Herr Baumann hatte sich nie für einen schlechten Menschen gehalten. Er saß im vierten Stock einer Fabrik am Stadtrand von Bielefeld, Geschäftsführer einer mittelständischen Firma für Verpackungsmaschinen, und wenn ihn jemand gefragt hätte, ob er ein Mann sei, der zu seinem Wort steht, hätte er ohne Zögern genickt.
Es war der 19. Dezember, minus elf Grad, dieser trockene ostwestfälische Frost, bei dem die Straßenbahnschienen an der Jahnplatz-Haltestelle leise knacken. Baumann kam spät aus dem Büro, den Aktenkoffer unter dem Arm, den Kragen des Kaschmirmantels hochgeschlagen. Vor dem Eingang zur Sparkassenfiliale, dort wo tagsüber der Dönerstand steht, saß ein alter Mann auf zusammengefalteten Zeitungen. Vor ihm ein Pappbecher mit ein paar Cent, daneben ein Hund, ein räudiger Mischling, der sich eng an seine Beine drückte, wohl mehr der Wärme wegen als aus Zuneigung.
„Frieren Sie hier nicht ohne Jacke?", fragte Baumann und blieb stehen, obwohl er es eigentlich eilig hatte, seine Tochter hatte um sieben angerufen wegen des Weihnachtsbaums.
Der Alte hob den Kopf. Sein Bart war mit Reif überzogen, an einzelnen Härchen hingen kleine Eiskristalle. „Ich hab keine mehr", sagte er, die Stimme rau vom Rauchen oder von der Kälte, schwer zu sagen. „Man gewöhnt sich dran. Der Körper merkt sich, wie er sich warm hält, wenn er's lang genug übt."
Etwas in diesem Satz traf Baumann tiefer, als er erwartet hatte. Vielleicht war es die Erinnerung an seinen eigenen Vater, der auch so gesprochen hatte, kurz bevor die Firma in die Insolvenz ging und er nachts im Auto schlief, damals, 1987. Baumann kramte nicht nach dem Portemonnaie. Er sagte: „Warten Sie hier. Ich wohne zwei Straßen weiter, in der Sandwirtstraße. Ich hole Ihnen meinen alten Wintermantel, den dunkelgrünen, der passt Ihnen bestimmt."
„Wirklich?" Der Alte richtete sich ein Stück auf, der Hund hob die Ohren, als hätte er die Veränderung in der Stimme seines Menschen gespürt. „Ich warte. Ich geh nirgendwohin, das können Sie mir glauben."
Baumann ging. Und dann passierte das, was in solchen Nächten eben passiert: Seine Tochter Lena stand schon in der Tür, der Baum lag noch eingepackt im Netz auf dem Balkon, seine Frau Sibylle hatte Glühwein gemacht und fragte, wo er so lange bleibe. Er zog den grünen Mantel aus dem Schrank, warf ihn über die Stuhllehne im Flur — dann klingelte das Telefon, ein Kunde aus Stuttgart, ein Problem mit einer Lieferung, vierzig Minuten am Hörer, während Lena schon "Papa, jetzt aber" rief. Danach der Baum, die Lichterkette, die nicht funktionierte, eine Sicherung, die er austauschen musste, Sibylle, die Tannennadeln vom Teppich klaubte und über die Lichterkette schimpfte. Gegen elf saß er mit einem Glas Riesling auf dem Sofa, die Füße auf dem Couchtisch, und dachte an gar nichts mehr.
Er erinnerte sich erst am nächsten Morgen, um kurz nach sieben, als er im Bad nach dem Rasierwasser tastete und der Blick am grünen Mantel hängenblieb, der noch immer über der Stuhllehne hing, eine Ärmelfalte wie eine anklagende Hand.
Er rannte, im offenen Wintermantel, ohne Schal, die zwei Straßen bis zur Sparkasse, der Aktenkoffer vergessen auf dem Küchentisch. Der Bürgersteig war spiegelglatt, ein Streufahrzeug der Stadtwerke fuhr gerade langsam vorbei und streute Splitt. Der alte Mann saß noch dort, an dieselbe Mauer gelehnt, die Zeitungen unter sich zusammengesunken. Der Hund lag an seiner Seite und rührte sich nicht, als Baumann näher kam, jaulte nur einmal leise, ein dünnes, hohes Geräusch, das Baumann noch Wochen später in den Ohren hatte.
Der Mann war tot. Erfroren, sagte später der Notarzt, vermutlich schon gegen ein, zwei Uhr nachts. In der Innentasche seiner dünnen Weste steckte ein Zettel, ein Stück Kartonage von einer Konservendose abgerissen, mit Kugelschreiber vollgekritzelt, kaum leserlich, die Buchstaben mal groß, mal ineinandergerutscht, als hätten die Finger nicht mehr richtig gehorcht:
*"Hab gewartet. Ist ok. Der Hund heißt Bruno, er beißt nicht."*
Mehr stand nicht da. Baumann drehte das Stück Karton zweimal um, als müsste sich hinten noch etwas finden, aber da war nur die alte Aufschrift eines Erbsen-Herstellers, halb abgerieben.
Er stand mit dem Zettel in der Hand auf dem vereisten Bürgersteig, während die erste Straßenbahn quietschend um die Ecke bog und eine Frau mit Rollator ihn misstrauisch musterte, weil er mitten im Weg stand und nicht wegging. Der Hund ließ sich nicht von der Stelle des toten Mannes wegziehen; jemand vom Ordnungsamt musste ihn schließlich mit einer Leine, die er nicht besaß, zu einem Tierheim in Sennestadt bringen lassen, während er die ganze Zeit zurückschaute.
Man erfuhr in den folgenden Tagen, wer der Mann gewesen war: Herbert Krohn, siebenundsechzig Jahre alt, früher Schlosser bei einer Firma in Herford, die vor zwölf Jahren geschlossen hatte. Keine Angehörigen, die sich meldeten. Das Sozialamt organisierte eine Bestattung auf dem Sennefriedhof, für dreihundertzwanzig Euro, aus einem städtischen Fonds für mittellose Verstorbene.
Baumann ging zur Beerdigung. Er war der Einzige außer dem Pfarrer und einem Mitarbeiter des Ordnungsamtes, der die ganze Zeit auf die Uhr sah. Er stand am Grab, den grünen Mantel diesmal tatsächlich an, weil er ihn seit jenem Morgen nicht mehr auszog, egal wie mild die Tage wurden, und er sagte nichts, weil es nichts zu sagen gab, was den Zettel in seiner Manteltasche aufgewogen hätte. Der Karton war inzwischen weich geworden vom Handschweiß, die Schrift verwischt an den Rändern.
Drei Wochen später saß Baumann bei einem Notar in der Innenstadt, unterschrieb Papiere, deren Sinn ihm während der ganzen Prozedur seltsam fremd vorkam, so als unterschreibe jemand anderes. Achtundvierzigtausend Euro aus eigenem Vermögen, dazu zwölftausend jedes Jahr, fest, nicht verhandelbar. Er nannte die Stiftung nicht nach sich, nicht nach Krohn, nur "Mantelhilfe Bielefeld". Mit zwei Second-Hand-Läden am Kesselbrink traf er eine Abmachung: Wer keinen festen Wohnsitz hat und das bei der Wohnungslosenhilfe belegen kann, bekommt einmal im Jahr Winterkleidung, bezahlt, ohne dass er selbst noch etwas versprechen muss, ohne dass irgendwer auf ihn persönlich wartet.
Den weich gewordenen Erbsendosen-Karton legte er nicht weg. Er steckte ihn in eine Klarsichthülle, zusammen mit einer Visitenkarte der Stiftung, und beides kam in die Innentasche des grünen Mantels.
An einem Abend im Februar, es hatte zu tauen begonnen, sah er vor dem Hauseingang eines Mietshauses in der Herforder Straße eine Frau sitzen, eine Decke um die Schultern, einen Karton als Unterlage. Baumann blieb nicht stehen, um zu reden. Er hockte sich hin, auf Augenhöhe, zog die Visitenkarte aus der Innentasche und hielt sie ihr hin, bis sie mit steifen Fingern danach griff und sie tatsächlich festhielt, nicht nur berührte. Erst dann stand er auf. Er sagte nicht, dass er wiederkommen würde. Er sagte gar nichts. Er wartete nur, bis sie die Karte in die Tasche ihrer Jacke gesteckt hatte, und erst dann ging er weiter, den Kragen des grünen Mantels hochgeschlagen, obwohl die Luft an diesem Abend schon fast mild war.
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