauswand und sah nach oben, zu den erleuchteten Fenstern der Bergers. Hinter dem einen saß Katrin mit den Kindern, hinter dem anderen brannte kein Licht. Thomas war noch unterwegs, irgendwo in Altona, zwischen Dönerladen und Sparkasse, auf der Suche nach einem Weg zurück in seine eigene Ehe. Oder einfach nur nach einem Ort, wo das Papier mit den 475 Euro nicht mehr in seiner Innentasche steckte.

Rate article
MagistrUm
Dünne Wände