Der Preis der Zugabe

Ich hatte diesen Abend schon dreimal gespielt. Nicht denselben Saal, nicht dieselbe Stadt, aber dieselbe Sonate. Dieselben Pausen zwischen den Sätzen, in denen man das Husten des Publikums hört und denkt: Noch siebzehn Minuten, dann bist du im Hotel. Leipzig, Gewandhaus, Freitagabend. Zweitausend Menschen im Saal, von denen vielleicht vierzig wirklich zuhören. Der Rest ist gekommen, weil man da gewesen sein muss. Die Eintrittskarten kosten ab hundertvierzig Euro aufwärts, und wer das bezahlt, will vor allem erzählen können, er habe mich gehört. Nicht die Musik. Mich.

Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich bin der Mann, der seit sechsundzwanzig Jahren Klavier spielt, zwölf davon auf Bühnen wie dieser. Man hat mir gesagt, ich sei wichtig geworden. Also tue ich, was wichtige Männer tun: Ich reise, ich spiele, ich schweige in Interviews. Und ich reibe vor jedem Auftritt meine Hände mit der Handcreme ein, die meine Frau mir mitgegeben hat, damals, als sie noch meine Frau war. Ohne sie fühlen sich meine Finger wie fremdes Werkzeug an. An diesem Abend war die Tube fast leer, ich musste sie zusammendrücken wie einen ausgequetschten Schwamm, und hinter der Bühnentür ertönte schon das erste Klingeln.

Die Sonate begann wie immer. Ich kannte jeden Ton, auch die, die das Publikum nicht hört: das leise Klopfen meines Pedalfußes auf dem Holzboden, das rhythmische Atmen neben mir, das Summen der Klimaanlage. Nach dem ersten Satz applaudierte niemand. Das ist normal, man applaudiert erst am Ende. Aber an diesem Abend war die Stille nach dem ersten Satz anders. Als hielte der ganze Saal den Atem an. Nicht aus Ehrfurcht. Aus Ungeduld.

Ich spielte weiter. Da war ein Flüstern, irgendwo links, dritte Reihe. Kein normales Gespräch – eher wie ein Notruf, gedämpft. Ein Mädchen, vielleicht sechzehn, beugte sich zu dem Mann neben ihr. Und dann, mitten im zweiten Satz, hörte ich ein Stuhlbein über den Boden scharren. Das Mädchen stand auf.

Die Stille, die folgte, hatte nichts mit Musik zu tun. Es war die Stille, die entsteht, wenn im Restaurant eine Suppenschüssel zu Boden fällt und alle gleichzeitig hinschauen, ohne zu wissen, warum. Dann ihre Stimme, hoch und scharf, quer durch den Saal: „Sie spielen es falsch!“

Ich hörte auf zu spielen. Meine Finger blieben über den Tasten hängen, als wären sie festgefroren. Ich sah auf. Die Scheinwerfer blendeten, aber ich erkannte sie. Klein, sehr dünn, ein rotes Haarband, das nicht zu ihrem schwarzen Kleid passte.

„Und woher willst du wissen, dass es falsch ist?“, rief ich. Meine Stimme klang ruhiger, als ich mich fühlte. Unter der Brust spürte ich das vertraute Ziehen, das ich seit der Scheidung kenne, wenn etwas außer Kontrolle gerät.

„Weil ich es besser spielen kann.“

Der Saal lachte, verlegen, wie Menschen lachen, die froh sind, dass es nicht sie getroffen hat. „Glaubst du? Dann komm hoch und zeig es. Falls du überhaupt die Noten auseinanderhalten kannst.“

Wieder Gelächter. Ein Mann in der ersten Reihe zückte sein Handy und filmte. Es war der Moment, in dem ich hätte abbrechen sollen. Stattdessen lehnte ich mich auf dem Klavierhocker zurück und wartete. Sie zögerte keine Sekunde, stieg über die Knie zweier Leute in ihrer Reihe, ging den Mittelgang entlang, ihre Absätze tickten auf dem Parkett wie eine Uhr. Sie kam die Stufen hoch, stellte sich neben mich, ohne mich anzusehen, und setzte sich.

Normalerweise hätte ich einen Saaldiener gerufen. Ich blieb sitzen. Vielleicht war es Müdigkeit. Vielleicht die Neugier eines Mannes, der seit zwölf Jahren nichts Überraschendes mehr gehört hat.

Sie legte ihre Hände auf die Tasten. Schmale Finger, saubere Nagelbetten, kein Schmuck. Dann begann sie zu spielen.

Es war, als hätte jemand ein Fenster in einem stickigen Raum aufgestoßen. Dieselben Noten, aber sie sprach sie anders aus. Wie einen Satz, den man hundertmal gehört hat und plötzlich versteht, weil ihn zum ersten Mal jemand mit Wahrheit sagt.

Ich wollte, dass es schlecht ist. Ich wollte Zischen hören. Aber niemand zischte. Der Saal war so still, dass ich das Surren der Heizung wahrnahm. Und dann, bei der Kadenz, die ich selbst dreimal in dieser Woche gespielt hatte, dieser schwebende Moll-Akkord, bei dem man kaum atmen darf – sie spielte ihn, und irgendwo hinter mir fing eine Frau an zu weinen. Offen, ungeniert, mit hörbarem Schluchzen.

Ich stand ein Stück abseits vom Klavier, die rechte Hand in der Hosentasche um die leere Creme-Tube geschlossen. Meine Finger drückten die Tube platt und wieder platt, immer wieder, ein Ticken ohne Rhythmus. Ich kannte das Stück besser als meinen eigenen Körper, und trotzdem spielte sie Stellen, als wären sie neu. Technisch war sie nicht perfekter als ich. Aber sie hatte etwas, das mir fehlte, und ich konnte es nicht benennen.

Als sie fertig war, explodierte der Saal. Leute standen auf, riefen „Brava!“. Die Frau in der ersten Reihe wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Das Mädchen blieb sitzen, die Hände im Schoß, als wären die Tasten zu heiß zum Loslassen. Sie sah mich nicht an.

Der Applaus hielt an. Meine Hände waren plötzlich schwer, als lägen Bleigewichte darin, ich konnte nicht klatschen. Hinter mir trat der Konzertdirektor auf die Bühne und sagte etwas, aber es klang wie unter Wasser. Ich drehte mich um, nahm meinen Frack aus dem Garderobenraum, ohne jemandem zu antworten, und ging durch den Hinterausgang in die Kälte. Der Wind schnitt mir ins Gesicht.

Draußen, auf dem Augustusplatz, lehnte ich an der Mauer neben dem Taxistand. In der rechten Hand hielt ich noch die Tube. Ich warf sie in den Mülleimer. Sie fiel mit dem Geräusch hinein, das etwas Endgültiges macht, wenn man es wegwirft.

Im Hotelzimmer klingelte mein Telefon, sechsmal hintereinander. Der Direktor. Ich ging nicht ran. Ich setzte mich an den kleinen Schreibtisch, holte die Brieftasche heraus und zählte die Scheine. Tausend Euro Bargeld, den Rest hatte man mir aufs Konto überwiesen. Ich nahm einen Umschlag aus der Schublade, schrieb mit dem Kugelschreiber des Hotels die Adresse der Konzertagentur darauf und legte die tausend Euro hinein. Auf einen Zettel schrieb ich: „Für die junge Frau aus Reihe drei. Als Honorar für den zweiten Teil des Konzerts. T. Berger.“

Es klopfte. Ich öffnete einen Spalt. Krüger, grauer Anzug, rotes Gesicht, redete auf mich ein, aber ich hörte nur Fetzen: „…unfassbar… schon zwanzigtausend Klicks… Sie müssen doch verstehen, dass wir jetzt…“

Ich gab ihm den Umschlag. „Gib das dem Mädchen. Sie hat den Abend gerettet. Und sag ihr, sie kann meine nächste Meisterklasse in Dresden haben. Ohne Bewerbung.“

Er wollte etwas erwidern, den Mund schon halb offen, aber ich machte die Tür zu. Draußen blieb er noch einen Moment stehen, dann Schritte, die sich entfernten. Ich setzte mich zurück an den Schreibtisch, vor mir ein miserables Aquarell von der Alten Waage. Der Kaffee vom Zimmerservice stand noch da, halb voll, längst kalt, eine Haut hatte sich auf der Oberfläche gebildet. Ich griff zum Telefon und wählte die Nummer meiner Ex-Frau. Sie ging nach dem dritten Klingeln ran.

„Ich höre auf“, sagte ich. „Mit dem Konzertieren. Zumindest für eine Weile.“

Sie schwieg. Ich hörte sie atmen. Dann: „Seit wann?“

Ich legte auf, ohne zu antworten.

Am Morgen schickte ich meiner Agentur eine Nachricht und kündigte alle Termine für die kommenden drei Monate. Als Grund schrieb ich: „Ich muss wieder lernen zuzuhören.“ Ich duschte, zog ein frisches Hemd an, das nach dem Koffer roch, und ging zum Frühstück. Im Speisesaal lief ein regionaler Nachrichtenkanal, das Video aus dem Saal, Untertitel: „Junges Talent demütigt Star-Pianisten in Leipzig.“ Die Kamera zoomte auf mein Gesicht, während das Mädchen spielte. Ich hatte den Ausdruck eines Mannes, der einem Zug hinterherschaut, den er nicht mehr erreichen wird.

Ich bezahlte, ließ mir vom Portier ein Taxi zum Bahnhof rufen. Der Fahrer redete über das Wetter, ich antwortete einsilbig und starrte aus dem Fenster auf die Häuserfassaden, die vorbeizogen. Am Hauptbahnhof kaufte ich mir am Kiosk einen Kaffee, den ich dann im ICE ungetrunken auf dem Klapptisch stehen ließ. Ich holte mein Notizbuch heraus, das ich immer bei mir trage, und schrieb: „Ab heute übe ich nur noch für mich.“ Ich strich den Satz wieder durch, ohne ihn zu vollenden, und klappte das Notizbuch zu.

Draußen zog Sachsen vorbei, flach und grau unter einem Augusthimmel. Ich dachte an ihre Hände auf den Tasten, an das rote Haarband, das nicht zum schwarzen Kleid passte, und an den Umschlag, den Krüger jetzt irgendwo in Leipzig einer Sechzehnjährigen übergab, deren Namen ich nicht einmal kannte. Ich hatte vergessen, danach zu fragen. Der Kaffee wurde kalt neben mir, und ich ließ ihn stehen, bis der Schaffner kam und die Fahrkarten kontrollierte.

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