Ich fahre seit achtzehn Jahren Linie 11 durch Lichtenberg, immer die gleiche Route, immer die gleichen Gesichter an den Haltestellen. Man lernt die Leute kennen, ohne sie wirklich zu kennen. So war das auch mit Herrn Novak, dem Installateur, der jeden Mittwoch um kurz nach eins am Kaufland in meinen Bus stieg, den Werkzeugkasten zwischen den Füßen. Wir haben nie viel geredet. Wetter, Verspätungen, einmal was über seinen VW Caddy, der schon wieder in der Werkstatt stand. Aber an diesem Mittwoch im Oktober war etwas anders an ihm.
Er stieg nicht am Kaufland ein. Er stieg zwei Haltestellen weiter ein, bei der Frankfurter Allee, und in der Hand hatte er zwei prall gefüllte Tüten von Edeka. Keine Werkzeugtasche. Nur die Tüten, und einen Gesichtsausdruck, den ich bei ihm noch nie gesehen hatte.
„Sie kommen heute von der anderen Seite", sagte ich, als er seine Karte an den Leser hielt.
„Hatte noch was zu erledigen." Er setzte sich in die erste Reihe, direkt hinter mir, was er sonst nie tat. Normalerweise ganz hinten, die Beine ausgestreckt, Kopfhörer rein. Diesmal saß er vorne und redete. Ich glaube, er musste es irgendjemandem erzählen, und ich war zufällig die, die gerade am Lenkrad saß.
Er war am Vormittag bei einer Kundin gewesen, erzählte er. Eine Frau Albrecht, dritter Stock, Blumberger Damm, ein Wasserrohr unter der Spüle, geplatzt, das Übliche. Die Wohnung: aufgeräumt, fast zu aufgeräumt, als hätte jemand Angst, dass man ihr etwas vorwirft. Keine Fotos außer zwei vergilbten auf einem Regal. Kein Fernsehen lief, obwohl es Nachmittag war. Nur eine Küchenuhr, die tickte, viel zu laut für so eine kleine Wohnung.
„Ich hab unter dem Spülbecken nachgesehen", sagte er, „und da stand nicht mal eine Flasche Spülmittel. Nur so ein Stück Zeitungspapier auf dem Brett, als Unterlage. Sonst nichts."
Er reparierte das Rohr, eine Sache von vierzig Minuten. Dann bot sie ihm Kaffee an, er lehnte ab, sie fragte, ob er wenigstens ein Glas Wasser wolle, und da stand sie vor dem Kühlschrank und er sah hinein, bevor sie die Tür wieder zumachen konnte.
„Eine angebrochene Packung H-Milch. Ein Glas Senf. Drei dieser kleinen Ketchup-Tütchen vom Dönerladen. Das war's." Er sagte das und schaute aus dem Fenster, als der Bus an der Ampel hielt, Ecke Hauptstraße. „Sie hat sofort gesagt: Donnerstag ist Einkaufstag. Als müsste sie sich erklären. Als wäre es ihre Schuld, dass der Kühlschrank leer ist."
Dann kam die Rechnung. Hundertzwanzig Euro, erzählte er, und die Frau holte ihr Portemonnaie, dieses kleine mit dem Reißverschluss, und begann, Münzen auf den Küchentisch zu legen. Eine nach der anderen. Fünfzig Cent, zwanzig Cent, ein Euro. Er sagte, ihre Finger hätten gezittert, als sie die Münzen aufeinanderstapelte, und am Ende lagen vielleicht neun Euro in Kleingeld da, neben einer Rechnung über hundertzwanzig.
„Sie sagte, die Rente kommt erst am Ersten. Und dann hat sie weitergezählt, als hätte ich nichts gesagt."
Ich erinnere mich, dass ich in dem Moment an meine eigene Mutter denken musste, die auch nie zugibt, wenn's knapp wird, und ich hab nichts gesagt, nur gefahren, Richtung Herzbergstraße, und er hat weitererzählt.
Er habe ihr gesagt, er müsse noch ein Ersatzteil aus dem Lager holen, und sei rausgegangen. Aber er sei nicht ins Lager gefahren. Er sei zum Edeka gefahren und habe für hundertvierzig Euro eingekauft. Von seinem eigenen Geld, aus der Lohntüte, die eigentlich für die Werkstattrechnung gedacht war, weil der Caddy ja schon wieder zickte. Hähnchen, Suppe, Brot, Eier, Haferflocken, Äpfel, Tiefkühlgemüse, Kaffee, Milch, Müsli. Und eine kleine Packung Vollkornkekse, weil er dachte, die könnte man auch mal zum Kaffee essen, wenn jemand vorbeikommt.
„Und jetzt?", fragte ich.
„Jetzt fahr ich zurück." Er lachte kurz, ein bisschen verlegen. „Hab ihr gesagt, das wär das Ersatzteil."
Er stieg zwei Stationen vor seiner üblichen Haltestelle aus, bei der Allee, mit den Tüten in beiden Händen, und ich hab ihn durch den Rückspiegel beobachtet, wie er über die Straße ging, Richtung Blumberger Damm. Ich dachte, das wär's gewesen, so eine kleine Geschichte, die man am Steuer hört und bis zur nächsten Schicht vergisst.
Aber am Mittwoch danach stieg er wieder am Kaufland ein, Werkzeugkasten zwischen den Füßen wie immer, und ich fragte ihn, wie es der Frau geht.
Er erzählte, dass er noch mal vorbeigefahren war, am Freitag, um nach dem Rohr zu sehen, angeblich, aber eigentlich nur um zu gucken. Frau Albrecht hatte ihn in die Küche gebeten, Kaffee gemacht, diesmal hatte er ja gesagt, und auf dem Tisch stand die Keksdose, die er ihr gekauft hatte, nur dass jetzt zwei Tassen dort standen, nicht eine.
„Sie hat gesagt, sie deckt manchmal immer noch für zwei. Ihr Mann ist vor drei Jahren gestorben, und sie hat's sich einfach angewöhnt." Er rührte in seinem Kaffee, obwohl kein Zucker drin war, nur so, aus Verlegenheit. „Dann hat sie gesagt, sie hätt nicht gemerkt, wie leer der Kühlschrank geworden war. Und ich wusste, sie meinte nicht den Kühlschrank."
Er hat die Rechnung übrigens nie kassiert. Hat ihr gesagt, das Rohr sei auf Garantie gewesen, was natürlich gelogen war, aber was sollte sie machen, Rechnungen gegenprüfen konnte sie sich nicht leisten.
Dann, vier Wochen später, erzählte er mir die Geschichte zu Ende, als wir beide an der Endstation standen und auf die nächste Fahrt warteten, er mit seinem Kaffeebecher vom Automaten, ich mit meiner Thermoskanne. Frau Albrechts Tochter hatte sich gemeldet, erzählte er, aus Hamburg, wo sie seit Jahren lebte und kaum anrief. Die Nachbarin, eine Frau aus dem Erdgeschoss, hatte ihr wohl von dem Installateur erzählt, der plötzlich Lebensmittel brachte, und die Tochter hatte sich geschämt, so sehr geschämt, dass sie am nächsten Wochenende nach Berlin gefahren war.
Er war zufällig da, als sie ankam, wegen einer undichten Dusche, die wirklich kaputt war. Er stand im Flur mit seinem Werkzeugkasten, als die Tochter die Wohnungstür aufschloss, mit einem eigenen Schlüssel, Koffer in der Hand, und Frau Albrecht aus der Küche kam und einen Moment nur stehen blieb, die Hand noch am Geschirrtuch, als könnte sie nicht glauben, wer da steht.
Dann ging alles schnell. Die Tochter hatte ein Konto eingerichtet, ein Dauerauftrag, zweihundert Euro im Monat, dazu ein Anruf bei der Rentenkasse, weil sich herausstellte, dass Frau Albrecht seit über einem Jahr Anspruch auf Grundsicherung im Alter gehabt hätte und nie einen Antrag gestellt hatte, aus Stolz, aus Angst vor dem Amt, aus der Gewohnheit, nie um etwas zu bitten. Herr Novak half noch, die Unterlagen zusammenzutragen, Rentenbescheid, Mietvertrag, Kontoauszüge, alles in einen braunen Pappordner, den die Tochter unter dem Arm zum Sozialamt in der Siegfriedstraße trug.
Als Herr Novak mir das erzählte, an der Endstation, mit dem dampfenden Kaffeebecher in der Hand, war es schon dunkel, November, die Straßenlaternen gingen gerade an.
„Letzte Woche war ich noch mal da", sagte er. „Wegen nichts Besonderes, hab nur gefragt, ob alles okay ist mit dem Rohr." Er lachte kurz. „Der Kühlschrank war voll. Richtig voll. Und sie hat mir die Keksdose gezeigt, die war auch wieder aufgefüllt. Hat gesagt, die Tochter kommt jetzt jeden Monat."
Ich hab ihn gefragt, ob er die hundertvierzig Euro von damals je wiedergesehen hat.
„Nee." Er zuckte mit den Schultern, trank seinen Kaffee aus, zerdrückte den Pappbecher in der Hand. „Aber ich hab gesehen, wie zwei Tassen auf dem Tisch standen, und beide benutzt wurden. Das reicht mir."
Dann stieg er in seinen Bus, meinen Bus, Linie 11, Richtung Kaufland, Werkzeugkasten in der einen Hand, der zerdrückte Pappbecher noch in der anderen, bis er ihn kurz vor der Tür in den Mülleimer am Masten warf. Die Türen schlossen zwischen uns. Ich fuhr die andere Richtung, und im Rückspiegel wurden seine Rücklichter kleiner, bis die nächste Kreuzung sie schluckte.
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