Rolf und die vier Tage ohne Hilde
Ich habe fünfundsechzig Jahre gebraucht, um zu merken, dass ich ohne meine Frau nicht mal einen Kaffee richtig kochen kann. Das sage ich nicht gern, aber so war es.
An dem Dienstag im Oktober, als Hilde ihre Reisetasche packte, um für ein paar Tage zu unserer Tochter nach Leipzig zu fahren, habe ich etwas gesagt, das ich besser für mich behalten hätte. Sie stand vor dem Spiegel im Flur unserer Doppelhaushälfte in Gera, suchte nach ihrer Lesebrille, und ich, auf dem Sofa, die Fernbedienung in der Hand, sagte einfach raus: "Fahr ruhig, Hilde. Mal ein paar Tage ohne dich – vielleicht tut mir das sogar gut."
Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe. Vielleicht wegen der blöden Nachmittagsserien, die sie jeden Tag ansieht und bei denen ich immer den Ton runterdrehen muss, weil sie laut mit den Figuren schimpft. Vielleicht wegen irgendeiner alten Gewohnheit, als Mann das letzte Wort haben zu wollen. Jedenfalls hat sie mich nur kurz von der Seite angeschaut, mit dem Finger an die Schläfe getippt, als wollte sie fragen, ob ich noch ganz dicht bin, den Rucksack mit den selbstgebackenen Mohnschnecken für die Enkel gegriffen und ist zum Bahnhof gelaufen. Sie hatte den Zug um 14:12 Uhr, das weiß ich noch genau, weil ich extra auf die Uhr geschaut habe, um sicherzugehen, dass sie wirklich fährt.
Als die Haustür zufiel, habe ich die Schultern gerade gemacht und mir gedacht: Endlich. Ruhe. Keine Volksmusiksendungen mehr auf MDR, kein Gerede über die Nachbarin von gegenüber, keine Fragen, warum ich schon wieder die zweite Bratwurst nehme. Jetzt kann ich die Bundesliga-Konferenz schauen, wie ich will, und die Tagesschau ohne Kommentar hören.
Zuerst habe ich die Katze aus dem Wohnzimmer verjagt – dieses verwöhnte Tier, das eigentlich nur Hilde gehört, obwohl der Kater offiziell mir überschrieben wurde, als wir ihn vom Tierheim in Gera-Lusan holten. Dann habe ich den Strickkorb hinter das Sofa geschoben, weil er mir schon seit Jahren im Weg steht, und mich in meinen Sessel fallen lassen, den Hilde "Thron" nennt, weil ich da immer sitze, als würde mir das Haus gehören.
Durch die Kanäle gezappt. Langweilig. Fernseher aus. Durch die Wohnung gelaufen – leer. Nicht mal das Ticken der Küchenuhr hat mich gestört, bis es mich dann doch gestört hat, weil es das einzige Geräusch im ganzen Haus war.
Gegen Mittag habe ich mir die Reste von der Kartoffelsuppe aufgewärmt, mir dabei die Finger verbrannt, mich hingesetzt und aus reiner Gewohnheit gerufen: "Hilde, gib mir mal das Brot!" Keine Antwort. Natürlich keine Antwort. Da erst ist mir aufgefallen, wie leer so ein Haus klingen kann, wenn niemand zurückruft.
Ohne ihre Kommentare hatte selbst die Tagesschau keinen Sinn mehr. Mit wem sollte ich mich jetzt über die Heizkostenabrechnung streiten, über die Politiker im Bundestag, über den Nachbarn, der seinen Rasen um sechs Uhr morgens mäht? Ich habe die Skat-Karten rausgeholt und mich daran erinnert, wie sie mich jeden Abend abzockt und wir dabei lachen wie zwei Teenager, die was ausgefressen haben.
Die Nacht war das Schlimmste. Kein Schnarchen neben mir, kein Topfklappern am Morgen in der Küche – ich konnte nicht richtig einschlafen. Ich habe im Dunkeln gerechnet, wie viele Tage sie noch bleiben wollte. Drei. Mindestens drei.
Am nächsten Tag war ich schon reizbar, schlecht gelaunt, das Haus kam mir vor wie kalter Haferbrei ohne Zucker – grau und ohne Geschmack. Ich habe versucht, den Keller aufzuräumen, habe die alte Werkbank meines Vaters gefunden und bin eine Stunde nur dagesessen, ohne irgendetwas zu tun. Dann habe ich Hildes Strickkorb wieder hinter dem Sofa hervorgeholt und ihn genau an seinen alten Platz gestellt, als könnte das irgendetwas zurückholen.
Gegen Abend hatte ich aufgegeben. Ich habe meine Tochter Anja angerufen, mit mürrischer Stimme, und sie gebeten, mir die Mutter ans Telefon zu geben. Als Hilde sich meldete, habe ich meinen Stolz runtergeschluckt und leise gesagt: "Es ist nicht gut, allein zu sein."
Sie ist am Freitagabend mit dem 18:47-Zug zurückgekommen, zwei Tage früher als geplant. Kaum zur Tür reingekommen, hat sie mich wegen der Küche zusammengeschimpft – das Fett von der Bratwurst war über den ganzen Herd gespritzt –, die Katze gestreichelt und mit der Hand kurz über den Strickkorb gestrichen, der wieder an seinem Platz stand. Keine Frage, kein Wort dazu, nur ein kurzes Innehalten, bevor sie sich die Schürze umband.
Abends dann wieder Skat am Küchentisch, Kräutertee, und ich habe beim Ausspielen absichtlich das Kreuz-Ass liegen lassen, obwohl ich es hätte stechen können. Hilde hat die Karten zusammengerafft, mich über den Rand ihrer Tasse hinweg gemustert und gesagt: "Rolf, du kannst wirklich nicht einmal in deinem Leben richtig verlieren." Ich habe nur mit den Schultern gezuckt und die nächste Runde Karten gemischt, schon mit dem Plan, beim nächsten Besuch bei Anja selbst die Reisetasche zu packen.
![]()






